mütterlog

Es ist sehr verschieden, in die Zukunft – und in die Vergangenheit zu lügen.
Jean Paul (1799)


anhaltend

Zum Ende der Sommerzeit wurde ja nicht, wie allgemein angenommen, die Zeit eine ganze Stunde angehalten, sondern es wurden nur die Uhren um exakt eine Stunde zurückgestellt. Weil – wie hätte man sie auch Ende März so präzise beschleunigen können?
Genau so musste es sein, stellte er sich, ausgeschlafener als sonst so früh am Morgen, vor.

verfrüht

Venzone. Am Morgen hatte sich der Hahn, der ein nachgerade idealtypisches Kikeriki pflegte, verkräht. Der Nachtexpress aus Wien war nämlich nicht und nicht dahergekommen, erst eine Stunde später als sonst näherte sich dieses anschwellende cchhh, gefolgt vom Geräusch ölgedämpfter Eisenräder, dem Zischen der Zugperipetie, dann kam noch das abschließend abschwellende cchhh. Morgen aber würde auch er sich von der Sommerzeit gelöst haben und, vorausgesetzt der Nachtzug käme pünktlich, den Einklang von Natur und Technik wieder herstellen.

Hupen

Muggia. Folgetonhörner schreien von Triest über die Bucht. Tarzan in der Großstadt.

Gehen

Ob Jesus tatsächlich Jesusschlapfen getragen hat, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden; den Gang über den See Genezareth dürfte er jedenfalls barfuß angetreten haben, stelle ich mir vor.

Rudern

Muggia, die täglich glatte Binnenbucht. Im Bildhintergrund wendet gravitätisch ein Tankschiff, indem es von drei Jagdhundbooten zu den Abfüllanlagen der Adria-Wien-Pipeline gezerrt wird. Fünf Kadetten vom Ruderverein Muggia 1898 planschen noch recht ungeschickt im Wasser und versuchen, sich einigermaßen vergeblich im unwuchten Uhrzeigersinn drehend, in ihren nadeldünnen Booten das Prinzip geradeaus rückwärts zu verinnerlichen. In der Abfolge Aktivität – Frustrationspause (die durch Zurufe vom Trainer unterbrochen wird, der in seiner gemeinerweise mit Außenbordmotor versehenen Nussschale durchs Megaphon metallen röhrt) sehen sie aus wie Wasserläufer, die auf einem schattigen Waldteich die Oberflächenspannung ausnützend jesusgleich spazieren gehen. Trotzdem sie einem Ruderverein angehören, tragen die Knaben beim Erlernen ihres schönen Sports unserer Zeit entsprechend T-Shirts.

Phlegma

Gorizia – Trieste.
Ist eine phlegmatischere Route vorstellbar als das durch den Karst zum vom Himmel nicht zu unterscheidenden Golf sanfte Hinabsinken, zumal im Winterhalbjahr? Die paar Schiffe auf Reede, draußen vor den Muschelbänken von Aurisina und Duino, scheinen irgendwo zu schweben, der graublaue Horizont ist abgeschafft.

aufgeladen /4

Mit der Zuckerrübe bemerkte er, dass es auszuufern begann, wir waren von Speichern umgeben, überall schlummerten Kapazitäten, ungeahnte wie auch genau definierte Potenziale: Schokolade, Schallplattensammlungen, Wörterbücher, Schnapsflaschen, Automotoren, was eigentlich nicht?, begann sich, wo er hinschaute, hindachte, alles zu drehen. Leben, das könnte bedeuten: sich Gespeichertes dienstbar machen, es aufnehmen, umwandeln, und wieder, transformiert, abspeichern oder aber ausscheiden.
Was jeder von uns wie einsetze, das sei wiederum sehr individuell. Allzuviel zu Verwertendes, ja Lebenswichtiges werde unerkannt und also ungenutzt ausgeschieden und noch viel mehr Müll werde als unverzichtbar beworben, dem entsprechend angestrebt, gehegt und gepflegt und blockiere, da war es wieder, das Wort: Kapazitäten, Potenziale. Leben, ein beständiges Sein zwischen dem was war und dem was sein könnte, sein hätte können. Wieviel Anteil daran jetzt der Konjunktiv (gar der irrealis) hatte, das getraute er sich in seiner unvermutet aufgezogenen vornovemberlichen Stimmung dann doch nicht näher zu untersuchen.
Jetzt ins Bad, fertig die Haare kürzen, der Akku sollte wieder soweit sein.

aufgeladen /3

Was nicht alles überall gespeichert war, stellte er sich vor. Ein Akku war das Stromgedächtnis, soweit der Ausgangspunkt seiner Überlegungen.
Nationalbibliotheken werden gerne als das Gedächtnis eines Volkes apostrophiert, was die Frage aufwirft, wer es denn brauche, besser: gebrauche. Dann war da noch der Wein, in dem die Sonne eines Jahres gespeichert war, was, wie es schien, gerne mit Wahrheit gleichgesetzt wurde, und die Sonne, das leuchtete ein, bringt ja manches ans Licht.

aufgeladen /2

In den Gebrauchsanweisungen von allerlei Elektroprodukten, Kapitel: Akku, Unterartikel: Kapazität wird der umsichtige Konsument darauf eingeschworen, die Lebensdauer dieses so wichtigen Teils bestmöglich zu erhalten. Lasse die Leistung des Geräts immer öfter immer früher nach (etwa wenn sich sein ohnehin kurzes Haupthaar* nur in zwei Aufladezyklen auf die gewünschte Minimallänge kürzen ließ), möge man den Akku durch Dauerbetrieb völlig, wie es hieß, entleeren, um ihn dann ganz aufzuladen, und er sei wieder voller Energie wie am Anfang, jedenfalls fast.
Wie wäre es, stellte er sich vor, wenn man hier die Analogie mit dem humanen Gedächtnis wieder ins Spiel brächte? Völlig entleeren und neu auffüllen, wie ginge das?

*(schütter, das war ein Wort, das er sich verboten hätte, was aber mehr mit den auf seinen Namen platt gereimten Hänseleien zu tun hatte, denen er als Bub ausgesetzt war, vor allem, wenn er im Ballsport versagt hatte; wegen der Haardichte war ihm jede Eitelkeit fremd)

aufgeladen /1

Ein Akku, das war ja so etwas wie das Stromgedächtnis eines Geräts. Ob es mit dem nahenden Nationalfeiertag zu tun hatte, dass jener seines Bart- und Haartrimmers immer öfter zur immerwährenden elektrischen Neutralität zu tendieren schien?

erhellend /4

Achja, bitte vergessen Sie nicht, dass in der finsteren Nacht vom kommenden Samstag auf den unmittelbar darauf folgenden Sonntag die Uhren eine Stunde zurückzustellen sind. Damit verschieben sich auch sämtliche Dämmerungseinbrüche um eine Stunde.
Nach vorne oder nach hinten?

erhellend /3

Als besonders kritisch gilt die Zeit zwischen 16 und 21 Uhr, heißt es noch. Ich darf davon ausgehen, dass diese Erhebungen in engstmöglicher Kooperation mit der auf der Hohen Warte beheimateten Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) angestellt wurden. Und sie dürften, in dieser Ausdehnung, für das ganze Jahr gelten.
Eine ähnliche Statistik für die Morgenstunden steht noch aus, stelle ich mir vor.

erhellend /2

Es dämmert, weiter.

Die niederösterreichischen Kriminalisten haben im vergangenen Winter vom 1. Oktober 2005 bis zum 1. April 2006 187 Dämmerungseinbrüche verzeichnet.
Ich habe das überschlagsmäßig nachgerechnet, und mein Ergebnis weicht nur geringfügig ab: Den 1. April mit eingerechnet, komme ich auf exakt 183 Dämmerungseinbrüche, und ich bin gespannt, wo sich die vier mir entgangenen Schalttage versteckt haben.

Gut, ich war zwischendurch auch ein paar Mal im außerniederösterreichischen Ausland.

erhellend /1

ORFON, du bist nicht zuletzt deshalb unschlagbar, weil deine Schlagzeilen das Lesen eines dahinter verborgenen Artikels oft völlig obsolet machen, ihn, wie man nicht zuletzt angesichts des nahenden 31. Oktober versucht ist, so trefflich zu formulieren, schlichtweg ersparen, es treibt unsere Vorstellungskraft in luftigste, ungeahnt ahnungsvolle Höhen. Am Samstag, dem 21. Oktober 2006 durften wir etwa lesen: Dämmerungseinbrüche nehmen zu. Im Weiterklikken erfährt der treu an den ORF angeleinte Medienkunde, diese dem finsteren Halbjahr völlig entsprechende Erkenntnis präzisierend: Mit den kürzer werdenden Tagen nehmen die Dämmerungseinbrüche wieder zu.
Da brauchst du, willst du gar nicht mehr weiter lesen; Sätze von derart philosophischer Wucht sind Astronautennahrung fürs Hirn und können, sollen mindestens einen Tag (jedenfalls aber bis zum Einbruch der Dämmerung) dort wiedergekäut werden, stelle ich mir vor.

Erhebend

Auf seinem Weg in die Stadt, den er jedes Jahr so lang es irgendwie ging radfahrend zurücklegte, fiel ihm in letzter Zeit, oder, genaugenommen, seit etwa zweieinhalb, drei Jahren auf, dass die Autos immer höher geworden waren, alles hochgestellte Limousinen mit abgedunkelten Scheiben (wenngleich man die mobilen Telefonisten hinter ihnen stets zweifelsfrei erkennen konnte), was wiederum bedingte, dass der die für einen Radfahrer im Straßenverkehr nur allzuoft fatal fehlende Knautschzone etwas wettmachende Überblick allmählich untergegangen war, da konnte er sich strecken im Sitzen wie er wollte, über so einen in den Randregionen des Wienerwaldes – sammasieahlich – unverzichtbaren hochgestellten Allradklotz konnte er nicht mehr spähen.

Er würde sich etwas einfallen lassen müssen, stellte er sich auf einem Hochrad sitzend in die Stadt flitzend vor, genau, das wär’s.

tagesaktuell (überfällig)

Ansich mag ich ja nicht so gerne täglich fällige Nachrichten verstreuen, aber heute muss ich eine Ausnahme machen.
Hier ist die Tagesaktualität vom Tag: Der 20. Oktober 2006 wird in Hinkunft als das Erscheinungsdatum von The Devil’s Brother aka Fra Diavolo aka Bogus Bandits aka The Virtuos Tramps (vergessen Sie den dümmlichen deutschen Titel Die Sittenstrolche) auf DVD geführt.
L&H sind die Besten!
Ein jahrelanges Vakuum ist hiermit mit, ja womit denn? – am ehesten mit Wein aus dem Keller – gefüllt. (Was ich getrunken habe, kann ich nicht mehr verschütten. – St. L.)
Stoßen wir also an auf Stanlio, Ollio, und, nicht zu vergessen, auf den wacker-gehörnten, stets glasäugigen James Finlayson (hier als Lord Rocburg).

im tempo, bitte!

Soweit die Tagesaktualität vom Tag. Sie war – man bedenke den Plot – im doppelten Sinn längst überfällig.

Ausgewachsen

Kürbiszeit ist’s, danke orfon, dass du uns daran erinnerst. Das regelaunchte Landesmagazin (in der Steiermark mit der fröhlichen – in Wirklichkeit: gefährlichen – Drohung immergutdrauf rubriziert) berichtet uns von der diesjährigen Meisterschaft im Riesenkürbiswiegen am 1. Oktober in Eichberg bei Rohrbach an der Lafnitz im Bezirk Hartberg.

Besonders berührt bin ich vom Siegerkürbis, den ein Herr Joachim Hammerl gezogen hat, er ist, so dürfen wir erfahren, von weiblichem Geschlecht, mit 372,2 Kilogramm einigermaßen adipös und hört ausgezeichnet, undzwar auf den Namen Emma.

