kafkas originalorthographie erst lässt seine unerhörte musik der sprache vollends erstehen. der rhythmus seiner beistrichsetzungen, die altertümliche dehnung etwa beim wort gieng (undzwar nicht durchgängig, wohl je nachdem, wie schnell die bewegung ist), und überhaupt das hineinwuchern dieser minimalen nuancen der sprechsprache, all das kommt daher wie safran oder trüffel, feinste dosierungen, spürbar, aber – was für ein glück! – nicht messbar.
besorgen sie sich das original, die zwölfbändige ausgabe im fischer taschenbuch verlag etwa, die in ihrer gesamten textgestalt der handschrift folgt. unerträglich, dass in den üblichen editionen alle sogenannten fehler corrigirt und somit gerade diese feinnervigen klänge, elfenmusik, eliminirt werden.
mütterlog
Es ist sehr verschieden, in die Zukunft – und in die Vergangenheit zu lügen.
Jean Paul (1799)
wetterfühlig (2)
zum wochenende hin würde sich das wetter schon wieder einrenken, das angeberwetter vom april schien also endgültig vorbei, gutso.
(angeberwetter: von abseits der hauptsaison aus dem allinklusiven süden pauschal heimgereisten in der staunenden nachbarschaft mit lässigem unterton berichtetes wetter, das in dem die daheimgebliebenen ins schienbein tretenden triumphierenden satz am abend brauchst aber schon ein westerl gipfelt.)
wetterfühlig (1)
zum wochenende hin würde sich das wetter wieder auf sein vom langjährigen durchschnitt vorgeschriebenes maß einrenken, kündigte die wetterdame an, die trotz ihrer jugendlichen stimme signalisierte, diese langfristigkeit persönlich erfahren haben zu können, und der geschichtslehrer war ja auch noch mit den bayloniern, jedenfalls aber mit den römern bekannt gewesen; die wettererinnerung aber ist, abgesehen von als singulär wahrgenommenen ereignissen (jahrtausendfluten und -stürme, die, wie die längjährige beobachtung zeigte, keine solchen waren) eine kurzfristige war. umgekehrt aber vermeinte er (völlig zu recht) eine authentische vorstellung von den schneereichen wintern und den herrlichen sommern der kindheit seiner eltern im krieg zu haben.
bei afrikanischen stämmen (und die kennen sich mit dem wetter aus) begegnet man dem glauben, dass ein mensch erst dann wirklich tot ist, wenn auch der letzte von denen gestorben ist, die ihn gekannt haben und sich an ihn erinnern können. seine eltern lebten zum glück noch, und da auch er sich guter gesundheit erfreute, durfte man hoffen, dass jene winter und sommer noch lange auf der welt bleiben würden. man müsste sie sich halt immer dann, wenn man sie brauchte, vergegenwärtigen können.
mit etwas gutem willen war aber auch das zu schaffen, stellte er sich vor.
Korrelation (3)
(Noch einmal zurück in den Norden, d.h. in den eisigen Luftraum zwischen Stockholm und Wien an jenem zweiten, dem Servatiusnachmittag.)
Als die Chefstewardess, zuerst auf schwedisch (vermutete er), dann auch englisch den bevorstehenden Bordverkauf ankündigte, rüttelte es das Flugzeug kurz durch.
Er kaufte nichts, wie immer.
Korrelation (2)
Die Eisheiligen waren vorbei, und sie hatten den Salonanteil ihres Namensinhalts aufs glaubwürdigste bewettert, gelati, gelati! jetzt aber würde es kühler, mit Regen, sagte der Radiosprecher bei den Mitternachtsnachrichten zum Tag des kalten Sopherls.
Als er zwei Tage vorher aus der Birkenstadt in den polnahen Regionen heimgekehrt war, musste er bemerken, dass sein Kühlschrank eines dringenden Klimasturzes bedurfte, also sorgte er für ein plötzliches Abschmelzen seiner Polkappen, wodurch der Wasserstand dramatisch anstieg; der einsetzenden Flut wurde er durch geschicktes Plaçieren saugfähiger Wettextücher ausreichend Herr.
Sein Tauwerk war ihm nicht zuletzt deshalb so gut gelungen, weil der Abend des Enteisens jener des zweiten Eisheiligen, Servatius, war. Und der Kühlschrank war ein handelsübliches Zweisterneprodukt, stellte er zufrieden fest.
Korrelation (1)
Nein, natürlich war er nicht abergläubisch. Aber das mit der Sonnenbrille gab ihm doch zu denken. Sie mitnehmen bedeutete, sie nicht zu benötigen; sie zu vergessen, blinzeln müssen. Zuletzt war er gar so vorgegangen, dass er sie absichtlich, ja, absichtsvoll vergaß – bei schlechtester Prognose genossen sie vier Sonnentage, ringsum Sauwetter (übertrieb er wissentlich). Diesmal brach er bei zauberhafter Morgenröte auf, und es gab auch tatsächlich ein Wochenende mit strahlendstem Müttertagswetter, ganz so, als hätte man sämtliche Sonnenbrillen außer Landes verbracht, und er wusste auch, wohin: nach Schweden (seine war ihm ins Handgepäck hineingerutscht, auf der Reise zur bottnischen Küste.).
Aber siehe, Ausnahmen bestätigen die Regel. Sonne, Sonne, Sonne. Und um drei in der Früh schalteten sie in Umeå die Straßenbeleuchtung ab.
Schon gut, dass er seine Sonnenbrille dabei hatte.
freigiebig
und wie wär’s, bei sehr gutem verdienst und überkomplettem, nicht wirklich armutsgefährdetem haushalt, mit einem im sinne der jubilare bitten wir, von kranz- und blumenspenden abzusehen und das dafür vorgesehene geld auf folgendes spendenkonto zu überweisen. bitte auf den einzahlungsschein bzw. im sonstigesfeld des elba-auftrages (jaja, raiffeisen!) den vermerk „ignaz seipel ins positive gepolt“ eintragen.
bittedanke vielmals.
hoffte er, stellte er sich vor.
Altersgeil
Eine sachdienliche Koordinationsstelle, an die man sich wenden konnte bzw. sollte, wollte man kreative Einlagen einlegen, stand auch noch auf dem silbernen Billett. Sogleich fühlte er sich angesprochen, aber leider, am bevorstehenden Jubelfest konnte er nicht, beim besten Willen nicht, neinnein, schade o.
Sein Trost, dass er bereits gut vierzehn Monate vorher eine kreative Einlage beisteuern hatte können, war gering. Eigentlich eine originelle Idee, zweimal zu heiraten, noch dazu in einem solchen Abstand. Wo sie aber zuletzt ihre Hochzeitsliste aufgelegt hatten, konnte er sich nicht mehr recht erinnern; er würde jedenfalls warten, bis sie im Geschenkskorbalter ankommen würden, gewissermaßen vom (elektronisch beringten) Saturn zum verdammtharten Merkur, und darunter, der Beste sein zu müssen, tat man es ohnehin nieundnimmer.
Essen, hieß es ja, sei der Sex des Alters. Es würde nicht mehr allzu lange dauern. Undaberauch dieses Genießen setzte eine gewisse Sinnlichkeit voraus. Schwierig, schwierig, stellte er sich vor.
geil
(einmal noch, wenn auch am rande, zu schweden)
beim durchlesen der hochzeitsannonce kamen ihm unwillkürlich sämtliche monty-python-sketches in den sinn, in denen michael palin den idealtypischen buchhalter ein für alle mal (und unüberbietbar) kreiert hatte.
hinten am umschlag dann der verweis auf die so praktische wie unvermeidliche liste bei einem unternehmen, das über sich veröffentlichen ließ besondere aufmerksamkeit gilt vor allem den hochzeits und geschenklisten. denn was gibt es schöneres, als dem hochzeitspaar oder dem jubilar zu schenken, was sie sich wirklich von herzen wünschen. weiters erbat man sich gutscheine eines mà¸belherstellers und einer elektronikgroßhandelskette, geiz ist geil schien umfassend zu gelten, stellte er sich vor.
kreativ
was haben wir uns unter einer kreativen einlage vorzustellen?
könnte der ausdruck aus dem bankwesen kommen? aus der orthopädie? damenhygiene?
unschlüssig flog er nach schweden, vielleicht würde ihm dort mehr dazu einfallen.
Markierung, saisonal
(Passend vor der kurzen Reise nach Umeå; da sind sie wohl jetzt etwa so weit, hoffe ich.)
14. April, wieder einmal im Zug von Salzburg nach Wien. Genau in der Einflugschneise, wo knapp vor dem Erreichen der Landebahn des Flughafens Linz in absteigender Höhe Signallichter aufgestellt sind, blüht in sattem Gelb der Löwenzahn.
Wie machen die das zu den anderen Jahreszeiten? Eine spannende Aufgabe für die hörschinger Floristen, stellte er sich vor.
leben und werk (3)
was die jetzt lebenden betrifft, so nehme ich mir aber heraus, lieber mit denen zu tun haben zu wollen, die möglichst in beiden bereichen erfreuliche zeitgenossen abgeben, es gibt etliche davon, auch persönliche freunde sind darunter, ehklar.
ein gegenbeispiel: wenn du, kollegiales publikum bei einer gruppalen präsentation während ihrer lesung kollektiv angeschnauzt wirst, alles hat in bierernster kunstandacht habtacht auf der sesselkante zu verharren, atmung und herzschlag sind einzustellen, worauf ein strafendes ich weiß nicht, es ist so unruhig hier, ich darf doch um etwas konzentration bitten folgt, dann ist das zum weinen (inwendig, versteht sich, um nicht zu stören). dass die selbe person an diesem abend bei den auftritten der kollegen für plaudernde unruhe sorgte, ist eine müde müde pointe.
ich bleibe dabei: kultur, zivilisation äußern sich in leben und werk. das werk allein kann ich mir später immer noch anschauen, statistisch sollte es sich ausgehen, wenn ich will.
leben und werk (2)
und dann umgekehrt: misanthropen, die selbst bernhard für eine figurvorlage als zu überzeichnet abgelehnt hätte, schufen ein werk für die nachwelt, ein geschenk an die menschheit. natürlich stimmte das. nur tat er sich beim annehmen dieser opera leichter, wenn sie (die schaffenden) bereits abgetreten waren. wer weiß, ob ihm (eine unüberlegte undalso sehr oberflächliche aufzählung) beethoven, brahms, mahler, schubert, gar hugo wolf, stifter, nabokov oder eben bernhard himself sonderlich sympathisch gewesen wären, stellte er sich vor.
leben und werk (1)
es ist eine alte geschichte: ich darf künstler und werk nicht gleichsetzen. ich darf künstler und werk nicht gleichsetzen. (100 mal schreiben, setzen.)
oft schon hatte man es ihm gesagt, allein: es fiel ihm schwer. aber, bei aller gutgläubigkeit, er musste dran glauben: etliche etwa waren grundsympathische, menschenfreundliche zeitgenossen, wurden, zu recht, sammasieahlich, zeitlebens verkannt und erreichten nur volksbank- oder heimathausniveau, immerhin, aber schade, leider.
security locked
das rad, es dreht sich weiter, und ich würde zu gerne eine weitere phantastische liste hier veröffentlichen. nämlich jene der häufigsten/lustigsten/merkwürdigsten losungswörter, welche die sparbücher unserer schönen republik zu eröffnen die macht haben.
ich werde bei gelegenheit einmal mein mir etwas abhanden gekommenes nichtsalsentzückendes bankengerl befragen, völlig unverbindlich, versteht sich. denn was wäre schon dabei, losungswörter ohne das zugehörige büchl preiszugeben, die bankomatcodes (als gesamtes von 0000 bis 9999) sind ja auch allgemein bekannt, oder?
locked in (7) – erg. 0604 (2)
es ist ja nicht so, dass nur ich in der welt herumkomme, und so passiert es immer wieder, dass mir gute freunde, die von ihnen vorgefundenes zwangsweise mit mütterlogeinträgen in verbindung bringen (brainjump allüberall), dies mitteilen. hier handelt es sich um april 2006. m. etwa hat schon etliche weitere gefährlich namensoriginelle haarabschneider aufgespürt, sie kann, vermute ich, keine neue ortschaft betreten, ohne auf das nächstgelegene friseursalonsportal (sie selbst markiert sich ihre haare eigenhändig, pumucklrot) einen blick zu werfen, ob er sich zur erwähnung allhier eigne, und ich komme dem dadurch nach, dass ich, in der regel kommentarlos, die am 7. april 2006 hier veröffentlichte liste entsprechend ergänze. wenn m. physisch unterwegs ist, so ist z., abgesehen von gelegentlichen humanitären einsätzen in ostadriaeuropa (link) und als fotograf (mir gefällt ja photograph besser; diese schreibweise aber bin ich seinem vornamenseff schuldig) bei jugendkulturkonzertveranstaltungen, vorwiegend virtuell auf streife, das allerdings aufs effizienteste: ich verneige mein kahles haupt vor dem friseurnamenhomepagescout z., allerdings nicht ohne zu argwöhnen, ob diese website nicht erst frucht einer mütterlogrecherche war. da aber große gedanken, einmal auf der welt, nicht mehr ausgerissen werden können (um im figarosprech zu bleiben), will ich gerne die spontanentstehung dieser löblichen internetadresse glauben. trotzdem, es sei gesagt, schätze ich ms. methode, stets nur einzelne früchte einzubringen, nicht zuletzt wegen ihrer mühe, mindestens ebenso hoch, droht dadurch ja auch keine überdosis friseurpoesie, worauf aber gar nicht genug geachtet werden kann.
locked in (6) – erg. 0604 (1)
als regelmäßiger leserin wissen sie, dieses mütterlog ist ihm zu guten teilen gewidmet bzw. geschuldet: brainjump, leidernochnichtolympische disziplin für jene, die nicht anders können, weil das hirn goraso hupft, dieses unwillkürliche synapsengewitter, das entsteht, wenn die sternenstaubgleich permanent auf einen niederprasselnde information mit gespeichertem abgeglichen wird, werden muss, nach den unterschiedlichsten kriterien noch dazu.
soviel grundsätzliches also zum titel meines heutigen beitrags. bis morgen, wo der selbe titel samt ordnungszahl (7) bzw. (2) als überschrift erscheinen wird, können sie raten, wohin das hirn gesprungen ist. einstweilen mögen sie den april 2006 auf auffälliges untersuchen. ansonsten heiß es: mitternacht lüftet sich das geheimnis von selbst. aber siehe, auch das ist nur scheinbar. Â
locked in (5)
für die nächste jahreszusammenkunft der anonymen klaustrophobiker könne man das lawoghaus in der unionstraße jedenfalls wärmstens empfehlen, stellten sie sich bei ihrem verspäteten bier vor.
beim heimkommen dann nahmen sie den aufzug; man entschied sich, nicht auf die anderen zu warten.
locked in (4)
mense maio milia
susurrunt per folia
wilhelm busch, max et moritz (dolus quintus)

