vorbei

Es ist sehr verschieden, in die Zukunft – und in die Vergangenheit zu lügen.
Jean Paul (1799)


Samstag, 13. Juli 2024

Graz, Helmut List Halle (Start)
Fahrradkonzert (4 Turnusse)
Eine Musikreise durch Graz mit dem Fahrrad in fünf Stationen
1. Halt: Business Center Reininghaus

Bertl Mütter, Posaune
Anna Guggenberger, Tuba

Bertl Mütter (*1965)
Ohrenbrauen, für Hopfenposaune und Malztuba
Erste Gärstufe1
(Auftragswerk der Styriarte 2024, UA)

(1) Die Duodualität von Hopfen und Malz ist ohrenfällig. Dazu braucht es zümpftige Instrumente, und was ist bitte bieradäquater alswie eine Tuba – und fürs (Jahrgangs-)Pils die Posaune? … Geh bitte, muss es wirklich so plump sein!?

(2) Der sagenhafte, dem Bacchus aus allzu durchsichtigen Gründen werbewirksam gegenübergestellte Germanenkönig Gambrinus habe einst »auß Gersten Maltz gemacht / Vnd das Bierbrauen erst bedacht«, wobei ihm, weil sie grad zufällig dahergeradelt kamen, Isis und Osiris geholfen haben sollen. … Was für eine hanebüchene Erzählung! Könnten wir daran anknüpfen, indem wir Tuba- und Posaunentöne miteinander in Schwebung, Gärung, bringen? Nun denn, staunend wollen wir gewahren, was dabei – in seiner ersten Gärstufe – herauskommt, im Business Center Reininghaus, einem durchunddurch bierokratischen Ort. Isis, Osiris und, sehr dezent, Ervín Schulhoff mögen uns beistehen.

(3) Heben wir also die Ohrenbrauen, die uns sogleich wachsen und die wir (Morgensterns Tagtigall pfeift grunzend/grunzt pfeifend) der Natur vorschlagen wollen. Da ist nämlich jedwede Scham völlig unangebracht: Es ist so viel mehr Natur in uns und um uns, als wir gemeinhin meinen möchten.

(Auftragswerk der Styriarte 2024, UA)

Das wäre die Alte Tennenmälzerei. Gewesen. © E.mil.mil, Wikimedia

»Gleichgültig, ob Händel oder Robert Stolz, Mozart oder Bertl Mütter: Musik dringt direkt zum Herzen und macht jeden Widerstand zwecklos.«

… schreiben die Leute von der Styriarte doch tatsächlich als einleitendes Statement ihrer Programmvorschau zum Festival 2024, Motto: »Die Macht der Musik«. Wie ich das gelesen habe, musste ich erst einmal kräftig durchatmen: Ich meine, die haben doch ganz andere künstlerische Kaliber in ihrem Portfolio, publikumsziehendere zumal!

Bei unseren Fahrradkonzerten planen wir auch in diesem Jahr wieder ein Uraufführungsprojekt, dieses Mal bei unserem Stopp in der Tennenmälzerei in Eggenberg. Das Gebäude aus dem Jahr 1888, heute denkmalgeschützt, war ursprünglich eine Stätte zur Malzherstellung. Heute steht sie inmitten des neuen Stadtteils Reininghaus (Smart City Reininghaus) und soll dort irgendwann zu einem kulturellen und sozialen Zentrum für die Menschen vor Ort werden. Wir würden an diesem Spielort gerne ein Programm haben, das sich mit diesem Ort auseinandersetzt und das Thema Malz & Bier musikalisch aufgreift – wie immer das geht. Interessiert dich der Ort und würdest du Inspiration für ein solches Programm finden? (…) Hast du Lust und Zeit, am Samstag 13. Juli 2024 in der Tennenmälzerei zu spielen und dir ein Stück zum Thema (passend natürlich auch zu unserem Festivalthema »Die Macht der Musik«) auszudenken? Es geht dieses Mal um ein 20’ Programm, wobei du bei der Gestaltung dieses ganz frei bist. (…) Von der Besetzung her würden wir eher an ein Duo denken – beispielsweise Posaune und Tuba. Gefällt dir die Idee?
Anfrageemail, Styriarte