In Niederösterreich hätte er per (durchgesickertem) Dekret Erwin heißen müssen, und Er wäre dabei gewesen, so photographiert, dass er mindestens so groß ausschaut wie das Großgemüse.

Hier aber sind wir in der Steiermark. Und Franz wäre kein guter Name für einen Kürbis.

Wachsen

Nach dem Rasieren, als er seinen Kopf vor dem Spiegel etwas nach vorne neigte, stellte er fest (was er ohnehin wusste), dass die Grundsubstanz seines Schädelbewuchses ziemlich genau jener des, wie es hieß, letzten Landesfürsten glich, welcher durch eine für unsere heutige Zeit in diesen Breiten unvergleichliche Durchwirkung sämtlicher Medien in Wort und Bild einem von überallher (je nach Anlass) zu lachen, feixen, mahnen, ein ganzes Land zu ermuntern, aufzufordern oder zu beschwichtigen schien, und es war ja auch kein Wunder, gab es doch keine Kreisverkehrseröffnung, kein renoviertes Marterl, kein Sängerbundtreffen und keine Wallfahrerjause, die ohne ihn vorstellbar waren, und da schoss ihm ein monstöser Gedanke durch den Kopf, was, wenn dieser omnipräsente Fürst sich eine ganze Kohorte von Doppelgängern hielt, und ob er mit seinen Haaransatzanlagen in den engeren Kreis der Bewerber aufrücken könnte, wenn er wollte, aber das war, atmete er erleichtert auf, ganzundgar unmöglich, weil er erstens etwas zu groß gewachsen war und zweitens die neben seinem Naturschädel wachsenden Haare seit eh und je (und völlig freiwillig) äußerst kurz geschnitten hielt, keine Dackelohren aus Haar, das würde Jahre dauern und wäre letztlich völlig aussichtslos, stellte er sich, erleichtert aufatmend, vor.
Im übrigen war er mit seiner Haarsubstanz immer einverstanden gewesen, zuerst die juvenile Matte, die ihn wie einen pusteligen Apostel aussehen ließ, dann, nach der militärisch verordneten, die Dichtung der Gasmaske nicht gefährdenden Kurzhaarfrisur, die der Natur folgende Tendenz zu immer kürzerem Schnitt, immer klarer, wie das halt mit dem Alter so kommt. Haarwuchsmittelwerbungen, die mit dem zusätzlich zur ausschließlich mit ihnen garantierten größeren Haardichte auch den Wiederaufbau eines männlichen Selbstwertgefühls versprachen, blieben ihm stets völlig rätselhaft, was ihn wieder jenem Landesfürsten annäherte, weil ein derart stabiles Selbstbewusstsein qualifiziert doch zu Höherem, oder nicht?, fühlte er sich schon in der (längst noch nicht virulenten) Nachfolgediskussion aufgerückt. Wichtig aber war, bereit zu sein. Ja, rechtzeitig übersiedeln musste er auch noch. Jetzt, wo er das wusste, würde er wachsam bleiben.

Statistisches

Sein recht erfolgreicher Jugendfreund hatte sowohl ein wirtschafts- als auch ein naturwissenschaftliches Studium absolviert. Also entfuhr ihm, als ihm dieser das erste Bild seines Neugebornen (verdrückt, wie alle Frischlinge), zeigte, statistisch wie auch genetisch einigermaßen korrekt: Halb der Papà¡!
Diese insektenforscherische Nüchternheit würde den Freund erfreuen, war er selbst gerührt von soviel aufgebrachter Empathie.

Plüsch

mein cafà©

Szene beim Billiard (im Weingartner spielt man auf Turniertischen Dreiband, sehr gepflegt): Sie spielen zu viert, je zwei und zwei, und es rennt nicht nur der Ball (sagen Sie niemals Kugel!), sondern vor allem auch der Schmäh. Ich liebe es, nach der Zeitung noch ein paar Minuten zu kiebitzen, die Kommentare der Spieler wie auch der anderen Beobachter, die meistens genussreich, dass es zum mit der Zunge Schnalzen ist, man kann sagen: applicà®rt werden, es ist ein patiniertes, im besten Sinn konservatives Vorstadtcafà©, und in die neuen Zeiten weist der in Häusern dieser Güte unübliche Trottelsteuerautomat der Firma Novomatic mit dem praktischen Papiergeldschlitz (ausschließlich zum Einzahlen).
Herrn Stefan, der, als er noch als Kellner hier arbeitete (deswegen hat man die beidseitig förmliche Anrede beibehalten), mein Epitheton Herr Kompositör (kurz: Gomposi) prägte, ist ein Stoß nicht wirklich gut gelungen, und augenblicklich umkreisen die ironischen Meldungen den zentralen Zweiertisch. Da hebt er zu einem kurzen Stoßseufzer an, wie man ihn so nur im Weingartner zu hören bekommt:

Es is jå a jeda gegn mi
obwoi i a so a Plüschtierchen bin.

Besser gehts nicht. Wirklich wahr.

Gesundheit!

Man hatte ihn zur Lesung des berühmten Schriftstellers eingeladen, der Skrupel hat, sich Poet nennen zu lassen und es aber ist, und wie! (Als Gegenbeispiel fiel ihm bei diesem Gedanken stets jener einer Zuckerldynastie entstammende Poesiegroßindustrielle ein.) R., dieser Erzähler im wortwörtlichen Sinn, bannte das ganze Burgtheater zur Atemlosigkeit.
Nur um ihn herum schienen, Auswurfgeräusche ausstoßend, die Patienten eines Lungensanatoriums auf Kulturausgang Platz genommen zu haben. Beim Verlassen seiner Sitzreihe dann suchte er nach den Oxygenflaschen, vergebens: Es ist aber auch schon alles heutzutage miniaturisiert, zuerst verwendet es James Bond (hier: im Unterwassereinsatz) oder (was fast das gleiche ist) wird etwas für die Raumfahrt entwickelt, dann taucht es unweigerlich irgendwann für den allgemeinen Gebrauch am Markt auf. Ja genau, so musste das auch mit den auf Füllfederpatronengröße geschrumpften Sauerstoffflaschen sein, stellte er sich vor.

Sackerl fürs Gackerl

Der lodengrüne Senior mit der gedrungenen Körperhaltung möchte am liebsten von der Finsternis verschluckt werden, wie ein Herr, der sich mit hochgezogenen Schultern und merkwürdig eng nachgeschliffenem rechten Bein aus dem diskreten Seiteneingang des Sexkinos stiehlt. Mit seinem etwas zu kleinen braungrünen Filzhut und dem krummkurzbeinigen Langhaardackel geht er seine abendliche Runde um den Häuserblock, eng (im kleinst möglichen Radius) dem Umfang der Häuser angepasst werden im Gegenuhrzeigersinn abschnittweise die Wände, wie heißt es: markiert, völlig ungeniert lässt er sein Hundsviech (dessen Not unleugbar ist, es ist seine Natur) neben unsere Haustür und direkt vor uns hinseichen. Oft liegt auch ein olfaktorisch prekäres Darmpressprodukt, euphemistisch Hauferl genannt, direkt vor oder zumindest neben der Haustür, im bestmöglichen Rechts- bzw. Linksweggehwinkel. Sieht uns der Geruchsverantwortliche, der zu faul ist, die Straße zu überqueren (gleich gegenüber wäre der Park) verdrückt er sich, schert sich einen – Dreck.

Man sollte immer ein Sackerl fürs Gackerl dabei haben. Damit ergreife man dann die canine Hervorbringung und werfe sie den Hundehaltern hinterher oder, besser, schmiere ihre noch viel zu wenig braunen Hüte ein.

Jawohl.

Beim Häuten der Zwiebel /5 – Gustafssons Liste

Einmal im Jahr sollte man diese Liste durchmeditieren, und heuer ist Zeit, sie hierher, ins MütterLog zu stellen.

Verzeichnis der Kunstarten nach ihrem Schwierigkeitsgrad

1. Erotik
2. Musik
3. Lyrik
4. Drama
5. Feuerwerkskunst
6. Philosophie
7. Surfing
8. Die Kunst des Romans
9. Glasmalerei
10. Tennis
11. Aquarellmalerei
12. Ölmalerei
13. Rhetorik
14. Die Kochkunst
15. Architektur
16. Squash
17. Gewichtheben
18. Politik
19. Hohes Trapez
20. Fallschirmspringen
21. Bergsteigen
22. Bildhauerei
23. Kunstradfahren
24. Jonglieren
25. Die Kunst des Aphorismus
26. Springbrunnen bauen
27. Die Fechtkunst
28. Die Artilleriekunst

Eine kann ich nicht einordnen: die Kunst, Schmerzen zu ertragen. Das hängt damit zusammen, daß bisher niemand eine Kunst daraus machen konnte. Wir haben es also mit dem einzigartigen Fall einer Kunstart zu tun, deren Schwierigkeitsgrad so hoch ist, daß es niemanden gibt, der sie ausübt.

Lars Gustafsson, Der Tod eines Bienenzüchters

Abermals stellte er seine Frage: Dürfen Schweden eigentlich auch den Nobelpreis bekommen?

Beim Häuten der Zwiebel /4

Es passte ihm vorzüglich, sich – unvermutet – in dieser Woche wieder einmal, in diesem Fall zwiebelhäutend, dem Literaturnobelpreis angenähert zu haben, diesen Donnerstag sollte er verkündet werden, hatte es geheißen.
Nabokov führte bei ihm diese Liste der Ganz Großen an, die, wie heißt es so schön, zum exklusiven Kreise derer gehören, denen die Auszeichnung zuteil wurde, den Nobelpreis nicht bekommen zu haben. Es standen da noch Robert Musil, Italo Svevo, Jorge Luis Borges, Fernando Pessoa (gut, der hatte ihn in Gestalt von Josà© Saramago doch noch erhalten), Joseph Roth, vielleicht auch Thomas Bernhard; Proust zu lesen hatte er noch keine Zeit gehabt, so wusste er nicht, ob er sich dieser einigermaßen weit verbreiteten Einschätzung anschließen konnte.
Natürlich, Kafka. – Aber konnte es einen Preis geben, der ihm nur irgendwie gerecht würde? (Eine Strafkolonie ihm zu Ehren umbenennen? Das wäre dann doch etwas makaber, stellte er sich vor.)
Und, weil es eine imaginäre Liste war, fiel ihm noch der Listenschreiber Lars Gustafsson ein, wenn er als Lebender auch nicht zu den mit irrealem Konjunktiv behafteten Großen gehörte.
Dürfen Schweden eigentlich den Nobelpreis bekommen?

(Morgen: Die Liste)

Beim Häuten der Zwiebel /3

Jetzt war ihm etwas Komisches passiert.

Aber es ist nun einmal so, dass wenn man sein Augenmerk auf ein Thema legt, allüberall Hinweise dafür auftauchen, so, wie einem Ende April im Auwald die Morcheln mit der leider bis heute nicht wirklich erfundenen Morchelbrille phosphoreszierend förmlich ins Auge springen (eine der sympathischsten Lügen bei Wer 3x lügt, dieser legendären Quizsendung mit Günter Tolar (ORF, 1973-77). Oder beschäftigen Sie sich mit sog. Schönheitsflecken, diesen entzückenden Mundwinkel- und Dekolletémuttermalen, und es werden ihnen kaum mehr andere Damen als derart geschmückte ins Gesichtsfeld kommen, so ist das, wirklich wahr.