… als der bicycle repairman der firma schindler in müder routine die tür von außen aufmachte, schwirrten alle aus wie die maikäfer, es musste ausgesehen haben wie die berühmten 19 japaner im käfer.
[morgen abend: schubert:winterreise:muetter in villach]
locked in (3)
ich bin ihnen noch die pointe von vorgestern schuldig. oisdaun:
das bier, auf das man sich gefreut hatte, konnte erst gut eine dreiviertel stunde später getrunken werden. dass eine liftkabine für max. 6p (450kg), wenn sie mit etwa 1t lustigen menschen vollgestopft ist, 1/2m tiefer stehen bleibt, ist wenig originell.
(morgen: ausflug)
[morgen abend – und übermorgen abend auch: piano sonata (contextualized; for a pianist, prepared to act spontaneously) – christopher hinterhuber (p), victoria coeln (additional visuals), new york, austrian cultural forum (ua)]
locked in (2)
Die Geschichte von gestern hat keine Pointe.
locked in (1)
man war zum hinteren aufzug gegangen, der vordere wurde gerade gewartet. beim warten hörten sie eine fröhliche gruppe junger menschen, landesbedienstete, die in stößen gemeinsam loskuderten (so sagt man in oberösterreich). als sich dann die lifttür rumpelnd aufschlitzte und sie ungläubig bis neun zählten, wollten sie schon das stiegenhaus nehmen. kommt doch herein, gemeinsam ist es lustiger!
zeitlupe
es gab prozesse, die schienen genau dann abzulaufen, wenn man nicht dran dachte oder gar hinschaute. das dachte er sich jeden frühling, wenn er im türkenschanzpark die gestern noch hellgrüne rotbuche in ihrer zielfarbe belaubt vorfand. nächstes jahr würde er campieren oder bei der benachbarten universität für bodenkultur die einrichtung einer zeitgemäßen webcam anregen. obwohl, auch das würde nichts nutzen; diese gefinkelten buchen erröten nämlich in weniger als einer fünfundzwanzigstel sekunde, war er sich ganzundgar sicher, jawohl.
[morgen, 14.00: parlando, ulrichsberg (oö), kaleidophon]
sinnig
kurzzu signalisierte das vollelektronische zuganzeigedisplay am bahnsteig des heimkehrerflughafens höchst sinnig, zeichendeutkundige wurde so empfohlen, sich auch an diesem sonntag rechtzeitig ihren sitzplatz zu sichern. draußen, nach all den umständlichen schleusen vom auschecken im hotel über zwei flughäfen (an denen man nichts zu verzollen hatte) mit ihrem overkill an sicherheit, erinnerung, sich stets unsicher fühlen zu sollen, draußen also, spätestens nach dem flughafenbahnhofstunnel war es zwar noch früher als wo er herkam, aber merklich grüner an diesem 1. april, auch der schon zu warm für diese jahreszeit, zumindest beim abfliegen.
Verkehr, transkontinental (3)
Natürlich, wenn man über einen Kopfbahnhof verkehrt, fährt man immer in exakt die gleich Richtung ab, recht viel abstrakter geht das nicht mehr, beim Fliegen hängt es zumindest von der aktuellen Windrichtung ab, da lacht die Eisenbahn aber.
Was aber noch die Bahnhofssinnnlichkeit betrifft, vielleicht liegt es auch daran, dass ein Bahnhof per definitionem keine soziale Selektion betreibt, denken wir an die wichtige Rolle, die Bahnhöfe in älteren Reiseerzählungen einnehmen, Volk umundum, nicht nur Erste Klasse und Economy zwischen Dutyfreeshops und Businesslounges, sondern auch und vor allem economyloser, Menschelndes treiben, und lesen Sie doch Hotel Savoy, so wie ich zwischen Nischni Nowgorod und St. Petersburg.
Verkehr, transkontinental (2)
Bahnhöfe sind in der Tat um so viel sinnlicher als jeder Flughafen, wo alle bei kurzfristig austauschbaren identen Schalten ihr Gepäck abgeben und alle bei gleichen Förderbändern ihr zerquetschtes Zeug abholen, um dann beim gleichen Ausgang herauszukommen, zurück zu den wartenden Erdenmenschen, die auch dein Flugzeug gar nicht sehen konnten, das auch du von außen immer seltener zu Gesicht bekommst, wenn du auf modernen Terminals durch flexible Staubsaugerrohre hinein- oder hinausgeblasen wirst.
Verkehr, transkontinental (1)
Die Übersichtstafel am Bahnhof Sankt Petersburg lässt deine Phantasie reisen, viel mehr als jede Anzeige auf den Departuremonitoren internationaler Flughäfen: Ganz links steht das Reiseziel und dann dazu, in Spalten, Abfahrtszeit, Ankunftszeit und, dazwischen, die Fahrzeit. Durchschnitt (ausgenommen die Kurzzüge nach Moskau, die fahren nur 7 bis 10 Stunden): etwa 45 Stunden. Bester (gäbe es ein Zugquartett) ist Krasnojarsk. 97:50 steht vollkommen nüchtern auf der Tafel. Dann heißt es umsteigen, immerhin, du bist fast in der Mitte (überland, nicht dort, wo es wärmer wäre.)
Achja, stellen Sie sich bitte beim Inlandschalter an.
verkehr, submetropolitan
die in langgezogenen kurven geschwungenen gänge in den metrokatakomben von sankt petersburg, nachdem ein zug sein fracht ausgelassen hat: zyklische menschenströme, wie beim schichtwechsel der arbeiter in fritz langs metropolis, unwillkürlich stapfst du beim warten auf den zugang zur hölzernen rolltreppe im gleichen trott, eine art zweibeiniger passgang.
so weit unten hast du zudem das gefühl (nein, es ist wirklich so!), dass du bereits so tief in (ja, bittedanke, sagen wir in und nicht unter) der erde bist, dass es tatsächlich wärmer wird, und ganz so unangenehm ist das ja durchaus nicht, so weit unten so weit oben im norden, und bis zum mittelpunkt sind es eh noch ein paar meter undoder abenteuer, lässt jules verne grüßen.
doppelt
der gedanke war natürlich nicht neu, aber beim besuch etlicher hochherrschaftlicher pilgerorte dieses landes kam es ihm wieder in den sinn, nämlich: was es mit den doppeladlern als wappentier auf sich hatte; ein viech aus dem curiosità¦tenkabinett, monströse missgeburt, ob eine derartige form von machtpostulation auf dauer gut gehen konnte (in deutschland oder österreich schon etliche jahre nicht mehr)?

wieder daheim, würde er in der sternwarte von kremsmünster schauen, ob sie dort ein ausgestopftes exemplar hätten und welcher nation er wäre, nahm er sich in forscherischem eifer vor.
wachsen
putin, dieses wachsgesicht. würde man ihn bei madame tussaud oder am arbat in moskau neben seinem abbild hinstellen, es finge eher die kopie zu atmen (oder gar zu lächeln) an. putin, die kopie seiner wachsfigur, jawohl, so war es richtiger.
da fiel ihm stan laurel ein, wie er in so einen glänzenden apfel beißt und tapfer hinunterschluckt, durchaus ohne geschmackskummer, ja ihn mit, so scheint es, wachsendem appetit ganz zusammenisst.
was für eine vorweggenommene parabel!, stellte er sich vor.
oder: stan, du russ!
rentier
(ein österreichischer einschub, mitten in den russischen weiten, nicht umsonst an diesem tag)
beim dkt konnte man, hatte man bereits vier häuser, wenn man beim nächsten mal auf dasselbe feld kam, diese für einen geringen aufpreis gegen ein hotel umtauschen (heute sagt man dazu upgraden). so ähnlich scheint es jetzt in der billrothstraße, wien 19, zu sein, da steht in einer auslage: gasthaus wegen pension zu haben.
was auf den ersten blick aber wie ein aufstieg ausschaut, ist ein ausstieg, und das ist gut so: der urschulz sperrt zu. wohin sollen jetzt die altdöblinger arier mit ihren reißverschlüssen im gesicht zum saufen?, fragte er sich nicht wirklich besorgt.