Nundenn, es sei! Darf’s heuer auch – wie sich darstellt undank Beamtenwillkür – nicht die ursprünglich intendierte Alte Tennenmälzerei sein, so ist auch der kurzfristig aufgestellte Raum des Business Center Reininghaus – ich hab’s mir angeschaut – veritabel inspirierend. Zudem ist die Themen- und Problemstellung auch anregend. Und mit der formidablen Anna wird das sicherlich eine runde, vergnügliche Sache!

Anna Guggenberger, Tuba. Rechts hinten: Die Ottakringer Brauerei

Alstern: Radelts her zu uns an diesen merkwürdigen Ort, wir liefern die klingende Basis, dass es nur so blasenblubbert!


Was für eine wunderbare Kollegin, die liebe Anna Guggenberger, und was für ein perfekt eingespieltes Festival-Team um Kathi Schellnegger, Irmi Heschl und Mathis Huber! Es war die pure Freude, und das – aus rein bierbürokratischen Gründen unter Einem als »Radler« zu titulierende – Publikum hat diese positiven Schwingungen denn auch voll abbekommen – und beglückendst widergespiegelt. Ein umfassendes Vergnügen: Serious fun, das kann gelingen! Danke!

Sonntag, 7. Juli 2024

Stift Ossiach
Ö1 KulturPicknick
Bertl Mütter solo

Der Carinthische Sommer gibt dem Ö1 KulturPicknick einen exquisiten Rahmen.

Ich darf mir die Stiftskirche mit dem Organisten Wolfgang Kogert (er macht Orgelführungen und gestaltet ein Programm mit der Sängerin Maria Ladurner) teilen. Mein Beitrag: Zwei je etwa halbstündige aus|cul|ta|tio|nes, Abhorchungen, dieses faszinierenden Raumes mit meiner Posaune. Dazu kurze Privatissima, bei denen ich Einblicke in meine Klang- und Denkwerkstatt biete – jenseits redundanter Fragen zu Virtuosität und Technik (die schon auch, gerne, beantwortet werden werden, kurz, denn es gibt wesentlicheres).

Ich empfehle dringend, das gesamte Angebot des Ö1 KulturPicknick wahrzunehmen, da gibt es gewissermaßen »einmal mit Alles«.

Ich freue mich besonders, dass dieser ungeheuer originelle und geistreiche Posaunist auch bei unserem Ö1 KulturPicknick am 7. Juli dabei sein und mit seinen Auscultationes die Stiftskirche Ossiach erlauschen, abklopfen und akustisch ergründen wird.
Aussendung, Nadja Kayali

Na, und wie da erst ich mich freuen darf…


… durfte ich!

Eine rundum gelungene Veranstaltung mit lauter feinen Aktivitäten unterschiedlichster Art – und ohne Top Act! Die Menschen waren denn auch rundweg zufrieden. Dass mein Publikum nach einer geglückten Performance aufgestanden ist (nicht, um sogleich den Raum zu verlassen, sondern um seine Anerkennung auszudrücken), hat mich dann aber doch einigermaßen gerührt.

Es tut gut und bestärkt nachhaltig, mit meiner Kunst am rechten Ort zu sein. DANKE!

Donnerstag, 4. Juli 2024

Retz, Schloss Gatterburg
Festival Retz – Eröffnungskonzert
Franz Koglmann Quartett
Franz Koglmann, flh, tp
Bertl Mütter, tb
Sandro Miori, saxes, afl
Peter Herbert, b

»›Ein Mord den jeder begeht‹ – Hommage à Heimito von Doderer«

(Sapperment, die haben doch glatt ein eigenes Video erstellt!)