Ein paar Tage nach jener so denkwürdig gehäuteten Zwiebel war er beim Lesen eines Buches auf folgende Stelle gestoßen:

(…) dann kroch der schwere, keuchende, zitternde Fahrstuhl langsam an seiner Samtleine empor, und neben ihm glitten an der durch die Scheibe sichtbaren Wand mit ihrem abbröckelnden Putz langsam dunkle Landkartenflecken abwärts, Flecken, die von Feuchtigkeit und Alter herrührten und die ebenso wie die Wolken am Himmel eine Vorliebe für die Silhouetten des Schwarzen Meeres und Australiens bezeugten.

Tja, lieber Vladimir Vladimirovitsch, die Zwiebel hast du vergessen, dachte er sich, derart zur Fraternisierung autorisiert, und das machte ihn schon einigermaßen stolz.

Dafür hat Nabokov aber auch nicht den Nobelpreis bekommen, den gibt es fürs Zwieblhäuten, raisonierte er, und mehr darüber morgen.

Beim Häuten der Zwiebel /2

Nachzutragen sei noch der Beweis seiner Behauptung,Österreich sei dereinst in Wolkengestalt überÖsterreich gesegelt:
Österreich überÖsterreich (Ötscher, 10.8.2000)

Düstere Vorahnungen lagen in diesem Naturschauspiel, man betrachte die Verdunklungen im Süden – naturgemäß, wäre man versucht zu sagen. Und was es mit den sezessionistischen Tendenzen im äußersten Westen auf sich hatte, das würde sich auch noch weisen, war er sich sicher.
Sechs Jahre waren seither ins Land gezogen, und mittlerweile warÖsterreich über ganzÖsterreich gekommen, hatte sich – vor allem sonntäglich – als undurchdringlicher, bunter Nebel breit gemacht, schrie herum, billig, billg, nur 50 cent.
Aber seine Gedanken schweiften ab, er müsse sich zusammennehmen, damit er nicht den Faden verlöre, stellte er sich vor.

(Morgen: Wie das Lesen so spielt)

Beim Häuten der Zwiebel /1

Beim Häuten der Zwiebel fiel ihm auf, dass das letzte Blättchen, das noch übrig war, exakt die Flächengestalt Australiens (ohne Tasmanien) hatte, noch dazu an der richtigen Stelle, unten rechts.
Wie ihm ja auch einmal am Gipfelplateau (man hatte eben den Rauhen Kamm bezwungen) desÖtschersÖsterreich in Form einer Wolke vorbeigezogen war.
Beim nächsten Mal würde er wieder aufpassen, wer weiß, vielleicht gelänge ihm, sagen wir: Südamerika, bis hinauf zum Panamakanal.

Da kamen ihm die Tränen.

Gmunden /6 – Guten Morgen

Aber, vor die Wahl gestellt, den Freitagmorgen – so hatte man ihm gesagt – ab 7.00 Uhr mit bis oben vibrierender Pressluft begrüßen zu müssen oder sich (wie sich herausstellen sollte völlig unnötigerweise – weil die folgende Nacht eine ganzundgar verschwiegene werden sollte) ohrstöpselbewehrt unserer morgenfrohen Jugend zu erfreuen, wählte er dann doch als zeitmaschinistische Übernachtungsoption jene vom Heute aufs Morgen und nicht retour zum Freitag, was natürlich ein völliger Blödsinn war, so etwas zu denken, aber was stellte man sich nicht alles vor, damit das Leben erträglicher oder eben unerträglicher würde, ganze Industrien, nicht nur in Hollywood, lebten davon, stellte er sich vor.

Gmunden /5 – Akustisches

Akustisch aber war die Nacht durch drei Konstituierende bestimmt.
1. Ein unsichtbarer Autobus, aus dem, so stellte er sich vor, eine renitente Rentnergruppe,
die auf einer völlig unverbindlichen Werbeverkaufsveranstaltungsfahrt der Firma HaWaTex Haushaltswaren und Textilien GmbH Hamburg zu wenige Heizdecken erworben hatte, die Fahrt an den Traunsee und das im Fahrpreis enthaltene Schnitzel aber sehrwohl konsumiert hatte (die vorgesehene Schifffahrt mit der Gisela war sich, eine stets eingeplante Leider-Rache der mittlerweile ebenso wie ihr seniorisches Publikum illusionslosen Werbeverkaufsveranstaltungsfahrtenveranstalter nicht mehr ausgegangen),
nicht und nicht aussteigen wollte, oder die man nicht aussteigen ließ, bis dass nicht genug umgesetzt worden wäre; oder hatte man die Kohlenmonoxidvariante gewählt, weil der Motor des Busses lief und lief und lief, ein Klang, der über den Platz zwischen seinem Hotel und dem See aufs idealste in die Höhe geleitet wurde, sodass die Schallwellen ausgerechnet und ausschließlich bei seinem Fenster herein wollten.
2) Die sich alkoholisch ihrer selbst vergewissernde Schuljugend an jenem Schulanfangswochenende in dieser Bezirkschulstadt, ein Klang, der über den Platz zwischen seinem Hotel und dem See aufs idealste in die Höhe geleitet wurde, sodass die Schallwellen ausgerechnet und ausschließlich bei seinem Fenster herein wollten.
3) In Pausen von 2), und nachdem 1) doch noch vorbei war (wahrscheinlich war der Tank des Autobusses leer gelaufen), wirkten noch die sehr agilen Seelebewesen – Fische und Algen ausgenommen -, mithin die flügelige Fauna; vor allem die tagsüber eh recht herzigen Blesshühner/Blässhühner (Fulica atra – Linnaeus, 1758) aka Hurbeln mit ihrem weißen Streifen am Kopferl, deren enterische Lautgebung einerseits an Snorre = den Faulen Willi, erinnerten, andererseits aber wie eine schlecht geölte Schanktür quietschten, ein Klang, der über den Platz zwischen seinem Hotel und dem See aufs idealste in die Höhe geleitet wurde, sodass die Schallwellen ausgerechnet und ausschließlich bei seinem Fenster herein wollten.
Jetzt aber Gute Nacht!

Gmunden /4 – Olfaktorisches

Diese Nacht von Freitag auf Samstag nämlich sollte es nicht zum Augenzumachenkönnen kommen; zudem konnte man sich die Nase  schlecht zustopfen, wenn die Zigarettenrauchfähnchen aus den offenen Fenstern der unteren Ränge ausschließlich und ausgerechnet bei seinem Zimmer hereinwollten.
Wie heißt es so schön: Nur weil du nicht paranoid bist, brauchst du nicht glauben, dass sie nicht hinter dir her sind.

(morgen: Akustisches)

Gmunden /3

Man hatte ihn im Seehotel – erraten! – Schwan untergebracht, sehrschön dieser Blick auf den See. Da er später am Abend angekommen war, sah er nichts vom Traunstein als den roten Punkt wohl eines Senders (am Morgen dann war der Berg vom Nebel regelrecht wegretuschiert).
All das schärfte Gehör und Geruchssinn für die kommende Nacht.

Gmunden /2

Gmunden, wo der Traunsee ausrann, hatte man immer schon der Schwäne wegen besucht, und er hatte sich immer gefragt, warum man so weit fahren musste um diese unsympathischen Viecher zu besuchen, noch dazu wo es in seiner Heimatstadt mehr als genug, dazu allerlei Enten und, vor allem im Winter, jede Menge Möwen gab, die durch den morgendlichen Nebel wie schlecht geölte Schwingtüren quietschten.

Gmunden /1

Gmunden, das war so eine Stadt, deren Name der äußeren Form nach einem Verb im Infinitivum entsprach, dessen Bedeutung man nicht (noch nicht oder nicht mehr) kannte. Der Griff ins Regal zum Wörterbuch der bisher unbenannten Gegenstände und Gefühle war umsonst, Gmunden existierte dort nicht, es schien kein Bedarf zu bestehen, etwas infinitiv mit gmunden zu benennen, und näher betrachtet könnte das durchaus plausibel sein, Gmunden, ein Verbort ohne verborgene Bedeutung, sehr aufschlussreich, wirklich wahr, stellte er sich vor.
Oder, um es kurz zu sagen: soso.

aaah shut up

Er war berüchtigt, und zur Höchstform lief er auf, wenn er Gäste bei seiner Livesendung hatte, die keine Ahnung von seinem Rang und Status hatten; er würde ihnen schon beibringen, welcher Meinung sie zu sein hätten. Besondere Meisterschaft hatte er darin erlangt, seine Gäste nicht eher zur Sache kommen zu lassen als bis er seine Position ausgebreitet und sie so gelenkt hatte, dass sie ihm unwillkürlich zustimmen mussten. Und wenn sie dann endlich ihre Meinung kundtun wollten, blieb meistens nicht mehr viel Zeit.
Beim Zuhören (es belustigte ihn jedesmal) musste er in einer solchen Situation vehement an John Cleese denken, wie er einen Interviewgast, den er mittels immer unverschämt-amikalerer Anreden (vom Sir bis zum Schatzibaby) zermürbt hat, sodass dieser schon (völlig zurecht) empört das Studio verlassen will, schließlich durch Zurückrudern zum Sir und wollen Sie uns bitte jetzt von Ihren neuesten Film erzählen den Gast noch einmal beschwichtigt, der hebt an, aber kaum hat er den ersten Satz zur Hälfte gesagt, würgt ihn der Moderator (was für ein schöner Wortsinn!, moderator – Leiter, Lenker; der das gehörige Maß Anwendende, Helfer) ab mit diesem berühmten (siehe Überschrift).
Es ist zum Niederknien. Herrlich, großartig.

Sonntag

Seit einem Monat nun täglich, das Straßenbild an wirklich jedem Schilderstangl hervorkragend gestaltend vor allem samstags und sonntags, penetrierteÖsterreichÖsterreich. Um 50 cent konnte man sich diese unerträglich bunte Tageszeitung, bei der die Schauer (es ist eine andere, die eine für Leser ist) das Gefühl haben sollten, jetzt aber wirklich Alles Wichtige erfahren zu haben, undzwar exklusiv und völlig geheim noch.
Österreich, du hastÖstereich gerade noch gefehlt, dachte er sich an diesem Wahltag.

orange /4 und aus

Was die Kürbisse betraf, so fiel ihm – ein Kulturverfall, soviel war sicher – die Überwucherung einer wachsenden Zahl von Geschäftsauslagen mit oranger Ausrüstung zum korrekten Begehen des Überzwanzigjährigen völlig unverständlichen und also ganzundgar unsympathischen Halloweenfestes, welches ja nach panischen Marketingattacken erst in einem Monat hereinzubrechen drohte: Ausgehöhlte orange Köpfe, die einem das Fürchten lehren wollten.
So gesehen hatte die Stadt (und über verzweigte Filialnetze das ganze Land) ihre herbstliche Dekoration gerade zur rechten Zeit verpasst bekommen.
Dann aber bitte wirklich Schluss damit.

orange /3

Ja, richtig, die mit zunehmender Reife baazwoach (oö: sehrsehr weich) werdende tomatengroße Kaki hatte er noch vergessen.

In Ostasien, so informierte er sich umgehend, ist die Haupterntezeit für die Kakis in den Monaten Oktober und November. Die Bäume haben dann bereits alle Blätter verloren.

orange /2

Die Größenabfolge oranger Früchte verlief vom oft riesenhaften Kürbis über die Orange und Mandarine (beide oft kernlos gezüchtet und also nicht in der Lage sich selbst zu vermehren) bis zu den gnomhaften Kumquats.

Dann gab es noch die knackigen Karotten, diese waren in der braunen Erde daheim.

orange /1

Trotzdem der Herbst bereits begonnen hatte, konnte er nur mit einem Leiberl bekleidet außer Haus gehen. Am Morgen hatte er sich unwillkürlich ein oranges T-Shirt mit dem aufgenähten Markennamenszug Boss aus der Paxschranklade gezogen und es sich, da er gleichzeitig die Radionachrichten hörte, letztlich nicht ganz ohne Häme übergezogen.

