mütterlog

Es ist sehr verschieden, in die Zukunft – und in die Vergangenheit zu lügen.
Jean Paul (1799)


Erhebendes /4

Statt elevator heißt es ja auch lift. Beides hat, wörtlich genommen, mit dem Emporheben zu tun. Also eine Maschine der Auferstehung, wenn wir es österlich verstehen wollen.
Wie würde man dann, streng genommen, eine Kabine nennen, die einen wieder hinunter bringt? Wie sagte man dann auf Englisch? – Let’s take the drop. – ?

Erhebendes /3

Das, was man im deutschen Sprachraum Berieselungsmusik nennt, heißt im Englischen seit jeher elevator music. Zum Beispiel im Gästehaus der Universität Isfahan (sale nou mobarak, lieber AliReza), so unamerikanisch das auch sein mag, haben sie im Lift eine so eine schöne Musik, da will man gar nicht mehr aussteigen, wirklich wahr.

Erhebendes /2

Vor der Abfassung meines nächstes Ansuchens werde ich im Aufzugsgedärm jenes Hauses in der Schottengasse recherchieren und dann den richtigen Ton finden; den, der die Musik macht.

Erhebendes /1

Der Lift, mit dem man im Kunstverwaltungsgebäude des Bundes (.kunst) z.B. zur Musik auffährt, hat Tinnitus.
Ich stelle mir vor, dass die Entscheidungen jener dort oben tagenden hochlöblichen und über jeden Zweifel erhaben unparteiischen Kunstbelobigungsjurys durch jenen Dauerton nicht unwesentlich beeinflusst werden könnten.

Mütters Müllerin – mümü/16

Kathleen Ferrier singt Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer; sie spricht es shware (oder doch shwuer?) aus, und es gehört viel Mut dazu in einer fremden Sprache die Deklamationskunst schlechthin zu betreiben, und das ist der Liedgesang. Ähnlich muss es Benny Goodman ergangen sein, sich als King of Swing das Mozart-Klarinettenkonzert (und erst recht das Quintett) spielen zu trauen; ich kann mich noch erinnern, wie ein klarinetternder Schulkollege darüber jungdünkelhaft die Nase gerümpft hat. Maria, die 1956 aus Ungarn geflüchtet ist, hat mir gesagt, dass ihr diese Aufnahme Mut gemacht hat, sich Deutsch als ihre neue Sprache zuzutrauen. Manche Umstände und Zustände stellt man am besten verdichtet, ja atomisiert dar, und zwar an Hand scheinbar im Alltag Nebensächlichem, wie es etwa ein Schubertlied ist. Scheinbar Nebensächlichem.

Maria schreibt mir (und sie führt auch noch Peter Pears mit der Müllerin auf Deutsch und Wunderlich mit dem Lensky auf Russisch an): Wahrscheinlich war das für mich sehr angenehm, dass so große Interpreten auch so frech sind.

Knabenmangel

Die Wiener Sängerknaben wundern sich, dass es keinen qualifizierten Nachwuchs für sie gibt. Ich glaube, eine mögliche Ursache gefunden zu haben, warum immer weniger Eltern ihre Kinder ins Wiener Augartenpalais ziehen lassen wollen.

Auf der offiziellen Homepage der laut Eigendefinition ältesten Boygroup der Welt geben Oskari und Alois dazu ausführlich Auskunft: Und das beste: Wir werden umgebracht. Das ist cool!

Wie hieß es stets leitmotivisch in den beliebten und sehr informativen amerikanischen Gerichtssaalfernsehserien à  la Petrocelli:

Danke, keine weiteren Fragen.

Klagenfurt / Hughbockelthaifrittaten (Engführung)

Erinnern wir uns an das Ringlein, das sich und uns auf ein geborgenes Leben in Reservaten vorbereitet. Ich stelle mir vor, dass sich in dieses so rührig für unsere österreichische Jugend kämpfende Fähnlein Fieselschweif der Freiheit ein paar Zurückgebockelte eingeschlichen haben, senile Aliens, Senaliens. Das hält das Lagerfeuer schön warm.
Blöd ist nur, dass man am Feuer aufpassen muss, dass man sich nicht den Rücken verkühlt und sich Kreuzschmerzen holt, und man müsste, sagen wir: am Klagenfurter Hauptbahnhof den Lift nehmen, anstatt auf der Rolltreppe erscheinen zu können.
Aber Mama passt auf und wird uns eine Decke bringen.
Oder wir wandern, sagen wir: nach Thailand aus, da ist es immer schön warm. Denen da unten lernen wir schon noch, wie man eine richtige Frittatensuppe macht, und sihha billiga ols wir am Benedigdinamoagd in Kloognfuadh.

Klagenfurt / Thaibockel

Ob die karantanisch indigenen Thai-Wirten in ihren Klagenfurter Kaschemmen auch zur Spezies der Bockelmänner gehören, das zu kombinieren traue ich mich dann doch nicht; Ihnen aber steht diese Spekulation völlig frei zur Verfügung.

Klagenfurt / bockeln /4

Ich schlage also vor, für die in den letzten Tagen abgehandelte Beschreibung der Bewältigung eines Alterns in Würde, vor allem die es kennzeichnende juvenile Senilität (oder ist es eine senile Juvenilität?), fürderhin den Begriff bockeln zu verwenden. (Das ist dem waggerln gar nicht so unverwandt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.)

Klagenfurt / bockeln /3

Altern in Würde, das ist ein großes Thema, das auch dem Größten Zugereisten Aller Zeiten (GRöZAZ) in diesem schönsten Bundesland nicht gerade leicht zu fallen scheint.

Back to Bock: Ich stelle mir vor, dass es, und das ist individuell verschieden, einen Punkt im Leben gibt, ab dem manch einer mit dem Zurückzählen beginnt. Wenn das bei den Frauen später ist (oder sie es gar nicht nötig haben), erscheint die von den ostentativ regredierten Altbuberln erlebte Mütterwerdung ihrer Lebenspartnerin plötzlich geradezu logisch, ja unausweichlich. Und irgendwann kommt halt dann der Tag, an dem man sich noch gar nicht gekannt hat. Da ist es nur natürlich, dass man sich eine findet, die gleich alt wie man selber ist. Wenn sie dann doch schon, sagen wir: Vierundvierzig ist, drücken wir noch einmal ein Auge zu; außerdem schaut 44 so lustig aus, wie 66, und da fängt ja bekanntlich das Leben an.

Klagenfurt / bockeln /2

Noch sicherer wäre es (und es müsste sich in einem Law-And-Order-Land doch bitteschön anordnen lassen), im Klagenfurter Bahnhof bei Seinem Erscheinen ausschließlich postsexuelle Frauen zuzulassen, Über-Vierzig-Jährige, siebzig Jahr‘, graues Haar, …, hahaha, die sich nun einmal nicht mehr fürs Pudern interessieren und ihren gleichaltrigen Männern Mütter werden, und sowas ist doch unwürdig für einen rechten Kerl. So aber, kombiniere ich die Lifterzählung mit seiner lebenspraktischen Weisheit (was davon verursacht in ihm größeren Schrecken?), würde ihm sein alter Bockelmann keine weiteren Probleme bereiten.
Merci, Cheri! (Das -e wäre nur bei Femininum anzuhängen.)

Klagenfurt / bockeln /1

Der Klagenfurter Hauptbahnhof wird generalsaniert; sehr schön kommen jetzt die weiland (Anfang der 50er-Jahre) skandalisierten Fresken von Giselbert Hoke zur Geltung.
Im Zuge des Umbaus werden auch die Aufstiegshilfen zu der über den Geleisen gelegten Personenbrücke den Erfordernissen einer modernen Zeit angepasst und transportieren uns schon jetzt bequem zwischen den beiden Ebenen.
Nimmt man die Rolltreppe in die Bahnhofshalle, hat man das Gefühl von einem himmlischen Herabsteigen; aber auch im gläsernen Lift ist es ein zu jeder Zeit gut einsichtbares Herabschweben.
Sollte also demnächst einmal der größte Sohn dieser kleinen Stadt (nein, nicht Robert Musil oder Ingeborg Bachmann – die ja eine Tochter wäre) mit dem Zug anreisen, und, gesetzt den Fall, es wäre ihm, bescheiden, wie er nun einmal ist, unangenehm, so mit weißem Schal herab zu schweben, oder (das wäre in Anbetracht seiner bald einundsiebzig Jahre nicht unwahrscheinlich) er hätte Kreuzweh (da kann es, weiß ich mit meinen Vierzig schon, recht schmerzhaft sein, auf eine doch nie ganz rund laufende Rolltreppe aufzuspringen), er könnte sich völlig risikolos selbst allein mit einer, stelle ich mir vor, drallen, blondgiftigen jungen Dame in den Lift begeben, denn nirgendwo auf ihrer gemeinsamen vertikalen Reise würden sie unbeobachtet bleiben, keine heimtückischen Vorwürfe könnten dem armen, alten Bockelmann über sein angeblich unzüchtiges Verhalten in einer uneinsichtigen Grapschfalle, die ansonsten, wie er uns wissen ließ, ein jeder Lift für ihn darstellt, unterstellt werden.

(Aber meistens kommen die Züge aus Richtung Wien ohnehin auf Gleis 1 an.)

PS: Wer kann sich noch an Curd Jürgens erinnern, wie er das schöne Lied Sechzich Jahre und kein bisschen weise mehr gesprochen als gesungen hat?

Klagenfurt / Hugh

Die Indianer konnten die Einwanderer nicht stoppen. Heute leben sie in Reservaten! -Österreich zuerst. So dichtet der Ring Freiheitlicher Jugend und pickt den Spruch als rotweißrotes Abziehbild in Telefonzellen, dem letzten Reservat freier Meinungsäußerung.
Ein Ring ist ein Kreis, und in der Mitte brennt hoffentlich ein Lagerfeuer für diese hoffnungsfrohe Jugend, denke ich mir. In ihrem besorgt-flammenden Appell lassen sich nämlich Nominativ und Akkusativ beliebig festlegen, und so freue ich mich, dass Österreich zuerst in ein Reservat kommen soll, wenn es nach dem Willen dieses Ringleins geht.
Da fühle ich mich gleich viel geborgener.

Klagenfurt / Thai

Zutaten

Man nehme: Einen schmerbäuchigen, untersetzten Mittfünfziger kärntner Herkunft mit Brille und abgetragenen, am Hosenbund die Figur dezent unterstreichenden Jeans, eine (oder zwei) etwa gleich große (aber maximal halb so alte) Importfrauen aus Südostasien, ein finsteres Beisl mit dunkelbraun gebeizter Holzvertäfelung, sowie Schleppe Bier und kleinformatige Tageszeitungen, voilà , schon ist ein Orig. Thai-Restaurant eröffnet.
Während ich unlängst in einem zum Mittagessen war, kamen zirka drei Wirt-Doppelgänger herein, die wurden von den Mädchen wie sehr gute Bekannte begrüßt, ja, kurz regelrecht umringt. Der Wirt grüßte sie auch kumpelhaft, einem hat er sogar auf die Schulter geklopft.
In Klagenfurt kenne ich jetzt schon zwei Gastronomiebetriebe dieser Art. Es scheint, dass noch mehr in Planung sind, stelle ich mir vor.

Klagenfurt / Frittatensuppe

Den Markt am Benediktinerplatz muss man gegen den Uhrzeigersinn abgehen. Auf den unglaublich vielen Fressstandln herrscht eine regelrechte Preisschlacht, jede/r gibt es billiger als der Nachbar. Eine große Schale Frittatensuppe, wie Sie in Gaspoltshofen keine bessere finden, kostet zwischen € 2,20 und € 1,50 , wobei der Preis umgekehrt proportional zur Menge zu sein scheint.
Würde man mehrere Runden drehen, wer weiß, vielleicht bekäme man am Ende fürs Suppenessen noch bezahlt.
Wer aber das alles zusammenessen könnte?

Lamentationes

(Zum heutigen Konzert im Dom zu Klagenfurt)

Seit jeher verschafft sie den chthonischen Gottheiten der Unterwelt Gehör. Geht es um die Letzten Dinge, schweigt die hell strahlende Trompete; von Monteverdi über Mozart, Schubert, Berlioz, Bruckner, Mahler und Schostakowitsch bis zur Gegenwart greift die Posaune ins Geschehen ein. Zugleich gilt sie als das himmlische Instrument schlechthin (sehen wir von der Harfe ab). Was wäre die Apokalypse ohne Posaune, und die Mauern von Jericho wären vor einem Blockflötenensemble sicher nicht eingestürzt.

Meist handelt es sich bei der solistischen Posaune, um eine, die sich mit bald klagendem, bald bronze strahlendem Klang aus dem Orchester erhebt.

Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn ein Instrument unbegleitet in einem großen Raum, gar in einer Kirche erklingt: Auf einmal wird die fragile Natur jedweden Tönens offenbar, der Spieler ist auf sich selbst zurück geworfen. Das klingt karg, unvermittelt ist der Hörer mit einer Intimität konfrontiert, die anzunehmen durchaus fordernd sein kann.

Dom Kagenfurt / Guerino
© Armin Guerino

Ich stelle meine Klänge in einen jeder barocken Opulenz demaskierten Raum. Das erfordert meinerseits eine Klarheit, die keinerlei Schnörksel zuläßt, und in der jedes Scheitern mit angenommen sein muss. Es ist eine Innenschau, die nach außen projiziert wird, entsprechend der wunderbar schlichten Raumgestaltung von Armin Guerino.

Ich lade Sie ein, in diese Klänge hinein zu hören.

Bertl Mütter

PS: Im Italien des 15. Jahrhunderts war unter den Fragen, die ein Beichtvater einem Musiker zu stellen hatte, die, ob er in der Kirche ,Ballaten‘ gespielt habe. (Es handelte sich um eine Todsünde.)

Münichholz

Beim Bau von Münichholz hatte man noch nicht die Absicht, die wichtigsten Straßen nach Widerstandskämpfern zu benennen. Die meisten Erwachsenen mussten also einmal alles umlernen. Das sollte genügen; die Jugend wurde damit nicht unnötig belastet. Dass es in kaum einer Stadt eine Punzer-, Sebek- oder Buchholzerstraße gibt (und die Wagnerstraße üblicherweise von Richard und nicht von Hans kommt), und dass man bei Neubausiedlungen gerne weniger kontroversielle Namen (Tulpenweg, Mozartstraße, Kernstockgasse) nimmt, habe ich damals noch nicht zusammengezählt.

Wr. Versicherungsangelegenheiten /2

Einmal hatte ich mir überlegt, ob ich mich auszahlen lassen sollte, es dann aber, stockend, doch sein lassen. (Der Verlust wäre zu groß gewesen.)

Seither will ich stets nur irgendwelche Bestätigungen.

Wr. Versicherungsangelegenheiten

Wiener Verein, Tod, was kann ich für sie tun?

Ehrlich wahr, ist mir schon zweimal passiert, dass ich direkt zum Chef durchgestellt wurde.

