mütterlog

Es ist sehr verschieden, in die Zukunft – und in die Vergangenheit zu lügen.
Jean Paul (1799)


Der Geschmack des Sommers

Den Essig nach einem Tomaten-, pardon, Paradeisersalat, selbstredend mit Zwiebelringerln (oder auch gehackt) nicht schlürfen zu dürfen, erschien ihm stets als gastronomisches Kapitalverbrechen; ein Kellner, der ihm diesen Genuss durch voreiliges Abservierenwollen vorenthalten wollen würde, müsste um seine Servierhand bangen, stellte er sich vor, zu Recht.

Kabinentücken

Seit man angefangen hat, Zimmer mit Fließwasser kategorisch zu heben (Komfortzimmmer hat, etwas später, die nächste Ausbaustufe geheißen), weisen die bei Kleinhotelbetrieben beliebten Duschkabinen duschkabinentypische Konstruktionsmängel auf. Um den am häufigsten vorkommenden zu nennen: Die Schiebetüren lassen nur schwer die Bewegung zu, für die sie vorgesehen wären, es ist mehr ein Reißen, das die halbdurchsichtigen Plastikteile in ihren wackeligen Spurschienen erlauben, und manchmal kann es schon vorkommen, dass sie einen partout nicht aus ihrer kleinsträumigen Umklammerung freigeben wollen, etwa, wenn das Telefon klingelt, oder (früher häufiger, eher italienisch) die Temperatur des Brausewassers plötzlich Richtung Siedepunkt ausreißt.
In meinem kleinen kärntner Kämmerchen steht auch so eine Duschkabine, alles sehr sauber, und, servieceorientiert und also recht gastfreundlich, wird der aufmerksame Gast vor ihrem Betreten auf die arttypisch-konstruktionsbedingten Unzulänglichkeiten hingewiesen: Knapp vor der Schelle, an der die beiden die Rütteltüren führenden weiß lackierten Metallschienen zusammenlaufen, steht auf einem Aufkleber in liebevoll geschwungener, Schreibschrift suggerieren sollender Druckschrift, für den internationalen Gast bereits übersetzt: Bad Design.

Ich hätte es nicht gemerkt. Danke vielmals für die freundliche Auskunft.

Urheber

ORFON, 18. Juli 2006: Der Papst schreibt ein Buch über Jesus.
Na bumm, das sind aber erstaunliche Neuigkeiten. Soll er etwa die Biographie von Paris Hilton oder Kate Moss verfassen? Na also.
Viel interessanter wäre es freilich umgekehrt. Nein, nicht Kate oder meinetwegen, Naomi (die aus der Warholschen Suppendose) hagiographierten Benedictus XVI. Wie wäre es, wenn wir endlich ein Buch von Jesus selbst hätten, sagen wir über den Papst? Oder über Kaiser Nero als Peter Ustinov?, stelle ich mir vor.

Jahrestag (Albert)

Vor einem Jahr ist Albert Mangelsdorff gestorben, einer der ganz Großen, nicht nur der Posaunisten (was wäre das auch?).
Umgekehrt gibt es Menschen (nicht nur Posaunisten – was wäre das auch?), die haben ihr ganzes Leben mit Intrigieren verbracht, mit dem Schüren von Neid; ihre physische (und metaphysische) Hinterlassenschaft dereinst wird in erster Linie aus Galle bestehen.
Da wundert es einen nicht, dass es scheint, als würde so jemand selbst dem Tod zu bitter schmecken.

Dann gibt es noch die Gallenanbeter. Es ist ein dunkler Kult.

Nachtrag zur multiplen Persönlichkeit /2

(Fällt uns jetzt erst auf…)

Allgemeine Fragen, wie es sich im Plural lebt, beantwortet gerne der Verfasser dieser Zeilen (auch chiffrierte bzw. anonyme Zuschriften werden berücksichtigt).

Nachtrag zur multiplen Persönlichkeit /1

Fürs nächste Jahr schlage ich vor, Alfons Haider die Hauptrolle im bis dahin zu kreierenden großen Lordi-Songcontestmusical zu überantworten.
Am Plakat prangt dann so ein Warzensaurier, schräg drüber das bereits im Druck integrierte rote Pickerl Alfons Haider ist Lordi.

o mei, lordi!
(den Mittleren meine ich, der ist am schnuckeligsten; ich behaupte, der Bart ist echt)

Das wird ein Erfolg. Bis nach Finnland hinauf.