Waidmannsheil (ziemlich kursiv)

Der Hase schießt mit etwas Schrot
Den Hasenjäger etwas tot.

(Horst Eckert, aka Janosch)

Preise beim Kleinkaliberschießen der Schützengesellschft Wildalpen vom 8.-10. September 2006: Neben diversen Abschüssen (Hirsch III, 2x Gams, Wildschwein samt Wildpret etc.) gibt es Kipplaufstutzen, Motorsäge, Staubsauger. Dazu noch sonstige wertvolle Sachpreise.

Ich hätte gerne einmal alles.

(Mit etwas Schrot sollte das gelingen.)

Gottgewollt

Dieser Lehrer (für den Erzbischof Lefebvre gerade noch nicht zu links war) wurde Jahre später angesehener Vizebürgermeister einer kleinen Gemeinde im Umland, und in dieser Zeit hungerte sich die Tochter einer, wie man gutachterlich feststellte, strafunmündigen Gemeindebürgerin in religiösem Wahn zu Tode; der (nicht) behandelnde Arzt wurde freigesprochen, ein Sozialarbeiter streng bestraft, dann wurde nicht mehr über diese tragische Geschichte geredet. Eine Recherche über im Ort vorhandene religiöse Eiferer und Privatgelehrte wurde nicht angestellt, wozu denn auch, das ist doch harmlos, solange es christlich ist und also gottgewollt; und besser, als wenn die jungen Leute nur Blödsinn im Kopf haben. Es mag ausschließlich daran liegen, dass es schon einen Wallfahrtsort in der unmittelbaren Nähe gab, dass der heimatverbundene Lodenprophet nicht heilsvermehrend initiativ wurde. Vielleicht aber würde er nur ein paar Jahre zuwarten, bis zugehörige Wunderzeichen einen neuen Gnadenort erstehen ließen. Dann könnte man endlich den Namen des Ortes, der einem Raubtier entlehnt war, in Lämmern umbenennen. Und er könnte, pensioniert, Bürgermeister und Kultwächter in einem werden.

Biologie /3

Schließlich hatten sie auch noch ein ganzes Jahr einen gehabt, der mit biblischem (allerdings gestutzten) Bart wissenschaftlich gesicherte Beweise für die Fundstätte der Arche Noah vorlegte, dazu erbauliche Vorträge über stigmatisierte Mystikerinnen, die sich nur von Hostien ernährten und die gesamte Zukunft der Welt (bis zum Jüngsten Tag) in dicken Büchern niederschrieben; zu dieser Zeit kannte die Welt noch kein erworbenes Immunschwächesyndrom, aber er hätte sicherlich taugliche Vorschläge parat gehabt, wie man sein Blut rein zu halten habe in dieser keinerlei Evolution sich verdankenden Schöpfungswelt.

(morgen: gottgewollt)

Biologie /2

Der andere Biologielehrer, den sie in der Unterstufe hatten, ein kleines, ernstes Männchen, konnte sich wiederum überhaupt nicht einkriegen vor heiligem Zorn, wenn es darum ging, das allerschlimmste Gift, das Menschen sich zuführen können, zu verdammen: Irish Coffee, nichts als Gift, Gift, Gift: Alkohol, Kaffee, Zucker!
Mehr brauchst du nicht, wirklich wahr.

Biologie /1

Beim Rasieren war ihm wieder einmal sein Biologielehrer eingefallen, der eine regelrechte Begeisterung für Blut hatte. Besonders plastisch wusste er die Bedrohungen, denen Bluter (Hämophile) tagtäglich, etwa auch und vor allem beim Rasieren ausgesetzt waren, zu schildern; wenn es sie nicht schon in kindlicherem Alter, beim Einsatz der Kniescheibenbremse erwischt hatte.

HerbstlMütter 2006

Liebe MBA,

Herbstzeit, Wanderzeit.Österreich ist schön. (Franzobel, Österreich ist schön.) – Darf ich Sie zu einer kleinen Rundreise einladen?

Vorarlberg
In Bregenz regnet’s, es herbstlt.

Burgenland

Mörbisch morscht. – Aber nein, das ist ein Witz. – Wenn’s aber regnet. – In Bregenz. Und Serafin hat längst schon betoniert.

Salzburg
Eine wahlwerbende Splittergruppe sammelt sich ein letztes Mal, ausgerechnet am Irrsee. – Der ist aber in Oberösterreich. – Na eben. – Außerdem ist der vollkommen unter Naturschutz gestellt und hat so gut wie keinen Zu-, wohl aber einen Abfluss. – Na eben.

Tirol
Ein prominenter Lienzer Rauchfangkehrermeister mit altaussehendem Dreitagesbart besitzt neben beträchtlicher Leibesfülle eine feiste Moto Guzzi mit Stereoanlage; sein Auf- und Abstieg bleibt ein Rätsel.

Steiermark
Ich habe ein grünes Herz. Dieser Tage erst habe ich es am Rande einer offiziellen Zeremonie vom Bürgermeister der Marktgemeinde St. Lambrecht auf mein leinenes Sommerjopperl gepierct bekommen.

(Exkursion: Herbstzeit, Wanderzeit – international)
Finninnen in Madeira sind kein Gourmetrezept für Menschenfresser.
Finninnen in Madeira
(Finninnen in Madeira)

Niederösterreich
Warnung vor Wanderungen in die Ötschergräben. Dem Autor ist es nur durch Flucht in eine Höhle gelungen, sich vor dem äußerst gefährlichen Großen Trauermantel (nymphalis antiopa plusquammammutum gigantissima oetscherensis), einem eiszeitlichen Relikt, in Sicherheit zu bringen.
Der Trauermantel, ein Gigant
(nymphalis antiopa plusquammammutum gigantissima oetscherensis)

Oberösterreich
Niederösterreich sei unpatriotisch, was man über Oberösterreich so nicht behaupten könne, wie man umgekehrt mit einem ebenso naheliegenden Wortspiel behaupten könne, das Personal in Kaffeehäusern und besseren Restaurantbetrieben sei in Oberösterreich a priori besser, als etwa in Niederösterreich. Beide Behauptungen sind oberflächlich, irreführend, ja, diffamierend, und das ist etwas, was wir in Zeiten wie diesen sicher nicht auch noch brauchen können. Wenden wir uns also Erfreulicherem zu.

Kärnten

Wie schreibt man Ortsende von Klagenfurt?

Wien
Anfang Oktober lösen Luftwäscher die zur Zerstreuung der heißen Luft benötigten Ventilatoren ab, nachdem sich alle versprochen haben; es war nicht so gemein gemeint, ganz sicherlich sicher nicht.

Österreich, alle Neune
Der Wahnsinn bildet Cluster. (Paulus Hochgatterer, Die Süße des Lebens, S. 252)

Schlussklauseln
Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise, vor allem aber einen schönen Sommer. Jetzt aber voll positiven Elans ins neue Arbeitsjahr! Was es uns wohl bringen mag?

Was mich betrifft: Vorschau

Was mich betroffen hat: Rückblick

Was Sie besonders betreffen sollte: muetters muellerin, das Album. Ganz neu.

Herbstlich herzlich grüßt
Österreich, im/am/ums Eck
Bertl Mütter

chinesenlos

In Mariazell, so musste er feststellen, sperrt die Küche um 20.00 zu, ungerührt und gnadenlos, der Chinese am Hauptplatz (Essen bis 23.45; jetzt: Admiral Sportwetten) fehlte, definitiv. Eben kam er von einem durch nichts anderes als gastronomische Unterwerfung gnädigerweise gewährten dreihäsigen, nach allen Regeln der Kunst schlechtestmöglich zubereiteten Abendessen, eine Versetzung zurück in die Siebzigerjahre (Hauptsache viel; grauslich ist wurscht), jedoch leider mit dem über Jahre eressenen gastronomischen Bewusstsein.
Ihm graute vor seinen dräuenden Träumen, zu recht.

Reptil

Mittags (zum Wandern war das Wetter zu unsicher) pilgerte (wieauchsonst konnte man die fußläufige Annäherung an Mariazell bezeichnen) er ganz in die Nähe der mitteleuropäischen Gnadenmutter, Hotel-Restaurant (vorm. Großgasthof) Goldenes Kreuz, frische Steinpilze à  la crà¨me mit Semmelknödel, herrlich (möglicherweise: göttlich).
Die Seniorchefin, eine sehr schlanke, äußerst distinguierte Dame hohen Alters, erschien von nirgendwo am verlassenen Nebentisch, um das bereits von Bröseln gereinigte Tischtuch glattzustreichen, eine rituelle Handlung. Ihre gelbgrauen Haare waren streng nach hinten gekämmt und dort zu einem Knoten zusammengefasst, dazu trug sie ein ausgesucht nobles Armband auf pergamentener Haut. Alles in allem sehr elegant, hätte sie eine Urgroßrolle in Reich und Schön spielen können. Was seine Vorstellung bestärkte, war die beunruhigende Beobachtung, dass zur Unterstützung (oder Ermöglichung?) des Dastischtuchglattstreifens ihre Zunge großechsengleich zwischen ihren Lippen horizontal hin und her pendelte ob sie Witterung aufnähme.
Im anderen Eck des kleinen Speisesalons sitzend, duckte er sich in die Wandverkleidung und wagte erst wieder zu atmen, als sie, ebenso unvermittelt wie sie aufgetaucht war, verschwunden war.
Er rieb sich die Augen, zahlte rasch und ging. Was es wohl morgen geben würde. Oder gegeben hätte.

affirmativ

Die nächsten Tage wollte er in der schönen Bergwelt um Mariazell wandern und hatte sich in einem Haus Franziskus, einer caritativen Pilgerherberge, einquartiert. Die Gänge und freundlichen Zimmer des etwas gedrungenen Hauses waren, einem evangelisch-freikirchlichen Buchladen ähnlich, mit bunten Postern tapeziert, einschlägig-erbauliche Worte inklusive, eine einzige begehbare Fotobibel, Fingerzeig auf das erzbischöflich-geförderte und also recht moderne Intelligent Design: Alpenblumen, Wasserfälle, ein großer roter australischer Stein im Dämmerlicht, der unvermeidliche Raketenstart, die toskanische Ideallandschaft mit Zypressen zum Friedhof hin, und, zurück wieder in der Heimat, ein Schmetterling im Tau.

Gut, er war in einem gläubigen Haus, in dem Gläubige verkehrten. Warum aber musste man die mit derlei Propagandamaterial penetrieren? Wozu diese permanente Selbstvergewisserung? Er stellte sich massive Glaubenszweifel vor, die Poster als eine Art Panikreaktion. Wie ja eine Liebe, die ständig gegenseitig beschwört (beschworen?) werden muss, keine allzu stabile Prognose zulasse, stellte er sich vor.

luftschwer

Was für eine unruhige Nacht!

Man war eingeladen gewesen (ein quadratischer Geburtstag im kleinen Kreis), und aß, abendlich angemessen, leichtes Essen, was dazu verführte, ein weiteres Stück zu inhalieren, Mahlzeit.

Nun aber wälzte er sich in flachstem Schlaf von einer Seite auf die andere, und gegen Morgen hatte er endlich das Bild gefunden, das ihm erlaubte, doch etwas tiefer abzutauchen: Diese merkwürdig widersprüchliche Fülle, die zugleich den Eindruck von Leere in seinem Magen erzeugte; ein ehrlich angepampfter Spaghettibauch, entsprechend physisch und metaphysisch abzuarbeiten, da wüsste man wenigstens, woran man wäre. Aber diese volle Leere, das war nichts Gescheites, wirklich wahr.