1 + 1

ORFON regt mich immer wieder zur aufschlussreichen assoziativen Verknüpfung seiner Informationen an. Oft liegt das Pikante nämlich nicht in den Nachrichten an sich, sondern ganz lapidar in der Abfolge der zum Teil wirklich unentbehrlichen Nachrichten. Am 2. März d. J. um 17.00 Uhr lautete die Abfolge der Schlagzeilen etwa:

Religion
— Kirchenkrise in Griechenland dauert an
— Küng: Neubeginn im Priesterseminar St. Pölten 2005
Gesundheit
— Geschlechtskrankheiten nehmen zu

Das Hirn will einfach Eins und Eins zusammen zählen.
Oder anders: Honi soit qui mal y pense!

ordentlich

Mein neues Regal ist die stehende (und an der Wand fixierte) Aufforderung zur Ordnung. Der Platz im Zimmer ist weniger geworden, dafür hat sich die Stellfläche wesentlich vergrößert, die MDF-Bretteln halten im wahrsten Sinn für mich die Ordnung. Das muss man sich einmal vorstellen!

Und jetzt wird weiter geordnet, bald schon kommt wichtiger und wichtigster Besuch, unabdingbar dafür: Ordnung.

Schon sonderbar klingt dieses Wort Ordnung. Wer es nicht glaubt, soll es sich sechsundzwanzigmal vorsagen. Deutlich und in einem Atemzug.

Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung
Ordnung

Na, was sagen Sie?

Lachswissen

Eine sicherlich beliebte Frage in einer Bildungsshow, wie sie etwa von einem pensionierten Schifahrer (den es überallhin, nicht aber auf seine Pappn geschmissen hat) moderiert wird, wäre die nach dem Laichplatz der Lachse (ich helfe nach: es ist im Atlantik):
A – Saragossa-See
B – Saratoga Bay
C – Sargasso-See
D – Sankt-Lorenz Strom

rasend

Nachtrag: Am Umschlag von Wiese, jenes hochfeinen Libellums von Harald Gsaller findet sich

Das große Rasenstück
Albrecht Dürer, Das große Rasenstück (1503).

Besorgt hat sich der Triton Verlag die Rechte damals übrigens völlig legal.

Zungenspitzl

Ein Gastsatz von Harald Gsaller

Ich warte auf das kurze Erscheinen ihrer Zungenspitze in Wörtern wie cerveza.*

(Ist mir noch zu Saragossa / Zaragoza eingefallen.)

*) Gsaller, Harald: Wiese, Einfälle und Ausfunde. Triton Verlag, Wien, 2000. (Seite 157: Wurm; wer, was)

Saragossa

Nachdem wir Bilbao besiegt haben, fahren wir nach Saragossa, die wir, wie wir wissen, ja schon einmal besiegt haben.
Warum gibt es Orte, die immer gleich heißen, während wir andere übersetzen müssen? (In Spanien fällt mir auf die Schnelle wirklich nur Zaragoza / Saragossa ein.)

müttermärzwärts

Liebe MBA,

der März ist der September des Winters, und wer wird sich am 1. September beschweren, wenn es 30° hat und man sich auf einen guten Wein freuen darf, sage ich mir. Wenn es jetzt auch draußen saukalt ist, hat die Sonne doch schon recht viel Kraft, das macht Mut, tropft aber trotzdem vom Dach, meine Hutkrempe hilft da nur manchmal, die Tropfen finden von selbst den Weg zwischen Kaninchenfilz und Cashmereshawl, direkt ins Gnack, brrr.

Müttermärzwärts bedeutet: wenige, feine Auftritte, zuallererst im Radio, dann in Klagenfurt, dann in Krems, dann in Graz, und dann kommt schon der April. Und allerlei vorzubereiten, etwa für den 19. Mai, wo ich Mütters Müllerin in Salzburg zum ersten Mal duchwandern werde.

Für nähere Informationen also bitteschön die Links anklikken, es zahlt sich aus.

Jetzt einen schönen März. Und herrzlich willkommen, in St. Valentin, im Radio, in Klagenfurt, in Krems und in Graz. Am 6. April geht es in Wels weiter mit der Premià¨re der Princess-Tour von Erika Stucky. Die neue CD (princess heißt sie, no na) ist auch schon fertig.
SMS 1.3.2003
Dieses Foto entstand (mit anderem Hintergrund)
am 1. März 2003 in Berlin Spandau.

Freuen Sie sich also mit mir schon jetzt auf den Oktober des Frühlings. Hm, Frühling.

Herzlich,

Bertl Mütter

Wir

Und, so japst der laute Sportberichterstatter ins abendliche Zimmer, jetzt geht es gegen Saragossa, und die haben wir ja schon einmal besiegt.

Wir dürfen hoffen.

unmöglich

Die Wiener Austria hat das Unmögliche möglich gemacht, sagt der aufgeregte und wie immer viel zu laute Sportreporter, den sie gottseidank nur selten in meinÖ1-Kastl lassen. Aber wenn es unmöglich ist, dann kann man es doch gar nicht möglich machen, stelle ich mir vor. Nein, das ist unmöglich möglich. Oder?

nachtragen

… neues Regal (schööön) … einräumen … umräumen … räumen … mir selbst dadurch keine Schreibzeit eingeräumt … wird nachgetragen …

(räumte er ein) …

Pia et al., herzlichen Dank fürs Verständnis,

Bertl Mütter

Mütters Müllerin – mümü/15

Wann immer ich Fritz die Zeile

… und die Engelein schneiden die Flügel sich ab
und gehn‘ alle Morgen zur Erde herab
und gehn‘ alle Morgen zur Erde herab

singen höre (aber er singt ja nicht, er berichtet uns, hat es selbst gesehen, war dabei!), schießen mir Tränen in die Augen. Da kann ich mir gar nicht helfen.

Schweizer Freunde sagen, wenn ihnen was nahe geht, manchmal schaurig schön. Den oben beschriebenen Zustand würde ich mit traurig schön bezeichnen. Schaurig schön natürlich auch.

diminuitiv (zu Marterl)

Ich erinnere an die Geschichte zum Marterl. Dazu ist mir unter der Dusche was eingefallen.
Ich glaube, dass man es so übersetzen kann, dass die Endung -erl maximal ein Viertel (eig: Vierterl) bezeichnet, sozusagen halb so halb so schlimm. Der Sprachgebrauch bei den Hohlmaßen in österreich (und die sind ja entscheidend) legt eine solche Deutung nahe. Es werden Achterl und Vierterl getrunken; schon die Bezeichnung Seiterl und erst recht Krügerl beziehen sich nicht mehr auf eine nummerisch definierte Menge, wenngleich jeder weiß, dass damit 1/3 bzw. 1/2 Liter (Bier, und zwar vom Fass bitte) gemeint ist.
Zusammenfassend ist also zu sagen, dass uns der so freundliche Suffix erl in jeder Lebenslage gewissermaßen als Sketch-A-Graph der Verniedlichung zur Verfügung steht.

sketch-a-graph
Sketch-A-Graph

GlücklichesÖsterreich!

Mütters Müllerin – mümü/14

Montaigne, dessen Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581 ich gerade als Kurzstreckenlektüre in meiner schon sehr weichen Ledertasche mit mir herum schleppe (die Essais im nicht ganz so handlichen folio-Format liegen daheim auf dem Buchständer aus Isfahan), trägt möglicherweise bereits in seinem Namen den Hinweis auf sein mühsames Nierensteinleiden.

Vielleicht findet sich ja auch im Müller die Mühe, seines Glückes Last zu ertragen, in seinem namenlosen Namen eingeschrieben.

Der Längste

Rom, St. Peter. Im Marmorboden sind da so Sternchen eingelassen, neben denen steht eine zentimetergenaue Längenangabe, dazu der latinisierte Name eines bedeutenden Domes irgendwo auf der allumfassenden (und nicht nur katholischen) Welt. Ehrfurchtsvoll schreitet der Pilger diese Marken ab, die Längenmaße der Christenheit ordnend.
Schon merkwürdig, dass eine spirituelle Großgemeinschaft, die sich um jene Dinge zu kümmern vorgibt, die jenseits irdischer Kategorien beheimatet sind, sich zur Demonstration ihrer selbsterklärten Überlegenheit in transzendierenden Dingen in der Welt weltlicher Maße (z.B. Meter) bedienen muss.
Unbestritten ist jedenfalls, dass Rom den längsten hat.

Mütters Müllerin – mümü/13

(Zur Jäger-Müller – Thematik)

In Orvieto hat ein Spezialitätengreißler einen ausgestopften Eber, den er, montiert auf ein Felsboden imitierendes Skateboard, täglich vor die Eingangstür rollt: Hier war der Jäger also schon. Im Laden bekommt man neben Wildschweinprodukten auch frisches Brot. Ein grün-weißes Abkommen wäre also möglich gewesen.

Mütters Müllerin – mümü/12

Es ist zwar nicht neu, aber deshalb um nichts weniger evident, dass die Müllerin weitaus tragischer ist als die Winterreise. Schließlich macht das Tragische ja nicht der Untergang an sich aus, sondern die Fallhöhe. Und die erreicht der arme Müller durch einen hoffnungsfrohen Aufstieg in höchste Sehnsuchts- und (zumindest angedeutete, wenn auch bescheidene) Erfüllungshöhen. Im Winter dann beginnt die Wanderung gewissermaßen bereits im Tiefparterre; der bricht sich nicht mehr das Genick.

kolossal /4 – Rätsel

Ich bin Hirnspringer. (Wieder ein Beispiel, dass Begriffe, übersetzt aus dem Englischen, jeden Anspruch verlieren, dass man sich für das, was damit gemeint ist, interessieren könnte; es ist das selbe mit der �berlegenheit englischsprachiger Lyrik bei Heranwachsenden. Wer von uns hätte damals etwa Geboren, um wild zu sein oder Wir sind die Sieger gegrölt?)

OK. Brainjumping, die noch nicht olympische Disziplin. Synapsengymnastik.

Mein Outing zum Tag: Ein Wochenende ohne Vesely-Kreuzworträtsel (im Standard) ist nicht komplett (vergessen sie die wochentäglich dumpfen phoe-nixen!).

Die beim Veselykreuzworträtsellösen geübte Kombinationslust hat mich allerdings andererseits um sechs Uhr in der Früh nicht mehr einschlafen sondern Meldungen zu einer engführen lassen. Was soll’s. Ich lebe ja auch davon, dass sich die Leute z.B. meine musikalischen Hirnsprung-Kombinationen anhören wollen. Also, ein bissl sollte man da schon noch mitkommen können. Es gilt also, nicht zu überfordern (eine Unterforderung mit Banalem wäre allerdings noch schlimmer). Um es mit dem Rätsel zu vergleichen: Aufmerksame und kreativ denkende Geister sollen eine Chance haben, alles aufzulösen. Manchmal (meistens) helfen ja auch die von bereits gefundenen Antworten kreuzweise gespendeten Buchstaben den Hirnströmen über Widerstände hinweg. Und die Antwort, ist sie einmal gefunden, ist immer plausibel, so abstrus der Weg dorthin auch gewesen sein mag.

P.S. Dieses Wochenende verbringe ich außerhalbÖsterreichs. Kann mir jemand das Rätsel (fein wäre auch das Album dazu) aufheben und zuschicken?

kolossal /3

Zusammenfasssend und nachgestellt das Motto, das mir an jenem Morgen um knapp nach sechs eingeschossen ist. Wir verdanken esÖdön von Horvath, er hat es seinen Geschichten aus dem Wienerwald vorangestellt:

„Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“

Gelöbnis: Ich verspreche, in Zukunft nur politische oder tagesaktuell veröffentlichte Nachrichten zu kommentieren, wenn es wirklich nicht anders geht. Das Fehlen eines Fernsehers hält zwar die allerblödesten Meldungen von mir fern. Der Preis dafür ist allerdings eine minder abgestumpfte Sensibilität gegenüber Informationsschwachsinn.

(Mist. Wieder so ein Dilemma.)

kolossal /2

Unser Sozialsystem braucht, das wissen auch die, die am wildesten dagegen wettern, Einwanderer; zur Errichtung des History-Wonder-Land südlich von Wien kommen wir ohne sie sicher nicht aus.

Für die für sie fürsorglich verpflichtend zu absolvierenden Deutschkurse empfehle ich, ihnen nicht unser Deutsch beizubringen. Wir brauchen eine Unterscheidung, sonst würde man bald schon nicht mehr nach jedem Verbrechen berichten können, dass es sich beim Täter zweifellos um einen eingewanderten Ausländer gehandelt hat.
Eine dem österreichischen verwandte Kunstsprache böte sich an: Ich schlage jenes eckige Hochdeutsch vor, das man in südtiroler Fremdenverkehrsschulen lehrt, keine Endung wird da verschluckt. Ein zusätzlicher Vorteil wäre, dass Verständnisschwierigkeiten bei Überfällen der Vergangenheit angehörten. So würde die Sicherheit selbst bei Gewaltverbrechen maßgeblich erhöht.

Ein anderer Lösungsansatz: Einwanderer ja; es sollen halt bitte keine Ausländer sein.

Kolossal /1

Der Koloss von Rhodos soll wieder aufgebaut werden, heißt es. Um die Kleinigkeit von 100 Mio Euro soll, nach 2000, ein zweiter Versuch gewagt werden. Die touristisch findigen Rhodosen verschweigen uns, dass vor ihrer geplanten Weltwundertat bereits Kaiser Nero (der allerdings bei sich daheim), als auch, achtzig Jahre später (und in Rhodos), Kaiser Hadrian das zusammen gebracht haben. Es hat aber beides nicht allzu lange gehalten: Wie uns Malalas von Antiochia berichtet, war Zeus dem übergroßen Werk nicht zugetan und zwang den Bronzeriesen nach kurzen dreißig Jahren mit einem Erdbeben erneut in die Knie.

Die Kleinmütigkeit, mit der die Menschheit der Geschichte hinterher hinkt, wird schön langsam peinlich. Warum nur den Koloss von Rhodos wieder aufbauen, wenn es doch viel größeres zu vollbringen gilt? Baut ein History-Wonder-Land, in dem alle sieben Weltwunder der Antike um eine zentrale Zikkurat herum aufgestellt werden. Als Standort böte sich, wegen der Arbeitskräfte, der Raum südlich von Wien an, vielleicht kann man Herrn Stronach dafür gewinnen. Und, weil es auch in den 6-Uhr-Nachrichten vom 15. Februar 2005 war, vergesst (speziell beim Personal zur Errichtung des zentralen Turms, der in den Himmel reicht) nicht darauf, von Anfang an verpflichtende Deutschkurse für alle einzuführen. Und kontrolliert das bitte auch.

Mütters Müllerin – mümü/11

muet bedeutet stumm im Französischen, wäre noch nachzutragen.
La mue muette wäre demnach eine still vollzogene Mauser, schweigendes Geweihabwerfen, lautloses Häuten oder, und das gefällt mir natürlich am besten, der stumme Stimmbruch.

Das wird was.