An sich ist der Doderer ja nicht so meins. Dachte ich mir, und hatte ich ja schon drei Versuche hinter mir. ›Die Merowinger‹ sind mir allzu bärbeißig forçiert-witzig, und auf die dämonische Strudlhofstiege habe ich auch nicht so recht steigen wollen. Dann lese ich den ›Mord‹ – und bin fasziniert: Was für ein berückend perfekt (hyper-) konstruiertes Werk, als wär’s von einem Austro-Nabokov! Jetzt bin ich gespannt, wie das der liebe Franz in seinen Kammerjazz überführt.


Angewandte Dekonstruktion in bester Koglmannscher Manier. Das hochkarätige Publikum hat’s goutiert. Sagt man so: hochkarätig. War auch so, sehr, so mit Manieren, mit so Petersilmanieren, manierlich mariniert.

Im Sitzen zu spielen fällt mir schwer. Ist wohl eine Übung in ›How to get old(er)‹. Nun, vorerst ist es nur eine Übung, und vor dem Lebenswerk von Franz Koglmann darf man sich getrost verneigen. Allemal.

Montag, 17. Juni 2024

Wien, Alte Schmiede
Retrogranden aufgefrischt – 102. AutorInnenprojekt
Markus Köhle (Konzept, Moderation) prrräsentiertt:
Dominik Steiger
aufgefrischt von
Thomas Havlik, Bertl Mütter
und .aufzeichnensysteme

Im Mittelpunkt von Markus Köhles Projekt stehen österreichische Dichter*innen des 20./21. Jahrhunderts, deren Werk von Gegenwartsautor*innen mit unterschiedlichen literarischen Ansätzen beleuchtet, weiter- oder umgeschrieben wird.
Diesmal geht es um den Dichter, bildenden Künstler und Ad hoc-Musiker Dominik Steiger (1940–2014). Der Band (mühelos) STÜSSELCHENS (Ritter Verlag, 2020) mit Prosaminiaturen aus dem Nachlass beinhaltet Betrachtungen, Rückblicke, Wunschprojektionen und Schreckensvisionen des »Tagtraumarbeiters« und bildet den Kern des Abends. Künstlerisch vielfältig aufgefrischt werden zudem abra palavra (2004), mon dieu es geistert (2007) und spuk & geflunker (2014). Es wird Soundpoetry-Collagen, Live-Impro-Musik und vor Ort entstehende Bilder geben.
Markus Köhle

Thomas Havlik, *1984; Autor, Sprach- und Performancekünstler, Soundpoet. Zuletzt, u.a.: Dalí schreit Hochalpen. Gedichte (2021).
Bertl Mütter komponiert musiklaboratorisch vom Solo bis zum Musiktheater. Sein exklusives Instrument ist das MUT!HORN-SL von Schagerl.
.aufzeichnensysteme // Hanne Römer, *1967; .aufzeichnensysteme bezeichnet eine Schnittstelle von Literatur, visueller und auditiver Kunst als Konzept/Autor*innenschaft von Hanne Römer. Zuletzt u.a.: RAUTE (2021).
Markus Köhle, *1975; Autor, Slam-Poet, Redakteur der Zeitschrift DUM. Zuletzt: Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts. Roman (2023).


Ein im besten Wortsinn komplementärer Abend (hochkomplementär nachgerade): Drei dichte Dichtperformances. Mir fiel der dritte Part zu, was kurzfristigste Zusatzinspiration bot, die ich leidlich nutzen konnte. Die anwesende Lebensgefährtin des Retrogranden bedeutete mir, dass Dominik Steiger – und der sei heikel gewesen – über meine Darbietung/Interpretation sehr erfreut gewesen wäre. Na dann (oder sagt man »Na denn«?) …

Die Randständiges ermöglichende Bedeutung der Alten Schmiede kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Und: Ein Extradank dem geschmeidigen Moderator (er ist auch in dieser Rolle viel mehr als das) Markus Köhle! Nachgereicht noch, wie der liebe Markus mich angesagt hat:

Bertl Mütter ist Poesieposaunist, literaturzertifizierter Improvisationsvirtuose und in der literarisch-musikalischen Speisekarte ist er das nachhallige Trombone-Steak.
Markus Köhle

Da haben wir ihn also, den Salat.