Noch einmal Sechs

Die Behaftung der Sechs mit dem Bösen, Verneinenden, diabolischen seitens der auf 3er und 9er spezialisierten christlichen Soundnichtanderssollstduleben-Körperschaften erscheint mir, mit Verlaub, zu gering: Wenn ich jemandem einreden will, dass er sich hüten und fürchten muss, muss ich drastisch daherkommen. Ein Zehntel Bösigkeit ist doch, bittSie!, wirklich zu wenig zum Fürchten. Wir sollten zulegen.

Was aber wären die (zumindest vier!) anderen Ziffern, vor denen wir uns in Acht nehmen sollen?

Jakarta

Im Jahr 2003 durfte ich nach Jakarta reisen und beim jakart–Festival auftreten. Die ganze Stadt war voll von 476ern, jakart feierte den vierhundertsechsundsiebzigsten Geburtstag ihrer (der Stadt) Gründung. Als ich die Veranstalter fragte, ob die Zahl 476 eine spezielle Bedeutung im indonesischen (oder zumindest javanischen) Kulturkreis habe, haben sie gelacht und gesagt: Nächstes Jahr feiern wir 477 Jahre Jakarta.

So einfach geht das.

Jahrestag

Und genauso willkürlich sind Jahreszahlen, Jubeljahre. Weil: Irgendwann ist man 50, 100, 250, 1.000, ja sogar 666 Jahre alt oder tot, je nachdem. Und Wer Wichtiger Wo gewohnt hat, gegangen ist oder von welchem Rilkefelsen in die Bucht von Duino sein Wasser abgeschlagen hat, – Wurscht.
Irgendwo müssen diese wichtigen Wichte ja das alles tun, weswegen sie so wichtig sind, wir teilen uns nun einmal nur diese eine Erde.

Genau genommen wäre das Gegenteil interessant oder aber verdächtig. Wie man das eben sehen will.

13817

Weil, der, sagen wir, 17. Juli ist genau so einmalig jedes Jahr wie der 1. Jänner, unwiederholbar, unwiederbringlich, unvergessen! Tut das gut.
Oder: Unlängst (das Datum ist unbedeutend) stehe ich mit dem Auto, amtliches Kennzeichen (es ist in diesem Zusammenhang wichtig) W-13.817L, vor unserer Häuserzeile, stellt sich ein roter Wagen mit W-31.817L direkt dahinter, am Eck ist ja die Apotheke und vor der Haustür die Trafik, je nachdem wird tagsüber von Nichtanrainern kurzgeparkt. So ein Zufall, wirklich wahr!
Die Wahrscheinlichkeit aber, dass diese beiden Wiener Autokennzeichen auf einander treffen, ist in Wien genau so groß wie die beliebiger anderer W-Wägen.

(Vielmehr sollte mich beschäftigen, warum mir derart banaleÄhnlichkeiten überhaupt auffallen.)

667

Im Grunde war diese Aufmerksamkeit, die man zufälligen, jedenfalls aus Gründen der Verteilungshäufigkeit unentbehrlichen numerischen Phänomenen zuteil werden ließ, reichlich merkwürdig, ja verschroben. Gäbe es keinen 666er, bitte wann käme dann dieser kurze Text mit der wesentlich unauffälligeren Nummer 667, dachte er sich, stellte er sich vor.