das ist aber in salzburg, passt aber auch: ums eck kein burschi, nirgends.
ausgezogen
in russland sind, das ist bekannt, die straßen nicht gerade durchgehend glatt asphaltiert, und oft bremst der taxifahrer scheinbar unmotiviert heftig ab, um seinen wolga oder skoda durch klaffende schlaglöcher zu manövrieren, da wäre einem der gurtentest (hängen sie sich niemals an in einem taxi oder privatauto, sonst ist der chauffeur aber sowas von beleidigt!) dann auch recht gewesen.
so ist es nur allzu verständlich, dass sich, wer es sich irgend leisten kann, aus reiner sorge um die bandscheiben seiner fahrgäste ein möglichst geländetaugliches fahrzeug anschafft, und da ist das beste gerade gut genug, woraus sich die höchste hummerdichte outside usa ganz von selbst erklärt. und weil die reichundschönen auch hier sprichwörtlich sozial veranlagt sind, kaufen sie, wenn sie nur können, sie schonen sich da nicht, die besonders teuren verlängerten modelle, mit denen sich eben mehr leute durchs großstadtgelände transportieren lassen. die sind so lang wie ein autobus, und ich verstehe nicht, warum sie aber so niedrig gebaut sind, weil in einem autobus kannst du ja auch stehen.

für die weniger potenten aber steht bereits der neue stretchsmart vor seiner markteinführung:

schleuse
dieses geruchsphänomen machte ihm wirklich zu schaffen, fiel ihm nach dem betreten seines internetcafà©s genau dann wieder ein, als es wieder einmal zu spät war. vom ersten besuch an war er ja vorgewarnt, dass der leer verflieste eingangsraum gleich nach den kellerstufen voller jugendlichem männerschweiß (schlank, blond) war, wie sich der hier halten konnte, da musste dauernd nachgelegt werden, wirklich wahr. also schnell durchgeatmet und die hormonstauduftzone durchquert.
aber nein, jedesmal, wenn er in den nächsten tagen seine elektronische fernkontaktnotdurft zu verrichten sich anschickte, nahm er eine extra volle nase, um sich seines ekels zu vergewissern, so ein glück, das es mich nicht unvorbereitet erwischt hat, schnupperte er noch mehrmals nach, wäh.
mitbringsel, gestaucht
rasch noch in die schuhe geschlüpft, da lagen gleich zwei schuhlöffel (unbedruckt, stellte er fest, und es war plausibel, dass sie nicht in die koffer der pt. gäste wanderten), in flinker bewegung entschied er sich für den hinteren. es wurde dann, mit verstauchten fingern, der vordere: in diesem hotel hatten sie aber wirklich überall spiegel. jetzt hinunter zum frühstück hinter den spiegeln, da war es ruhiger, und aus den lautsprechern diffundierte täglich, außer samstag, frühlingshaftes vögelgezwitscher.
Pudern
Dafür aber ist das Salz in sämtlichen Salzstreuern dieses weitesten Landes von einer derartigen Rieselfreude, dass man sich das in unseren mittel-, west- und südeuropäischen Klumpsalzländern (Rundkornreis im Streuer; nützt aber nichts) überhaupt gar nicht vorstellen kann. Da aber das Salzen bei Tisch eine üblicherweise ohne zusätzliche Aufmerksamkeit ausgeführte, einfürallemal justierte Verrichtung ist, passierte es ihm regelmäßig, dass er seine Speisen, so geschmackfrei sie auch gnadenlos durchgegart worden sein mochten – daher wohl die Notwendigkeit, (nicht nur in N. N.) Salz aufs Brott zu geben – salzte und versalzte.
Das ging so lange, bis er an jenem Frühstücksmorgen dieses Quäntchen aufmerksamer war und er die Körnung des russischen Salzes genauer untersuchte, und augenblicklich zog er vor der russischen Salzkornfeinmahlkunst seinen Hut, zu recht nämlich könne man Salzpuder dazu sagen, stellte er sich vor. Allerdings war es, und das schien ihm die wahre Kunst, genau so fein gemahlen, dass jedes Körnchen aber doch groß genug war, gnadenlos schwerkraftunterworfen und also unaufhaltsam auf alles zu rieseln, wo man den Streuer auch nur den Bruchteil einer Sekunde darüber hielt, geschweige denn, man rüttelte mit mittel-, west- oder gar südeuropäischer Heftigkeit an dem hier im Osten um soviel mehr geschmacksendbestimmenden Tischutensil.
Service /3
Russland, Dienstleistungskultur. Es wird dir nämlich traditionell allerlei abgenommen hier. Etwa das Heizen, und das sei nicht das schlechteste, versicherte man ihnen, lediglich an den Rändern der Jahreszeiten (zu früh zu kalt / zu früh zu warm – und umgekehrt) komme es vor, dass man sich eigeninitiativ (gewissermaßen umgekehrt subsidiär) helfen musste. Je nachdem mumme man sich eben ein oder reiße die Fenster auf, wenn dies möglich war.
Was dir aber überhaupt nicht abgenommen wird in diesem Land, ist das Würzen deiner Speisen (ausgenommen Dill), im speziellen das Salzen (und nicht nur in N.N.).
(Mehr dazu morgen)
Service /2
Russland, Selbstbedienungskultur. Das Frühstück servierte man sich noch selbster als sonstwo im Spiegelsaal, so nannte er den Speisesaal bei sich, den man, an fünf bis acht Angestellten (ja, das Wort hatte das Stehen, besser: das Hingestelltsein bereits in sich) sich nahezu vorbeizwängend erreichen konnte. Während nämlich etliche Hotels dieser Welt ihre beengten Frühstückszimmer mithilfe von Spiegeln zu Salons zu vergrößern trachteten, bediente man sich hier, in dieser Weite, um den Raum auf ein menschliches Maß zu verkleinern, der Imagination von Spiegeln: Das Buffet war in einem dreischiffigen Raum gleich zweimal im Mittelschiff aufgebaut, die Speisen genau parallel (spiegelgleich) angeordnet. Trotzdem sich also der bleiche schwammige Herr gegenüber seine Teewürste sicherte, war auch für ihn noch ausreichend Essen da, und auch faschierte Kugerln gab es reichlich, so ein Glück.
Service /1
Dienstleistung in Russland schien hauptsächlich in Selbstbedienung zu bestehen. Man wollte wohl dem seufzenden Genervtsein einer einem Arbeiterdenkmal gleich aktiv ruhenden Bedienung entgehen. beim Eingang zum Hotel waren das etwa gut fünf Herren in stumpfmarineblauen Anzügen, die stets sehr geschäftig dastehen konnten. Ihr Dastehen war so wichtig, dass selbst zierliche Damen, gegen einen streng eingestellten Schließmechanismus, die Eingangstür selbst aufstemmen mussten. Immerhin, nach genauem Mustern grüßten sie einen stets sehr freundlich, dankbar fast, was man ihnen für eine Arbeit abgenommen hatte. Und mit jedem Ein- oder Austreten wurde der gewechselte Blick verschworener.
diese weite /2
die russische speise schlechthin ist weder borschtsch noch sind es blini noch pirogi, nein, es ist das bei allen gelegenheiten angebotene faschierte (ziemlich ungesalzen, mehr dazu demnächst), gleichgemachtes fleisch (mind. 50%), und als es bei seiner heimreise im flugzeug (aua) fleischlaberln gab, fühlte er sich, obwohl er bis dahin nicht meinte, zur paranoia zu neigen, doch etwas verfolgt. daheim dann das gute lamm, fein gewürzt mit koriander und – faschiert.
warum man aber in russland so viel faschiertes aß? er versuchte es sich mit der landschaft zu erklären, die ja auch sehr gleichförmig, wenn man so will: faschiert war. die faschierte russische flachlandschaft.

und landschaft heißt auf russisch – erraten: landschaft.
(frage: was aber heißt faschiertes?)
diese weite /1

in russland, stellte er auf der reise nach st. petersburg (wie auch zwischen moskau und nischni nowgorod oder, später, zwischen st. petersburg und weliki nowgorod) fest, ist alles gleich: feuchtes birkengehölz, ebenen links und rechts der ziemlich gerade verlaufenden bahn. nur abends wird es manchmal finster. oder auch nicht, je nachdem.
enfin!

sankt-peterburg, das war der westen! die körnung des toilettepapiers war hier bereits so fein, dass man kaum gröberes holz als balsa damit feinschleifen konnte und: zweilagig. zivil ungehorsam entsorgte er original und durchschlag.
weinundwerbemütter 2007
liebe mba,

viel werbung diesmal, man hat mich darum ersucht, danke für ihr verständnis (wenn sie welches haben).
an diesem sonnigen ostersonntagmittag sitze ich an meinem schreibtisch und lausche in meinem persönlichen radioprogramm zwei bachschen magnificaten (js, cpe). etwas vorher haben sie eine öeinsclubermäßigte veranstaltung angekündigt, die ich etwas nachher auch mit der bitte um zahlreichen besuch bewerben soll, hat man mich gebeten, und das mach ich auch gern (siehe weiter unten), und, jaja, der neue mütterbrief steht längst an, wie so vieles andere auch, dauernd neues wird von einem erwartet und am schluss etwas unvollendetes, damit die sog. nachwelt was zum speculà®rn hat, es ist eine alte geschichte, doch bleibt sie immer neu, achja, muetters dichters liebe ist aufgenommen und bereits akustisch fertiggestellt, gegenwärtig ruht sie zur albumumwandlung, es gilt, fruchtfleisch anzusetzen, alchimie, eben.
ein nachtrag zum letzten mütterbrief: es gingen zahlreiche (selbstredend unmartialischen) durchhalteparolen gleichende ermunterungsadressen ein; von den programmmaschinisten, in deren programmkonzepten meine musik seit eh und je fix drinnen ist, hat sich natürlich keiner gemeldet, nicht einmal eine halbherzige vertröstung (die ich mir auch nimmer abzuholen gewillt bin), noch weniger der mut, eine absage ins angesicht zu placieren, so eine feige selbstzufriedene partie, wirklich wahr. aber, glauben sie mir, ich grolle nicht.
definitely not afraid of the trombonist sind demnächst die literarischen salzburger (13.4.), die langenloiser jazzzeitweintrinker (14.4.), die felsamwagramer weinkultaffinen (27.4.), etliche oberösterreichisch-kaleidophone kurzzeitulrichsberger (29.4.) und die kammermusikabonnierten villacher (3.5.).
zum wein jetzt näheres. in ihm liegt wahrheit (unter anderem; anm. d. v.), weiß schon (historien 1, 133) herodot (ohne diesen spruch zu zitieren), wenn er von den persern erzählt, dass sie einen beschluss nur dann umsetzen, wenn er der überprüfung in beiden aggregatzuständen standhält. damit es aber zu einer gedeihlichen erwägung kommen kann, muss das medium der entscheidungsfindung seinerseits wohl geprüft und erwogen werden, am korken wird hundegleich die witterung aufgenommen, das nicht zu üppig befüllte glas sodann im gegenuhrzeigersinn beschnuppert, ein vorsichtiger erster nippschluck wird durch die schneidezähne schlürfbelüftend eingesogen (manche – wer, wird hier nicht verraten – machen das auch mit kolaleit), dann wird der saft im mund links und rechts, oben und unten und diagonal hin und wieder her gespült, dabei weiter nach hinten und, kopfstandlos, zum gaumen verfrachtet, gurgelgeräusche, vorsichtige partialschlucke, nasenaufziehen, am end wir das alles möglicherweise doch noch ganz hinunter geschluckt, sodass der wein einen ordentlichen abgang hat, wollen wir zumindest hoffen.