Freitag, 7. Juni 2024

Steyr, Margaretenkapelle
Lange Nacht der Kirchen

Steyr 1548 (Ausschnitt). Foto (vom Bild): © Martin Kučera.

(1) 19:00 & 20:00
SAID: »ich, jesus von nazareth«
Bernhard Schmalzel
,
Lesung
Bertl Mütter, Posaune

Ich mag einfach nicht, diesen Jesus von Nazareth auf ein Kruzifix an die Wand zu nageln, wie man einen Schmetterling annagelt. Ich gebe ihm die Kraft, die er ausgestrahlt hat. … Er bringt Unordnung! Solange er am Kreuz hängt, bringt er keine Unordnung. … Er bringt das Gewitter mit. Die Kirchen tun das ja nicht. Sie haben eine Aspirin-Funktion. Sie beruhigen hier und dort. Die Figur des Jesus von Nazareth aber ist anarchisch bis dorthinaus! Denn ich bin gekommen, die Menschen zu erregen, sagt er. Das ist Rebellion pur! Aber gepaart mit diesem legendären Satz: Liebe! Nicht Hass, nicht Rache! Was wollen Sie mehr?
SAID (1947-2021)

(2) 21:00
»Die Posaune wird erschallen, «
Bertl Mütter, Posaune

O Ewigkeit, du Donnerwort. Entreißen wir doch dieses – zumindest Posaunenspielern wohlklingen(müssen)de – Zitat zwischenzeitlich seiner Isolation, vielleicht wird es dann fassbarer:

Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden – plötzlich, in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall. Die Posaune wird erschallen, die Toten werden als Unverwesliche auferweckt, wir aber werden verwandelt werden. Denn dieses Verwesliche muss sich mit Unverweslichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit. Wenn sich aber dieses Verwesliche mit Unverweslichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod vom Sieg.
1 Kor 15,51-54

σάλπιγξ (sálpigx) – Posaune; Posaunenschall
gebildet aus: σάλος (sálos) – Woge
Lemma

Starker Tobak, nicht?

Zur Güte: Die Unverweslichkeit will ich – es ist genug – vermittelst möglichst inspiriert in den Raum gesetzter akustischer Wogen (σάλοι) allegorisieren. Wer dafür letztinstanzlich zuständig ist, dies einzuschätzen sei eines jeden Privatsache. (Meinen Instrumentenbauer jedenfalls, den kenne ich persönlich.)

Jetztaber wolln wir das so wuchtig umkleidete Zitat wieder freilassen, und beachten wir diesmal insbesondere das Satzzeichen am Ende:

Die Posaune wird erschallen,

so können wir anfangen,


Eine runde Sache. Der Raum der Margaretenkapelle fordert heraus, ist über die Maßen klar, brutal fast; jedoch ihn zärtlich zu bespielen kann glücken. Beglücken.

Brucknerbriefing

Briefe & Posaunentöne von, über & Anton Bruckner1
Bertl Mütter, Lesung mit Posaune

Ich glaube, die Bruckner-Briefe beziehen ihren Reiz, eine merkwürdige unfreiwillige literarische Qualität und eine gewisse Komik durch die bürokratische Auflistung des Alltäglichen.
Karin Fleischanderl an Bertl Mütter, um Leopoldi 2023