Mütters Müllerin – mümü/10

Kristina erinnert mich, dass das von mir für Mütters Müllerin verwendete Kürzel µµ, dieser schöne griechische (Doppel-)Buchstabe mit dem Lautwert [my] auch als dem Französischen entnommen begriffen werden kann. Dort hat das Wort mue viererlei Bedeutung: 1., die Mauser(zeit) bei den Vögeln, 2., das Abwerfen des Geweihs, 3., das Häuten und 4., der Stimmbruch.

Da ich dieses µ doppelt, µµ, verwende, ergeben sich durchaus reizvolle Kombinationen zur persönlichen Ausdeutung.

Sicher erscheint mir: der Stimmbruch ist jedenfalls immer dabei.

Mütters Müllerin – mümü/9

Die Mrs. Bubbles & Bones Kurztour (inkl. Ritt über den Bodensee) ist vorbei. In drei Wochen soll es die neue CD geben, ab Anfang April folgt die Princess-Tour, Erika hat schon jetzt immer eine Erbse mit.

Der 19. Mai wirft seine vorsommerlichen Schatten auch ins Ausland, vor allem in den Bodenseeraum: Bei eineinhalb von drei Konzerten bin ich wohl wieder einmal wohlmeinenden Korrektoren über den Schreibtisch gehuscht und demgemäß als Müller aufgetreten. (Beim jenem halben hat man mich, nach Interventionen, wieder rückverwandelt.)

Schön langsam beginne ich, mich mit mir als Müller zu identifizieren.
Das wird wohl das beste sein.

Aber: ist es gut für mich armen, armen, weißen Mann?

Es könnte gefährlich werden. Gut so.

Mütters Müllerin – mümü/8

Stucky meint ja, ich sollte das Programm hemmungslos aneignend Die schöne Mütterin nennen. Das traue ich mich doch nicht, obwohl es der Auftraggeberin wahrscheinlich taugen würde.

Erika hat aber meinen Vorschlag, die nächste Platte Stucky Fingers zu nennen, auch nicht aufgegriffen.

Noch ist ja Zeit.

Mütters Müllerin – mümü/7

(Nachtrag: kehr um!)

Im istrischen Karst hat im August 2002 die Pazinica die Richtung gewechselt und ist der Quelle entgegen geflossen. Das war seit Menschengedenken nicht mehr geschehen, erzählt Karl-Markus Gauß von nah, von fern.

Gauß ist auch so ein Wanderer. Schön ist, dass er immer wieder zurück kommt, um uns zu erzählen, ohne je zu prahlen. Womit soll einer auch angeben, der sich im Unbemerkten, Unberühmten umschaut?

Um die Jäger brauchen wir uns nicht zu sorgen, die haben ihre Öffentlichkeit ohnehin. Woher aber wüssten wir sonst von den Müllern dieser Welt?

Mütters Müllerin – mümü/6

Nach dem großen Schneefall haben sie auf ORF.at geschrieben: Lawinen halten an.

Ich stelle mir vor, wie die weiße Gewalt zu Tal donnert und urplötzlich anhält, vielleicht so, wie in Cecil B. DeMilles Die zehn Gebote das Meer gleich einer Mauer stehen bleibt, damit die Israeliten trockenen Fußes vor den Ägyptern abpaschen können.

Oder, wie es in der Müllerin heißt:

(zuerst)
Vom Wasser haben wir’s gelernt, vom Wasser
Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht
Ist stets auf Wanderschaft bedacht
Das Wasser, das Wasser.

(dann aber)
Wohin so schnell, so kraus und wild, mein lieber Bach?
Eilst du voll Zorn dem frechen Bruder Jäger nach?
Kehr um, kehr um, und schilt erst deine Müllerin
Für ihren leichten, losen, kleinen Flattersinn
Kehr um, kehr um, kehr um!

(Mehr dazu morgen)

Mütters Müllerin – mümü/5

Probenbesprechung bei Wolfram Berger. Auf dem Weg zu ihm entscheide ich mich, diesmal in der Station Urban-Loritz-Platz hinten auszusteigen und den 48A die Stiftgasse hinunter zu nehmen. Bei den Gelenksbussen (so ein schönes Wort!) steige ich gerne ganz hinten ein und genieße den Überblick vom rechten Platz. Außerdem kann ich mein Zeug auf die Ablage stellen, dort, wo man eigentlich einen fünften Sitz erwarten würde. (Auf den Waschmittelpackungen, ist mir früher aufgefallen, steht immer Leerraum produktionsbedingt, und so wird es wohl auch bei den städtischen Autobussen sein.)

Heute habe ich nicht so viel Glumpert wie sonst mit, es ist auch zu kalt, das Buch herauszunehmen, und so schaue ich auf die Ablage zu meiner Rechten.

Da hat jemand sein Leid mit schwarzem Stift aufgeschrieben:

nur weil ich sie liebe hat sie mich
in baumgartner höhe gesperrt
und sagt ich verrückt sie sagt
sie liebt mich nicht aber
ich liebe sie immer und ewig und bis tod

Wenn ich gestern einen möglichen Jäger gesehen habe, so hat mir heute ein Müllersbursch geschrieben. Die Müller erkennt man nämlich nicht einfach so auf der Straße; ihre Spuren aber sind dauerhafter, als die der Jäger.

Mütters Müllerin – mümü/4

35A. Zwei Buben, halbstark, sitzen ähnlich dem Paar, von dem ich am 29. Jänner erzählt habe, im Bus nebeneinander und schauen ausdruckslos ins Narrnkastl. Beide haben kurzes, geliertes Haar mit so einem frechen Spitzerl in der Mitte der Stirn. Ihre Körper sind durch den geteilten Ohrhörer des mp3-Players, den der linke Bub in seiner rechten Faust birgt, verbunden, während der rechte ein lebendiges, wolfsähnliches Wollknäuel auf dem Schoß liegen hat. Ihnen gegenüber liegt je eine rote Tasche mit dem Logo eines Markenturnschuhherstellers, der sich einer amerikanischen Großkatzenart als Vitalitätssymbol bedient und ihre Kräfte zu verleihen verspricht.

Beide Burschen sind, fast möchte ich sagen: selbstverständlich gepierct. Der mp3-Boy hat an der rechten Augenbraue ein kleines, würfeliges Raiffeisen-Zeichen montiert, der Junghundehalter spielt mit seinem offenbar noch nicht ganz integrierten Zungenspitzelklöppel. Wenn der Bus gerade steht, kann ich, ohne hinzusehen, hören, wie das Metall auf seine Zähne klopft, der Zahnschmelz um Gnade fleht.

Das Schmusen mit gepiercten Zungen muss ganz schön scheppern, stelle ich mir vor.

Beide Jugendlichen sind enorm lässig (cool wäre ein Hilfsausdruck), und sie beeindrucken nicht nur mich.

Vor allem der Hundehalter gäbe einen idealen Jäger ab. Wäre ich noch einmal siebzehn Jahre alt, hätte ich gegen ihn keine Chance, stelle ich armer, armer weißer Mann mir vor.

Mütters Müllerin – mümü/3

Ohne Fritz Wunderlich gäbe es Die schöne Müllerin gar nicht, stelle ich mir vor. So wie keine Goldbergvariationen ohne Glenn Gould oder Cello-Suiten ohne Pablo Casals. Und den Theatermacher naturgemäß nur mit Traugott Buhre.

Wer danach kommt, steht also schön blöd da.

Wie gehe ich aber damit um?

Denkbar wäre, dass ich ein paar Memento-Momente einwebe, etwa durch Ver- bzw. Entrückung in Seine Lage, die höchste Region.

War es also gemeint?

Mütters Müllerin – mümü/2

In der Volksschule haben wir natürlich auch Das Wandern ist des Müllers Lust gesungen. Seit ich aber viel später die wunderliche Deutung Franz Schuberts gehört habe, kann ich mich an die Melodie des Volksliedes nicht und nicht mehr erinnern.

Vielleicht will ich aber auch gar nicht.

Mütters Müllerin – mümü/1

Ich stelle mir vor, dass der Jäger, der dem armen Müller die eingebildete Geliebte ausspannte und ihn so in den Tod trieb, auch damals, im September 1966, Fritz Wunderlich in dessen Jagdhaus (!) auflauerte, ihn zu seinem besoffenen Blödsinn aufhusste und somit auf dem Gewissen hat.

Welchen Namen hat der Jäger?
Sollte man beim Jäger Gracchus nachforschen?

zweimal plus

Im November habe ich mir in Stans Finken gekauft.

Finken
Stanser Finken

Wenn jetzt jemand zu uns nach Hause kommt und mich in meinen aus reiner Schurwolle gewalkten Schlapfen (made in austria, wie ich bei genauer Betrachtung erkenne) sieht, variieren die Kommentare erfahrungsgemäß zwischen genau zwei, wie sich zeigt inversen Sichtweisen, nämlich Ah, Schweiz? oder Oh, Rotes Kreuz! Beides in amüsiertem, wenn nicht witzelndem Ton. Besonders Schlaue kombinieren beide Kommentare, mit dem zweiten jeweils den ersten korrigierend, wobei die Reihenfolge beliebig ist.

Wenn ich meine Schlapfen von oben betrachte, sehe ich zwei Pluszeichen, ein Appell, stets positiv einen Schritt vor den anderen zu setzen, weiter, weiter, nur nicht stehen bleiben.
(Ob das für Hausschuhe nicht doch ein bisschen viel verlangt ist?)

Reifen

Auf ORFON haben sie interessant formulierende Texter. Am Lichtmesstag schreiben sie: Papst will „sexuelle Reife“ von Priesteranwärtern prüfen. Wie das der alte Mann, den sie gerade mit einer argen, jedoch zu keinerlei Sorgen Anlaß gebenden Verkühlung in die Gemelli-Klink eingeliefert haben, anstellen wird, überlassen sie unserer christlichen Phantasie. Wird es bald neben den Warteschlangen vor den vatikanischen Museen in den Gemächern des Vatikan (in Papstvorwahlzeiten fehlt uns Alfons Dalma besonders schmerzlich) auch eine eigene PA-Reihe geben?
So viele Schlangen scharwenzelten dann um den Petersplatz. Ich erinnere mich, dass unter all den niedlichen Kosenamen, die Eric Idle in seinem Penis Song in The Meaning Of Live sang, auch die entzückende one-eyed trouser snake herauslugte. Die bei diesen Themen, Ev’ry Sperm Is Holy, immer höchst kompetenten Monty Python’s wissen halt, wovon sie erzählen, und die gestrenge Moral des leichtfüßigen Liedchens kommt ohnehin am Schluß:
But don’t take it out in public
Or they will put you in the dock
And you won’t come back

Wie ich jetzt aber die Schlagzeilenkoinzidenz Prozess gegen Michael Jackson vertagt und erst recht Nordkorea sagt Langhaarigen den Kampf an mit der päpstlich überprüften Priesteranwärterreife kombinieren soll, darüber werde ich noch in mich gehen.

Papapaloma
(ausm Standard)

Marterl

(Nachtrag zum Kripperl)

Meine Freundin Angela Krauss aus Leipzig hat, als sie 1989/90 Stadtschreiberin in Graz war, die österreichischen Wörter ja aufgesogen wie ein Schwamm. Am besten, weil das (nicht nur) sprachliche österreichertum am konzentriertesten abbildend, hat ihr dabei das Wort Marterl gefallen, dieser Diminuitiv hat sie nachgerade begeistert, weil sie hat sich das Wort ja wo herleiten müssen. Wir Eingeborenen haben es als selbständigen Volksbegriff vorgefunden und dabei nicht an eine kleine, feine Marter gedacht. Außerdem wäre Bildstock ja auch wirklich ein fader Ausdruck, viel zu neutral für das sinnenbegabte österreich, mit seinen Hauptmarterlregionen Tirol und natürlich Kärnten.

Josef Haslinger hat in seinem Rap folgende Verse geschrieben:
(…)
Mein Grandpa, sagt der Cop, konnte Wien nicht vergessen
Mein Grandpa, sagt der Cop, war geradezu versessen,
Von den vielen, verlogenen Wienern zu erzählen,
Die zuckersüß reden und dich hinterher quälen.
(…)

Das könnte es sein.

Kripperl

Wauns zu Liachtmess stüamd und schneid,
is da Frühling nimma weid.

Alte Volksregel (1/2)

Der 2. Februar, auch Darstellung des Herrn oder Mariä Reinigung genannt, markiert den 40. Tag nach Weihnachten, und die Kripperln werden überall abgebaut.

Inwieweit das Wort Kripperl etwa auch mit Krüppel verwandt ist, kann ich jetzt nicht sagen. Rührendes hat beiderlei, weiß das goldne Wienerherz.

Is es à…ba hell und kloa,
bleibt da Winta wiara woa.

Alte Volksregel (2/2)

Zu uns aber kommt heute der Elektriker, um da und dort neue Lampen zu montieren. Könnte es einen besseren Lostag dafür geben als Mariä Lichtmess?

Herzig

In der Volksschule Am Plenklberg gingen ja nicht nur wir Arbeiterkinder. Walters Vater war geschieden und Ingenieur im Werk, und der Vater von Oliver war gar Vorstandsdirektor. Sie wohnten in einer Direktionsvilla am Rand von Münichholz, wo die Gablerstraße diese Kurve gemacht hat, gleich nach dem Ledigenheim.
Oliver war rothaarig, dick und patschert (ich war auch nicht gerade eine Sportskanone, aber gegen ihn war ich Hans Krankl). Hätte er nicht so unerreichbar ausgefinkelte Spielsachen für apokalyptische Weltraumschlachten gehabt, ich wäre nie zu ihm zum Spielen gegangen, einmal korrumpierten mich die echten Raumschiffmodelle und das Deutsche Fernsehen doch. Aber eigentlich war es dann so fad, dass ich nie wieder bei ihm war und lieber wieder mit Hala meine proletarischeren, erdgebundenen Mätschi-Abenteuer erlebte.

Olivers Eltern waren schon recht alt, er war Nachzügler, und er war wirklich widerlich. Wann immer sich Gelegenheit bot (und er fand etliche), benahm er sich genau so obergescheit wie sein einziger mir damals bekannter Namensvetter, der bei uns damals nur Dick hieß.

Zum Beispiel: Italien, das waren für mich immer Sonne, Sand, Meer und ausschließlich Spaghetti, und ich wusste, wovon ich sprach, waren wir doch jedes Jahr die ersten beiden Ferienwochen in Caorle. Oliver (sein Familienname war unpassendster Weise Herzig) jedoch trumpfte süffisant (ein Wort, das für seine vorstehenden Mauszähne erfunden wurde) mit Pizza auf, dabei markierte er das i mit einem deutlich höheren Sprechton, der beinahe wie Mäusepiepsen klang. (Ich sollte die belegten Germfladen erst mit etwa vierzehn Jahren persönlich kennen lernen.) Fehlte nur noch, dass er über Brunello referierte, während unser familäres Weinwissen maximal bis zu den Tschianti-Korbflaschen reichte.