merke: was ich getrunken habe, kann ich nicht mehr verschütten
sehen sie, und dazu trifft man sich am kommenden samstag (14.4.2007, 19.00, busabfahrt 18.00 vom schwedenplatz) in jenem loisium genannten bescheidenen betonklotz oberhalb langenlois. sechs ausgewählte weine aus der region (weißburgunder, riesling, grüner veltliner, traminer, zweigelt, rieslingsekt) werden von dazu berufenen menschen erläutert, dazu bringt die sehr charmante angela maria reisinger literarisches und, nach einem kräftigen schluck, folgt meine posaunistische, völlig objektive persönliche deutung. von den sechs jazzzeitweinen kann ich übrigens fünf tatsächlich persönlich empfehlen, das ist doch allerhand, oder? (sie selbst sollen natürlich alle sechs probieren, und vielleicht schmecken ihnen ja fünf andere als mir.)
die zweite weinveranstaltung ist die sechste dieser art bei meinem freund hans czerny in fels am wagram (27.4.2007, 18.00), weinkult (intendanz: bertl mütter – so heißt das in niederösterreich; obwohl, so eine formulierung mag eher zu felix dworak, elfriede ott oder harald serafin passen): unter dem vorwand musikalisch-literarischen interesses (gäste diesmal: gert jonke, agnes heginger, peter herbert, christoph cech, das ist ein flöten und geigen) wird alljährlich die warme jahreszeit unter zuhilfenahme besten (mittlerweile biologischen) weins und exquisiter speisen begrüßt. vom weingut wimmer-czerny kann ich keine weine empfehlen, denn erstens bin ich befangen (und muss mich also der aussage entschlagen) und zweitens bleibt nämlich sonst zu wenig für mich übrig (und sie, die zwischen den zeilen zu lesen in der lage sind, dechiffrieren das als empfehlung, habe ich recht?, uijegerle!)
weil wir schon am werben sind und aus dem ganzen brief nichts anderes als eine ganze werbeverkaufsveranstaltung (mit weinkost) geworden ist, noch zwei workshopankündigungen.
mein sommerworkshop zur improvisation: vom 15. bis 21.7.2007 wird in viktring (musikforum viktring/klagenfurt) wieder gespielt. restplätze … (etc.)
und wer ins spielen! reinschnuppern will, wir (christoph cech und ich) hätten da auch einen am 19. und 20.6.2007 im schloss weinberg bei kefermarkt, veranstaltet von der bruckneruni linz und offen für alle.
abermals verweise ich auf den (da zum zweiten mal in dieser form präsentierten bereits traditionellen) serviceteil (vorschau, rückblick, *-rubrik), und darf mich von ihnen verabschieden.
kommen sie zur literatur, zum wein und, meinetwegen, zur musik. wenn wir uns daundoderdort sehen, freue ich mich aber sowas von.

ihr bertl mütter

(der aber doch auch noch heftig zu componà®ren hat und am 6. april, karfreitag, memento mori, erstmals die anrede herr professor zu gewärtigen hatte)
— der serviceteil — der serviceteil — der serviceteil — der serviceteil —
bald – die vorschau
was nach anfang mai kommt, wird später eingetragen.
vorbei – der rückblick
inkl. russland (faschiertes land – begriffsklärung demnächst hier im mütterlog), jerusalem, paris, amsterdam
immer weiter, jedenfalls. und am schluss irgendwas, hauptsache unvollendet.
servil
nischni nowgorod, wolgapromenade. schon am vormittag spazieren sehr jugendliche pärchen in der hellen, noch recht kühlen sonne, unten treiben die faltbootgefährlichen eisschollenreste, eine art vorgezogener osterspaziergang also. es herrscht ein strenger, geschlechterspezifischer dresscode, zuckerlrosa die maid, der junge herr darf alles anziehen, das aussieht wie leder, alle farben sind erlaubt, solange sie schwarz sind. undaber, entzückendes detail, man ist kavalier. und trägt seiner natascha das barbiehandtäschchen, zum abbusseln der anblick, stellte er sich in der kussverbotlosen salzaufsbrotmetropole vor.
Packen wirs an! /2
Man könnte für die sich zahlreich gebenden Ökonomiegewinnler (vor allem für jene, die sich im korrekten Neureichengehabe noch üben wollen), statt der möglicherweise für Nochnichtsteinreiche armutsgefährdenden Vans, vergleichbar den Händiattrappen der Neunzigerjahre, Autozentralverriegelungspiepserlsoundalikes auf den Markt bringen, jawohl, damit ließe sich, nicht nur in Nischni Nowgorod, prächtig Geld machen, stellte er sich vor, weil auf Arbeit (manuelle, aber auch, siehe gestern, geistige) ließe sich kein geldvermehrendes Geschäft aufbauen, nicht in diesem Land, noch nicht jetzt, es wäre auch völlig irrational, wirklich wahr. Dann lieber Fonds. Oder Schutzgebühren. Oder Schutzgebührenfonds, jawohl, das war es.
Packen wirs an! /1
Bei der Straßenarbeit etwa, stellte er fest, waren für jeden aktiv Arbeitenden mindestens drei Hierarchieebenen an Vorgesetzten anwesend, es war nachgerade verwunderlich, dass bei einer derartigen Kompetenzkonzentration dem Letzt- und Alleinausführenden ob dieser Endverantwortlichkeitsbürde nicht die Hände ihren Dienst versagten, stellte er sich vor.
vielfalt
sicherlich würde es ein gericht geben, über das man keinen dill streute, hoffte er und wagte es dann doch nicht, die blinis mit honig zu bestellen.
aufwärts!
warum man, da man mit dem aufzug gefahren war, am schluss noch eineinhalb stockwerke gegangen war, wo doch im fünften stock auch ein lifthalt war?
die antwort versetzte ihn zurück in die kindheit mit, ging es um dieses land, ihren vertrauten orakelsprüchen von radio eriwan, die stets mit im prinzip ja (oder nein) begannen, um dann das gegenteil, mithin die praxis, pointiert und in einer sehr eigenen, trägen, resignativ-humorvollen logik zu begründen.
radio nischni nowgorod antwortete also: selbstverständlich geht der lift bis zum fünften stock; es ist aber so, dass er, wenn drei leute drinnen sind, dieses stockwerk nicht anfährt.
sie waren zu dritt.
ra ru rick
(doch noch einmal moskau)
arbat, fußgängerzone moskaus, touristenmeile, manches ist gar in englisch angeschrieben, sie wollen dir, wie überall, alles allzutypische andrehen, dessen typischheit vor allem dadurch beglaubigt wird, dass das glumpert (gut, natürlich ist nicht alles ramsch, sie haben z.b. auch sehr schöne uhren, aber: handeln sie!) in souvenirgeschäften (und nur dort) angeboten wird, damit da keine zweifel aufkommen, eben.

und, vorwissend zwar, kam es zu einem aha-erlebnis, als er vor allem die schlichteren und also billigeren matjoschkas betrachtete, mit einemmal nämlich wusste er, dass, entgegen der irrigen meinung, sie seien franzosen, es sich nur um nachgerade typische (s.o.) russen handeln konnte, nämlich bei den barbapapas.
klänge der heimat
in nischni nowgorod, dieser sandigen stadt an bzw. über der wolga, frühling keimte auf, wenn auch noch eisschollen von der oka in den, ja, bildung, längsten strom europas drifteten, deshalb, titanisches im taschenformat, stellte er sich vor, dass an die faltbootfahrer, derer es hier sicher jede menge geben musste, die warnung vorsicht! treibende eisberge! ausgegeben worden sein musste, er aber saß sicher im wolgatelekomcenter, etwa fünfzig plätze hatte diese vierundzwanzig stunden geöffnete serviceeinrichtung, und alle handies um ihn herum hatten alla turca als klingelton, lustig war das bei allem nerven, weil um ihn herum immer alle meinten, es klingele bei ihnen, suchbewegungen bei den frauen, ruckartige kontrollblicke bei den männern, wirklich wahr.
ob es in der stadt bei aller vorfrühlingsvorfreude aber besser regnen sollte, das fragte er sich insbesondere, als er einige alte frauen getrockneten fisch offen auf der sanddurchwehten straße anbieten sah.