666

Die Sechs (inÖsterreich: der 6er) ist eine schöne Ziffer, sie spornt unser Denken und selbst die Triebe an wie keine zweite. Höchstens der 9er kann es noch mit ihr aufnehmen, allerdings nur in (korrekter) Kombination mit ihr. 96 erotisiert angeblich ungleich schwächer als die um 27 weniger zählende andere Zusammenstellung, welche auch dem Sternzeichenlogo des Krebses entspricht, in welchem ich zufällig geboren wurde. (Wenn man lebt, muss man ja ein Geburtsdatum – ob man es kennt oder nicht – haben, das fällt ganz von selbst in eines der zwölf Zeichen des Tierkreises; es ist ja nicht so wie beim Roulette, wo es noch den Nuller gibt, diese segensreiche Erfindung zugunsten der Glücksspielveranstalter.)
Was die Anspielungsbedeutung der 6 angeht, ist auf ihre phonetische Verwandtschaft mit dem längst schon auch im Deutschen gebräuchlichen englischen Ausdruck für das physische Geschlecht hinzuweisen. Ein 6-Ender wiederum könnte, dies nebenbei, auf die soziale bzw. sozial empfundene und gelebte Geschlechterrolle (gender) rekurrieren.
Telefonhotlines mit nach einer kostenpflichtigen Mehrwertvorwahlnummer bis zu siebenstelligen Abfolgen von 6ern werden, animierend bebildert, im deutschsprachigen Privatfernsehen sehr gerne und recht einträglich, wie es ausschaut, nachts zur Lockung bzw. Verheißung der Erfüllung derart hervorgelockter, wie es heißt, frühlingshafter Gefühle eingesetzt: Nullhundertneuzig, sexmal die Sex! Rufan!
Abgekürzt gesagt: Die 6 (der 6er) deutet auf Lust und Sinnenfreude hin, und dieser sehr persönliche Bereich interessiert natürlich auch traditionell alle gesellschaftliche oder gar persönliche Führung gewährenden bzw. zu übernehmen beanspruchenden Institutionen. Derber gesagt: Wer die Macht hat, den Leuten das Pudern zu erlauben (besser: zu verbieten), ist obenauf.
Da Führung und Verführung nun aber einmal einander bedingen, und weil ausgelebte erotische Sinnenfreude die Menschen fröhlicher und selbstbewusster macht, sodass sie sich nicht mehr so gerne mit süßlichen Jenseitsverweisen die Lust am Irdischen Dasein versauern lassen wollen, ist die 6 die Zahl des Tieres, des Teufels, des Bösen: 666.
Uiuiui, jetzt fürcht ich mich aber!

So, kurzgefasst, meine zugegeben wenig eigenständige kleine Theorie (in der Wikipedia habe ich aber erst später nachgelesen) anlässlich meiner sechshundertsechsundsechzigsten Kolumne im MütterLog, danke für Ihre Treue und bleiben Sie dran!

Persönlichkeit, multipel

Der bei sämtlichen präsumtiven SchwiegermütternÖsterreichs leider ohne jegliche Hoffnung auf eine Schwiegersohnschaft überaus beliebte Entertainer, Schauspieler, Moderator, Kabarettist und Sänger Alfons Haider ist Johann Strauß!, und zwar diesen Sommer im schönen wienunfernen Stockerau, das ergreifende Spiel nennt sich Schani – mehr als ein Leben, und auf den Plakaten wurde obige Zeile (AH ist JS) extra drübergepickt, weil, so wurde kolportiert, vor allem die versammelten Damen aus der ersten Zeile dieses kurzen Textes ihn auf Grund der exzellenten Leistung der Maskenbildnerin (nehmen wir an, dass es sich auch hier um eine Dame handelt) nicht als Ihnselbst erkennen würden, was, so wurde befürchtet, zur Folge haben hätte können, dass ein wesentlicher Teil des Zielpublikums dem Stockerau Open Air Festival 2006 ferngeblieben wäre, und das wollen wir doch nicht hoffen.
Alfons Haider aber hat es auf sich genommen, fortan als multiple Persönlichkeit mit nicht ganz geklärter Identität durchs Leben bzw. zumindest durch diesen Sommer zu gehen.

Johann Strauß ist Alfons Haider! - oder wie?

(Ich behaupte: Der Schnauzer ist echt.)

Koinzidenz

ORFON, Rubrik Leute.

Klaus Maria Brandauer hat drei Wochen nichts gegessen
Paris Hilton: Ein Jahr kein Sex

Im flehe dich an, KMB: Mahlzeit!

Kühlschrankprinzip

Jetzt, wo es tatsächlich Hochsommer geworden war, war es nicht nur tagsüber drückend heiß in seiner Wohnung, die ansich über keine Klimaanlage verfügte, und das machte sie, genau genommen, eigentlich recht sympathisch, es gibt ja nur ein paar Hundstage jedes Jahr (das Vorjahr ausgenommen).
Endlich aber hatte er die Lösung gefunden, wie sein Räume effektiv zu kühlen waren; es galt, das berühmte Kühlschrankprinzip kreativ anzuwenden, und zwar mittels der jährlich gewarteten Gaskombitherme: erst stellte er sämtliche Heizkörper auf die Schneekristallposition; sodann ging er zum Thermostat und drehte aber sowas von auf. Whbbb, entzündete sich das Gas in der Therme, und schon, war er sich sicher, würde es kühler.