Bürokratisch correctes Fasten in modo A. BruckneriTranskription

Bruckner aus seinen Briefen2, und ein paar an ihn; erstaunlicherweise hat er selber kaum was aufgehoben. Es ist ein ständiges Ringen um zumindest minimal erträgliche Lebensbedingungen, die er beeindruckend planvoll rein für die Entwicklung seiner Kunst beansprucht, erstaunlich eloquent und (beinahe3) völlig inkongruent mit dem so unselig forterzählten Dictum »Bruckner, ein einfältiger Mensch, halb Genie, halb Trottel«4. Brucknerbriefing erzählt, gliedernd unterbrochen von signalartigen posaunistischen Aneignungen, über Bruckners Entwicklung vom Hilfslehrer, konsequent studierenden Orgelvirtuosen und Improvisator zum letztlich breit akklamierten Großkomponisten, dem es – entgegen dem Bedürfnis seiner Zeit nach Genies5 – nie um seine Person zu tun war, sondern einzigundallein um die Perfektionierung seines eminenten Talents in seinem Werk. Die populäre Reduktion auf Bruckner als einen merkwürdigen Kauz greift da nicht nur zu kurz, sondern völlig daneben.

Anton Bruckner x 2, sog. Bischofszimmer, Stadtpfarrhof, Steyr, 21.12.2023

Brucknerbriefing ist keine philologisch aufbereitete Informationsveranstaltung mit Musikumrahmung, es bietet vielmehr eine Bruckner-Essenz, gegliedert wie folgt:

0. Teil: Bruckner und…: (jeweiliger Ort bzw. Anlass)6
1. Teil: »Hochwohlgeborner, hochverehrtester Herr Hofkapellmeister!« – Anreden (staccato)
2. Teil: »Ich habe hier gar keinen Menschen, dem ich mein Herz öffnen dürfte« – Klagen
3. Teil: »Der Gefertigte wiederholt ehrfurchtsvollst seine unterthänigste Bitte« – Bitten
4. Teil: »Ich habe nur die mündlichen Urteile von den Sachkundigen in einer Weise für mich, worüber die Bescheidenheit mir zu schweigen gebietet« – Erstaunliches Selbstbewusstsein und Netzwerkarbeit
5. Teil: »Danke Dir für das herrliche Fleisch.« – Dank
6. Teil: »Aufs tiefste ergriffen und im höchsten Gefühl der Freude« – Zwei Briefe an König Ludwig II. von Bayern
7. Teil: »Indem ich mich Ihrer ferneren Huld und Gnade empfehle« – Schlussklauseln (1852–1886; staccato)
8. Teil: »Dr Anton Bruckner küßt Frl Helene herzlichst die schönen Händchen für Ihre Liebenswürdigkeit« – Schlussklauseln (1887–1896; legato)
9. Teil: »Winter-Reisekappe aus schwarzer Wolle verloren.« – Zwei specielle Curiosa
10. Teil: »hochllebwolf!« – Finales

TonAnTon, eine trombonautische Bruckner-Immersion, rundet (ehklar, eiernd) das Brucknerbriefing sinnlich ab.


NB: Wer sich das Vortragsmanuskript der Steyrer Uraufführung zu Gemüthe führen will, kann es sich hier (submissest, stricte zu deroselbig höchstprivathem Gebrauche; kostenfrei für den Empfänger) gerne herunterladen.


Uraufführung
Samstag, 18. Mai 2018
Steyr
, Stadtpfarrhof (Garten) und Pfarrkirche zum Hl. Ägidius & Koloman
Literaturtage Steyr (Matinée)

Hier schuf Dr. Anton Bruckner in den Ferienmonaten der Jahre 1886-1894 seine letzten großen Werke.
Seinem Ehrenmitgliede: Der M.G.V. »Kränzchen«

Gedenktafel am Stadtpfarrhof Steyr (1908)

Steyr 1548, nach dem Brand (1522) wiederaufgebaut: links Pfarrhof samt (davor) Garten. Foto: Martin Kučera.