soviel noch zu nischni nowgorod, vielleicht morgen mehr.
quack
näher betrachtet hatte moskau gewisse ähnlichkeiten mit entenhausen, stellte er sich vor.
achja, in nischni nowgorod würde er sich noch seine füße eingehender anschauen müssen, fiel ihm unterwegs ein; obwohl, an seinem gang hatte sich nichts wesentliches geändert, oder?
finger /2
obwohl, es war gar nicht so kalt (viel wärmer als in amsterdam vor eineinhalb monaten, wo es auch nicht wirklich kalt gewesen war, ausser im bad), trotzdem duschte er auch in moskau lange (wo, wenn nicht hier hatten sie ausreichend erdgas für ihre durchlauferhitzer?), so lange, bis ihm schwimmhäute zwischen den fingern gewachsen waren, bis zum ersten knöchel rauf, merkwürdig schaute das schon aus, wirklich wahr.
da man aber diesen tag mit dem zug (ja, vom kursker bahnhof!) überland fuhr, nahm er seinen amerikanischen nagelzwicker (er stammte noch aus der zeit des kalten kriegs, noch unter breschnew hatte er ihn bekommen) und manikürte sich, gründlicher als sonst, stellte er sich vor, nicht aber die ebenfalls (aber warum?) angeschwollenen augenbrauen.
finger /1
ja, der osten, der slawische osten, unendliche weiten. hier tanzten noch flächendeckend lady-cigarettes recht fragil zwischen spitz manikürten hageren, aber auch knackwurschtdicken damenfingern.
recycling /2
jener alte ddr-witz war also so gegangen: warum ist in der ddr das klopapier immer zweilagig? – weil ein durchschlag nach moskau geschickt werden muss.
im ukrainischen kulturinstitut zu moskau (wo man ihn offiziell abgelegt hatte) war das toilettenpapier einlagig. und eindeutig recycelt. ja, in zeiten wie diesen galt es ressourcen zu sparen.
recycling /1
es war ein alter ddr-witz, an den er jetzt in seiner unterkunft im ukrainischen kulturinstitut in moskau denken musste, am etwas niedrig montierten klo, von dem er nur mühsam wieder hochkam, nachdem er ausführlich die zu früh für diese jahreszeit auf den ansonsten tadellos blanken fliesen kreuchenden (oder fleuchten sie?) silberfischerl studiert hatte, musste er feststellen, dass sein linker fuß eingeschlafen war (natürlich war es sein bein; aber er war auch in russland österreicher geblieben), und die klopapierhalterung bot auch keinen rechten halt, klumpfüßig also erhob er sich
(morgen: der witz)
zutrauen /3
nehmt euch also zeit zum gemeinsamen ausprobieren, zum hineinversinken und draufkommen auf die möglichkeiten dieser musik. lasst euch nicht täuschen vom wenigen notierten (und es ja wenig zum üben im herkömmlichen sinn auf den fünf zetteln).
und bitte: lasst euch zeit beim spielen, viel zeit, jederzeit, haltet die spannung von vor dem anfang bis nach dem schluss, wie ein tier (nicht: nilpferd; eher: reh, kätzchen, …), beabsichtigt nichts, keine genialität, misstraut einem augenblickemotionalisierten gestaltungswillen – es wird sich alles einstellen; die einzige (und allerdings im höchsten maß fordernde) bedingung ist die unbedingte und uneitle hingabe an die musik im hören.
und, keine angst, es ist ja in der tat eine ungeheuerliche musik! (es wird ein genuss, ich bin sicher.)
achja: 30. maerz, 20.00, echoraum, 1150 wien, sechshauserstrasse 66
elliott carter quintett
bertl muetter: holzstueck mit blech (ua)
etc
Zutrauen /2
Das Melodische, Harmonische, Rhythmische aber als Prinzip (a principio) ist, was mich zu interessieren vermag, und in diesem Sinn sind sämtliche melodisch-rhythmischen Notate nichts anderes als das, was man auf Lebensmittelkonserven (Dorschleber, Thunfisch pikant) Serviervorschlag zu bezeichnen pflegt (wobei mir bis heute nicht recht zu erklären vermag, wie die das Salatblatt und den Petersil so sauber aus dem Dosenblech heraus bekommen haben). Nicht mehr also als ein Vorwand (und auch wieder nicht, ich kokettiere, ehklar), Wegweiser, wie ihr euch durchfressen könntet durch das Material, das ebenso willkürlich ausgewählt ist: weniges, auf das wenige Handlungsanweisungen anzuwenden sind, diese aber bitte, bei aller Freiheit, recht strikt, ernsthaft, und so gesehen möchte ich auch den möglicherweise etwas respektlos erscheinenden Titel Holzstück mit Blech als einen vieles offen lassenden und damit, so hoffe ich, ermöglichenden verstanden wissen.
Zutrauen /1
Ich misstraue Melodie, Harmonie und Rhythmus, wenn sie ihrer Selbstzitation dienen, der Ausstellung persönlicher Tiefe oder (bewahre!) des gnadenlos originellen Pointensetzhumors eines regelrechten und also inspirationsfreien Komponisten, der sich, Zigarette danach, beim Uraufführungsgschamstadiena im Rollkragenpulli mit gackbraunem Schnürlsamtsakko steifgrinsend wie ein beim Onanieren ertappter Altburschenschafter mehr bückend als aufstehend erhebt und hölzern vorbeugt, dabei mit hexenschussgefährlich aufgespreizten Schultern halslos auf die bra-vo! Interpreten verweist*, JA SAPPERLOTE!, flieht alles betuliche, behagliche, kleine Freuden bereitende, diese Entsetzen versprühenden musikalischen Florilegien, schafft die Professorentitelverleihungen ab, sperrt die dafür errichteten Wappensäle in den Magistraten zu, verstopft die Hörner, zerschnetzelt Blätter und Rohre, bevor die würdebeamteten Musiker zu ihrer gnadenlos heiteren Professorentitelzumsiebzigerverleihungsuntermalungsmusik ansetzen können, sei das Ständchen auch von Mozart oder StevieWwonder.Â
*) rein fiktiv; ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen oder Ereignissen sind unbeabsichtigt und zufällig, wirklich wahr.
Gwirks /3
Dazu fällt mir, ich weiß nicht warum, der fluch des wüstenförsters von Gert Jonke ein, dem ich dieses mein Holzstück mit Blech nicht zuletzt deshalb von Herzen zueigne:
bäume –
verlogenes pack!
ordnen sich hinter
meinem rücken zu
liederlich faden=
scheinigen alleen,
nur um einmal
einen ordentlichen
wald vortäuschen
zu wollen!
Oder etwa nicht?
Gwirks /2
Dann aber, scheinbar plötzlich, geht alles sehr schnell, und das Papier füllt sich mit unwillkürlich gesetzten Kritzeleien, Zeichen, Worte, und das geht leichter noch, wenn das Radio läuft dazu, dagegen eigentlich, Musik oder Wortsendungen, ganz egal, Hauptsache, du hast etwas anderes zum Mitdenken (gut, sog. Neue Musik sollte es nicht gerade sein), ein schöpferischer Kontrapunkt, denkst du dir, erinnerst dich an Glenn Goulds Staubsaugersehnsüchte und kannst diesen wirr erscheinenden Erfahrungsansatz immer besser nachvollziehen. Willst du nämlich, dass deine Musiker absichtsfrei ihre Musik erfinden, musst du auch und gerade bei dir alle vordergründigen Absichten austricksen, es treiben ohnehin noch genügend aus den Betonritzen aus.
Gwirks /1
Du schreibst ein Stück (es ist immer nur ein Stück, kann nie der ganze Kuchen sein), notierst, formulierst Spielanweisungen, schön schreiben!, klar formulieren!, je besser du deine Gedanken in Worte zu fassen vermagst, umso geringer sind die Reibungsverluste, umso mehr kommen wir beim Proben zur Musik selbst, und darum geht es ja. Dann stellst du fest, dass genau bei diesem Werk dieses Vordringen zum Innersten der Musik selbst zum eigentlichen Anliegen, ja zu einem Kategorischen Imperativ! geworden ist, nach und nach kommst du dir auf die Schliche, du willst aber nicht zu viel erfahren, nicht zu viel auf einmal, es wäre zu gefährlich, wer bitte hat seine Vivisektion überlebt?, sträubst du dich, und nicht umsonst braucht es immer wieder etliche halbherzige Anläufe (und idealerweise das Damoklesschwert eines Uraufführungstermins), bevor du dich dem Ungeheuerlichen des schöpferischen Aktes, diesem Bergwerksherzen auslieferst, du bist ja nicht blöd, und so ein Ausweg ist schnell zugeschüttet, die Fluchtstollen sind ohnehin mit Sicherheit verlegt oder es warten die Geier am Ausgang, Immer wieder muss ich sagen: Es gibt vielleicht kein kaisertreueres Volk als das unsrige im Süden, aber die Treue kommt dem Kaiser nicht zugute (Kafka; es ist in der Tat jeder compositorische Act ein Aufwand, mindestens so groß wie Beim Bau der chinesischen Mauer), und das willst du dann doch nicht, nein, ganz sicher nicht, du willst, um beim Bild zu bleiben, dass diese deine Treue, die notwendige unbedingte Hingabe an die Kunst, diesem einzigem Kaiser zugute komme.
kühlend
Zurück noch einmal zu jenem Vorfrühlingstag (erinnern wir uns: Schneeregen in der Innenstadt, in den Auslagen die sog. Leichte Bekleidung, Madonnen warben mit ihren Augen, in die er nicht recht zu schauen vermochte, etc…).
Was ihm aber besonders (als unpassend) auffiel war, dass an diesem trotzig seine Dochnochwinterhaftigkeit ausstellenden Dienstag in beinahe sämtlichen Geschäftszulieferstraßen in zweiter Spur vor ihren mit diesen zu großen, hochgestellten Autos zugeparkten Ladezonen aus Kombi-PKWs und Kleinlastern, jeden Verkehr blockierend, Kühlschränke abgeladen wurden, und jedesmal war es der Fahrer allein, dem man diese Schlepparbeit zugemutet hatte, das konnte dauern, bitte aber wer aber brauchte bei diesem Wetter ein Kühlaggregat?
Aber so war (und ist) es nun einmal, und Winterschlussverkauf war ja auch jedes Jahr gleich nach Weihnachten, seine Theorie von der fortschreitenden jahreszeitentektonischen Plattenüberlagerung wurde nicht zuletzt dadurch weiter untermauert, schien ihm. Was geplant ist, ist eben geplant und wird durchgeführt, da kennen wir nichts, auch beim Weingartner war der Schanigarten bereits aufgestellt, der Sommer konnte kommen.
Vorher aber noch schnell zu den Russen. Ob die in St. Petersburg noch im Eis badeten?
wärmend
In Nischni Nowgorod, in Nischni Nowgorod,
da hat man Salz und Brott, das macht die Wangen rott
und einen Rostoptschin stellt man zu jedem hin
und singt und trinkt.
In Nischni Nowgorod, in Nischni Nowgorod,
dort gibt’s kein Kussverbott und keine Hungersnott
Und es wird Morgenrott und es wird Abendrott
und alle schlafen dann wie tott.
Vorfrühlingstag (per definitionen der 20. März). Schneeregen in der Innenstadt, weiter draußen, wie er später beim Hinuntergehen zum Jonasreindl sehen konnte, blieb er gar liegen, so ein Wetter, zum Händübermkopfzaumschlong, wirkliwoa. Ein Tag, um in einem der stetig wandernden, Achtung! – Nur kurze Zeit! – Geschäftsauflösungsledergeschäfte eine gegen Nässe und Kälte wunderbar schützende Lederjacke zu kaufen, wenn auch, gegenüber, in der Auslage des schwedischen Textilmolochs bereits die sommerhelle Leinenware angeboten wurde; mit dem ungewohnten Gewicht auf den Schultern fühlte er sich gleich viel bedeutender, es war ein anderes Gehen, ein Schreiten, und das würde er brauchen können in den nächsten Wochen, wo es ihn nach Russland verwehen würde.
So gesehen konnte er das aktuelle Wiener Wetter als perfekte Einstimmung auf die um diese Zeit im Nordosten zu erwartenden Umstände dankbar annehmen, mit einemmal wurde ihm richtig behaglich. Und, wie er erst unlängst zum wärmenden Trost erfahren hatte, vor allem in Nischni Nowgorod … (siehe oben)
da schau her
Angeblich entwarf Madonna jetzt Kleidung für einen skandinavischen Textilkonzern, jedenfalls warb sie mit dieser Behauptung, und es gibt ja überbegabte Menschen, denen traut man zu, in allem exzeptionell zu sein, und wer, wenn nicht die Madonna (so sagt man inÖsterreich, wenn man jemandem beim Namen nennt) wäre so jemand, oder nicht?