Und, wir befinden uns immer noch in der Volksschule, gefragt nach seinem Lieblingsbuch, kam mit unvergleichlich arrogantem Ton (so, wie ich das aus diversen Laurel & Hardy-Filmen kannte) der für uns völlig unverständliche Begriff Kischonn. Weil er so wunderbar ironisch ist, erklärte er uns noch ungefragt und seine Beliebtheit nicht gerade in neue Höhen treibend.

Wenn das der selige Ephraim (oder die beste Ehefrau von allen) gewusst hätte.

Auf Punkt und Beistrich

In St. Ruprecht an der Raab ist vor kurzem ein Auto gegen einen Zug geprallt. Die Insassen des PKWs hatten großes Glück.

oder

In St. Ruprecht an der Raab ist vor kurzem ein Auto gegen einen Zug geprallt, die Insassen des PKWs hatten großes Glück.

Wie es am 17. Jänner 2005 auf ORFON gestanden ist, überlasse ich Ihrer geschätzten Phantasie. Hauptsache, die Insassen des PKWs hatten großes Glück. (Was wissen wir von den Zugpassagieren?)

Votivgrant

Beim Würstlstand beim Votivkino hat man die Wahl zwischen ausgetrockneten, zerklüfteten Grillwürstln und bis zur Labbrigkeit zerkochten Brühwürstln. Angeboten wird das (fast) jeden Appetit verdrängende Großstadtessen von einer Würstlfrau, deren Ton zwischen Raunzen und Keifen angesiedelt ist. Und das bei zauberhaftem Schneefall, wo sich die ganze Stadt freundlich, fast höflich gedämpft gibt, ja, selbst die Autofahrer sind gut gelaunt.
Wenn ich es mir recht überlege, habe ich mich in letzter Zeit schon latent gefragt, ob ich mich überhaupt noch in Wien, wie ich es kenne, befinde: so viele freundliche Menschen, nicht nur die in ihren Callcenterkojen dazu verpflichteten Dazuverdiener.
Liebe Votivwürschtlfrau, dein Grant holt mich auf den Boden, Wien ist immer noch anders, Wien bleibt Wien. Danke.
Oder, um es mit einer von Prof. Weber W.A. Mozart zugeschriebenen Zeile zu sagen: Wien, Wien nur du allein.

Ich genieße es, in dieser Stadt zu leben.

schwarz in weiß

Die Schwärze der Pupille ist identisch mit der Schwärze zwischen den Galaxien. Lars Gustafsson, Der Tod eines Bienenzüchters (1978)

In der U2. Mir gegenüber das junge Paar, ganz weiße Jacken haben sie an, dass man sie, zumindest hüftaufwärts, im Schnee nicht sehen würde. Leeren Blicks schauen sie in die Ferne, weit jedenfalls hinter mich, ohne allerdings durch mich hindurch zu schauen, ja, das geht, der Fluchtpunkt, wo sich die vier Blickachsen (je zwei rechte und zwei linke Augen) in einem Punkt vereinen, liegt im Unendlichen.

Man könnte meinen, dass zwischen den beiden jungen Leuten Funkstille herrscht, so abgemeldet sind ihre Gesichtszüge. Wäre da nicht das unauffällige Spiel auf ihren Jeans: In weißen Handschuhen (er) bzw. Fäustlingen (sie) ruhen beider Hände überkreuz am Knie des Partners. Weil es mir auffällt, schaue ich genauer und sehe, wie sie einander durch leichtes Drücken ihr Paarsein bekräftigen, in diesem lila Tunnel und dem der äußeren Umgebung angepassten, gleichnamigen Blick.

Mundstück

Ich hatte einen Studienkollegen, der hatte sich auf alle mögliche Ansatz- und Kieferprobleme spezialisiert und so intensiv damit auseinander gesetzt, dass er nach und nach alle persönlich durcharbeiten mußte. Dann wusste er, wie es nicht geht; auch ein Weg. Aber doch tragisch irgendwie; er hätte ein guter Musiker werden können.

Was ist denn jetzt das Mundstück bei einem Blechbläser?
Ein Stück habe ich eben vergoldet bekommen, dazu kommen die zum Testen ausgebreiteten Fabrikate und nicht anders als ultraleicht zu bezeichnenden titanenen, teilweise goldüberzogenen von Titanovation bzw. die dreimal so schweren Modelle von Christian Lindberg, die mir Roland Dahinden empfohlen hat.
Doch nach dem Fertigcomponà¯rn meines englischen Hornstücks mit französischem Titel habe ich das noch nicht, was Bläser nie haben, wenn man sie fragt, ob sie einen haben, ansatzlos erklären sie einem auch ungefragt, wenn man sie beim Herumspielen belauscht, dass es jetzt deshalb nicht so gut geht, weil sie eben gerade einmal keinen Ansatz haben.
Hauptsache ein Mundstück, denke ich mir. Besser: ein Stück (das richtige!) vom Mund aufs (richtige!) Mundstück. Dann musst du nur mehr alles richtig machen.
Am liebsten spiele ich Posaune. Sollen sich andere plagen mit diesem schönen Instrument. Und wie hat meine Lehrerin Irene in Linz immer gesagt: pumali, pumali.
Und drum gehe ich nach dem Schreiben dieser Zeilen auch auf einen Kaffee.

Mozart

Das Mozartjahr wirft immer massivere Schatten voraus.

So haben sie im Radio gesagt. Am Vorabend Seines rüstigen 249ers.

Na prack!

knapp vor Lichtmeß bis knapp vor Ostern

Liebe MBA,

dieser Mütterbrief wird kurz. Mir fällt nämlich nichts ein, aber ich habe angekündigt, dass ich kurz vor der kommenden Veranstaltung noch einmal in einem eigenen Mütterbrief auf sie hinweisen werde, und jetzt muss ich halt schreiben, ob es mich freut oder nicht.
Warum mir nichts einfallen will, ist leicht erklärt: In den letzten Wochen habe ich nämlich zwei Stücke fertig componà®rt, nushu, für das Duo Stump-Linshalm und ihre zwei Bassklarinetten, es wurde bereits für eine bald erscheinende CD aufgenommen, Material finden Sie hier, und
Elise
Pour Elise (oryctà©rope, bleue),

das Papier noch feucht, habe ich es gemeinsam mit Markus Sepperer samt seinem Englischhorn durch buchstabiert; eben habe ich es auf meiner Homepage gewissermaßen vorangemeldet.
Dazu kommt, dass ich seit Ende 2004 einigermaßen durchgehend verkühlt war und, weil es grad so gut passte, mir noch von Rudi links oben den 6er, 7er und 8er machen ließ. Gold ist ein guter Wärmeleiter, denke ich mir jede Nacht so um 4.00 Uhr in der Früh, eine sehr wärmeleitende Stunde muss das sein, stelle ich mir vor, auwehauweh.
Außerdem sollte ich auch schon schön langsam wieder meine Posaune beatmen, dass ich am Sonntag wieder schön spielen kann im schönen Heinzconradswohnzimmer, es ist eine Freude und eine Ehre und ich würde mich sehr freuen und es wäre mir eine Ehre, wenn Sie und recht viele Freunde, denen Sie es weiter gesagt haben, jedenfalls alle recht zahlreich, am kommenden Sonntag, 30. Jänner 2005, ab 10.30 Uhr ins Radiokulturhaus kommen. Zum Entrà©e wird im Foyer Kaffee gereicht, dazu die viel zu vielen Ströckkipferl (haben sie mir gesagt, dass die immer mehr anliefern, als verzehrt werden kann). Dann gehen Josef Haslinger und ich in den Saal, und auch Markus Sepperer wird sein cor anglais erschallen lassen.
Wer nicht selbst kommen kann, kann sich am Sonntag ab 11.00 Uhr auch den Live-Stream im Internet anhören.
Alle Links zur Veranstaltung, sowie einen sehr amikalen Text von Franzobel gibt es hier.
Über den 30. Jänner und wie es bald schon weitergeht, steht immer im Aktuell-Ordner auf meiner Homepage.

Und doch noch drei österreichische Vorankündigungen:

Freitag, 11. März 2005, 19.30, Klagenfurt, Dom
Lamentationes, gemeinsam mit der Domkantorei Klagenfurt in einer beeindruckend mutigen Rauminstallation

Palmsonntag, 20. März 2005, 18.00, Krems/Stein, Minoritenkirche
Eiertanz, gemeinsam mit – raten Sie (siehe Datum)
Hinweis: Franzobel und Tex Rubinowitz sind adabei.

Karsamstag, 26. März 2005, 21.30, Graz, Dom im Berg
Comœdia de Christi Resurrectione, gemeinsam mit Wolfram Berger

Wegen meiner Geschichte(rl)n kann ich auf mein wirklich tagtäglich geführtes Diarium im MütterLog verweisen. Aber was soll ich Ihnen hier davon erzählen, Sie befinden sich ja gerade mittendrinnen. Ein Tipp nur: nutzen Sie die Suchfunktion. Und: Bittedanke für Kommentare; alles, was nicht gegen den Anstand verstößt (keine nackten Frauenrücken!, keine garstigen englischen Wörter mit vier Buchstaben!), wird veröffentlicht. Und anständig und tüchtig sind doch wohl meine p.t. MBA, nicht wahr, wollen wir hoffen.

Nochwas: Carsten Fastner hat im Falter, Nr. 4/05, einen Artikel geschrieben, in dem ich mich erkennen kann. Freut mich sehr.

Daunddort: Herzlich willkommen!

Bertl Mütter

Jetzt aber noch eine gute Lichtmess-, Faschings- und Fastenzeit!

Nana

Auf Wienstrom-Elektrokästen (Plakatieren verboten) und dicken, runden Straßenbahnoberleitungsmasten tauchen allerlei Veranstaltungsinformationen auf, die mich interessieren. Im Vorbeifahren lese ich von einer Großen Weltabschiedstournee einer gewissen Nana (der Familiennamen ist mir zu lang und klingt ausländisch).

Wurscht, es bringt auch so Assoziationen ins Rollen.
Ich stelle mir einen Menschen vor, der, am Ende angekommen, noch einmal die schönsten traurigen Arien aus Bachs Kantatenwerk mit so berührenden Textzeilen wie: Ich freue mich auf meinen Tod / Ach hätt‘ er sich schon eingefunden (dann diese wunderliche Koloratur) oder Ich habe genung / (…) / Nun wünsch ich noch heute mit Freuden / Von hinnen zu scheiden.
Es ist genug damit, wirklich wahr.

Niki de Saint Phalle nannte ihre dicken, bunten Pappmachà©frauenleiber Nanas. Aber die haben keine stilbildenenden Brillen und Frisuren aufgehabt.

(Postdictum:)

Hosiannanas
Hosimarianas
Hosimagdalenanas

Danke, Ernst. Du machst, wie immer, Mut.

verdächtig

Kennen Sie das: Sie essen ein schön mürbes (meine Mama sagt mårbes) Stück Rindfleisch oder, vegetarisch, knackige (keinesfalls zu lasche, vlg. lätscherte; Laurenz, Carlas und Franzobels Sohn hat früher statt knusprig knurpig gesagt, was onomatopoetisch wesentlich zutreffender ist, wie ich finde) Sojabohnenkeimlinge, gut war es wieder. Eine Viertelstunde nach der Mahlzeit spürt Ihr Zungenspiel unwillkürlich so ein Flankerl hinten bei den Backenzähnen auf, hartnäckig ist das, und es lässt sich selbst mit dem Zahnstocher kaum entfernen. Interessant ist, dass sich dieses Zungendrama immer an der selben Stelle abspielt, und ein Blaserl auf der Spitze ist der unangenehme Preis dafür.
Ich habe diese Zahnregion bis letzten Donnerstag die üblichen Verdächtigen genannt. Seit mir aber Rudi links oben den 6er, 7er und 8er gemacht hat, ist damit Schluss, habe ich fünfzehn Minuten nach meinem jüngsten Würstlstandbesuch zufrieden feststellen können: Vor lauter Begeisterung mag meine Zunge gar nicht mehr aufhören, die nun über jeden Verdacht erhabenen Mahlzähne mit ihrer sinnlichen Glätte zu liebkosen.
Zahnärzte, für Pfarrer Hutwelker nicht ganz zu Unrecht ob ihres unwidersprechbaren Redeflusses Spießgesellen des Teufels (was kann ein nasaliertes � nicht alles bedeuten, und wie viele nutzen das nicht schamlos aus), können auch Goldengerl sein. Rudi z.B. ist so eines.

Und jetzt beatme ich wieder meine Posaune, die klingt nämlich ohne Rindfleisch- oder Bröselresonanz auch wesentlich besser. Danke, Rudi.

gedankenarm

Ein blauäugiger Metropolitiker in blauem Hemd mit Krawatte grinst sprungbereit von hintergrundbeleuchteten, blauen Plakaten. Über ihn wird uns mitgeteilt: Er sagt, was Wien denkt. Darunter stehen drei recht kurze Forderungen, für die seine wie ein Mann hinter ihm stehende, nur mehr zum Gähnen Anlass gebende Fraktion hinreichend bekannt ist und die ich hier nicht erwähne, schade um den Platz.
Du mein Wien, wenn es stimmt, dass einer sagen kann, was du denkst, so musst du eine an Gedanken recht arme Stadt sein. Oder hat uns der jungerfolgreiche Burschenschaftler nur einen (seinen) armseligen Anteil verraten?

du denkenkraft! hätte ihm der selige Ernst Jandl sicher nicht in den Mund gelegt. Und H.C.Artmann hätte wohl nobel geschwiegen ob der Usurpation seiner Initialen.

Müll trennen

Rechts gegenüber sind die Papierkübel, weiters welche für Weiß- und Buntglas; die Behälter für die Plastikflaschen und noch einmal größere fürs Altglas stehen links vom Parkeingang, und ein paar Meter stadteinwärts der Container fürs Metall, der braune für den wertvollen Biomüll und zwei weitere, größere, fürs Altpapier.
Wenn es an der Zeit ist, gehe ich mit meinen weißen Birkenschlapfen (die ich nur mehr zu diesem Zweck besitze, ehrlich!) auf die andere Straßenseite und verteile unseren Abfall so gerecht und gründlich mir das möglich ist. Ich gestehe: Ich bin begeisterter Mülltrenner.
Seit letztem Sommer jedoch schaue ich besonders beim Metall- und Biomüll vor dem Einwerfen offensiv nach links oben. Mehrmals hatte ich nämlich neben mir kleine braune Flascherl zerbersten gehört, und bis ich überzogen hatte, dass das eben ein Angriff auf Leib & Leben war, war der Attentäter aus der Luft auch schon verschwunden; einmal aber war ich schnell genug und habe ganz oben auf einem Balkon die böse Frau sich nicht schnell genug ducken gesehen. Obwohl der (und nur dieser) Balkon halbwegs blickdicht verpackt ist, sind zwischen Beton und Geländer etwa drei Zentimeter frei, genug, um zu sehen, ob sich da jemand in Deckung gebracht hat und versucht, sich unbemerkt durch Balkontür in die finstere Wohnung zu stehlen. Ich hatte Geduld, die Person am Balkon auch einige Ausdauer, das kann aber ordentlich ins Knie gehen da oben, stelle ich mir vor.
Seit jenem Tag habe ich Ruhe beim Biomüll. Immer aber, wenn ich zu den Containern komme (oder auf dem Weg zur S-Bahn vorbeigehe), sehe ich am Boden frisch zerplatzte braune Flascherl Guter Stern Bitter mit Stern-Anis (Marken Boonekamp, Boonekamp Fabrik Guter Stern GmbH, D-13503 Berlin; Deutsches Erzeugnis 40% vol, 20 ml e).