(…) Einen extragroß aufgezoomten Steyr-Schwerpunkt mit dem Material zu machen, das sollten wir nicht bedienen; dennoch sind natürlich gewisse Steyr-Bezüge zu servieren, weil es sind da schon einige Gustostückerl unter Bruckners Briefen.
Bertl Mütter an Karin Fleischanderl, um Leopoldi 2023

Uraufführungsnotiz

Der selbst ausgewiesenen Steyrkennern kaum bekannte Garten des Pfarrhofs der gotischen Stadtpfarrkirche Steyr war bis kurz vor dem ersten Brucknerbriefing noch eine regelrechte Gstättn, aber sie haben ihn rechtzeitig so herausgeputzt, dass er sich für eine weitere kulturelle Nutzung eindrucksvoll empfohlen hat. Ich habe mich vor der Mauer postiert, hinter mir Margaretenkapelle und Stadtpfarrkirche, eine eindrückliche Perspektive – und das bei veritablem Kaiserwetter. So wurde dem interessierten, zahlreich erschienenen p.t. Publico ein neuer Ort erschlossen, und das gleich neben der Schwechater, wo im Anschlusse ein herzhaftes Mittagessen in commemoratione Antonii Bruckneri eingenommen wurde.

Karin Fleischanderl und Bertl Mütter beim Brucknerbriefing. Foto: Peter Grossauer.

Danke Klaus-Peter Grassegger und seinem Team von der Pfarre zum Hl. Aegidius & Koloman für ihre bei sämtlichen Anliegen hilfsbereite Gastfreundschaft. Und Karin Fleischanderl, Gustav Ernst und und und …
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Samstag, 11. Mai 2024

St. Johann im Pongau, kultur:plattform
Ort des Gedenkens – Eröffnung
Mieze Medusa und Markus Köhle, Spoken Word
Bertl Mütter, Posaune

Im Rahmen dieser Eröffnungsveranstaltung wird das temporäre Kunstprojekt Was geht zuhause vor von Tatiana Lecomte präsentiert. Es greift zentrale Forschungen der Projektgruppe auf und initiiert damit auf zweierlei Weise eine Auseinandersetzung mit der Geschichte: Ein Jahr lang erscheinen in den Pongauer Nachrichten monatlich Beilagen, die wie Rezeptkarten zum Sammeln gestaltet sind und auf irritierende Weise mit dem Unterstützungswiderstand von Theresia und Alois Buder für den Kriegsdienstverweigerer Karl Rupitsch verknüpft werden. Darüber hinaus wird die Künstlerin markante Zeichen im Stadtraum setzen, die in die Un/Sichtbarkeit nationalsozialistischer Hinterlassenschaft intervenieren.

Nach der auch künstlerisch sehr gelungenen Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung in Salzburg im April 2023 ist es das zweite Mal, dass uns Albert Lichtblau gebeten hat, uns dem monströsen Thema ›Verfolgung und Widerstand‹ zu widmen.

Eine Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Orte des Gedenkens.

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Eine hochgradig berührende Veranstaltung in einem erfreulich übervollen Saal. Zum Abschluss gab es die Enthüllung zweier Gedenktafeln im Ort, dazu die Benennung einer Brücke, Symbol der Verbindung über Abgründe hinweg.

Und das Spiel(en) mit Mieze Medusa und Markus Köhle darf schlichtweg als traumwandlerisch bezeichnet werden. Große Kunst mit Botschaft.

Freitag, 3. Mai 2024

Fels am Wagram, Weingut Wimmer-Czerny
WeinKult 23

Das hat Markus Lidauer bereits 2012 photographiert: Was für eine Kontinuität!

Alle Jahre wieder, heuer zum dreiundzwanzigsten Mal!


Armin Thurnher, Elogen & Elegien
Mieze Medusa
Markus Köhle, Spoken Word

Rina Kaçinari, Violoncello
Sascha Lackner
, Kontrabass
Christoph Cech
, Wurlitzer, Schlagzeug
Bertl Mütter, Posaune; Conférence

