
Sonnensteher, 2. Viertel (ein Bild von Klaus Fritsch usurpierend)
Wien, Otto Wagner Kirche am Steinhof
Margret Wohlfahrt (klinische Seelsorgerin): Kirchenerkundung
Bertl Mütter (Posaune): aus|cul|ta|tio|nes super DE PROFUNDIS

Michael Atteneder hat sich das ausgedacht und gemacht
Otto Wagners Kirche St. Leopold am Steinhof zählt zu den bedeutendsten Bauten Wiens. Die erste moderne Kirche Europas steht auf dem höchsten Punkt der weitläufigen Anlage eines psychiatrischen Spitals vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Wagner nahm für den Kirchenbau Anleihen bei der europäischen Architekturgeschichte, von Byzanz über das Wiener Barock bis zum Klassizismus. Die Formensprache selbst ist jedoch von historischen Vorbildern vollkommen frei, das Ornament konsequent modern. Die Verkleidung mit Marmorplatten steht für eine sparsame und zugleich hygienische Architektur – ein Anspruch, der sich auch im Inneren fortsetzt, wo die Gestaltung auf die Bedürfnisse der Patient:innen einer medizinischen Anstalt abgestimmt wurde. Zu den künstlerischen Höhepunkten des weiträumigen und hellen Kirchenraums zählen die Glasmosaikfenster von Koloman Moser. Die gesamte Einrichtung der Kirche wurde von Otto Wagner und seinem Atelier entworfen und bildet ein einzigartiges Ensemble der Wiener Moderne.
Wien Museum
Margret Wohlfahrt ist eine Freundin aus meinem theologischen Jahr (schon ein Zeitl her, 1983/84: wir dürfen von einer Lebensfreundschaft sprechen). Bis zu ihrem kürzlichen Pensionsantritt hat sie im Otto Wagner Spital auf der Baumgartner Höhe gearbeitet und kennt die Kirche dort insbesondere in ihrer ursprünglich intendierten Funktionalität, was sie beruft, authentisch über Idee und Praxis der Otto Wagner Kirche zu erzählen:
Ich setze Texte von ehemaligen Patientinnen in Bezug zu Themen der Kirche. … Wird aber auch heftig. Hälst du das aus? Ich versuche, auch was lustiges zu finden. … Heute habe ich zufällig eine Lesung aus Schwaigers Buch »Fallen lassen«, im Radio gehört. Da kam die Idee. Meine Vorgängerkollegin hat immer wieder von ihr erzählt, weil sie sie begleitet hat. … Die Kirche ist ja eine Patientenkirche und in meiner Rolle ist das immer präsent.
Einmal durfte ich bereits für die ihr anvertrauten Menschen dort spielen, und nun ist es mir gestattet, in meiner SONNENSTAND-Reihe (nach der Wintersonnwend in der Jesuitenkirche; zu der vom Sommer gibt es bereits Gespräche, und auch für den Herbst schwebt mir bereits was vor – bleiben Sie dran!) meine abhorchenden Erkundungen anzustellen. Da wir uns am Vorabend des fünften Fastensonntags befinden, ist Psalm 130 dran: de profundis (»Aus der Tiefe, o Herr, ruf’ ich zu Dir«), einer der populärsten Bußpsalmen. Von ihm aus will ich zu meinen aus|cul|ta|tio|nes anheben. Und befand sich auf dem Otto Wagner-Areal ja auch die »Jugendfürsorgeanstalt« Am Spiegelgrund.

wikimedia.org | 1971markus
Die Akustik ist allerdings extrem, eigentlich kaum bewältigbar. Nun, wir werden hören.
Eintritt freiwillig.
Spenden für den Musiker werden g r o ß z ü g i g angenommen.
Die Kirche ist bitte nicht geheizt. Es sind wohl reichlich Decken da, aber nehmen Sie doch gerne zusätzlich warmes Zeug mit. Dann halten Sie das sitzende Verweilen gut aus und können sich entspannt dem Raum im Klang – und dem Klang im Raum – hingeben.
(Kleine Entwarnung: Bei einer Begehung am 24. Februar war es thermisch durchaus recht erträglich.)