Ob es daran lag, dass auch der langjährige Chefredakteur eines ziegelschweren bunten Wochenmagazins (der erst seit kurzem einem anderen zu Format verhelfen sollte), dessen spezifisches Gewicht fast schon sprichwörtlich eher dem eines Windeis entsprach, unter den durchaus wirklich sehr netten Gästen gewesen war?

Klausur

Eine wahlwerbende Splittergruppe schwört sich auf ihre letzte Zeit ausgerechnet am Irrsee ein. Einfach ehrlich, diese Partei, wirklich wahr.
Weitere Flachgewässer zum besinnlichen Rückzug wären noch der Altausseer-See und, zur Erholung danach, der Mattsee.

Lieber Thomas Glavinic,

es tut mir leid, aber ich habe es nicht weiter geschafft als bis Seite 188, dann habe ich, entgegen meinen sonstigen Prinzipien, kursorisch vorgeblättert, bis zum Schluss und Aus. Ihr Buch Die Arbeit der Nacht ist ein Lauf im Hamsterradl, voller ausgelutschter, reichlich vorhersehbarer Allgemeinplätze.

Den Kameramörder (atemlos!) und Wie man leben soll und selbst den jetzt von Ihnen selbstdistanzierend geschmähten Herrn Susi habe ich auf recht unterschiedliche Weise genossen und schätze darum Ihre Vielseitigkeit, sodass ich auch auf Carl Haffners Liebe zum Unentschieden gespannt bin, nicht zuletzt erprobt-zuverlässiger Fürsprecher wegen. (Ich kann es nicht fassen, wie Daniel Kehlmann mit seiner Empfehlung diesmal derart daneben hauen hat können.)

Die Arbeit der Nacht aber beleidigt die Intelligenz lesender Menschen (ganz abgesehen von seiner sprachlichen Dürftigkeit und diesem mangelhaften Lektorat). Ein Plot mit einer Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte-Verrückung aus dem über Nacht geschehenen Märchenhaft-Irrealen (im Gegensatz zur Wand aber leider ganzundgar poesielos) mit einer in seinen angeblich realistischen Konsequenzen derartig undurchdachten Wischiwaschi-Beliebigkeit ist nichts anderes als ein katastrophaler verlegerischer Irrläufer. Wenn es schon (das nur als Beispiel), wie sich bald herausstellt, nirgends mehr Menschen gibt, kein TV, Radio oder Internet, warum bitte gibt es dann Strom, Benzin, Wasser? Wohl nur, weil die Geschichte (ist es überhaupt eine?) damit von vorne herein zusammengebrochen wäre.

Was mich noch verärgert hat, waren die recht durchschaubaren Interviews mit diesen eintrainierten Sätzen, die über einen sich mental etwas angekränkelt gebenden Autor für das Buch interessieren sollten. All das (die Kampagne, mehr noch: Das Buch) wäre besser ausgeblieben. Wie gesagt, ich hoffe, dass Carl Haffner Ihren ramponierten Ruf wieder herstellen wird. Darauf aber will ich mich freuen (um positiv zu schließen).

Mit freundlichen Grüßen,

Bertl Mütter

aha /2

Das Geschirrreinigungsmittel (er verstand unter Geschirrspülen stets das Abspülen des Geschirrs nach der tatsächlichen Reinigung mit den fettlösend-schäumenden bunt-duftenden Säften, wozu man kein Mittel, sondern ausschließlich frisches Leitungswasser brauchte – wer wollte auch Rotwein mit konzentriertem Winterapfelbeigeschmack oder Tirolerknödel mit Aloeverabalsam?), das Geschirrreinigungsmittel also (danke, Rechtschreibung!) hatte auf der Rückseite einen Verweis auf einen gewissen Soda-Effekt.
Elektrisiert von diesem schönen Wort stellte er sich augenblicklich das zufriedene Sich-Strecken nach Abschluss des finalen Abspülvorgangs vor, ein Wieder-Haltung-Annehmen, das durchaus als typische Bewegung, die ausreichend auf die Ausübung eines Berufs (Tellerwäscher) hinweisen könnte, sodass der den Soda-Effekt darstellende (sicherlich sympathische) junge Mann einen idealen Kandidaten für Robert Lembkes Was bin ich? abgegeben hätte, stellte er sich weiter vor.
Zudem musste dieser Soda-Effekt ein, wenn auch entfernter, Verwandter jenes im Titel dieses zweiteiligen Eintrags im MütterLog insinuierten sein.

(Aha.)

aha /1

Wer lange genug der Zeit hinterher ist, ist ihr irgendwann voraus, dachte er zyklisch, als er im Altweibersommer ein Geschirrreinigungsmittel der Winter-Edition mit dem Duft von Winterapfel (konzentriert) aus dem Schrank unter der Abwasch hervorholte, einigermaßen erstaunt und, ja, belustigt las er auf der Rückseite den zur Erwerbzeit möglicherweise kaufreizenden Satz Das Dufterlebnis beim Spülen für ein sinnliches Wintervergnügen.
Lange würde es nicht mehr dauern bis zu jener zimtenen Zeit, stellte er sich durchaus unzufrieden den unentrinnbaren Licht- und Wärmeverlust bei gleichzeitigem Feuchtigkeitszuwachs vor. Damit hätte er sich jetzt wirklich nicht beschäftigen wollen, wirklich wahr.
Was ihn an dem beinah magentafarbenen Spülmittel aber besonders faszinierte, war ein werbeeffektiv geschwungen platzierter Zusatzbegriff, den es wert schien, näher zu erwägen.

verweichlicht

ORFON, ich steh so auf dich, du bist ein vollwertiger Ersatz für die Krone und Österreich! Und vordergründig stimmt jeder lebensbejahendeÖsterreicher (und sicher erst recht dieÖsterreicherin) diesem überschriftlichen Anliegen ohne lange überlegen zu müssen zu: Greenpeace, sagen sie uns, sei gegen Weichmacher in Sexspielzeug.
Der Haken an der Sache: Die wollen alternative Weichmacher einführen, keine abtörnenden Phthalate oder so also. Was jetzt sie genau damit meinen, das verraten sie uns nicht, und augenblicklich stelle ich mir etliche Möglichkeiten des Weichmachens vor. (Ich trau mich aber nicht, das hier näher auszuführen.)

Inadäquak /2

Ottos Begräbnis (ich habe davon berichtet), es war so wohltuend; sehr persönlich und mutig auch Irenes Rede, noch vorher, im Haus: Ein Lieber stirbt und darf tot sein; natürlich groß die Trauer, gepaart mit der Dankbarkeit, einen Platz in seiner Nähe gehabt zu haben. Aber klar und unsentimental, wie es ihm entspricht.
Ich will hoffen, dass ihre Worte (wohl zum Abschluss) dieses ausgestellten Gedenkens zurück zu jenem Niveau geführt hat, das seiner würdig gewesen wäre. Ich musste mich von der Masse der großteils ihre Zykannähe aufs unerträglichste zurschaustellenden sämmertlichen Eigenwäscher entfernen.
Der Regen beim Radeln (meine recht persönliche Referenz an Otto) hat gut getan.

Inadäquak /1

Wenn es einen Menschen gegeben hat (gibt es noch weitere?), der allem sentimentalisch-professoralen Gefühlsgedusel gegenüber völlig immun war, dazu durchunddurch uneitel, neugierig und einem von Anfang an Persönlichkeit zugestehend, dann war das Otto M. Zykan.
Was bitte soll dann eine durch zumindest zweieinhalb inferiore Ausgrabredner derartig aus dem Ruder geratene (ansich gutgemeinte und sinnvolle) Memorialveranstaltung wie unlängst Am Himmel. Schon die beiden Begrüßungssalbader kamen nicht umhin, völlig unangebrachter Weise den Ortsnamen mit pseudreligiösen Assoziationen zu usurpieren: Wir sind hier Am Himmel, da sind wir ihm nahe, weil er ist jetzt im Himmel.

Chachacha (um russisch zu dassichnichtlachen).

Konfektende

Jetzt hat es BRAVO geschafft, respaktabel-jugendliche fünfzig Jahre alt zu werden, man war froh gestimmt, erinnerte sich an Zumeinerzeit, Dr. Sommer, mehr noch Dr. Korff (der mit den zwei eff; bei ihm gab es öfters ganzseitige Mädchen), und wie man alles erfahren hatte. Dann aber, kaum zwei Wochen darauf kommt die Meldung, dass die Praline eingestellt wird.
Wie soll denn da noch ordentlich beim Friseur pubertiert werden, stelle ich mir vor und sorge mich um unsere heranwachsende Jugend.

rituell /4

Ob sie in den Regalen der IKEA-Märkte in Schweden lauter, sagen wir: deutschsprachige Bücher (denen sie dadurch zweifellos zu Bestsellerehren verhülfen) stehen haben? Bei uns jedenfalls wird kaum ein Buch gestohlen, bin ich mir sicher.

rituell /3

Weiter.
Schnellschnell durch die SB-Zone, Pfannen, Teller, Gläser, Kerzen, Bürozeug, Zimmerpflanzen wollen aufgeladen werden, lauter Sachen, die du schon lange ohne es zu wissen gesucht hast. Ein paar Artikel kriegst du nur an der Auslieferung, dafür gibt es die – ein Zugeständnis an das Gastland, stelle ich mir vor – Würschtlzone nach den Kassen, diesen Preis könnte kein Standler halten, also hinein mit dem Kombiangebot, ein Paar Frankfurter mit beliebig oft nachfüllbarem Softdrink (welchen man daher, korrekter, als Sooftdrink bezeichnen sollte; das geht aber nicht, weil sie auch nur einmalig zu befüllendes Softeis anbieten, stelle ich mir vor) und Senf und Ketchup bis zum Abwinken (wer’s mag).
Da dir immer noch Zeit bleibt, kannst du im Schwedenshop die Familenpackung, 1.000g köttbullar (zum Selberzusammenbauen, inkl. Preiselbeermarmelade) und natürlich die Mega-Schwedenbomben kaufen, dazu ein paar typische Nordmeerprodukte (vor allem eingelegte Heringe, etwa in Senfsauce).
Und beim nächsten Mal das ganze Programm von vorne, da werden alle Lebensmittel nachgekauft, die du nach dem letzten Besuch unmittelbar nach dem Heimkommen und Verstauen augenblicklich vergessen hast und die also (bis auf das runde Knäckebrot) längst verdorben sind.

(morgen: eine Frage beschäftigt mich schon noch)

rituell /2

Einkaufen bei IKEA bedeutet Essendürfenmüssen (wozu sonst ginge man in dieses Erlebnismöbelhaus?). Idealerweise absolvierst du zuerst die Möbelausstellung, fühlst dich dabei wie die Kugel in diesem hölzernen Geschicklichkeitsspiel mit dem labyrinthhaften Parcours (wie heißt das noch schnell?), wo du durch rechts-links bzw. vorne-hinten Drehen die Position der Spielebene so änderst, dass sie an den bedrohlichen Löchern vorbeirollt. Wenn das uff geschafft ist, wartet die kugelförmige Belohnung; diese ist aus faschiertem Rentierfleisch und nennt sich köttbullar.

Die wichtigsten (und bindendsten) Einkaufserlebnisse sind eben kulinarischer Art.

rituell /1

1977 hatÖsterreich das unmögliche Möbellhaus aus Schweden beschert, mit dem lustigen Elch als Wappentier, den wegzubekommen sie sich dann einigermaßen schwer getan haben und, sammasieahlich, dieser Inbusschlüssel, der das verdammt-fröhliche Selbstzusammenbauenmüssen wesentlich trefflicher symbolisierte (sollte man meinen), hat es letztlich nicht geschafft, einen festen Platz in unseren Herzen zu erobern, bei weitem nicht. Mittlerweile aber wohnt kaum mehr ein Haushalt noch, alles inÖsterreich (und nicht nur dort) lebt schon.
Sicher ist jedenfalls, dass mit IKEA eine neue Kultur von Einkaufserlebnisritualen in unser Leben gekommen war.

