Freiflug
das müsst ein wahrer vogel sein
dem niemals fiel das landen ein
ernst jandl
Undzwar gleich fliegen, wie ohne zu starten, albatrosanalog: Der spannt die Flügel in den Wind und – fliegt! … Der wahrhaft Startende denkt an kein Landen; sonst käme er nie in die Luft. Demgemäß erlaube ich mir, Brucknern heranzuziehen:
Ich bereite mich meistens nie vor
Anton Bruckner über sein Improvisieren (Brief an Th. Mann, 1870)
Freiflug schließt den Kreis meiner solistischen Arbeit. Anderes Zeug kann vorbeifliegen, das will ich gerne im freien Flug gleitend auffangen, wie es mir halt gelingen mag. Mitflieger: Sind herzlich willkommen!

Dorothea Wimmer† hat das 1999 in Lienz aufgenommen.
… es wird schon keiner nass werden. Was ich allerdings nicht, also nicht rechtsverbindlich, versprechen kann.
Meine Freiflüge haben zumeist das erkundende Bespielen von Räumen (eine lange verfolgte Übung) im Sinn. Hier darf ich zitieren:
Es wär doch schön, wenn du Räume musikalisch erobern, neu entdecken, vielleicht auch umdrehn oder wenden könntest. Vielleicht sollte es ein ›Mütter Gütesiegel‹ geben, sobald du einen Raum musikalisch auf- bzw. entladen hast, um ›Neues‹ wieder möglich zu machen. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Konzerträume, Kirchen, Säle, Bühnen oder Foyers der großen Kunsthäuser darauf warten, ein ›Mütter Gütesiegel‹ zu erhalten, um in allen Ritzen wieder eine musikalisch-spirituelle Ordnung einziehn zu lassen – so ähnlich wie ein Ausräuchern der Räume zum Jahresbeginn. ›Bespielt vom Mütter‹ sollte bald ein akustisches ›Must have‹ sein, so wie die jährliche Überprüfung der Feuermelder.
Gottfried Gusenbauer, 2015
In so einem Statement weiß ich meine Absichten (deren ich selber nicht eine jede kenne) erkannt.
SONNENSTAND. Pures Klingen im Raum.
Bertl Mütter erkundet alle Vierteljahre, zum astronomischen Beginn einer jeden Jahreszeit, einen (nicht nur) akustisch inspirierenden (Kirchen-)Raum mit seinem epischen Posaunenspiel.
Davor – es soll nicht lediglich ein »Konzert« sein – erzählen ihm befreundete Menschen Erhellendes über den jeweiligen Anlass bzw. Ort: Beim Kick-Off in der Wiener Jesuitenkirche zu Winterbeginn 2025 hat Kirchenrektor Gustav Schörghofer SJ die verschiedenen Putti-Darstellungen im Raum erläutert. Im Frühling 2026 referiert die klinische Seelsorgerin Margret Wohlfahrt Idee und Praxis der Otto Wagner-Kirche am Steinhof und setzt Texte ehemaliger Patientinnen in Bezug zu ihrer Programmatik. Zur Sommersonnwend kommt der beredte Astronom Franz Kerschbaum. (Generell sollen am Ende einer jeden Veranstaltung Ort und »Programm« der jeweils folgenden bekanntgegeben werden; das Datum ist ja stets ein fixes.)
Mein im Freiflug durchmessenes Spiel wächst aus einer musikalischen Zelle (dem Gregorianischen Cantus vom Tag oder sonstwie stimmiges Klangmaterial). Von da aus will ich zu meinen aus|cul|ta|tio|nes anheben, in die Tiefe, nach Innen, unbenennbar, weil wesentlich, pointenlos pures Sein im Klang, ein Akt der Hingabe.
21. Dezember 2025, Wien, Jesuitenkirche: »aus|cul|ta|tio|nes super RORATE«
Othmar Habeler-Bergsmann hat mich aufgenommen, so dezent, dass ich kein einziges Mal gehemmt war, das zu spielen, was und wie ich nun einmal spiele. Das habe ich denn auch getan. Sie hören Alles ungeschminkt, und anders interessiert es mich auch, längst schon, nicht mehr.

21. Dezember 2025, Wien, Jesuitenkirche. Das Bild hat Klaus Fritsch gemacht.
Auch auf Tonträgerinnen sind (solistische) Freiflüge von mir akustisch dokumentiert1:
• aus|cul|ta|tio|nes (2020)
Das (wie) systematische Abhorchen des Stephansdoms Wien, im Frühling 2020, ›in Zeiten der inneren Leere, die die Fülle selbst ist bzw. sein könnte‹.
CD ARBE 15 (2020) – Booklet
• parlando (2004)
Im Juni 2004 habe ich Peterskirche, Karner und Schlosskapelle im Stift St. Lambrecht abgehört, unter teilweise reger Anteilnahme der sie umgebenden Ornithologie.
CD ARBE 12 (2004) – Booklet
• written images (2000)
Meine spontanen akustischen Kommentare zu Bildern von Stefan Emmelmann. Die CD ist auch dem im Ritter Verlag erschienenen gleichnamigen Katalogbuch beigelegen. Aufgenommen in der Minoritenkirche Stein.
CD ARBE 8 (2000)
Stets gilt: Fragen Sie mich. Uns fällt sicher gemeinsam was ein.