Colonia

Im Musikzimmer höre ich sie ein bisschen, im Arbeitszimmer kaum, in der Küche nur, wenn ich genau weiß, wann ich aufmerksam sein muss, wirklich gut aber höre ich meine Klingel nur im Schlafzimmer. Zum Beispiel jeden Freitag (an Wochen mit eingebauten Feiertagen samstags), spätestens um dreiviertel Acht, wenn die Vorposten der Müllabfuhr die Mistkübel auf die Straße stellen wollen, wird heftig auf allen Knöpfen unseres Hauses herumgedrückt. Regelmäßig fahre ich hoch vom Schlaf (ich kann sehr schreckhaft sein), tappe in die Küche zur Sprechanlage, Ja bitte?, und schon während meiner Frage fällt mir ein, dass das wieder die Coloniakübelholer sind und ihnen längst schon jemand anderer aufgemacht haben wird, nur hin und wieder darf ich mich an einem kurzen Dialog erfreuen, immer aber stehe ich dann vor der Frage aufstehen oder wieder niederlegen?
Meine Bedenkzeit halte ich auf der Toilette, und wie ich mich das letzte Mal entschieden habe, überlasse ich Ihrer geschätzten Phantasie. Aber es geht aufwärts.

beißfreudig

Es ist einfach so viel los rundumadum, Studio, Schnupfen, componîrn,…, und so bitte ich um Ihr geschätztes Verständnis, wenn ich nicht rechtzeitig hier was Gescheiteres habe schreiben können.
Meine Zähne (links oben, 6, 7, 8 ) hat Rudi aber perfekt fertig gemacht. Sehr beißfreudig bin ich aber vorerst nicht, das Kiefer will sich noch ein bisschen an die Bergwerksarbeiten erinnern (gilt das jetzt als Tag- oder Nachtbau?), und das will ich ihm auch zugestehen; unter der Bedingung, dass jetzt dann aber bitte ein Zeitl eine Ruh ist und ich bald wieder mit meiner schönen Posaune schöne Töne spielen kann.

Zitronenfalter

Also hat es mich doch noch einmal erwischt, ich bin die letzten Tage wieder arg verkühlt (D: erkältet; CH: verkältet), durchschnupfsicher versorgt friste ich meine verhusteten Tage. Schließlich habe ich mir doch diese 44er Pastillen (beeinträchtigen die Reaktionszeit, also Vorsicht beim z.B. Autofahren) besorgt, von denen man, wer weiß, wieso, immer zwei hintereinander nehmen soll, wobei vor allem bei spätem Schlafengehen mit der Bettschwere proportional herabgesetzter Lutschfrequenz schon eine ganz schön lange dauert, und wenn man gar einschlummert, so ergeben sich zusätzliche Probleme, bei seitlichem Liegen etwa kann es durchaus vorkommen, dass einem das strengscharfe Medizinzuckerl aus dem Mundwinkel auf den neuen Polster kullert, das macht Flecken, und dem Hals nützt es aber schon überhaupt nicht. erschwerend hinzu kommt gegenwärtig der Umstand, dass ich links oben (6, 7, 8 ) meiner körperliche Integrität vorübergehend verlustig bin, letzte Woche hat Rudi bei mir eine gute Stunde Bergwerk gespielt, und bei jeder kontrollierenden Zungenbewegung erinnern mich meine gottlob intakten Nerven persönlich daran, dass ich mit Gold ausgefüllt werden soll.
Ich bin ja in die Volksschule mit einem Wick gegangen, den Vornamen habe ich vergessen, sie haben am Ende der Sebekstraße gewohnt, gleich am Eck zum Wörndlplatz, in der Nähe von Omas oberem Garten, und er hat eine recht zarte Schwester gehabt, die hatte so eine nach innen piepsende Stimme und sie wollte uns nicht ihren Namen sagen, da hat ihr Bruder gesagt, sie heiße Wick Zitronenfalter, und kurz habe ich das dann auch geglaubt. Bis heute kenne ich ihren Vornamen nicht. Dass es Wick Hustenbonbons (und eine ganze Palette segensreicher Arzneien) gibt, habe ich erst später erfahren. Aber heute denke ich bei Wick Formel 44 an die grundsätzliche Möglichkeit, einem Mädchen den Vornamen Zitronenfalter zu geben.

verdammt gut

0 Uhr 21
Tschuldigung, ich weiß, zu spät, aber wir haben heute liebe Gäste gehabt, Edith und Josef waren da, viel zum Erzählen, und Josef hat mir sein neues Büchl Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller? geschenkt, und das werde ich jetzt (bzw. nach dem Abwaschen und Ausschlafen) lesen, und dann schauen wir weiter.

Notizbüchl

Es war letzten August. Ich war in Raabs an der Thaya und habe beim Blunznweltmeister Strohmer im Gasthaus Zur goldenen Krone gewohnt, ein Ambiente, bei dem ich mich in eine von Anna Viebrock ausgestattete Marthaler-Inszenierung versetzt fühlte. Die Wirtin hatte stark und fein geäderte Wangen, die wie Radieschen aussahen, wenn man sie frisch aus der Gartenerde zieht, oder wie eine frisch aufgeschnittene Rote Rübe; irgendwie erinnerten sie auch an Saumaisen, die Adern schienen ein Netz zu bilden, das ihre vollen Backen zusammen zu halten schien.
An diesem Wochenende im Spätsommer, es war Poetenfest, stellte ich mir knapp vor Geschäftschluss vor, dass es ganz nützlich sein könnte, so ein Notizbüchl zu besitzen, mir fallen nämlich immer wieder so Sachen ein, und die verfliegen manchmal, wenn ich sie nicht schnell skizziere. Also erstand ich ein hässliches Format-X DIN A6-Heft. Trotz des unerträglich bemühten jugendlichen Designs fanden schnell ein paar brauchbare Sätze ins bald schmuddelige vierzigseitige Heftlein. Das machte Mut, ich beschloss, mir bald ein feineres, inspirierenderes, nobel zurückhaltendes Notizbuch zu kaufen, am besten das klassische von Moleskine, das schon Bruce Chatwin oder Vincent van Gogh genutzt haben sollen. Geplant, umgesetzt, so ein schönes Büchl.
Seither habe ich exakt 4 (in Worten: vier) Seiten in dem für schnelle Gedanken viel zu edlen Bändchen beschrieben. Das Blunznbiachl aus Raabs aber ist heute, dicht beschrieben mit allerlei Ideen, Mitschriften und recht vielen recht banalen Alltagsinformationen, voll geschrieben. Bis ich wieder so eines finde, muss ich mit einem immer noch etwas zu eleganten roten Heft vorlieb nehmen, denn das schon angeschaffte und als nahtlose Fortsetzung gedachte karierte Sudelbuch hat mir meine Liebste entwendet: Sie will sich ihre schnellen Gedanken nämlich auch notieren. Dabei hat sie ein Handy, in das sie wie in ein Diktaphon hineinreden könnte.

Tempo (Nachtrag; zum Nase- oder Schuhputzen)

Pia hat das Gefühl, dass ich ihr Leben belausche.
Da liest sie hier zum ersten Mal in ihrem Leben den Wortstamm jeiern, schon taucht es beim nächsten dag im Standard auf.
Und kaum hat sie das Wort durchschnupfsicher aufgeschnappt, kommen ihr auch schon dauernd vergleichbar kuriose Wörter unter. Neulich war sie kurz da um mir das zu erzählen. Und zum Abschied hat sie mir so ein unentbehrliches Hotelaccessoire geschenkt, wie man es so gerne mit nach Hause nimmt für die Lieben. In einer Zeit, in der es in den Hotels dieser Welt immer mehr Flüssigseifen und in fest verankerten Spenderbehältern abgefüllte Haarshampoos gibt, werden solche kleinen Guzis immer wertvoller, und ich weiß das sehr zu schätzen.
Pia hat an mich gedacht und mir einen Elegance Shoe Cleaner Sponge mitgebracht. Der deutsche Aufdruck: PUTZENSCHUHESCHWAMM.

Danke, Pia.

Silentium

Jetzt ist schon wieder was passiert.
Dieser Tage habe ich mein neues Stück (es handelt irgendwie vom Verstummen) fertig geschrieben, genau genommen war es, so, wie es sein muss, spät in der Nacht; etwa um halb zwei konnte ich den sechseckigen 0,4 mm dicken Faserstift in meiner schweigsamen Klausurzelle im Stift St. Lambrecht niederlegen. Entsprechend tief waren meine Träume, und ohne ein Wort (mit wem auch) geredet zu haben, habe ich mir doch wieder nichts behalten können, wird schon recht sein so.
Beim vormittäglichen Duschen war auf einmal der Wasserstrahl ohne erkennbare Ursache brennheiß. Ich hüpfte reflexartig zur Seite, touchierte die halbtransparente Kabinenwand und regulierte die Temperatur, indem ich den Einhandmischer so schnell ich konnte nach rechts bog, brrr. Der Schreck war gleich verflogen, in St. Lambrecht lauerte ganz sicher kein linkischer Sportpräfekt, der mich in der Duschkabine eingesperrt und mit für mich unverstellbarem kochend heißem Wasser überbrüht hätte.
Aber kurz habe ich mir doch vorgestellt, im Film Silentium zu sein. Und zwar nicht im trockenen Kino.

Murelli

Murelli heißt die Limonade, die von der Murauer Brauerei hergestellt und in ihrem Wirkungsbereich hauptsächlich über die Gastronomie vertrieben wird. Auf den für das Erfrischungsgetränk vorgesehenen 0,4l-Gläsern lachen uns von einem blauem Hintergrundstreifen zwei Früchte an, die wie eine Mutation von Apfel, Orange, Marille, Pfirsich und Kartoffel aussehen. Sie lachen, weil ihnen ein unbegabter Grafiker schwarzweiße Augen (inkl. Augenbrauen) und einen Mund verpasst hat, dazu eine zu lange, gleichwohl für einen Kasperl zu kurze rote Nase. Warum grinsen diese Hybridfrüchte so? Wissen sie, dass ihnen von Murelli keine Gefahr droht, weil sie für die Limonade, der sie als Werbeidentifikationsfiguren dienen, nur mit einer Wahrscheinlichkeit von max. 0,1% zermantschkert werden?

Ich kenne nur ein klassisches Kracherl, das sich über den Wirkungsberich der Herkunftsbrauerei hinaus ein eigenständiges Image und damit ein treues Trinkpublikum sichern konnte: Kaum jemand außerhalb Steyr-Land und Linz-Land wird Mühlgruber Bier kennen, aber Schartner Bombe, die Bomben Erfrischung ist allen ein Begriff. Murelli aber wird sich, so leid es mir tut, nicht durchsetzen können. Es dürfte auch am Namen liegen.

Zur Namensgebung von Produkten (und warum das im ABGB geregelt werden sollte) demnächst vielleicht mehr.

Naturgesetz

Du kannst es nicht wegträumen oder ausschwitzen, du musst aufstehen.
Wenn man weiss, dass es etwa fünfzig Meter auf schönstem kalten Marmor zu bewältigen gilt, neigt man dazu, diese uralte Menschenerkenntnis ignorieren zu wollen.
Aber die Blase gewinnt immer, nicht nur unter zur Veranschaulichung dieser Erkenntnis so idealen Bedingungen wie bei meiner (Komponier-)Klausur im Stift St. Lambrecht.

Was unterscheidet ein Naturgesetz von einer Binsenweisheit?

schweißen

Wie ich neulich in Meidling in den Zug gestiegen bin, hatte ich Glück und fand schnell ein nur mit einer freundlichen älteren Dame besetztes Abteil. Nachdem ich meine Habseligkeiten verstaut, den Mantel ausgezogen und mich mit diesem zufriedenen Ausatmer auf den nicht zu weich gepolsterten Sessel fallen hatte lassen, verging keine halbe Minute. und ein Herr etwa meines Alters mit kärntner Dialekt fragte is do no(ch) a blazzele frei? – Aber selbstverständlich, bei zwei Passagieren im 6er-Abteil.
Ich ahnte den Fehler, als er die Schwelle der Glasschiebetür nur leicht überragte: der sauber und etwas zu korrekt gekleidete Fahrgast, der mit seinen schmalzig glänzenden schwarzen Haaren keineswegs ungepflegt wirkte, und der in seiner Hand ein erbauliches Bändchen hielt (Titel etwa: Gnade des Glaubens), verbreitete augenblicklich einen gnadenlos stechenden Geruch, der es mir unmöglich machte, länger im Abteil zu bleiben. Fluchtartig verließ ich die streng riechende Kammer und fand Asyl bei einem Schüler, der nur bis Wiener Neustadt fuhr, diesmal hatte ich Glück.
Spontan fallen mir zwei Personen ein, denen ich in meiner späteren Jugend bzw. in der Studentenzeit begegnet bin, beide waren sie katholische Priester, und sie hatten beide dieses ölig schillernde und süßelnde Lächeln (die Lippen etwas zu stark auf einander gepresst). Besonders der neue Kaplan in Münichholz fiel mir als recht verklemmte Natur auf, denn vor jeder unter achtzigjährigen Frau, mit der er sprach, musste er recht ungustiös in eines seiner in allen Talaröffnungen darauf wartendes zerknittertes Stofftaschentuch schleimen. Wir haben uns damals lustig gemacht über den armen Kerl, den ein unbarmherziges Reinheits- und Moralideal zwang, jegliche körperliche (um nicht zu sagen: sexuelle) Empfindung als Sünde wider den rechten Glauben unbarmherzig zu verdammen. Für Pater K. war das Rotzen der Fluchtweg; dazukamen recht fette Haare und ein unnatürlich gesteigerter Bartwuchs, dem offenbar auch nicht mit mehrmaligem Rasieren beizukommen war, immer schmalzten die Bartstoppeln hervor. Sein unerbittlicher Schweißgeruch trug sicher auch dazu bei, dass Pater K. bei uns Jugendlichen sich leider nicht wirklich beliebt machen konnte (und er bemühte sich ebenso redlich wie umsonst, locker auf uns zu wirken). Zugegeben, die Latte nach dem charismatischen und von mir jetzt noch sehr respektierten Pater G. lag hoch; aber auch den hat das System auf dem Gewissen, wie ich heute weiß. Wie es überhaupt wenige katholische Geistliche zu geben scheint (ich kenne ein paar!), deren Pertsönlichkeit vom vorgegebenen System hochgradig gestört und zerstört wird. Das ist sehr schade, und es richtet immer noch viel Schaden an.
Ich erinnere an den großen Viktor Rogy, der zu Zeiten der Roten Lasche eine passende Postkarte mit folgendem Satz bedrucken ließ: Ich empfehle dem Papst: Heirate!