(mehr dazu morgen)

Selbstversuch

An jenem Sommernachmittag (die Hitze war bereits gebrochen), als er mit dem Fahrrad durch den Regen (was heißt Regen? – selbst Qualitätszeitungen würden diesem Wasserwetter ohne Zögern und völlig zurecht das publizistische Killeradjektiv sintflutartig beigeben) von der Innenstadt in seinen Außenbezirk heimgefahren war (es waschelte derart, dass die Kapazität der Kanaldeckel bei weitem überschritten, besser gesagt: übergossen war, was zur Folge hatte, dass er nicht nur bergauf, sondern, vor allem, gegen den – knöchelhohen – Strom pritschelnd antreten musste), hatte er diesen völlig unnötigen Selbstversuch unternommen, auf den er, brutalst überrumpelt (ein passendes Wort, bei diesem den über die Maßen lang anhaltenden Wolkenbruch begleitenden Donnerdonnern) dankegerne verzichtet hätte, und zuhause, sich der Kleider entledigt habend, stellte er fest, dass bei aller Qualität unserer heutigen Kleidung einzig und allein seine Haut das Prüfsiegel wasserdicht verdiente. Die lebensrettende heiße Dusche konnte diesen Augenschein noch einmal eindrucksvoll untermauern.
An diesen überflüssigen Erkenntnisgewinn musste er jedesmal denken, wenn er auf seine wasserdichte Armbanduhr blickte, deren Glas beim Hinaustreten auf die Straße augenblicklich milchig beschlug, Wochen noch, und das nach Ablauf jedweder Garantie.

paululum /8

Umgewälzt auf größere Dimensionen könnte man behaupten, dass dieses paululum der österreichische Namen schlechthin sein müsste, stellte er sich, nicht nur was den Fußball und die Politik betraf, vor.
Dieser Gedanke machte ihn alles andere als froh.

Und jetzt hinein ins Arbeitsjahr, es gibt viel zu tun!

Warten wirs ab.

paululum /7

paululum, so viel sei noch nachzutragen, ist mehr als eine Anspielung auf den Vornamen des Weltverkosters P., es scheint ihm also gewissermaßen in den Namen hineingeschrieben, dieses gustierende Lebensmotto, denn es bedeutet im Lateinischen soviel wie: ein bisschen, ein wenig, eine Kleinigkeit.

paululum /6

Im Fortschreiten seines Studiums war der Kontakt zu P., dem Müßigen, weniger geworden, er musste sich fern halten von so viel Trägheit, und er tat gut daran. Schließlich war die Verbindung ganz abgerissen.
Unlängst, als er sich für eine gute Woche in seiner Studienstadt aufhielt, traf er ihn dann wieder, nachdem er ziemlich umständlich nach ihm recherchiert, ja, fast gefahndet hatte. Er fand ihn unverändert, und das ist das vernichtendste, was man an einen Menschen, den man mehr als zehn Jahre nicht gesehen hatte, bemerken kann, bzw., schlimmer noch, muss: P. brachte sich mit leichten Gelegenheitsjobs durch, nichts Fixes jedenfalls, sicher ist sicher.
Er merkte, wie gleich wieder der alte Unwillen in ihm hochstieg, fragte ihn, wie jemand, der so viel gelesen habe, nicht damit etwas machen wolle, anwenden eben, zitierte ihm einen seiner Lieblingssätze vom Bau der chinesischen Mauer, der so gut auf P. passte, wie er fand, Es gibt vielleicht kein kaisertreueres Volk als das unsrige im Süden, aber die Treue kommt dem Kaiser nicht zugute, und achselzuckend wurde dem beigepflichtet: Jo mei.
P., so stellte er sich und ihm vor, müsse doch ein perfekter Buchhändler oder Bibliothekar sein. (Er konnte nämlich wirklich gut über Bücher reden, sodass die Leselust in einem aufkam.) Nein, sagte P., es würde ihn zu sehr seiner Freiheit berauben, außerdem müsse er dann lesen, und er wolle lesen können, auch wenn es sich wahrscheinlich um die gleichen Bücher handle.
Er resignierte. Und doch, sonderbar, eine Portion Respekt nötigte ihm P.s sich der Welt verweigernde Haltung schon auch ab.
P., dieser säkulare Einsiedler des Geistes.

paululum /5

P., der Betrachter, hatte sich begnügt, zuzusehen, wie andere diese von ihm als intressant gustierten Disziplinen erlernten (Architektur, Musik, Maschinenbau, wasauchimmer), in die Materie, wie es heißt, eintauchten, zweifellos intressante Studien abschlossen, wie sie im Beruf dann vorwärts kamen. Er sah sich nicht einmal leid, nein, ein neidiger Mensch war er ganz sicher nicht. Natürlich, es wäre schon klass, auch so einen intressanten Beruf zu haben, Erfolg, ja, sicher.
Aber letztlich diesen Aufwand, diese Mühe nicht wert.

paululum /4

Weiter mit P., dem Koster.
Allerlei wäre eh intressant, da müsste man sich halt näher damit beschäftigen, schon faszinierend eigentlich; aber letztlich doch zu mühsam, weil da müsste man unbequemen und sicherlich völlg unnötigen Ballast in Form von Nebenfächern oder Theorie lernen, sich jedenfalls so damit beschäftigen, dass es möglicherweise sicherlich nicht durchgehend Spaß machen könnte, und das ginge auf Kosten der Freiheit. Genau betrachtet: gar so intressant ist es dann doch wieder nicht, es lohnte den Aufwand nicht wirklich, also tauchen wir sicherheitshalber nicht zu tief ein, es würde zu sehr binden, letztlich ersticken.

paululum /3

P., dem das Gustieren zum trägen Lebensmotto geworden war.
Seinem Lesen und Darübererzählen verdankte er wertvolle Anstöße, er hatte ihn etwa zu Canetti gebracht und auch auf den Zauberberg; zu Josef und seine Brüder hatte ihm dann die Muße gefehlt. Studieren, üben, proben, das musste P. ja alles nicht, und das Lesen von literarischen Schwarten kann die im Übermaß vorhandene, frei gestaltbare Zeit ja durchaus sinnvoll ausfüllen: Er kannte kaum einen umfassend Beleseneren als P., das heißt, belesen, so bemerkte er, das war er gerade leider nicht, nein, ganz sicher nicht sogar; P. wäre als Gelesenhabender besser zu charakterisieren. Was abging, das waren die Konsequenzen, die das Lesen mit sich bringt, bringen muss.
Tätige Empathie möglicherweise.

paululum /2

Es gibt Menschen, die wollen nur kosten, mmh, das schmeckert eigentlich eh ganz gut; aber selber machen, nein, das wäre zu aufwendig, nein, doch lieber nicht.
Ins Kindlich-Kulinarische übersetzt: Pommes, Schnitzel und Spaghetti reichen auch zur Ernährung, oder?
P., könnte man sagen, war so ein klassischer Koster.

paululum /1

Er habe ja einen Studienfreund gehabt, wollte er eben anfangen zu erzählen, da stockte es ihm schon, weil P. war ja kein Studienfreund im eigentlichen Sinn gewesen: erstens hatte er nicht Musik studiert und zweitens, umgekehrt, habe er weder Architektur, noch, was dem Kern der Sache näherkommt, nicht nicht Architektur studiert, so wie P., nicht einmal ein bisschen.
Abermals umgekehrt, Studienfreund, das stimmte gewissermaßen schon auch, weil er war ein großer Freund von Studien, viel gelesen hatte er, den ganzen Tag, die ganze Woche. Und auch ein bissl gesportelt, Volleyball.
Ja, und dann hatte P. auch noch ein bissl Posaune gespielt und, in der Absicht, sich ein kleinwenig (nicht zu viel) zu verbessern, hatte er einen Instruktor gesucht und in ihm gefunden.
So hatte es angefangen.

Umschulung oder Ausbürgerung

Da es so weit weg passiert (bzw. die Zustellung sich als zeitaufwendig erweisen dürfte), erlaube ich mir ausnahmsweise, tagesaktuell zu sein.

Tja, lieber Pluto, man hat Dich hinausgeschmissen aus dem Club der Planeten, zweieinhalbtausend, wie es heißt: Experten, in der Stadt Keplers, dieses kurzsichtigen und doch so bedeutenden Astronomen.

Mein Mitgefühl ist ganz beim zum Zwergplanet Degradierten, und mir bleibt neben dem Gefühl, in der Schule um genau ein Neuntel zu viel lernen gemusst zu haben, ein hämisch-professioneller Trost. Wie haben wir doch in der Unterstufe kanonisch singenlernen müssen:

Himmel undÄhärde müssen vergeh’n
Aber die Musici
Aber die Musici
Aber die Musihici bleiben besteh’n

Alsdann: Umschulen!

Aus dem Hut

Als er beim Heimkommen (der Zug war der Gewitterfront ostwärts enteilt, nach dem Umsteigen auf die S-Bahn wurden wichtige Minuten verloren) in seiner Station vom Platzregen erwischt worden war, wurde sein eleganter Panamahut wieder einmal arg in Mitleidenschaft gezogen. Routiniert und gelassen legte er ihn auf den Tisch und beschwerte die sich aufgewellt habende Krempe mit schwerer Literatur. Dabei fiel ihm auf, dass er sich bisher nicht das vorgestellt hatte, was ihm auf einmal so plausibel erschien, nämlich, dass die gewichtigen Bücher auf diese Weise in den feuchten Hut diffundieren könnten, ganz sicher sogar. Heute bediente er sich Platons Meisterdialogen, des aktuellen Buchs eines österreichischen Großessayisten, einer gelehrten Schwarte über die Zeichen, die auf den einsetzende Zerfall von Gesellschaften hinweisen und des Variantenwörterbuchs der deutschen Sprache.
Das musste sich positiv auf seinen Bildungsfortschritt auswirken, stellte er sich vor.

Fressfeinde

Merkwürdig. Wo er aufgewachsen war, hatte man nach einer dauerhaften Muskelanstrengung einen (singulären) ebensolchen Kater. Als er dann zum Studium in ein südliches Bundesland gegangen war (wie man sagt; natürlich war er gefahren), hatte man dort, derart zustandsgebunden, (plurale) Spatzen. Das sind doch sehr unterschiedliche Tiergattungen, dachte er sich, und der eine ist üblicherweise Fressfeind der anderen.
Ein (stets gründlicher) Blick ins Variantenwörterbuch des Deutschen bestätigte diese das Ziehen durchdringende Wortverwunderungserinnerung: A-südost (Grenzfall des Standards).
Nur: Waren es, bei ihm, jetzt Spatzen oder ein Muskelkater? Die Tour hatte er bereits im Tschilp-Bundesland unternommen, mit Blick allerdings in sein heimatlich-schnurrendes; und er selbst konnte identitätsmäßig, wie gezeigt wurde, als mehrspurig bezeichnet werden. Schließlich entschied er sich, dass die korrekte Bezeichnung möglicherweise Katerspatzen lauten könnte. Egal auch, wenn er nur bald wieder gerade gehen könnte. Und überhaupt, er wollte gar nicht mehr daran denken müssen, das wäre das beste: In der Nacht hatten sie ihm nämlich frische Betoninjektionen, in den Waden diesmal, gesetzt. Jetzt war es oben etwas besser. Das konnte nur aufgrund der Ablenkung durch den neuen Schmerz sein, stellte er sich vor.