Dazu die Werbeplakate, wo sie ihn mit ihrem Look into my eyes-Blick anschaute, dem er nicht und nicht entkam, wenn ihm auch nicht gelingen wollte, diesem anregend dominanten Befehl vollinhaltlich nachzukommen.
Pfeifkonzert
hoed ma se medanaund
en mund med n mund zua
das uns des bumpan en bluad
ned wia r a rode aumschl
aus n hoes schbringd ..
h c artmann, drei gedichta fia d moni
Ein paar Wochen schon (alles war dieses Jahr früher, selbst der erste Jänner, mochte man meinen, war bereits um MariঠEmpfängnis gewesen, eine jahreszeitentektonische Plattenüberlagerung gewissermaßen), lange vor dem endlich doch noch drohenden Wintereinbruch also, sangen nun die Amseln (aumschln), auf seinem Heimweg durch die Kottätzsch hatte er schon ein paar fixe Dialogpartner gefunden, die er, bergauf radelnd, mit seinen nach innen gepfiffenen Antworten zu verwirren sich vergnügte. Namen konnte er den schwarzen Sperlingsvögeln keine geben, es waren ihrer zu viele, zu individuell war auch ihre jeweilige Eröffnungsstrophe, wie es sich eben gehört, und Hansi sagt man zu Eichkätzchen oder zum eingesperrten Kanari; ein Amselname, wenn er auch artmannsch wäre, ist er mitnichten.
Bergab dann aber, durch den Wolfpark, passte er auf, dass ihm nicht wieder Hugo Dachs in die Quere kam.
Von einem Dachsgesang als solchem ist ja wenig bekannt. Wale, ja.
Hugo
Freitag abend, gegenüber. Ein Dachs (meles meles) im Wolfpark. Man war sich schon mehrmals über den Weg gelaufen, also war es Zeit, dem hundeartigen Allesfresser einen Rufnamen zuzuweisen. Praktischerweise und völlig spontan entschied er sich für Hugo, und näher betrachtet passte das Tier auch vorzüglich zu dem unglücklichen Komponisten, der im Gegensatz zu seinem etwas jüngeren Jahrgangskollegen nicht Operndirektor geworden war.
gaußsch
Der berühmte Spruch Je weniger ich trinke, umso besoffener werde ich ist leicht als zutreffend erklärt, da sich der Salontrinker üblicherweise volumsprozentmäßig nach oben arbeitet, vom Bier (von den Bieren) oder Gschpritztn zum Wein (zu den Weinen) und, wenn noch nötig, zu Gebranntem, eine stark ansteigende Kurve.
Beim sehr sympathischen philosophisch-literarischen Frühlingsjourfixe (es gibt auch einen im Herbst) im Vierten war bereits vorgezeichnet, dass manche Gäste die empirische Erforschung dieser Kurve betrieben, ein selbstloser Feldversuch im Salon, sapperlote.
Wobei, das dachte er sich, als er einen Gast beim Versuch nach Hause zu torkeln beobachtete, ab einem Scheitelpunkt, da der Proband zu keiner Aufnahme mehr in der – Achtung, Wortspiel! – Lage war, diese Kurve wieder auslaufen müsse, eine alkoholische Glockenkurve, und dröhnen würde es in manchen Köpfen, morgen, beim Aufwachen, Flüssigkeitsmangel, dringender Suppenbedarf, ein gaußscher Kater würde sich zu Schrödingers Katze gesellen, stellte er sich, streng wissenschaftlich, vor.
putzmild, bremsbereit
Als er sich bei seinem Besuch daheim die Hände wusch, bemerkte er verwundert noch nicht Dagewesenes: Zahnpastareste im Waschbecken! Seine Mutter war stets ein Musterbild selbstverständlicher Sauberkeit gewesen (ohne einem Reinlichkeitswahn unterworfen zu sein, immerhin), nicht nur daheim, sondern auch dort, wo man sie als Reinigungskraft zu schätzen wusste, einige Stellen hatte sie noch von ihrer Mutter übernommen, als diese, weit schon in den Siebzigern und gegen etliche Widerstände (auch ihrerseits), damit aufgehört hatte. Er inspizierte das Badezimmer genauer und fand tatsächlich etliche der zeitgemäß (1980) Nescafé-mit-ein-paar-Tropfen-Maresi-braunen Fliesen um Grade weniger perfekt gereinigt, sowas.
Einen trefflicheren Indikator für ihr fortschreitendes Altern hätte er sich nicht vorstellen können, musste er schmunzeln; und er war ihm allemal lieber, als der mittlerweile beträchtlich verzögerte Bremsbeginn seines Vaters beim Autofahren. Ja das Auto, das war sein Leben.
linkshändisch
(Ein kleiner Nachtrag)
Gaius Iulius Cà¦sar, der (nach julianischem Kalender) vor längerer Zeit nach kurzem, schwerem Leiden allzuplötzlich verstarb, er war ebenfalls Linkshänder.
Da ist es richtig ein Glück, dass es noch Anfang der Siebziger Jahre in unseren Breiten üblich war, möglichst alle Schulkinder auf rechts zu trimmen, sie, so hieß es, wären spätestens im zweiten Semester, wenn mit dem Jollyfüllfederschreiben begonnen wurde, arm dran, weil sie den eben gesetzten Buchstaben unweigerlich unverzüglich mit der bösenbösen Schreibhand verschmieren würden, Außenseiter also fürs ganze Leben.
An meinem Freund M. erweist sich die Richtigkeit jener pädagogischen Überlegungen von vor derÖlkrise nachgerade idealtypisch, ist er doch, längst schon, perfekt integriert, ja, das kann man schon sagen, wirklich wahr. Trotzdem aber merkt man ihm, wenn man aufmerksam ist, dieses Makel heute noch an, dann nämlich, wenn er das Lineal oder die Schere in die rechte Hand nimmt, undaber das tut man nicht.