Tempo (engl.)

Gestern habe ich hier von den wunderbaren Schnäuztücheln der Fa. Tempo geschrieben. Ich bin Ihnen noch den englischen Packerlaufdruck schuldig; er übertrifft in gewisser Weise die deutsche Version dieses heilsamen weichen Papierls, steht da doch tatsächlich (und recht wörtlich übersetzt) soak-through-secure.

Mir fällt die legendäre englische Inhaltsangabe von Loriot ein, die die Ansagerin, wie es heißt, mit gewinnendem Lächeln vorzutragen hat: Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham, ferner ein Onkel von Lady Hesketh-Fortescue, der neunundsiebzigjährige Jasper Fetherston, dessen Besitz Thrumpton Castle zur Zeit an Lady Molesworth-Houghton, einen Vetter von Priscilla und Gwyneth Molesworth, vermietet ist. (…)

Der Albtraum der von Eveline Hamann verkörperten Fernsehansagerin nimmt seinen Lauf, und wir wollen hoffen, dass der überforderten Dame beim unausweichlichen Nervenzusammenbruch ein paar durchschnupfsichere Taschentücher gereicht wurden.

Tempo

Um Weihnachten waren wir verkühlt. Das Gehuste und die Schnäuzerei muss als nicht gerade angenehmster Teil des Lebens angesehen werden. Erst gegen Ende des Siechtums, im schönen südsteirischen Weinlande, bin ich auf die ultimativen Taschentücher gestoßen (davor war der Vorrat der zum Ende der letzten Verkühlung gekauften blauweißen Packerl aufzubrauchen). Das Glück einer sprachlichen Schöpfung, die mir trotz eingeschränkter Geschmacksempfindung auf der Zunge zerging, beschleunigte meinen Heilungsprozess enorm. Auf der Tempo-Packung stand da dieses wunderbare Wort, und ich kann bestätigen, dass, wer zehnmal hintereinander durchschnupfsicher in einem Atemzug zu sprechen in der Lage ist, sich als geheilt betrachten kann.

Aloa-Oe

Es gibt so Tage, da hängt einem jeder, der einem begegnet, seine ganze Geschichte und all seine Probleme psychischer, physischer und metaphysischer Natur um. Kletten sind das, aber wirklich. Um beim botanischen Bild zu bleiben schlage ich vor, so einen Tag (in Abwandlung einer populären gastronomischen Verirrung) Tag Hawaii zu nennen.
Und wenn dich jemand anjeiert, wird dir fürderhin leichter sein, weil in dir drin ein besänftigendes und dich milde lächeln machendes Aloa-Oe summen wird.

traumlos

Neulich bin ich erwacht und hatte noch alle Details meines letzten Traumes parat zum Aufschreiben, damit ich ihn Ihnen hier erzählen könnte. Sehr bewusst, damit mir nichts entfalle, ging ich aufs Häusl und machte meine ersten tagtäglichen Handgriffe, Luftbefeuchter nachfüllen und anstecken, Wasser ergänzen, Heizung auf Tagesbetrieb stellen, Radio einschalten. Und dann kurz zurück ins Bett. Wie ich mein erstes Wort, guten Morgen, meine Liebe, sage, merke ich im selben Moment als es zu spät ist, dass mir durch das Sprechen augenblicklich der ganze Traum, komplett, hinuntergefallen ist.
So ähnlich muss es Frau Lot und natürlich Orpheus mit Eurydike ergangen sein.
Orpheus und Eurydike (Canova)
(Canova, Orfeo ed Euridice, Museo Correr, Venezia)

Das ist es.

Soviel wieder einmal zur Erinnerung.

Kribbelnahrung

Es ist ein nicht unangenehmes Kribbeln, wenn dir beim Sturz eines Abfahrtsläufers oder Schispringers ein Hoppala auskommt. Das Fernsehen liefert diese Mitzitternahrung, hilft uns, das schöne Schaudern kollektiv und nicht ohne Mitgefühl zu speichern. Niki Laudas Unfall oder Hans Krankls 3:2 unterscheiden sich in ihrer emotionalen Wirkung letztlich nicht allzusehr, und so jung ich auch war, Jochen Rindt war bei mir nicht zuletzt durch seinen Tod so populär.
Die Kinder finden Falco geil, und auch mir fielen noch viele ins Nirvana oder sonstwohin vorausgegangene Gestalten unserer populären Identifikationskultur ein. Es würde aber allzusehr ausufern.
Sicher ist: Solange die Kamera daraufgehalten wird, wird uns nichts entgehen.
(Wenn uns auch das Video von Hermann Maiers Motorradunfall schmerzlich abgeht, so bleibt uns immer noch Morioka. Oder nine-eleven.)

Lesen Sie dazu auch Thomas Glavinic‘ Kameramörder.

zuschauen

Wie gesagt: Ich kenne das Gefühl, an einer (naturgemäß keineswegs mit der aktuellen vergleichbaren) Wasserkatastrophe nicht direkt, sondern lediglich als ungefährdeter Zuschauer Anteil zu nehmen: Münichholz als erhöhter Stadtteil war und ist vor jeder Flut sicher, und wenn in Steyr Hochwasser war, war das attraktivste, nicht über den Ramingbach zu können und den Schulbesuch leider versäumen zu müssen. Für uns Münichholzer (und wohl auch für die Ennsleitner und alle anderen höher angesiedelten Steyrer) hatte die Flut immer Sensationscharakter. Wenn mir meine Mutter erzählte, wie sie im 54er-Jahr mit den Zillen am Stadtplatz gefahren sind, habe ich mir das abenteuerlich, ja sogar lustig vorgestellt.

Europa z.B. ist so ein Münichholz.

Neujahrsgruß

Wie ich am Neujahrstag meine Eltern angerufen habe, bin ich in eine emotionale Zwischenwelt gestürzt, auf einmal persönlichst betroffen und ohne den Schutz der nur einseitigen Bekanntschaft, wie sie in Projektion zu tragischer Prominenz von Jochen Rindt bis zum Enkel des thailändischen Königs besteht: Meine Mutter erzählte mir, dass mein Freund Josef mit seiner Familie der Flutwelle relativ leicht verletzt entkommen war. Ich hatte gar nicht gewusst, dass sie in der Katastrophenregion auf Urlaub waren und mich über meine anonyme Betroffenheit hinaus nicht gesorgt. Jetzt auf einmal musste ich mir augenblicklich die ärgsten Sorgen machen, und zeitgleich (eigentlich vorher schon) kam das Aufatmen, dass, um mit dem gestern beprochenen Herrn zu reden, Alles OK ist.
Sein Abheben beim ersten Klingelton war einer meiner glücklichsten Momente überhaupt. Schon merkwürdig, alle Gefühle von extremer Sorge bis totaler Erleichterung auf einen Emotionspunkt konzentriert zu erleben. Ich stelle mir vor, dass das eine Situation wie vor dem Urknall ist, wo alles (und sein Gegenteil) gleichzeitig und in höchster Dichte existiert.

Ich wünsche Ihnen, solche Erlösungen auch erleben zu dürfen. Es gibt sie, in jedem Leben, will ich hoffen.

Kapriolen

Der Sturm am Morgen. Im Hof sehe ich das letzte Blatt, wie es sich löst und zu seinen wilden Kapriolen durch die Luft getrieben wird. Der Frühling könnte kommen, die Pappel wäre so frei.

Was aber ist der Wind gegen das Wasser.

Ich kenne das Gefühl, an einer Wasserkatastrophe nicht direkt, sondern lediglich als ungefährdeter Zuschauer Anteil zu nehmen: Münichholz als erhöhter Stadtteil war und ist vor jeder Flut sicher.

Ich stelle mir vor, wie es unserem feschen Herrn Finanzminister bei seinem glimpflich verlaufenen Tsunami-Erlebnis gegangen sein könnte auf den Malediven, male mir die Substanz der von ihm ohne jeden Zweifel mit wichtigen und wichtigsten Persönlichkeiten in seinem leider-nicht-mehr-Urlaubsparadies geführten Gespräche aus; ein gesteigertes Bedürfnis, materielle Hilfe zu leisten scheint im eigenen Aussagen zufolge demütig Gewordenen ja nicht aufgekommen zu sein, und + 100% von Null bleibt nun einmal Null (habe ich mir überschlagsmäßig ausgerechnet). Ich versuche in das Herz eines Menschen zu schauen, der angesichts zahlreicher Toter und Verletzter ringsum die Meldung Alles OK in die trockene Heimat schickt.
Ist das nicht die höchste Vollendung eines egozentrischen Weltbildes? Dürfen wir erwarten, dass, wenn der junge Herr G. sich durch den Klimawechsel beim Heimkommen (wir wollen’s nicht hoffen) einen Schnupfen geholt haben sollte, alle in seiner Nähe mit Schneuztüchln herumfuchteln und auch verkühlt tun müssen? Konsequent wäre es, und Er selbst empfände es, stelle ich mir vor, als durchaus angemessen.
Zur Komplettierung eines verheerenden Bildes: Es gibt Politiker, die auf ihr rhetorisches Ego verzichten, indem sie von sich selbst in der dritten Person sprechen; wenn es besonders persönlich wird, dürfen wir uns über ein heimeliges man freuen. Die Ich-Unbewusstesten sind nicht darunter, habe ich beobachtet. KHG jedenfalls, der uns in seiner demütigen Bescheidenheit wissen ließ, dass seine vorschnelle Abreise aus dem Paradies das Signal gewesen wäre, die ganze maledivische Volkswirtschaft zusammenbrechen zu lassen, verkehrt mit sich nur per Er (groß geschrieben, nehme ich an).

Dem traue ich nicht.

Praktisches

28. Dezember 2004: Ein Schritt ist getan. Ich habe widerstanden.
Obwohl, die praktische Sammelbox für bis zu 50 CDs oder DVDs hätte mit ihrem grauen Design gut zum Regal gepasst, und ich hätte meine Radiomitschnitte Platz sparend, dezent und elegant unterbringen können.
Diesmal aber habe ich den Eduscho ohne neues so praktisches TCM-Produkt verlassen. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber immerhin.
Andererseits, nüchtern betrachtet, die Box wäre schon recht praktisch gewesen. Hoffentlich haben sie es nächste Woche noch wo in einer Filiale. Umgekehrt, dieser Schritt aus der TCM-Knechtschaft ist auch ein Wert für sich (wenn auch nicht für die Firma Eduscho).

(Da es beim Schreiben dieser Zeilen bereits recht spät ist, werde ich die Sache noch einmal gründlich überschlafen. Und in der Folge für keinerlei Auskünfte über den Erwerb oder Nichterwerb des beschriebenen und wirklich sehr praktischen Produkts zur Verfügung stehen.)

Bergiselsternsinger

Im Sommer mit einem Tuppergschirr voller Wurstsalat einen Tag im Stadtbad zu verbringen, dann noch einen Tag und noch einen, das war das schönste im Jahr, was man in Steyr tun konnte. Dafür habe ich sogar das Cordoba-Spiel versäumt: Als ich an jenem brennheißen 21. Juni 1978 vom Bad kommend den Plenklberg hinaufging, muss wohl das 3:2 gefallen sein, denn aus dem Hochhaus, dort, wo Barth Robert wohnte, drang aus allen Fenstern gleichzeitig ein unglaubliches Geschrei, ich dachte schon I werd narrisch, die Geister vom Zirkus Krone, der ein paar Jahre vorher noch hier auf der damaligen Polizeiwiese gastiert hatte, rächten sich für die frevelhafte Bebauung mit Hochhäusern (zwei fünfstöckige, ein siebenstöckiges Wohnhaus). Der Geisterchor gab sich aber bald als Jubel zu erkennen, und auch ich war auf einmal sehr stolz auf unser kleines österreich. Das Bad war an jenem Nachmittag nicht so überfüllt gewesen, wie es bei so einem Wetter immer war, und langsam kombinierte ich die Zusammenhänge.

Wovon ich aber erzählen will ist, dass es neben dem sommerlichen (Stadt-)Bad eine schönste Zeit voll höchster Wichtigkeit gab, und das waren die Tage vom dritten bis zum sechsten (eigentlich: fünften) Jänner, Sternsingen.
Auch hier gab es, analog zum Ministrieren, Filettouren, etwa die, wo man bei den Furtners vorbeikam (Resi war der Altstar im Kirchenchor), es immer Würstel für alle und 1.000,- Schilling für die Kassa gab. Und natürlich die Tour zu den Bauern, die wurde am letzten Tag mit dem Kaplan als Begleiter von jenen Buben gemacht, die dem Alkoholgenußalter am nächsten standen. Manche Jahre sind dann auch so Starsternsinger dahergekommen, die haben nur die Bauerntour gemacht, einfach, weil sie schon alt genug waren, und ohnmächtig mussten wir jüngeren zurückstehen, katholische Tradition.
Am dritten war meistens der Einserabschnitt dran, oder (wenn bereits am zweiten begonnen worden war) der Zweier. Wichtig war vor allem, wenn wir wo hineingelassen wurden (nicht allzu oft, das hing auch vom Wetter und dem Zustand unserer Schuhe ab) nicht zu vergessen, zu erfragen, wie das Schispringen steht. Manchmal durften wir sogar bei ein paar unserer noch nicht so leichgewichtigen Idole live die Daumen vor den neuen Farbfernsehgeräten drücken.
Ich stelle mir vor, dass davon Toni Innauer und auch Karl Schnabl am Bergisel nicht wenig profitiert haben.

Kung Fu

Noch einmal zum Cola.
Bis zur Zweiten hatten war einen Mitschüler, Hofer hat er geheißen, er war pummelig und ein rechter Phlegmatikus, der hat jeden Tag mindestens zwei Liter Cola getrunken, ehrlich. Seine Eltern haben ihm das durchgehen lassen, dazu Chips und Erdnussflocken (diese fetten Engerlinge). Er war so ein verhätscheltes Nachzüglerkind, sein Bruder war schon Mathes- und Physiklehrer im Gym, wie wir selbst erst angefangen haben.
Dann ist Kung Fu mit David Carradine und der Musik von Carl Douglas aufgekommen, wo immer so Rückblenden auf die Lehrzeit im chinesischen Kloster waren, und wo sein alter und sehr weiser Lehrer jedesmal den Kiesel rechtzeitig vor dem blitzschnell zugreifenden Schüler Caine in seiner Hand verschließen konnte, und das, obwohl er blind war (das ist mir erst später aufgefallen)! Diese Fernsehserie jedenfalls hat Hofer Gerhard erweckt, und seine Schultage haben in der Folge darin bestanden, in rituellen Kämpfen mit Käfer Renà© (ja, der Sohn vom Fußballer) manchmal bis weit in die Englischstunde hinein in todesverachtender Karate-Grätsche quer über die Schulbänke zu fliegen.
Das Gymnasium war seine Sache nicht, noch vor Latein hat er uns verlassen. Aber als Jugendlicher ist er mehrfacher Karate-Staatsmeister geworden. Ohne Leberschmerzen und gar nicht mehr so pummelig wie in der 2B.
Was aus Käfer Renà© geworden ist, weiß ich nicht. Unsere Mütter haben sich gekannt, denn Frau Käfer ist heimgegangen, wie meine Mutter gekommen ist, damals im Juli 1965 im Steyrer Spital. Ich kann mich weder an Renà© noch an seine Mutter erinnern, Sie werden sich vielleicht erinnern, dass ich meine erste bleibende Erinnerung am 15. Dezember 2004 beschrieben habe.