Spatzen

567 bis 1.699 m, das macht 1.132 m, Hütte; 1.699 bis 2.370 m, sind noch einmal 671 m, Gipfel; dann, wirkungsgeschichtlich von zentraler Bedeutung, vor allem 1.619 m einigermaßen steil und also möglichst schwindelfrei hinunter ins Tal, auf 851 m. Da brauchst du die Haxen zur die Schwerkraft verzögernden Dämpfung, dass dir die Kniegelenke zu wackeln beginnen, wirklich wahr.
Kein Wunder also, dass er (mit Spitzen am dritten Tage), vor allem, was die Oberseite seiner Oberschenkel betraf, das Gefühl, nein, die Gewissheit hatte, man habe ihm direkt schnellaushärtenden Beton injiziert (mangels applizierbarer Einheiten in Kalkgestein).
An solchen Tagen sei das einzige mit Würde zu verwendende Fortbewegungsmittel ein Segway, stellte er sich vor.

verlaufen

Der sympathische Gastgeber wünschte dem Fest einen guten Verlauf.
Und es verlief sich prächtig.

negativ /2

Einmal war ich bei einem großen Geburtstagsfest eingeladen, der Jubilar hatte viele verschiedene Freundeskreise, die kaum oder eben nur an diesem Feierabend bei jenem Grinzinger Heurigen eine Schnittmenge bildeten. Da der stolze Sechziger ein sehr kommunikativer Jungsenior war und auch seine Freunde miteinander vertraut machen wollte, jedoch zu erwarten war, dass sich nur die einander Bekannten zusammen setzen wollen würden, man aber nicht aktiv die Gäste durch eine willkürlich-wohlüberlegte Sitzordnung bevormunden und also brüskieren wollte, entschied man sich, die Sitzplätze zu verlosen, sehr originell; so war zunächst dafür gesorgt, dass bei den unvermeidlichen, sog. launigen Reden geschwätzt wurde; wer sollte auch miteinander reden, wenn man sich nicht kannte?
Kaum war das Buffet eröffnet, kam das Prinzip der negativen Entropie zum Tragen, und keiner war beleidigt, seinen Platz von jemand Anderem, ihm Unbekannten besetzt zu finden; so konnte auch er mit seinen Freunden zusammen schmausen, und bald wurde in fein sortierten Freundeskreisen der Jubilar hochleben gelassen, Prost!

in Umwandlung

Ganz verstehe ich es ja nicht, aber die Definition, dass Entropie bedeutet, dass in einem thermodynamischen System die Unordnung im Lauf der Zeit beständig zunimmt, ja zunehmen muss (und letztlich genau darüber das Phänomen Zeit definiert ist), die ist mir einigermaßen, nun ja, sympathisch.
Die Zeit, die ist nämlich ein sonderbar Ding, wirklich wahr.

(morgen: negative Entropie)

negativ /1

Angesichts angehäufter Holzhämmer, mit denen immer ungenierter zugeschlagen wird, nämlich: Verletzung religiöser Gefühle stellte er sich die Frage, ob es (negativ formuliert) nicht so etwas gäbe wie negative Blasphemie, die hauptsächlich die monotheistischen Religionen durch Aufzwängen ihrer glaubensgemeinschaftlich-hegemonialen Heilsvorstellungen jenen aufpressen, die nicht dran glauben wollen, sondern schlicht freie humane Individuen sein wollen, und das sei bzw. (genau betrachtet) wäre doch ein Menschenrecht, stellte er sich vor.
Nämlich die Beleidigung atheistischer Gefühle.
Diese auf ein Sich-Umgeben mit (äußerlichen) Religionsattributen abzielende pseudospirituelle Zwangsbeglückung sei zudem erschreckend weit verbreitet, und dass sie ein Vielfaches an nachhaltigen Schäden angerichtet habe, sei ohnehin evident. Für klar denkende Menschen halt, stellte er sich vor.
Schlimmstes in der Tat.

Reisemutation

Allgemein bekannt ist, dass sich in der herrannahenden Zielzone eines Zuges (Westbahn: Linz – Salzburg – Innsbruck – Feldkirch; Südbahn: Graz – Klagenfurt; Gegenrichtung jeweils: Wien) die sprachliche, d.h. dialektliche (oder heißt es dialektische?) Dominanz eben der Zielumgebung durchsetzt, und das auch bei unveränderter Personenbesetzung im Abteil, ja, auch in Großraumwägen, gar nicht zu reden von Speisewägen): Die Einheimischen werden eben je heimischer desto selbstbewusster desto kecker.
Diesmal aber, so schien es, beobachtete er diesen Umstand beim Fliegen.
Beim Einsteigen: Lauter Düsseldorfer.
Beim Aussteigen: Alles Wiener.
Beim nächsten Flug würde er unterwegs Obacht geben müssen; da jegliches Zusteigen unterwegs völlig auszuschließen war, musste die Mutation (und um eine solche handelte es sich zweifellos) irgendwo in der Luft passieren.
Aaarrgh!

Beten

Beten kam ihm in dieser Zeit nur mehr beim Fliegen in den Sinn. Er saß dann bereits auf seinem vom System zugeteilten Platz, und sah idealtypisch Adipöse sich den Gang entlang ächzen.
Naja, ein Beten war es nicht, oder eben eine quasiflorianische Stoßbitte, nicht wirklich altruistisch also; weil, wenn nicht neben ihm und also ihn überwuchernd, so musste das Dickmannsnachbarschaftslos ja irgendjemanden treffen, nur halt nicht ihn, und diesmal sogar gleich zwei: Drei Reihen vor ihm zwängte er sich auf den Mittelplatz, eine schlechte Notausgangserreichungsprognose für die junge Dame auf Platz F (Fenster).
Nun gut. Immerhin erhört. Es gab eine höhere Gerechtigkeit. Werauchimmer die gewährleistete.

Deutschdeix

(Wuppertal, die dritte.)

Jetzt weiß ich, wo all die deutschen Bekleidungsmonster an den Gepäckförderbändern sämtlicher Charterdestinationen und in den Busse-Willkommen-Rasthäusern entlang österreichischer Ferienrouten herkommen.
Erraten. W., die Stadt mit den meisten 1-€-Shops der westlichen Welt; eine steigende Zahl von 75-Cent-Shops ist gerade dabei, sich im unteren Preissegment zu etablieren.

Rossbreiten

Wuppertal, die zweite.

Bob Ross, du fehlst uns so

Warum hängen in alpinen Wirtshaushinterstuben keine Bob-Rossschen Nass-in-Nass-Ölmaltechnik-Gemälde mit, sagen wir, bergischen, ruhrigen, meinetwegen nordrheinwestfälischen Ideallandschaften? An der Wupper jedenfalls scheint der Königssee sehr hoch im Kurs zu stehen bzw. zu hängen, es rauschen die Bächlein, und fast möchte man meinen, das Klack Klack aufeinanderprallender Steinbockhörner zu hören.

Es muss an der Jahreszeit liegen.

Metropolis

Wuppertal.

Gmünd N.-Oe in der Zukunft

Sieht aus, wie man sich die Zukunft (etwa in Gmünd N-Oe.) vorgestellt hat vor nicht ganz hundert Jahren. Fehlen nur die kleinen Doppeldecker für den aeronautischen Individualverkehr. Und natürlich , hoch droben, die gravitätischen Luftschiffe und Fesselballons.

Fahlfarbig, wie schwarzweiß handkoloriert, dieser Effekt ist ihnen hier aber gut gelungen, alle Achtung.

Ruhesitz

Endlich einmal, so stellte er zufrieden fest, als er sein recht bescheidenes Zimmer bezog, ein Häusl ohne Zwangszyklon, diesen vielzulauten in die Wand oder in die Decke eingelassenen Propellern (Filter bei Verunreinigung ersetzen), die gemeinhin ohnehin olfaktorisch völlig wirkungslos waren. Lieber saß er dann im Finstern. 

In diesem sympathisch spartanischen Hotel aber durfte er beleuchtet den nachfrühstücklichen Morgengedanken nachhängen.

Flugwetter

Die Fliegen, ach die Fliegen, die fliegen, vom Wetter hereingedrückt, herein, erklärte der Hendlgriller in der an der Bundesstraße gelegenen Jausenstation und fuchtelte dem Gast, dem diese Drohung ansich nicht gelten sollte, mit seinem grünen Fliegenpracker, der das zweidimensionale Raster eines Frosches darstellte, gefährlich vor der Nase herum.

Bald würde es regnen.

Wildwechsel

Ein wild gewordenes Schwein stelle ich mir vor als ein ausgewildertes Hausschwein (vgl. bei den Gänsen die Geschichte von Nils Holgersson). ORFON berichtet von einem solchen Tier (es hatte in Panik drei Menschen niedergerannt): Das wild gewordene Schwein konnte laut Polizei schließlich ohne weitere Verletzten (sic!) eingefangen und der Schlachtung zugeführt werden. Die Meldung endet bekannt tierschutzkämpferisch, schweineempathisch schließt die Pietätszeile: Zu diesem tragischen Ereignis kann nicht gepostet werden.
Tja, bei Themen dieser Art (leider nur bei solchen) erreicht derÖsterreichische Rundfunk eben auch heute noch sein früheres, von der maßstabsetzenden Edith Klinger fernsehselig bis 1999 vorgegebenes Qualitätsniveau.

Angebot und Nachfrage /2

Heute: Die Nachfrage

(Wir haben vom Wettervorhersagefensterln geredet.)

Meine Frage lautet: Was ist das für ein merkwürdiger Dopplereffekt, der das schlechte Wetter sich beschleunigend, die Wetterbesserung aber retardierend aufziehen lässt?
Nur ein Beispiel: Die diesen Karsamstag für Wien vorhergesagte Sonne hat sich etwas Zeit gelassen, dafür hat der für Montag prophezeite Regen in Potsdam bereits am Ostersonntag die Sonne und damit jegliche nachwinterliche Feinstaubgefahr aber sowas von hinweggespült.
Dies nur, um die Umstände eines mütterlich verregneten Osterwochenendes freundlich zu formulieren, wer wollte denn auch nachtragend sein.

(Dieses Wochenende verbringe ich in Wuppertal.)

Angebot und Nachfrage /1

Heute: Das Angebot

Es gibt ja so Wettervorhersagefensterchen, die bei seinem intervernetzten Computer mittels selbst definierbarer Tastenkombination (etwa: Apfel-F12) auf die Schreibtischoberfläche des Bildschirms zaubern kann. Sehr praktisch und für so gut wie jeden Ort auf der Welt (St. Lambrecht ausgenommen, wie ich unlängst feststellen musste; aus unerklärlichen Gründen sind die viel kleineren benachbarten Kleinstorte Karchau, Steirisch und sogar Kärntnerisch Lassnitz problemlos anwählbar), aktuell und sechs Tage im Voraus, wahlweise in Degrees Fahrenheit oder Grad Celsius und auch mit den Tiefstwerten oder auch nicht. Wenn du dann wo hinfährst (außer nach St. Lambrecht), kannst du dich vorher schon aufs Wetter einstellen und dementsprechend Gewand einpacken, sehr praktisch, ich habe es schon gesagt, wirklich wahr, das Internet lässt uns immer wieder staunen.