Trotzdem und gerade heute: Ad multos annos!
(Und wie er die Holzhacke in die Hand nimmt, das werden wir uns beim Waldbauern anschaun, schrieb er kryptisch…)
Kreisen!
Ich bin Ihnen gestern die zweite Frage schuldig geblieben, mal sehen, ob ich sie überhaupt beantworten kann; wenn ich auch ein Schelm sein mag, es ist keine Suggestivfrage!
Also: Sagt man jetzt herum oder umher, umherfahren oder herumfahren, herumgehen oder umhergehen, und überhaupt, was hat es mit diesem syllabisch so variablen, jedoch nur scheinbar (das sei vorweg verraten) kommutativen Wörtchen auf sich?
Ich biete (mir selbst) einen – nur partiell befriedigenden – Lösungsansatz: Könnte sich die Silbenreihenfolge nach der Bewegungsrichtung (im Uhrzeigersinn: herum / gegen die Uhr: umher), äh, richten? Oder verweist herum immer auf eine Kreisbewegung, umher aber sei orientierungsloses, arhythmisches, wuseliges, nachgerade wirres, äh, Herumgehen?
(Zeit, zurück in die den Autor fruchtblasengleich schützende Dritte Person zu wechseln.)
Solche und ähnliche Fragen kreisten in seinem Sinn, morgens im Bade beim Betrachten des abfließen wollenden Wassers, nördlich desÄquators, was nicht unbedacht bleiben sollte, zu berücksichtigen aber sei stets auch die Forschungsperson, ob sie Rechtshänder oder Linkshänder sei und ob sie ihre Versuchsvorführung frontal und also mit seitenverdrehender Wirkung einem wissenschaftlich bestens ausgebildeten Fachpublikum (welches wiederum in welchem Verhältnis aus Links- und Rechtshändern zusammengesetzt sein würde?) geben würde, da fiel ihm ein, dass es in den USA überproportional viele Linkshänder gab, und das war möglicherweise der eigentliche Grund allen Klimaübels, dies bedenken müssend begann sich ihm augenblicklich alles zu drehen, es kreiste, und in welche Richtung (umher oder herum), ist nicht mehr rekonstruierbar, und wenn, dann kann, ja: darf! dieses letzte Geheimnis nicht verraten werden, es wäre zu gefährlich, vergessen wir nicht, die Erdumdrehung zu beachten, eben.
Umsteigen!
Natürlich, er würde wieder mehr mit dem Rad fahren, das wollte er sich fest vornehmen, und es fiel ihm auch nicht wirklich schwer, besaß er doch überhaupt kein Auto, war begeisterter Nutzer des öffentlichen Verkehrs und, in der sich – ein positiver Effekt der global verheerenden Erderwärmung (alsÖsterreicher war man gewöhnt, Anspruch auf Sonderbehandlung zu haben) – ausdehnenden Saison, vorbildlich (bzw. durchaus pragmatisch aufs Überleben aus Seiender) schwammerlgleich behelmt- und, im Finstern, beleuchteter Radfahrer, eine Einschränkung also, die ihm so schwer fiel wie einem Vegetarier der Verzicht aufs Bratl, die sich aber laut, pardon, herausposaunen ließe, wäre er ein medienobservierter, sagen wir: Expolitiker, um den herum, ähnlich wie bei der Tour de France, ein ganzer Pulk von Motorrädern und Betreuungsfahrzeugen Kohlendioxid in die Atmosphäre entließen, er aber wäre das leuchtende Beispiel, zu dem er sich auserkoren hätte, für alle Zeit und darüber hinaus.
Es blieben zwei Fragen. Erstens: Wie wäre es anzustellen, eine aufwändige, für Titelseiten unabdingbar notwendige Männerfrisur so energiesparend wie möglich in Form zu bringen? Zweitens: (siehe morgen, für heute würde sie, nach all der Herumradlerei, weitaus zu weit führen.)
Achja: Winters filzbehaubt kreist Kristina tagtäglich in der Radfahrerstadt, jetzt kommt aber bald der Frühling und überhaupt, ein neues Jahr beginnt undalso Alles Gute zum Geburtstag!
Sparen!
Jetzt zum Sparen. Kreisky hatte etwa 1974 auf Nassrasur (in der Pension dann überhaupt, 100% sparsam, auf den Patriarchenbart) umgestellt, und so stand er auch an diesem Tag vor dem Spiegel und fragte sich unwillkürlich, ob er jetzt mit seiner Grundsatzentscheidung zur stromlosen Enthaarung eine positive oder negative Energiebilanz vorweisen konnte, man bedenke den Heißwasserverbrauch, eben. Mit einemmal war er unschlüssig, was jetzt das richtige war, völlig unschlüssig, verunsichert, ganzundgar, und das war keine gute Voraussetzung, mit dem Rasieren zu beginnen, viel zu gefährlich.
Er müsse sich besser andere Klimaschutzstrategien ausdenken. Radfahren, ja; aber unbedingt: Kettenölverschleiß drastisch reduzieren.
Energie!
Die Klimaerwärmung und was man dagegen tun konnte beschäftigte dieser Tage das ganze Land und also die ganze Welt. Eine Welle der Solidarität schwappte umher, jeder wollte sein Scherflein beitragen, es wurden gewaltige Anstrengungen angedacht, Energie einzusparen, sparen, wo es nur geht. Er erinnerte sich seiner Kindheit, als man sich mit dem Zusatzpickerl SO von der Verpflichtung, MO, DI, MI, DO, FR oder SA das Auto stehen lassen zu müssen freikaufen konnte; damals war man noch auf diese doch recht uniforme Wichtigkeitssignatur am Wagen angewiesen und wagte noch nicht einmal von den Jahre später so beliebten inividualisierenden Wunschkennzeichen (CHEF 2, IGEL 6 etc.) zu träumen, ganz zu schweigen vom Mobiltelefon, das gab es als Selbstverständlichkeit nur bei James Bond und im Raumschiff Enterprise, dort brauchte man sogar nicht einmal einen Hörer, sondern musste nur auf das Emblem auf der rechten Brust greifen, und die Frauen hatten meistens ein Headset auf, Knopf im Ohr.
(morgen: sparen!)
Gesundheit!
We are expecting some little turbulences, so you may better have your seatbelts fastened as it might be a bit bumpy ahead, hatte der Pilot unvergleichlich trocken vom cockpit durchgegeben, sehr beruhigend, und es war dann auch wirklich nicht so arg gewesen.
Eine ähnliche Ansage sollte es auch in Liederabenden geben, zumal in Wien oder Salzburg bei Programmen zum Nichtmitschunkeln, stellte er sich vor in dieser als Konzertsaal getarnten Lungenheilanstalt mit chronisch Katarrhischen.
take-off
So oft war er in den letzten Wochen geflogen, dass er, als er im Saal Platz genommen hatte, vergeblich nach dem Tischchen vor ihm suchte. Das Konzert selber aber hob besser ab als so mancher Flieger. Kein Wunder bei einem Piloten wie Pierre-Laurent Aimard und Christine Schäfer als dem Publikum sympathisch-unnahbar zugewandte Stewardess. Auch die Landung erfolgte an einem ganz anderen Ort, als von wo man mit Haydn und Mozart weggeflogen war, um dann in höchsten Spären Wolf, Webern und Ives zu umkreisen.
Praktisch war jedenfalls, dass man beim Verlassen des fliegenden Mozartsaals sich auch der Seitengänge bedienen konnte.
Cassis
Vollkommen verwirrt aber war er bei der Körperpflege nach dem Badmintonsport, zu dem man früher Federball sagte und bei dem sich wieder einmal seine – natürlich nur diesem einen Sparringpartner gegenüber existente – Nervenschwäche als unüberwindliches Siegeshindernis erweisen hatte, ein Sieg, der längst überfällig war, war er ihm doch selbstredend sowohl technisch als auch taktisch und erst recht konditionell um Häuserblöcke überlegen, was auch seinem stets siegreichen Partner nicht schwer fiel, zuzugeben: Auf einmal roch das Duschgel genau so, wie sein den entscheidenden Energiekick gebender Traubenzucker aromatisiert war.
Verbissen kämpfte er gegen seinen Drang an, einen kräftigen Schluck zu nehmen. Es gelang.
Sensation, formatfüllend
Und dann noch die Schlagzeile der Kronenzeitung in den sonntäglichen Gratisaushängtaschen: Atombilder aus dem Iran!
Endlich ein Thema, das dem meistgelesenen Kleinformat gerecht werden konnte, stellte er sich vor.
einnehmend
Bei seiner sonntäglichen Radfahrt durch Wien kam er auch am Kalvarienbergmarkt vorbei. Sein Wahrzeichen ist der Zöllner Zachäus, der höchste Palmenkletterer der Welt, der gegen eine geringe Münzgebühr seine Plastikpalme hochklettert und so, in der schaustellerischen Umsetzung dieser neutestamentlichen Geschichte von der demütigen Neugierde des geldeintreibenden Sünders, selbst wieder zur Geldquelle wird, ein merkwürdiger Kreis schließt sich, ziemlich schlau, dachte er sich begeistert. Phantastisch, wie die das machen, war er ganz eingenommen.
(Wer immer die sind.)
endlich: Erfreuliches
Da hatte er sich ganz schön in was hineingeritten, weil hineinreiten lassen konnte man ja nicht behaupten, er selber hatte am Vortag aus freien Stücken, wohl auch aus Überdruss über das Thema der letzten Tage vollmundig verkündet, endlich Erfreuliches zu berichten, und jetzt kam und kam ihm nichts Erfreuliches unter, das war wenig erfreulich, den ganzen Tag radelte er kreuz und quer durch seine Stadt auf der Suche nach Erfreulichem, es war aber noch zu kühl, das Wetter zur Erfreulichkeit des Tages zu stilisieren, außerdem wollte es dazwischen immer wieder regnen, na gut, da ließe sich an Erfreulichem nennen, dass es ihn doch nicht erwischt hatte, das Wetter, aber das war ja doch wohl zu wenig und sicher nicht berichtenswert, so blieb ihm nichts anderes zu berichten, als dass er, einen ganzen halben Tag am Rad unterwegs, kein einziges Mal in die Scheiße gefahren war, so ein Glück, wirklich wahr.
Glücklich /3
Nicht zweifelsfrei herausgefunden hatte er aber auch, welcher Fuß nun der Glücksfuß und welcher der Pechfuß war, wenn er einmal unabsichtlich (lauteren Herzens) profilgebräunt war, die Meinungen dazu in Paris gingen auseinander.
Immer säkularer sich entwickelnd, hatte er auch keine Lust mehr, darüber weiter zu spekulieren. Für ihn blieb der Tritt ins Glück ein unangenehmes Ereignis, das sich so selten passieren sollte, wie eine Mondfinsternis bei klarem Himmel (eben peitschte der Sturm gegen die westlichen Fensterscheiben, das schaute für diese Nacht nicht wirklich gut aus).
Überhaupt war er es mittlerweile leid, damit angefangen und dann mit der Erörterung dieses Scheißthemas so viel Zeit verbracht zu haben.
(Morgen aber, endlich: Erfreuliches)
Glücklich /2
wo gehen ich
liegen spucken
wursten von hunden
saufenkotz
ich denken müssen
in mund nehmen
aufschlecken schlucken
denken müssen nicht wollen
Ernst Jandl
Was es aber mit der Behauptung auf sich hatte, dass, wer ins Volle steige, nichts als Glück haben müsse, war ihm vollkommen schleierhaft. Oder wünschte Volkes Mund beim Hundekot, dass einem nichts schlimmeres passieren möge?
Gleich beim Heimkommen, nachdem er seine Schuhe ausgezogen und vorgereinigt haben würde, würde er seine Bettdecke inspizieren, ob ihm nicht auch noch le chat de notre portià¨re einen markanten Besuch abgestattet hätte. Das bedeutete dann nichts weniger als ein Lottosechser, stellte er sich vor. Oder, um es französisch auszudrücken: O la la.
Glücklich /1
unruhig begießt das hundelvieh
ein knisterndes laternenknie
ernst jandl
Wien darf nicht Paris werden, dachte er sich, als er auf dem Heimweg vom Studio (links, geradeaus, links, rechts; allesinallem keine zweihundert Meter), knapp vor seiner unversehrten Heimkunft, dieses unwillkommen weiche Einsinken unter seiner in festem Schritt aufgesetzten rechten Ferse spüren musste, hellbraun wie schmelzende Milka-Noisette-Schokolade sah es aus, als er schmerzfrei humpelnd bei einem Laternenmast anhielt, und er hatte sich seinen Pariser Abdruck nicht an der Gehsteigkante sondern mitten am Trottoir eingetreten, wenigstens so weit war man in seiner Sackerlfürsgackerlstadt mittlerweile doch schon, immerhin.
In Momenten wie diesem sehnte er sich nach Istanbul oder Teheran, wo man halt keine Hunde hält, und damit ließe sich doch auch einmal Wahlkampf machen, stellte er sich glückliche Stadtbewohner vor.
gesund – und weiter!
Nach dem Zahnarzt (Bergbau) träumte ihm von einer Radtour mit Hugo und Fidel, in hügeligem Land fuhr man ohne allzuviel Anstrengung einen kleinen Fluss entlang, daunddort blitzte die milde Vormittagssonne durch die grünen Blätter: heitere Gelassenheit, wie im ersten Satz der Pastorale.
Auch Fidel, der einen Bart hat, so lange, als wäre er der dritte Bruder von ZZ Top (seiner ist aber braun, so vital, immer noch!) geht es schon viel besser, darf ich berichten.
Und meinem Kumpel Franzobelix, diesem früh schon in den Zaubertrank gefallenen Kampel, , wünsch ich heute ebendiegleiche Vitalität immerdar, jetzt, da man zum ersten Mal auch ihm etwas hämisch (aber nicht minder amikal) ad multos annos! zuprosten darf.
aufgeräumt
Die Tage, an denen er vor der Ungeheuerlichkeit des (längst überfälligen) kreativen Prozesses in organisatorische und, was sich besonders fatal auszuwachsen pflegte, in reorganisatorische Arbeiten flüchtete, brachten es zumindest mit sich, dass sein Büro endlich ausgemistet war, Containerladungen Altpapier entsorgt waren, er ordentlich Kreuzweh hatte und, jedenfalls, viel zu müde zum Künsteln war.
Morgen aber würde er endlich arbeiten können. Ja, nach dem Zahnarzt.
(morgen: nach dem Zahnarzt)
’taufte Maus
Die – in der Tat bezaubernde – Verlegerin, deren Frisur im Laufe der Nacht immer mehr der ihrer Bundeskanzlerin glich, hatte Glück, dass sie keine Österreicherin war, stellte er sich vor.
Forelle Jerusalem
Im Restaurant
Gegrillt, vielÖl, Oliven, Kapern, dazu gegrillte Tomaten, Paprika, Zucchini, Erdäpfel, allesinallem: sehr üppig, um nicht zu sagen: deftig (was hiermit gesagt ist).
Religionstouristisch (sehr international)
Am Zionsberg, in der deutsch verwalteten katholischen Krypta, an der Stelle, wo, sie wollen es so, Maria ganz sicher gestorben ist, –
(begraben haben sie sie ja bei den Armeniern, neben dem Gethsemane-Garten am Fuß desÖlbergs, d.h. einmal quer durch die Stadt, hauptsächlich durchs arabische Viertel, dort ist sie dann maximal exakt drei Tage gelegen – oder hat es bis zum entsprechenden Dogma 1950 gedauert? – bevor sie mit Leibundseele in den Himmel gefahren ist; ihr Bub hat es da leichter gehabt, der war amÖlberg gestartet, etwa 200m näher am Himmel)
– ein deutscher Geistlicher instruiert eine Gruppe dunkelhäutiger Pilger, die Männer im schlabberigen Trainingsanzug, also wohl Amis (wären sie weiß, es wären Tschechen), dass das alles hier eh nur Tradition sei, da geht ein Mobeil, fünf Sechzehnteltriolen nach einer Sechzehnteltriolenpause, darauf die zwei Achtel, das ganze zweimal, und los geht die Melodei in frohohoher Eil.
Das hättert sich der Schubertfranzl aber nicht gedacht, damals (nicht in Steyr), stellte er sich vor.
0 – 100 (kategorisch)
Man könne Hotels recht gut nach der Qualität der Frühstücksorangensaftzumutung klassifizieren, hatte der lange poetische Weiler weltklug doziert und brachte seine Erkenntnis so, dass sie, um ihm eine Freude zu machen, die Überrascht-, ja, Begeistertheit über diese treffscharfe Pointe nur insgeheim gähnend zu heucheln sich gezwungen sahen, war das anstrengend.
Das so beliebte Hotel mit Tiefgang und Bunkerspeisesaal (nebenan, unverhohlen, war der Eingang zur Synagoge schlicht mit einer Luftschutztüre gesichert) konnte maximal ein 15er sein, mehr Fruchtgehalt war nicht drinnen.
So könne er sich mit der Hotelklassifikation anfreunden, stellte er sich vor. Aber so hatte es das poetische Originalitätsoriginal (0%) mit der Ausstrahlung eingeschlafener Füße (100%) nicht gemeint.
Achja: Das (dt: der) Joghurt aber hatte ganze null Prozent.
Aufzug, orthodox
Da standen sie nun im Lift, der großgewachsene hübsche Student von hinter der akustisch recht kommunikationsfreudigen Wand, der nachts keinen Damenbesuch erhalten hatte, mitsamt seinem Koffer, in den der Nichtdamenbesuch mit etwas Willen und reichlich Vorstellungsvermögen schon auch hineingepasst hätte, warum auch plagte sich der kräftige Jüngling derart, fragte er sich später, und er, keinesfalls taub diese Nacht verbracht habend, und sie warteten und warteten, bis die selbsttätige Schiebetür ihrem Namen gemäß verfahren würde, aber es tat sich nichts, 6-8 Personen stand von links und rechts zu lesen, keine Rede also von Überlastung, auch wenn sie, was immer wahrscheinlicher wurde, zu dritt in der Kabine waren, was aber nützte es, sie gingen auf den Gang hinaus und sogleich wollte die Tür zumachen, nichts wie in den Lichtschranken ausgeschritten, wieder in den Vertikaltransponder, und dann die ganze gleiche Prozedur noch zweimal, bis er beschloss, zu Fuß in den Frühstücksraum, der sich, wie gestern berichtet, als rechteckige Höhlengrotte herausstellen sollte, minus 2, ein Stockwerk noch unter den Autos, so war das hier, wie gesagt, und der sympathische junge Mann mit der Menschenkiste nuschelte, durchaus kommunikativ, unverständlich etwas , das sich auf seine Nachfrage hin wie Schabbatlift anhörte, und er erklärte es auch gleich, nämlich, dass ein Schabbà¡tlift ein Aufzug für orthodoxe Juden sei, die ja am Schabbat nichts, aber schon gar nichts anrühren dürfen (wie gehen die eigentlich aufs Klo?), und der deshalb also am Schabbà¡t dauernd aufundab fahre, nachgerade fahren müsse, an jedem Stockwerk anhalten müsse, wodurch gewährleistet sei, dass der gläubige Mensch keinen Finger rühren würde müssen, so ein Glück.
Er aber hatte sich das liftfreundlicher vorgestellt, nämlich dass jeweils ein Lift (wöchentlich alternierend) am Hl. Ruhetag auch tatsächlich ruhen dürfe.
Können Aufzüge zum Judentum konvertieren? Oder könnte man sie gleich so schaffen? – Fragen über Fragen in diesem faszinierenden Land also, schon am ersten Morgen.
egalitär
Der Frühstückssalon des in den Hang gebauten Hotels (was war in J. nicht in den Hang gebaut?) lag im zweiten Untergeschoss. Da der Sabbat-Lift (morgen mehr dazu) auch montags nicht recht wollte, nahm er die Nottreppe und kam vorbei an Office (careful, low ceiling), Lobby und – Parkdeck. Unter den Autos also die Frühstückslemuren, aber, wie gesagt, das Hotel war ja in den Hang gebaut (was war in J. nicht in den Hang gebaut?), gleich würde sich der herrliche Blick auf die Stadt öffnen, der ihm im vierten Stock verweigert wurde.
Fehlanzeige. Katakombe. Ein besonders kniffliger Fall für eigens spezialisierte Gastronomiefotografen, deren Auftrag es war, aus Bunkern dieser Art Prunksalons zu imaginieren (hier: unlösbar; für den Hotelprospekt hatte man sich mit der Lobby begnügt und dafür Betonpfeiler wegblitzen müssen).
Aber immerhin: hier wurden Spätaufsteher gleich behandelt wie Ganzfrührausmüsser, das ganze Jahr über.
anfänglich elliptischer Kreis
Das Flugzeug war ziemlich voll, und wenn man einen Sessel weniger aufgestellt hätte, hätte er schon auch musiziert, das Instrument war ja dabei.
Unnötig zu erwähnen, dass (man war ja nicht in einem Asterixheft) die Reise nach Jersualem ging.
herzlich (zum Tag)
Warum man den bis vor kurzem transportunfähigen Untersuchungshäftling (für den in sämtlichen Medien die uneingeschränkte Unschuldsvermutung galt) ausgerechnet am Aschermittwoch am Herzen (dort, wo das Geldbörserl getragen zu werden pflegte) operieren wollte (was, denken wir an die Gefahren, die von als Chirurgen verkleideten Narren drohen könnten, ein eindeutiger Beleg war, dass die Justiz in diesem Land uneingenommen und objektiv arbeiten konnte), über diese Symbolik wurde er nicht müde, nachzusinnieren.
Naja, Mittwoch war Kasperltag, seit eh und je.
nicht heikel (mit Pointe)
Als der freundschaftlich entführte Gast bei ihnen ankam und es ans Kochen ging, fragte man ihn, ob es irgend etwas gebe, das er keinesfalls essen wolle (und hatte dabei, wie man das von einem anderen Freund gewohnt war, an Knoblauch, Fisch oder Pilze gedacht), kam, nach kurzem Überlegen, die präzise ausformulierte Angabe: I eat anything but liver and – cheese.
Deutsch (A D-südost; nicht: A-west/Tir. CH D-südwest – so das Variantenwörterbuch des Deutschen) weitergedacht, hätte man jetzt sehr mephistophelisch böse sein können, indem man, mit Püree samt süß gerösteten Zwiebeln, einen frisch herausgebratenen (oder -gebackenen) Leberkäse serviert hätte, Ihr Mittagsmenü bitte (montags bis mittwochs, donnerstags gibt es ja Spinat, und Freitag ist Pangasiustag, wir wissen bescheid).
Aber probieren Sie einmal, diese harmlose und zugegeben recht schlichte Pointe ins Amerikanische zu übersetzen.
narrisch
wo bleibb da
hummoooa
wo bleibb da
hummmoooooa
wo bleibb darrr
hummmmmooooooooooa
darrr kööönich vonn
hummmmmmmmoooooooooooooooooa
rrrrr
Dann die letzten Tage, wo in sämtlichen Vorstädten die ganzjährig gut unter Verschluss gehaltene Fröhlichkeit ausgerufen wurde, Stunden nach den Umzügen noch ein Hauch von Marillenmarmelade (oder war es Barack?) in der Luft lag und Konfetti und Papierschlangen die Straßenbahngeleise verstopften (diesmal war es nicht so arg, es war trockenes Wetter).
All diese Individuen vermassenden Menschenaufläufe wie auch die kollektiv offenbar dringend benötigten fixen Widmungszeiten für Ausgelassenheit, Besinnung, Heilefamilienweltverlogenheit etc. waren ihm derart zuwider, er konnte sich gar nicht restlos erklären, warum, und es war ganz sicher nicht allein Canettis Schuld und/oder der Umstand, dass er dieser Tage mehrmals am frisch renovierten Justizpalast vorbeigegangen war.
Ebenso unerklärlich war, warum ihm gerade bei diesen Gedanken die Frage kam, ob es, auf Friedhöfen etwa, eigene Fahnenmasten, die nur für Halbmastbeflaggung vorgesehen waren, gab, und ob man dann nicht die obere Hälfte einsparen könnte.
Opernball /2
Noch einmal zu den Helikoptern, die jedes Jahr am letzten Donnerstag im Fasching alles sichernd durch die Wiener Innenstadtluft ratterten: Als er von der (bisher) hubschrauberlosen U-Bahn zur Wollzeilenoberfläche emporschwebte, fiel ihm dieser Roman seines Freundes ein, und ihm fiel auf, dass er jedes Jahr heimlich (meist von ihm selbst unbemerkt) damit rechnete, dass bereits in den Mitternachtsnachrichten exklusiv von seiner opernballbedingten Festnahme berichtet werden würde (bzw. müsste).
Heuer aber schien er es besonders perfide (um ein ihren Abonnenten Bildung vorheuchelndes Fremdwort aus dem Wortschatz der Krone und ihrer durch sie informationsdeformierten Leser zu verwenden) zu treiben, hatte er doch vor, sich zwischen Faschingssonntag und Aschermittwoch ausgerechnet nach Israel abzusetzen.
Darauf wäre nicht einmal Der Geringste gekommen, stellte er sich vor.
Wurscht, er würde ihn jedenfalls begleiten. Freundschaft. Da müssen wir jetzt durch.
Opernball /1
Warum auch musste er jedes Jahr ausgerechnet am letzten Donnerstag im Fasching in die Stadt (nein, weder in noch vor die Staatsoper), dachte er sich, als er sich beim Stubentor aus den U-Bahn-Katakomben hinaufrollen ließ, oben hörte er dieses fast schon folklorehafte Helikoptergeratter, panta dreh, Alles Walzer auch in der Luft, und Alles zu Ihrer Sicherheit, und er fühlte sich, ganz im Gegenteil, mit einem Mal verunsichert, kam gewissermaßen, völlig unalkoholisiert, ins Torkeln, was wäre, wenn der bei diesem Regen herabkäme, woher dürfte man dann noch Hilfe erwarten, Kampftaucher vom Donaukanal?
Hörverständnis
In der Schule damals, im Englischunterricht gab es Übungen, wo das Verstehen des eben Vorgetragenen abgecheckt werden sollte, es war ihm stets leicht gefallen, und wahrscheinlich waren diese Übungen als Dazwischenmotivation, um vom öden Vokabellernenmüssen abzulenken, ja auch extra leicht gestaltet, sodass die Schüler mit ihrem recht beschränkten Wortschatz die Vorkommnisse beim Frühstück (porridge, wääh – aber die mochten das angeblich!) oder auf dem Schulweg von Ann and Pat zufrieden stellend nacherzählen konnten.
Listening comprehension, so hieß diese beliebte Unterrichtssequenz, es war ihm nachts eingefallen, als es in ihm über die anstehende Zusammenarbeit mit A. B. gärte (man würde bald schon ins Studio gehen und zu zweit musizieren), Hörendes Einverständnis, jawohl, das war es in der Tat und vom ersten Augenblick des Kennenlernens vor nicht ganz zwei Jahren, was sie verband, sehr vielversprechend.
We must do it as long as we’re alive, hatte A. ihm am Vorabend noch einigermaßen nachdrücklich gesagt, shakehands.