österrein

Auf Plakaten bürgt ein Herr Karl Schirnhofer mit seinem Namen dafür, dass österrein sicher ist sicher ist. Eine beruhigende Gewissheit in unsicheren Zeiten wie diesen, und Zeiten wie diese sind ja immer, gerade in Zeiten wie diesen hört man es bei vielen Politikerreden (z. B. bei Lichtinsdunkelauftritten, Jahresschlussansprachen, Neujahrsreden und Messeeröffnungen), und unsere Politiker haben sicher recht mit ihrem Gespür, das Ohr am Herz des Volkes, pumpum.
Nicht auszudenken, wenn plötzlich nicht mehr alles sicher ist sicher ist. Oder anders: Was müssen wir uns als Gegenteil von österrein vorstellen? Fremdreckig? Wäre allein dieser Gedanke nicht entsetzlich?
Lasst uns also alle miteinender stolz sein, in Zeiten wie diesen eine so eine schöne Heimat zu besitzen, die nicht nur sauber, sondern rein ist. österrein.

Danke. Das Gute Neue Jahr kann kommen.

Alles Walzer.

Sodawassa

In der U6. Zwei ca. zwölfjährige Mädchen streiten recht laut übers Trinken. Die eine wiederholt in unterschiedlichen Gereiztheitsstufen immerzu Ich trink aber kein Cola, während die andere ununterbrochen und immer lauter werdend die alleinseligmachenden Vorzüge von Coca Cola anpreist. Die Colaabstinenzlerin verläßt mit mir in der Nussdorferstraße den Wagen. Ihr Streitgegenüber schreit noch ein mich ratlos zurücklassendes Sodawassertrinker hinterher, dabei streckt sie ihre Zunge in der Art eines garstigen Kleinkinds heraus, so, wie wir das auch von Dickie Hoppenstedt (zickezacke Hühnerkacke) kennen.

Uns hat man ja damals den Genuss von Coca Cola mit der Leberprobe austreiben wollen. Wenn man eine Leber über Nacht in einen Suppenteller Cola legt, ist am Morgen von der Leber nichts mehr da. Und seht ihr, genau so geht es dann mit eurer Leber. – Es war der gleiche Biologielehrer, der uns in der Vierten vor Irish Coffee warnte: Kaffee! Zucker! Schlagobers! und!!! hochprozentiger! – Alkohol! – ein Satansgebräu! Der kleine Professor Hinterhölzl geriet richtig ins Schäumen, wenn er uns ausmalte, was für Schrecken wir unseren jungen Leibern antun würden.

In der Fünften dann hat uns Professor Steglich vieles relativiert; besonders aufgemerkt habe ich, als er erklärte, dass es zwei Organe gibt, die primär schmerzfrei bleiben: Das Hirn und die Leber.

Damit war meine spätere Pubertät gerettet.

In diesem Sinn: Guten Rutsch und hauen Sie sich nicht den Kopf an. Der tut nämlich dann schon weh.

Sporthilfe

Die Sporthilfe hilft unseren Sportlern, und sie posieren in den verschiedensten Glück bringen sollenden Haltungen: Ein Ruderer schmeißt eine Münze ins Wasser und wünscht sich einen Knoten, unser Schwimmstar bläst die Samen von einem Löwenzahn und erhofft sich dadurch eine Zehntelsekunde (wahrscheinlich weniger) und eine Turmspringerin kniet in der Kirchenbank und betet für eine Drehung.
Natürlich haben alle ihre mit Sponsorenlogos vollgenähten Dressen an. Bei der hübschen Wassersportlerin fällt mir auf, dass sie auch von einer Firma gesponsert wird, deren (das Firmenzeichen ist aufgrund einer anatomisch bedingten Wölbung nicht ganz zu lesen) Namen mit Superfu beginnt (und recht viel mehr wird da auch nicht stehen). Wenn ich die Tatsache, dass sie sich um eine (weitere) Drehung bewirbt mit dem wenigen Platz auf dem weggewölbten Leiberlteil kombiniere, so fallen mir beträchtliche kunstvolle Verrenkungen ein, setzt doch der (ganz sicher selbstlose) Unterstützer auf die Identifizierung der attraktiven Olympionikin mit und als Superfu. Umso mehr, als sie als Synchronspringerin bereits zweimal olympisches Blech gewonnen hat.
Schöne Synchrondrehungen werden das sein, stelle ich mir vor. Weltklasse.

(Wie es mit unseren bulimischen Adlern geht, werden wir ab heute auf der Vierschanzentournee miterleben. Oberstorf ist aber leider kein traditionell guter Boden bzw. Luft für uns.)

Wellen

Nach der Flutwelle ruft die UNO zum größten Hilfseinsatz in ihrer Geschichte und also in der Geschichte der Menschheit, und das Erdbeben am Meeresgrund war das stärkste seit Menschengedenken, eine Million Hiroshimabomben, allerhand. Wenn diese Superlative den Opfern nicht ein stolzer Trost sind?
Eine Frage noch: Wie lange ist dauert ein Menschengedenken? In Europa, Amerika, Asien, Afrika? Und bei den Wilden?

Die letzten Weihnachtskatastrophen (2003 Bam, 2004 der Rand des Indischen Ozeans) beweisen, dass sich die Natur auch gegen Österreich verschworen haben muss: Da zeigen wir es Jahr für Jahr der ganzen Welt, dass wir als Wohltätigkeitsweltrekordler überallhin, vor allem aber ins Dunkel unser Licht bringen (eigentlich eine Ungeheuerlichkeit, dass die Sendung nicht, wie das Neujahrskonzert, in alle Welt übertragen wird), und schon sollen wir wieder unser Geld hergeben.
Immerhin, unser fescher Herr Finanzminister ist wohlauf.

Wissen kann so nutzlos, vor allem aber hilflos sein.

Unschuldige Kinder

Da haben in Münichholz immer die Sternsingerproben begonnen.

In der Kronenzeitung habe ich am 23. Dezember gelesen, dass sich der Herr Kardinal Kinder wünscht. Das fällt ihm gerade zu Weihnachten ein, sagt der im Zölibat lebende Kirchenfürst, habe doch die Kirche Kinder immer als Geschenk betrachtet.
Eine nicht unproblematische Formulierung, denke ich mir; durch viele Jahrhunderte (und in St. Pölten und anderswo leben Traditionen bis heute fort, werden sogar auf den technisch letzten Stand gebracht, wie wir dieses Jahr erfahren haben müssen) hat man, gerade was dieses Thema betrifft, einen sehr eigentümlichen Geschenksbegriff praktiziert und kultiviert.

Ich bin gespannt, was ihnen heuer zu den unschuldigen Kindern einfällt.

(Als Kind habe ich das mit der Unschuld nie ganz verstanden. Wenn ich ehrlich bin, bis heute nicht.)

Umtauschmontag

Die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester bzw. Neujahr und Heiligedreikönig sind zwei seltsam gespiegelte, leere Wochen. Die erste dient dem schnellstmöglichen Umtausch der unnützen, unpassenden und mehrfach erhaltenen Weihnachtsware. Nach Neujahr aber ist überall, wo man hinkommt, Inventur und leider gerade heute geschlossen. Alles in allem tritt eine sanfte Beruhigung ein, und es ist eine trügerische: In den Startlöchern lauert man nämlich auf den Ausverkauf, und wer sich zu früh rührt, hat schon verloren.
Vorerst gilt es, die befüchteten und eingetroffenen Geschenkskatastrophen schnellstmöglich ungeschehen zu machen und im Idealfall durch Gutscheine aufzuwerten, die gleich nach Eröffnung des Winterschlussverkaufs in Wunschware verwandelt werden und so allen aber wirklich eine rechte Freude machen.
Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass keine Wäsche auf dem Boden hängen bleibt. Dort geht es nämlich rau her bei der Nacht.

Filetministranten

Obwohl ich der eifrigste, beflissenste, versierteste, beliebteste, kurz: professionellste Ministrant war und mich von der Erstkommunion weg vom Seitenministranten zum Frontalministranten, Läutministranten und schließlich Hauptministranten hochgekniet hatte, bei den Saisonhöhepunkten (Christmette / Weihnachtshochamt bzw. Osternacht / Osterhochamt) kamen die �lteren, die das ganze Jahr nicht oder zumindest nicht regelmäßig ministrierten und schnappten sich die ministrantischen Filetstücke, vor allem den Kirchenjahrsjoker Weihrauchministrant; paarweise (einer mit dem Weihrauchschifferl, einer mit dem Weihrauchfass) mussten sie nur zweimal heraus aus der Sakristei und saßen sonst beim Mesnerschurl seinem Most oder aber auf sehr distinguierten Extraplätzen in der Nähe des Taufbeckens.
So konnte man schon damals ahnen, dass aus ihnen einmal Männer mit verantwortungsvollen Aufgaben werden würden. Und wirklich, ist aus allen vieren auch wirklich was geworden: Helm Peter war Minigolfjunioreneuropameister (er trainierte beim PSV, dem Polizeisportverein) und ist schließlich, wer hätte das für möglich gehalten, Polizist in Steyr geworden; Lachner Günter (mit ihm und seinem strenggrünen 128er coupà© konnte ich in meinen ersten Studiensemestern oft nach bzw. von Graz mitfahren) ist im mittleren Management eines internationalen Großkonzerns, hat Französisch nachgelernt und lebt jetzt mit Familie in Toulouse; der Ungerrudi (er ist sehr lang und sehr schlank, darum ist der Name auch zusammen zu schreiben) hat eine von den Pfaffenbichler-Töchtern geheiratet und hat noch einmal vier Töchter; und Barth Robert ist seit ein paar Jahren Intendant vom ORF Tirol.
Keiner der vier Filetministranten ist also Pfarrer geworden, und mit mir hat das ja auch, nach vielversprechendem Start zwar, doch nicht recht klappen wollen. Das wurmstichige Harmonium vom Pfarrhof steht aber heute bei mir, Apfelthalerkurt hat es mir für das Projekt Passagiere im September 2001 renoviert, der Pfarrerbert hat eh nichts damit anfangen können und so hat er es mir offiziell geschenkt. Das beste Mittel gegen den Holzwurm ist regelmäßiges Musizieren am Halleluja-Traktor, hat mir Kurt geraten.
So schwinge ich mich nun aufs Choralmobed und wünsche noch einen schönen Feiertag!

Geburtstagskinder

Heute feiert auch Richard Pils Geburtstag. Dieses Jahr durfte ich ein paarmal mit ihm und seinen Autorinnen und Autoren Geburtstag feiern, seine Bibliothek der Provinz ist nämlich 2004 fünfzehn Jahre alt geworden. Ein Grund nach dem anderen also, herzlich zu gratulieren.
Aus diesem Anlass leihe ich mir heute einen Text aus, den Richard ganz am Anfang seinen als publication PN°1 erscheinenden Büchern und Katalogen beigegeben hat:

Und Provinz ist das Verhinderte, Gleißende, Unpädagogische, Wurzelige, das Neugierige, das Erfundene, Kranke, Geniale, Hungrige, Lebendige, Zornige, Glückliche, Rostige, Stumpfe, Kleine, Frierende, Freilassende, Mühsame, Nächtliche, die Moosbeere, die Kruste auf dem ausgezogenen Apfelstrudel, das Muttermal auf deinem rechten Schulterblatt, das Schweigenmüssen und Nichtverraten und natürlich die Lorenzibirne, der Marschanzkerapfel, der Brätling, der blauviolett schillernde Mistkäfer, der Raunersalat . . .

Es gibt Genauigkeit durch Unschärfe, und sie ist präziser als es alle Wissenschaft je zusammenbringen kann, wie sehr sie sich auch bemühen mag. Deshalb habe ich immer noch so eine Freude an dieser uneitlen Selbstdefinition seiner Bibliotheksidee und letztlich seiner sympathischen Person.

Ganztagsabend

Das Sprichwort Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben habe ich zuallererst auf den 24. Dezember bezogen, das ist doch plausibel, wenn Bescherung erst um fünf am Nachmittag ist.
Sicher war jedenfalls, dass es das jahresbeste Abendessen geben würde: Kalte Platte mit vielen lustigen Wurstsorten, Perlzwieberln und Russen (die hat es wirklich nur zu Weihnachten und beim zweitbesten Abendessen zu Silvester gegeben; da haben wir es allerdings eiliger gehabt wegen dem Fernsehen). Statt bzw. zusätzlich zum gesünderen Schwarzbrot durften wir Weißbrot vom Sandwichwecken essen, einmal im Jahr kann man schon sündigen. Papa durfte beidemale mehr als ein Bier trinken, und für uns Buben gab es Keli oder Zitronenlift, nicht den öden selbstgemachten Ribislsaft.
Schon sonderbar, dass ein ganzer Tag nur Abend heißt. Obwohl, im Kalender ist immer Adam & Eva gestanden, die waren aber als Jesus auf die Welt gekommen ist schon lange aus dem Paradies vertrieben (ihre Spuren haben sich hernach verloren, wahrscheinlich waren sie da schon tot).
In die Mette, wo ich erfahren hätte, was es mit Adam und Eva so auf sich hatte, bin ich erst gegangen, als ich etwas älter und sehr stolz darauf war. Bis etwa zehn waren die neuen Legooptionen und das Aufbauen der Kleinbahn mit ihren Erweiterungen weitaus spannender. Mit der Eisenbahn gespielt hat aber die ersten Jahre nur Papa, zögerlich ließ er auch Gerhard zu; ich durfte zuschauen, und das tut man mit den Augen.

So verabschiede ich mich vom Advent, Advent-Kalender, der ja auch mit den Augen zu studieren ist, wenngleich Eingriffe in Kommentarform, wie das manche herausgefunden haben, hier schon zulässig (und erwünscht!) sind.

Danke fürs bis hierher Lesen. Und fürs Weiterlesen. Ermutigt durch freundlichen (und in einem Fall sogar kulinarischen!) LeserInnenzuspruch (ansich mag ich ja das Binneni nicht, aber was willst du machen, auch blöde Schreibgewohnheiten kanonisieren sich) habe ich mir nämlich auferlegt, meine kurzliterarischen Fingerübungen weiterhin täglich zu veröffentlichen, vorerst unter dem Label Advent bis Lichtmeß.

Jetzt aber einen schönen Ganztagesabend!