Hans Czerny, Winzer

Der WeinKult 23 ereignet sich im 24er-Jahr, und bekanntlich ist 23 eine Primzahl: Dieses Fest sollen wir dringend teilen, am Podium zu siebt. Fangen wir mit der (lediglich die äußere Form betreffend) unterschiedlich zeitgemäßen lyrischen Wortdreifaltigkeit an. Armin Thurnher (ja, der! – wir dürfen ihn getrost einen Doyen des österreichischen Journalismus nennen), als ich ihm vorschlug, seine Beiträge mit ›Betrachtungen‹ zu apostrophieren, meinte, freundlich-lapidar »vielleicht wird’s auch was Poetisches (bei Czernin erscheinen demnächst meine gesammelten Elogen und Elegien…)«. Auf andere Weise lyrisch, jedoch mit Thurnhers zunehmend altersweiser Unverblümtheit in größter Sympathie agieren Mieze Medusa und Markus Köhle, diese unermüdlichen Mentor:inn:en, wenn es gilt, junge Menschen (ältere auch) zu ermuntern, auszusprechen, was nun einmal auszusprechen ist: Spoken Word! Da werden sich wohl auch spontan zündende Interaktionen mit der Musik-Combo ergeben…

Diese konstituiert sich bekanntlich jedes Jahr erst beim Eintreffen der Geladenen, stets ist es das ›Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande‹ (um es mit Beethovens ›Pastorale‹ zu sagen): Bei der vehementen Präsenz Rina Kaçinaris am Cello bewegen sich aller Mundwinkel sogleich unwillkürlich nach oben, man nennt es Lächeln – wenn einem nicht der Mund offensteht vor so viel stupender Musikalität! Sie tritt in Dialog mit unserem mittlerweile wohlvertrauten Freund Sascha Lackner (Kontrabass, er ist bereits zum achten Mal dabei), Christoph Cech (an Wurlitzer samt Schlagzeug, sein 21. WeinKult) und unserem Hofintendanten Bertl Mütter.

Im Mittelpunkt steht der Wein1 und all die anderen Köstlichkeiten vom Hofe der Czernys2, fast möchte man sagen: Mit so einer Unterlage sind die künstlerischen Höhenflüge, die unser p.t. publico erwarten darf, kein Kunststück mehr. Am wichtigsten aber sind die persönlichen Begegnungen, zu denen es beim WeinKult quasi barrierefrei kommt, die gemeinsame Freude, dass die warme Jahrezeit so fein beginnt. Wie heiß es wird, wird sich weisen…

Vonseiten der Intendanz steht dem Symposion nun also nichts mehr im Wege.

Markus Lidauer hat 2012 auch das photographiert.

(Der WeinKult ist ja nachgerade das ideale Symposion: Zuerst gibt’s einmal was zu trinken. Dann wird gespielt, daraufhin wird gegessen und getrunken, dann gespielt, woraufhin getrunken und gegessen wird, daraufhin spielen und lesen die Künstler:innen wieder und unmittelbar darauf gibt’s was Gutes zu essen, und zu trinken ist auch noch genug da und so weiter: Wir achteln uns hinauf, alle sind wir illuminiert, aber keine:r angesoffen, und das nennt man angewandte Trinkkultur.)

Der Rote Veltliner – nicht nur von Gault & Millau prämiert!

Herzlich willkommen!

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Anstatt eines – immer unglaubwürdigen, da von mir selbst verfassten – Rückblicks empfehle ich Armin Thurnhers Seuchenkolumne von Montag, dem 6. Mai 2024. Mit Zustimmung des Autors darf ich die weinkultrelevanten Absätze hier präsentieren; aber lesen Sie auf jeden Fall auch den zweiten Teil der Kolumne, wie überhaupt seine stets erhellenden Wahrnehmungen und Kommentare: Abo empfohlen. Nun aber die Thurnhersche Nachlese des 23. WeinKult vom 24er-Jahr.

Was für ein Wochenende! Es begann am Freitag mit einem Besuch beim Weingut Wimmer-Czerny in Fels am Wagram, bei einem Demeter-Weinbauern, der Gewächse von erlesener Qualität produziert und die Saison mit einem Event eröffnet. Seit 23 Jahren erledigt das der Hofintendant, wäre ich ein FPÖ-Büttel, würde ich sagen, der selbsternannte Hofintendant Bertl Mütter mit Kollegen. Mütter ist nicht nur ein Posaunist von Gnaden, er besitzt Wortwitz in reichem Maße und beweist das, wenn er die von ihm zusammengestellen Ereignisse moderiert. Diesmal lud er nicht nur seine Musikerfreunde, etwa den Pianisten und Komponisten Christoph Cech, die Cellistin Rina Kaçinari und den Bassisten Sascha Lackner ein, sondern für die Wortbeiträge auch die Poetry-Slammer Mieze Medusa und Markus Köhle sowie mich.