A.B. (l) – B.M. (r) Foto: Victoria Coeln
Er klikkte ins online-Wörterbuch und fand bei listening comprehension noch to be past comprehension, und das bedeutete Über alle Begriffe gehen.
eingeholt
In der Früh dann, d.h. am späten Vormittag, nach dem Abwaschen, schienen ihm die Affen vom Vorabend beim Abtrocknen aus jedem einzelnen der zahlreichen Gläser entgegen zu kreischen.
davongekommen
Jetzt, da der Fasching, beginnend mit seinem donnerstäglichen hochgesellschaftlichen Tiefstpunkt, auf seinen Höhepunkt zuzusteuern begann, war es vielleicht doch nicht so ungünstig, dass ihm sein Zahnarzttermin so kurzfristig abgesagt worden war, zur hemmungslosen Aushöhlung dreier Unterkieferzähne schien ihm ein Tag nach dieser kurzen Zeit, in der der ganzjährlich existente allgemeine Irrsinn öffentlich angesagt, es geradezu erwünscht war, dass er nach Außen durchbreche, wesentlich besser geeignet, wirklich wahr.
So würde dann er weniger auszucken müssen, stellte er sich vor, hoffte er.
Immerhin.
superlearning
je müder / ich bin / umso lieber / bin ich / in wien
Ernst Jandl
Nun war er also zurück aus der Spätaufsteherstadt in diesem Spätaufsteherland, wo selbst das Morgenlicht später daherkam, weil es es sich gemütlich machen zu wollen schien.
In seinem Land wurde der wissenschaftlich belegten Tatsache, dass es volkswirtschaftlich weitaus vorteilhafter wäre, den Arbeitstag später, so gegen 9.00 Uhr, zu beginnen, einzigundallein deshalb nicht nachgekommen, weil die entscheidenden Posten in Gewerkschaft und Industrie aus einem teufelskreisenden Grund von militanten Frühaufstehern usurpiert waren, und die würden sich hüten zuzulassen, dass gewisse Sitzungen erst dann begännen, wenn die (ohnehin in diesen Regionen dünn gesäten) Gemütlichaufstehenwoller auch ihre volle Reaktionsschärfe erreicht hätten, wo kämen wir auch hin.
Er aber, müde und aber lokalbewusst, hatte sich den Radio (sic!) in bester Absicht heute früh aufgedreht und konnte so zwei Morgenjournale (eines davon mit ausführlicher Kulturberichterstattung), eine gründliche Programmvorschau (eig. -horch), zwanzig Minuten angeblich am Morgen so wohltuender Barockmusik (er bezweifelte das), eine Sendung über Menschen, Moden, Lebenskunst, Nachrichten in englischer und französischer Sprache, ein ganzes, mit süßelnden Kommentaren durchsetztes Pasticcio (dem Moderator mussten, bei gleichzeitiger Gebetshaltung, die Mundwinkel von einem helnweinschen Klemmapparat nach oben gezogen worden sein), und, im Heraufdämmern, von Drachenhöhlen, Wildfrauen und Riesen im Schlaf (mit einigen wenigen Bewußtseinsinseln) konsumieren.
Ausgerechnet beim Radiokolleg (das Thema diese Woche: In Morpheus‘ Armen) hielt es ihn nicht mehr, ab in die Dusche. Aber die Sendung wurde ja am Abend wiederholt, er könnte sie sich dann im Bett anhorchen, jawohl.
//:immer wieder://Österreich
Bei der Ankunft in Wien einen Packen Gratiszeitungen aus dem Spender, diesem Selbstbedienungsblech, zu entnehmen, um sie unverzüglich im so praktisch extra unmittelbar daneben aufgestellten Altpapiersammelbehälter zu entsorgen, so etwas durfte man durchaus als einen heroischen Akt medialer Zivilcourage bezeichnen, stellte er sich nicht nur vor, als er in den Keller zur Flughafenschnellbahn ging.
Trotz dieser Tat, er konnte nicht umhin sich einzugestehen, dass ihm eine ganze WocheÖsterreich jetzt bevorstand.
umtost
Wem es im Flugzeug zu eng ist, der freut sich auf die geräumige Festlandtoilette am Flughafen, und in Amsterdam Schiphol ist ja auch alles recht sauber, wirklich wahr, und das liegt sicherlich zu einem Gutteil auch an den Toiletten mit automatic flush, dachte er sich, als ihm bei jeder noch so geringfügigen Bewegung aufs Neue sein Gemächt beinahe hinweggespült wurde, er kam sich wie Jacques Tati in playtime vor, so modern alles, und so sauber, wirklich wahr.
Obwohl, ein Fön wäre schon auch noch angenehm gewesen, stellte er sich vor.