Herzlich,

Bertl Mütter

Weingartner

Eine mögliche Art Heimat ist mir, auch wenn das für einen in Wien lebenden Menschen klischeehaft klingt, mein Kaffeehaus. An sich schreibe ich ungern davon, will ich doch nicht, dass es entdeckt wird und es mit der Ruh dort ein End hat.
Entdeckt habe ich es zufällig, vor gut fünf Jahren (eigentlich hat es ja mich zu sich gerufen). Wie es sich gehört, wurde ich erst nach etwa einem dreiviertel Jahr für mich merkbar als immer wieder Kommender wahrgenommen, und langsam ergaben sich kurze Gespräche über das übliche A Melange, bitte – – – Ihr‘ Melange, bitte hinaus. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits das Publikum zu unterscheiden begonnen, das dieses Familienunternehmen bevölkert.
Das Weingartner ist ein reichlich patiniertes klassisches Wiener Eckcafà©, mit einem großen Spiegel im kürzeren rechten Flügel, wo sich auch die wenigen, naturgemäß grünen Logen befinden; im schlauchartigen länglichen Teil (die Budl steht zu beiden Trakten in einem Winkel von 45°) stehen die Herzobjekte, jene drei bestens gepflegten Turniertische. Man spielt vorwiegend Dreiband-Carambol, wenige nur spielen nach den Regeln der offenen Partie. (Wer einen zeitgeistigen Snooker oder herkömmliche Wirtshaus-Pool-Tische sucht, ist hier am falschen Ort.) Billiard inszeniert sich hier als klassenübergreifendes Philosophieren, und oft, wenn ich vom Häusl komme, bleibe ich beimÖlofen stehen und goutiere fingerschnippend, wie es sich gehört, die oft recht eleganten Spielzüge. Zusätzlich zum Dreiband wird freitags an zwei Tischen tarockiert.
Das Publikum ist nicht nur sehr heterogen, die verschiedenen Typen haben auch erworbene Namen: Der Herr Präsident etwa (ein Rom oder Sinti mit dem Schnauzbart eines Walrosses und von stattlichem Umfang) trägt immer weißes Hemd mit Krawatte und ist unerreicht in seiner Grandezza, bei kniffligen Bällen seine ganze Gestalt mitsamt der Krawatte über den Billiardtisch zu lehnen. Gulli ist der Taxler, der nicht alle Wuchteln sofort versteht und deshalb durchaus liebevoll gehänselt wird; aber Jessy, das ältliche Spanielweiberl von Herrn Peter geht mit ihm am liebsten Gassi. Herr Kurt ist Frühpensionist, oft im Trainingsanzug und der mit Abstand dickste Mensch auf dieser Bühne, ein klassischer Nebochant, dem nie nichts passt; ich stelle mir vor, dass es seinen phlegmatischen Boxer deshalb nicht mehr gibt, weil Herr K. auf ihn draufgefallen ist. Die Damen und Herren der oberen Dienstklassen des benachbarten Etablissements versammeln sich auch jeden Abend vor ihrem Klassedienst im Eingangsbereich, da kann es manchmal recht hoch her gehen. Hoch her geht es auch, wenn Herr Strauß, ein weißhaariger Clanchef wie es heißt, sehr Geschäftsmann, deutscher Akzent, sehr freundlich und beliebt, seinen Hof hält. Seine Zechen sind immer die höchsten, und mit dem Schmattes erweist er sich auch als recht generös, wird berichtet.
Stillere Besucher haben zum Teil keine eigenen Namen, Sonntag nachmittags gibt es etwa einen Zigarrenraucher und einen Pfeifenraucher, beide etwa mein Alter und wirklich sehr gepflegte Personen. Sie lesen Zeitung, haben manchmal auch Gäste, mit denen sie leise Gespräche führen. Ein schweigsamer täglicher Besucher bis zuletzt war auch Opa, so hat man ihn genannt, und erst als sein Partezettel am grünen Filz angeschlagen war, hat man erfahren, dass er ein Professor oder so was war und fast 95 Jahre alt wurde. Zum Kaffee hat er immer eine halbe Buttersemmel bekommen.
Meistens, wenn ich vom Tod einer der Kaffeehausgemeinschaft nahe stehenden Persönlichkeiten erfahre, erkundige ich mich bei Rudi Trallala, der kennt sie alle. Rudi ist einer meiner Liebsten. Er ist schon über 75, lange Witwer, stolz auf seine Cello spielende Enkelin, und er hat sich entschieden, immer fröhlich zu sein, eben Trallala. Sein effetvoller Stoß (vor allem der spezielle Schwung) ist unvergleichlich.
Rudi Trallala
Rudi Trallala

Und so ist auch diese Woche ein Partezettel im Cafà© ausgehängt: Herr Herbert ist im Alter von 74 Jahren verstorben. Diesmal bedarf es keiner näheren Erklärung. Obwohl ich der Meinung war, ihn gestern noch gesehen zu haben, ist es wirklich Herr Herbert, die Komplikationen nach einer Herzoperation. Erst seit etwa einem halben Jahr haben wir uns geduzt (hier ist man per Sie; trotzdem ist es eines Tages so weit, dass man sich plötzlich und ohne nähere Erklärung duzt, was nichts an der generellen Distanz ändert, und das Herr in der Anrede bleibt natürlich unangetastet.)
Herr Herbert war jener untergroße Mann, dem ich die 74 nicht angesehen habe. Etwas dicke Brille, im Sommer die extrakurze, zerfranste Jeans-Short, darüber ein quergestreiftes Leiberl, beachtlicher Bauchumfang und abenteuerlich onduliertes, möglicherweise gemeschtes Haar. Dazu eine Herrenhandtasche, Modell Mallorca 1978, Goldketterl und mindestens zwei schwere Ringe an den recht feisten Fingern. Wir haben uns immer kurz (und zunehmend freundlich) zugenickt, dabei halblaut Hallo oder Seawas gesagt. Unser innigst geliebter Opa hat seinen Körper der Anatomie gestiftet.

Was meine Position im Weingartner betrifft, so kann ich berichten, dass aus mir nach etwa einem Jahr, als mich Herr Stefan einmal beim Notenschreiben betreute, plötzlich der Herr Compositeur, kurz: Komposi wurde. Seither weiß ich mich endgültig angenommen, und heuer habe ich bereits zum vierten Mal eine Flasche Wein (Grüner Veltliner, Poysdorf, Weinviertel, Qualitätswein DAC) als Jahresgabe erhalten. Überreicht Mit den besten Grüßen von der Frau Chefin, natürlich von Herrn Peter.

PS: Der immer nervöse Schnölli mit seiner Tenorpolypenstimme, der Dichtersänger Holzi, der Manfred Mann’s Earth Band- und Sugababes-Fan Herr Stefan, der Exjugendfußballtrainer (somit Sozialarbeiter) und jetzige Oberkellner Herr Peter und andere Persönlichkeiten und Vorkommnisse werden nach Weihnachten vorgestellt.

Vorstellungen

Halb vier, im Westen entlang des Wienerwaldes die zarte Kontur der Abendröte. Saatkrähen fliegen hoch über mich hinweg, endlos.
Ich stelle mir vor, dass sie von der Arbeit heimkehren (und in gewisser Weise stimmt das ja auch).

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Der elektrische Seestern auf der anderen Straßenseite hat es nicht ganz bis Weihnachten geschafft und ist verglüht. Damit ist das laute Blinken wieder dem vertrauten blauen Schattenspiel der haushaltlichen Fernsehgeräte (das früher synchroner ablief) gewichen.

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Zum Zahnarzt nach Purkersdorf. Umsteigen in Hütteldorf. Auf einem Zettel lese ich, dass man am Hl. Abend das Friedenslicht aus Bethlehem auch an diesem Bahnhof abholen kann, gratis natürlich (der Frieden kostet nicht so viel wie der Krieg). Noch zehn Minuten. Im Warteraum ist es nicht ganz so kalt. Beim Eintreten stelle ich mir vor, dass ich halblaut frage Wer ist bitte der Letzte? Aber ich traue mich dann doch nicht. Nach ein paar Minuten bleibe ich allein übrig, obwohl in der Zwischenzeit kein Zug angekündigt worden ist. Ich stelle mir vor, dass ich erst hinaus darf, wenn wieder jemand eintritt. Gottlob kommt noch ein junge Frau herein und löst mich aus, knapp, doch rechtzeitig vor der Einfahrt meines Zuges.
Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich bereits links unten Keramik; in der Nacht habe ich geträumt, dass mir bei einem Zahn das Gold herausgebröselt ist, wie eine Sternschnuppe.

Lichtspiele

(Nachtrag und Erweiterung zum 19./20.12.)

Trotzdem habe ich das Stadttheater (wie gesagt, ein Name, der mir aus den dargelegten Gründen nur schwer über die Lippen kommt) dann intensiv von Innen zu erleben bekommen, wie ich überhaupt immer, wenn mich was fasziniert hat, versucht habe, das jeweilige System backstage zu erkunden: Als Pfarrhofgeist, Blasmusiker und – Filmvorführersohn.
Papa hatte in den späten Fünfzigerjahren schon Filme vorgeführt, erfuhr ich damals (es muss etwa 1980 gewesen sein). Und jetzt hatte er gehört, dass sie im Volkskino jemanden suchen. Er musste nur wieder neu angelernt werden, die Nachschulung für seinen neuen Nebenjob konnte er problemlos im Biograph absolvieren. Weil er ein Familienmensch war, nahm er in kauf, samstags nach dem Hauptabendfernsehprogramm noch außer Haus zu gehen, um dort bei der geheimnisvollen Nachtvorstellung (NV) ab 22.30 das fachmännische Hantieren mit dem Filmmaterial eingehend zu studieren. Die NV wurde im Schaukasten bei der Autobushaltestelle ohne die anregenden Bilder beworben, wie es sie sonst bei Filmen wie Herbie – ein Käfer auf Extratour und sogar Bilitis gab; ja, selbst bei Schulmädchenreport 1 (1970) bis 13 (1980) wurde der interessierte Cineast mit aufschlussreichem Vorinformationsmaterial versorgt, mit kunstvoll überklebten Nippeln und Schamhaardreiecksbuschen, recht phantasieanregend auf jeden Fall. Für die NV musste man sich mit dem adjektivisch ausgeschmückten Titel (blutjung, feucht, heiß,…) begnügen, darunter stand nur noch der Text Jugendverbot. Mit Rücksicht auf den freizügig gestalteten Inhalt können keine Bilder gezeigt werden.
Natürlich interessierte sich Papa nur für die Kinovorführtechnik, und von den Filmen, selbst wenn man sie anschauen hätte wollen, konnte man pro Akt (20 Minuten) nur etwa die Hälfte sehen, in der Zwischenzeit musste der nächste Akt vorbereitet und der abgespielte zurückgespult und in der Schachtel versorgt werden, viel Arbeit auf jeden Fall. Und hören konnte man bei dem Lärmpegel im Vorführerkammerl nicht wirklich viel.
Selbst später, als Papa dann im renovierten Stadttheater spielte, konnte er mir von vielen Filmen nicht sagen, wie sie ausgegangen sind. Aber ich durfte alle sehen, es gab dort nämlich keine NV, es ist ein seriöses und familienfreundliches Kino, bis heute.
Das Biograph gibt es schon lange nicht mehr. In der Nähe gibt es aber einige Videotheken.

Wir haben ihn erreicht, den 21. Dezember. Die Winterreise ist zu Ende. Das Licht nimmt wieder zu. Ab morgen.

Packerl

(Nachtrag)

Mir fällt noch ein, dass die Packerl in den späteren Jahren immer kleiner geworden sind, und schließlich wurden die Weihnachtsfeiern der Steyrwerke ganz eingestellt. Ich glaube, der Vorwand war der Umbau des Volkskinos ins Stadttheater.
Das erklärt auch, warum es bis heute nicht so beliebt ist.

(Vielleicht hat es die Feiern aber weiterhin gegeben, ich selbst war aber ins allzu jugendliche Alter entwachsen.)

Weihnachtsfeier

Eine Weihnachtsfeier, habe ich mir lange vorgestellt, muss genau so ablaufen, wie das bei den von den Steyrwerken im Volkskino abgehaltenen Kinderfeiern war. So, wie ja auch in der Kirche alles mehr oder weniger zentral geregelt ist, wie man das richtig zelebrieren soll von (Orgelgetöse) – Imnamendesvaters bis Dankseigottdemherrn – (Orgelgetöse).
Damals hat das Werk das Volkskino für ein paar Tage für seine prächtigen Feiern reserviert gehabt. Das war noch vor dem Umbau, da gab es noch den Balkon mit ein paar Logen, und mit insgesamt über elfhundert Sitzplätzen hatten wir das größte Kino österreichs; nach dem Umbau blieben mickrige 623, dafür aber gepolsterte Klappsessel übrig, und das Haus nannte sich auf einmal Stadttheater, ein Name, der bis heute nicht ganz zu den Herzen der Steyrer gefunden hat.
Ich kann natürlich nur von den Feiern für die Arbeiterkinder berichten, die Angestellten kriegen sicher noch größere Packerl. Vorher müssen die Geschenke aber im Saal verdient werden. Links vorne an der Bühne steht so ein großer Christbaum mit großen Kugeln oben und rosaroten und blauen Girlanden, alles strahlend, majestätisch. Dann spricht ein Herr eine Ewigkeit, sicher recht wichtige Sachen, ich verstehe nur und jetzt wünsche ich euch viel Freude, aber es dauert noch, vorher kommen die weltberühmten Florianer Sängerknaben. Der Dirigent, von dem wir abgesehen von seinen kurz nickenden Verbeugungen nur das streng hinaufrasierte Genick zu sehen bekommen, hat ein speckiges blaugrünes Sakko an, wie wir es von den russischen oder tschechoslowakischen Eishockeytrainern kennen, und alles ist wirklich recht streng. Die Buben, von denen wir uns nicht vorstellen können, dass sie nicht auch aus Wachs sind, singen sicher recht schöne Lieder, das interessiert aber keinen, es wird aber trotzdem brav applaudiert, ist ja wirklich eine beachtliche Dressur, die wir da zu sehen bekommen, allerhand. Dann haben wir es überstanden, und endlich kommt der ersehnte Zeichentrickfilm von Walt Disney, lustig, und viel zu schnell vorbei.
Nach diesem aufwändigen Festakt, der dem familiären Christbaumanzünden und obligatorischen Weihnachtsliedersingen und Weihnachtenwünschen am Hl. Abend zu entsprechen scheint (da muss man durch, bevor endlich die Geschenke ausgepackt werden dürfen), stürmt alles hinaus zur Packerlverteilung, tumultartige Szenen sind das. Mama ist recht geschickt und übernimmt jedes Jahr die Schachteln recht schnell, und beruhigt können wir heimkehren. Merkwürdig, es macht uns nichts aus, dass wir mit dem öffnen tatsächtich bis zur familiären Bescherung warten müssen, jede Diskussion wäre auch zwecklos.
Aber am Hl. Abend ist klar, welches Packerl zuerst dran kommt.