Die vier improvisierten sich elegantest und teilweise einander in Minimalismus unter-(oder über-?)bietend durchs Programm, es war von genialer Sparsamkeit und doch auch wieder üppig, dank Posaune, fallweise gestrichenen Streichinstrumenten und Cechs warm klingendem alten Wurlitzer und einem mit der anderen Hand von ihm gespielten Pearl-Schlagzeug von 1972, samt eingebauten Anspielungen von Schostakowitsch bis Sonstwo, die niemand mitbekam. Von den verwendeten, Enkeln entwendeten Tröten, Flöten und Melodicas gar nicht zu reden.

Die verbalen Überleitungen Mütters gerieten ebenso spontan wie die musikalischen, und auch die Raps wurden live mit Musik unterlegt, sodass Frau Mieze sagte, noch nie habe ihr ein gewiss schon das eine oder andere Mal vorgetragene Gedicht so viel Spaß gemacht wie an diesem Abend. Ich durfte einschlägige Hexameter und Perlen aus der Staatsoperette vortragen, mit dem Akzent auf N wie Niederösterreich, also Nehammer, Nitsch und Nobotka, und auch mir machte es großen Spaß, Sechsfüßiges und Bocksbeiniges wenn auch unbegleitet unter die Menschen zu bringen.

An den Wänden hing wie immer Kunst. Die Zwischenakte leitete der Hofintendant ein, indem er ein Holzgäbelchen hob, was bedeutete, die etwa 70 Gäste begaben sich zum Buffet, um köstliche Kleinigkeiten – wie Rindsuppe ohne Suppe –  abzuholen und zur Schank, um das Sortiment des Winzers durchzukosten, was beides die Stimmung nicht unbedingt senkte. Es war kalt, aber Decken und die ökologischsten Heizschwammerln der Welt halfen uns über die Runden. Das Tor zur warmen Jahreszeit wurde hiermit würdig aufgestoßen!

Dass der ganze Event seinen Anfang mit einem kleinen Artikel im Falter genommen hatte, erfuhr ich am Rande: Mütter las von Wimmer-Czernys Weinen in der Rubrik »Weinwerter Preis«, sah sich den Hof an, und der Event war geboren. Auch Ihnen kann ich einen Besuch nur empfehlen, Hausherr Hans Czerny erklärt Demeter-Wirtschaft kenntnisreich und brimboriumlos, seine Weine sprechen für sich.

Armin Thurnher, Seuchenkolumne, 6. Mai 2024


WeinKult 24 ereignet sich am Freitag, 2. Mai 2025. Langzeitplanende können es sich bereits in den Kalender schreiben, und wir, wir arbeiten bereits mit Hochdruck dran. Und voll völliger Vorfreude, das sowieso – jedes Jahr noch mehr!

Montag, 11. März 2024

München-Schwabing (D), waAb1

Hochwolgeborner Herr
Stadthalterei=Rath!
Der Erfolg in München war der höchste meines Lebens. Ein solcher Enthusiasmus war in München nie, wie man mir sagte. Kritiken ausgezeichnet. Neueste Nachrichten, süddeutsche Presse besonders.
Anton Bruckner an Moritz von Mayfeld, Linz, 12. Mai 1885

(Fragen Sie mich und Sie können was erfahren.)

Sonntag, 10. März 2024

München-Schwabing (D), waAb1

Unaussprechbar! – unbeschreiblich! – nicht vergeltbar!
(…)
München, mein künstlerisches Heim! Wie danke ich Gott dafür!
Anton Bruckner an Hermann Levi, München, 10. April 1885

(Fragen Sie mich und Sie können was erfahren.)