Morgen: Die Nachfrage

Luxus

Er trat aus dem Kaffeehaus. Während er sich drinnen besprochen hatte, hatte es zu regnen begonnen. Die ersten Meter, etwa bis zum Parlament, empfand er es als regelrechten Luxus, nach dieser Rekordjulihitze endlich wieder einmal frösteln zu dürfen. Dann, bis zum Mannershop, wo er sich so einen praktischen schweinchenrosa Regenmantel kaufte und gleich überzog, begann er bereits zu hadern, dass es nicht so etwas wie einen thermischen Notgroschen gab, ein Konto, auf dem man Kälte und Hitze speichern könnte mit der Möglichkeit, bei Bedarf die benötigte sinnliche Erinnerung gegen die aktuellen Außenbedingungen gewissermaßen gegenzurechnen.
Ihm fiel ein, dass Thomas Mann im Doktor Faustus ein sehr plausibles Bild der Hölle gezeichnet hatte, als einen bzw. zwei Orte, an dem es unerträglich heiß sei, aber dort drüben habe es die ersehnte Kälte, kaum sei man dort angelangt, dränge es einen augenblicklich wieder nach der Hitze, die einem jetzt wie der Himmel und so weiter, hin und her ad infinitum: Die Hölle bestehe im Hinundherwollen- bzw. -müssen.
So weit war es jetzt, an jenem dritten August zwischen Eiles und Stephansplatz noch nicht, dachte er sich, stellte er sich vor.

Besucher

Aus einem Hochgebirgsdorf stammend, hatte er als Student in der Hauptstadt seines zweigeteilten Bundeslandes einen Job bei einer international tätigen deutschen Erotikhandelskette gefunden. Anfangs war er überrascht, wie viele Bekannte er in seinem etwas vom Zentrum abgelegenen Lokal persönlich begrüßen durfte; ja, die Liste der Nichtbesucher wäre kürzer gewesen als die der Kunden, die sich halt das ganze nur einmal anschauen wollten. Der Gedanke, dass sie alle da waren, aber keiner vom andern erfahren durfte, amüsierte ihn; genau besehen aber bedeutete es eine ungeheuerliche Macht, vergleichbar nur dem zugebeichteten Pfarrer daheim.
Aber auch der würde noch kommen.

Der Schiefling /2

Ein Schiefling stellte er sich vor, wäre demnach jemand, der nicht im rechten Winkel und mit beiden Beinen auf der Erde stehe; allgemein meine man, dass bildhafte Bezeichnungen wie schräger Vogel der Stellung einer solchen Person zur, sagen wir: Gesellschaft, korrekt entsprächen. Dabei aber sei es immer eine Frage, wie der Horizont der Betrachtenden gestaltet, was oder wer jetzt also als schräg zu bezeichnen sei. Zudem lasse man in derlei Betrachtungsspielen (unabsichtlich oder nicht) allzugerne die Ekliptik außer Acht, und streng genommen stünden möglicherweise mit einemmal all jene Aufrechten ganz schön schräg da.
Mindestens 23,44°.

Der Schiefling /1

Mittendrin, völlig fehl am Platz an diesem inferior besetzten Podium, fegt der Große Gert Jonke alles irdische Aschengeschnatter hinweg, er hebt an, nein: ab, zu lesen, zu eifern, zu sein, und es ist – wie immer – phantastisch, ihn beim Denken zu erleben, das ist nichts anderes, als die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, ihre Werdung ist gewissermaßen mit Händen zu greifen, seine Sprache, Wortlehm, quillt aus ihm heraus.

Derart entschädigt und bereichert darf man zurück kehren in seine Gedanken.

Gert, auch du ein Mutmacher, wirklich wahr.

Schiefling /2

Eine so genannte Kunstdiskussion in jenem Allerheiligsten am Wörthersee.
Die Leitung der Runde hat ein sich selbst Philosoph nennender schwitzend aufgeblasener Breitmaulfrosch vorweg usurpiert, der mit schleimigen, demonstrativen Demutsgesten (den anderen wie der Kunst gegenüber) nichts anderes als beständig ICH ICH ICH quakt. Bald wird es ihn zerreißen, stelle ich mir vor; dieser unwillkürliche Gedanke erschreckt mich nicht, er hat etwas Tröstliches, im Gegenteil. Eigentlich, so prustet der Halslose ins Publikum, stünde einzig & allein ihm (diesem Ministranten) das Papstamt, ja, in aller Bescheidenheit, die Prophetenrolle dieser sich hier & heute als vorgestrige Aschenstiftung präsentierenden Memorialeinrichtung zu. Unerträglich.
Aber auch wieder köstlich komisches Sommertheater.

Schiefling /1

Schiefling ist eine kleine Ortschaft am Südufer des Wörthersees, nahe am westlichen Rand ist es gewissermaßen das Maiernigg Veldens, und das auch in einem musikalischen Zusammenhang: Komponierte Mahler in Maiernigg den Sommer über, so ehrt man in Schiefling Alban Berg, der es hier nicht bloß zu einem kleinen, in den Wald und also ohne jeden Anschluss an die Südbahn verschlagenen Weichenstellerhüttl (das Berühmte Komponierhäuschen) gebracht hat, sondern zu einer stattlichen Villa samt Park, statusgemäß ruht der alte Ford von etwa 1930 in der Garage; die Eisenbahn am nördlichen Seeufer hört man recht gut herüber, Hier ist Friede, steht über der Haustür.
Das Alban Berg Haus ist naturgemäß das Allerheiligste der Alban Berg Stiftung, es gibt ja auch viel Hinterlassenes: Besonders stolz scheint man auf die Unterwäsche Sr. Kaiserlich & Königlich Apostolischen Majestät Franz Joseph I. (dessen Tochter aus der vorschrattischen Beziehung, wie es heißt, Albans nachmalige Frau war) zu sein, sowie auf die Geige Gustav Mahlers, die mit einem Seidentuch zugedeckt ist, mit seidengesticktem Monogramm, wie man sich bemüht, Staunen zu machen (na was denn sonst – soll es ihm seine Schwester oder die Alma aufgebügelt haben wie die Zunge von den Stones?). Große Menschen ihrer Zeit waren hier, es ist alles sehr bedeutend, wirklich wahr.
Aber, bitte, eine Geige von Mahler ist doch tot, wenn sie in ihrem Holzkisterl gleich einem Sarg ausgestellt wird; entweder es ist ein gutes Instrument, dann lasst sie von anderen spielen, oder sie ist mies, dann, bitte, lasst die Reliquienverehrung bleiben.
Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche, dieser (auch) Mahler zugeschriebene Satz, muss mir da wieder einmal einfallen.

Spezialinsekt

Außer acht lassend, dass die Natur (jedenfalls was den Makrokosmos betraf, wie man unlängst herausgefunden hatte) wohl die Kugel, nicht aber das Rad erfunden hatte, beobachtete er die Libelle mit dem konstruktionsanalytischen Blick eines Ingenieurs; sie hatte sich in den mit Stuck verzierten großen Konferenzsaal, in welchem die Probe stattfand, an jenem möglicherweise gewitterschwangeren Sommernachmittag verirrt, kreiste panisch ums künstliche Licht und wollte, obwohl alle Fenster geöffnet waren, nicht und nicht hinausfinden. Libellen, deren Männchen sich bei der Paarung am Kopf des Weibchens festkrallen, sodass es vorkommen kann, dass sie ganze Stücke herausreißen, was für das Überleben der Partnerin keine gute Prognose bedeutet, Libellen, das waren so etwas wie insektoide Helikopter, Hubschrauber mit vier noch technologisch-innovativ nachzuempfindenden Schwirrrotoren, halt ohne Halt gebenden kleinen Stabilisierungspropeller hinten, wie bemerkt, aufgrund der Nichtraderfindung seitens der Natur. Trotz ihres ruckartigen Fluges mit seinen unvermittelten Halten (gerade dann, wenn sie besonders panisch schien, pflegte sie plötzlich auf unbestimmte Zeit auszuruhen, völlig ansatzlos) stellte er sich vor, wie es wäre, in so einer Passagierlibelle mitzufliegen, es müsste phantastisch sein, nicht zuletzt wegen der Gedankenkraft, die man aufbringen musste, sich so etwas vorzustellen, stellte er sich vor.
Irgendwie fühlte er sich plötzlich wie Leonardo da Vinci.

individuell

Reihenhaussiedlung Projekt Viktring. Eine Top-Doppelhaushälfte pro Reihenhaussiedlungsbesiedlerfamilie mit vorgelagertem Erdwall zur Vermeidung eines zu weiten Horizonts. Aufkeimende Individualität am Beispiel der Bodengestaltung des feinsäuberlich vorne, rechts und links eingezäunten Gärtchenstreifens. Die eigenheimbewährte Thuje wird sich auch hier durchsetzen, soviel ist schon sicher.
Hier ziehen Legofamilien ein; und ein Lego-Männchen (dunklerer Teint)  liefert den Rindenmulch, stelle ich mir vor.

aufgekratzt

Ja, es war Sommer, das merkte er auch daran, dass ihn die Insekten – namentlich Gelsen (weibliche) – heftig begehrten und im Austausch zu seinem frischen Blut diesen ermöglichende Säfte durch ihren Stechrüssel in seine Haut injizierten, dass das juckt ist allgemein bekannt, und unwillkürlich hatte er sich beide Füße oben am Rist aufgekratzt, eine Wunde, die nicht und nicht abheilen wollte, unangenehm, wirklich wahr. Als er sich wieder einmal Betaisodona, dieses jodhältige Breitband-Mikrobizid darauf appliziert hatte und an sich hinabschaute, fiel ihm eine bemerkenswerteÄhnlichkeit auf: Wenn er sich jetzt auch noch die Handrücken aufkratzen würde, könnte er bei einem der so beliebten Passionsspiele anheuern, stellte er sich vor. Abnehmen müsste er halt noch, ein bisschen wenigstens; aber das dürfte keine allzu großes Problem darstellen, wenn sie gut bezahlten, und gerade das war der Haken an dem schönen Gedanken, pflegen doch Passionsspiele umsonst zu sein, und da konnte er dann doch nicht mit, welches Gelübde sollte er auch eingehen und vor allem wem gegenüber?
Mit der Zeit würden die Füße auch so verheilen, wenn er sich auch wünschte, dass der Sommer ewig dauere, wenn auch nicht mit diesen insektenvermittelten falschen Zeichen absonderlicher Spiritualität.

abwesend

Noch ganz in seinem Traum (wo er herkam, sagte man, unschlagbar treffend tramhapert) – er war Turnlehrer und stellte einem zwölfjährigen, allzu aufmüpfigen Mädchen als Entscheidungsprüfung knapp vor Schulschluss die Aufgabe, einen Ausflug für mehrere Familien vorzubereiten (Streckenprofil, Labestationen, Sehenswürdigkeiten, Spiele für Kinder verschiedenen Alters, …), was ihre Mutter als kreative Herausforderung für das Nichtmehrkind lobte, und das Mädchen machte sich tatsächlich mit Feuereifer an seine Arbeit an dieser (fiktiven) Wanderung; eine Nachprüfung würde ihr ohne Zweifel erspart bleiben, so amüsant sich das in ihrer Biographie später auch ausmachen würde – saß er auf der Toilette und hatte praktischerweise die elektrische Zahnbürste im Maul, als er nach gut vier Minuten (alle zwei Minuten gab die Bürste so ein Vibrationssignal) merkte, dass er wieder nur die rechte Innenseite der vorderen Mahlzähne des Unterkiefers aber sowas von blankgeputzt hatte. Er nahm alle verfügbare Konzentration zusammen und versuchte, auch den anderen Zähnen zu ihrem morgendlichen Recht zu verhelfen, und es gelang einigermaßen.
Diese zusätzliche Zahnputzphase hatte bei ihm den Namen Nachspiel.
Abends, aus anderen, ähnlichen Gründen, wurde, fast täglich, ein dentales Freispiel angehängt.
Aaahh.

Raucherbedarf

Raucherbedarf stand auf jener Trafik in Viktring (die erste Silbe ist ident mit der letzten Silbe des vorherigen Wortes auszusprechen), und das ließ ihn innerlich umfassend zustimmen, hatte doch dieser Einwortsatz sowohl für die damit angeworbenen Kunden als auch für die Kundschaft anlockenden Kleingewerbetreibenden vollinhaltliche Gültigkeit, dachte er sich, stellte er sich vor.