Klagelaute

Warum bitte müssen die österreichischen Sportreporter immer so laut schreien? (Das ist noch keine Aussage über den Inhalt.) Auch, wenn sie in einem geschlossenen Kammerl sitzen, also nicht mitten unter einem enthusiasmierten, jedenfalls erregten Publikum, schreien sie Unsägliches in ihre Mikrophone, ununparteiisch, wie das nur ständig unterlegen sich fühlende, kleingewachsene Kleinstaatler zusammenbringen.
Aber wartet nur auf den Winter, da zeigen wirs euch. Naja, zumindest beim Schifahren; da haben Brasilien, Cà´te d’Ivoire und selbst Trinidad & Tobago keine Schauns. Gegen uns. Wir allein gegen die ganze Welt. Sollten wir aber doch verlieren, ist das der beste Beweis für die ohnehin unleugbare beständige antiösterreichische Weltverschwörung, sammasieahlich.

Alles Gute

Ansich hatte er Geburtstage nie recht gemocht. Letztes Jahr aber, das runde Überraschungsfest, das war schon eine Freude. Heuer, primzahlig, wollte er den Tag nicht so gerne mit anderen teilen.
Dann. Das erste Mail kam von einem Versandhaus, das auch Kaffee verkauft; man verwies auf eine reichlich unoriginelle Geburtsanimation mit einem einsamen Teddybären und einer Sektflasche, traurig, sehr traurig. Später, gegen Mittag, die Post: Sein bester Freund schickte ihm ein geschäftliches Schreiben, genau genommen eine Rechnung.
Na dann alles Gute und Prost, grub er sich für die zweite Tageshälfte ein.

Nennen wir es Besinnung.

guten Morgen /2

Oder fühlt man sich, wenn sich philippinische Krankenschwestern mit moagn grüßen, möglicherweise doch wie im Spital? – Es wäre eine Klinik unter Palmen, allein schon wegen der freundlichen (und kompetenten) Betreuung, wie man immer wieder hört.

guten Morgen /1

Acht nach sechs in der Früh, Station Krottenbachstraße. Zwei (sprichwörtliche) philippinische Krankenschwestern treffen sich. Moagn, sagt die eine. Moagn, sagt die andere. Weiter dann reden sie in der Sprache ihrer südostasiatischen Herkunft.
Da fühle ich mich gleich wie im Urlaub. Weil z.B. die Deutschen auf z.B. Gomera grüßen einander auch mit dem sie nicht anders als einheimisch erscheinen lassenden ¡Holla!; oder, z.B. in Mexiko, ebenso einheimisch, mit ¡Hossa! (Aber das ist eine andere Geschichte.)

Blaupause

Wien XVIII, Währinger Gürtel. Die Johanniter – Akutpflegedienst. Akute Abkühlung mit Blaulicht* beim Eissalon Zanoni, einsatzadäquat den Rettungswagen schräg über den Randstein eingeparkt.

*) stelle ich mir nur vor, weil’s so schön wäre (das Blaulicht). Die leicht schmerbäuchigen Männer in ihrem schmucken kurzärmeligweißen sommerhemdigen Rettungshabit aber laben sich an Stracciatella und Vanille. Es sei ihnen vergönnt bei diesen Temperaturen, und blau (auch, wenn ich es mir nur vorstelle) ist ja die Farbe, die Linderung durch Abkühlung schenkt.

Wien ist … (2)

… Nacht & Musik, erklärt uns die Tourismuswerbung bei allen Einfahrten Wiens (weshalb ich, nicht zuletzt, bevorzuge, mit dem Zug anzureisen).

Ich als Tourist würde natürlich sofort kehrt machen vor so einer Stadt, wo man kein Auge zutut, weil sie überall so laut spielen, gar noch mit der Posaune, um halb drei in der Früh.

Wien ist … (1)

… Kultur & Erbe, sagt das Stadtmarketing auf den modernen city light genannten Hinterglasrollplakaten.

Ein Schelm, wer bei diesem griffigen Slogan an Restitution denkt.

tetrig

Am nächsten Morgen füllte er sich beim Frühstück ebenso lustlos wie unbewusst wieder diese Orangensaftbehauptung aus dem Krug, in dem die Illusion von Fruchtfleischflankerln obenauf schwamm, ins Glas; diesmal aber fiel ihm das passende Adjektiv zum eigenartig hart schmeckenden Gelbsaft (orange war er nie und nimmer) ein: tetrig, jawohl, so musste das heißen, von der langen Lagerung in den praktischen Quaderkartons war dem Naturprodukt aus tiefgekühltem Saftkonzentrat genau so schlecht geworden, wie es tatsächlich schmeckte.

Morgen würde er wieder zum Krug greifen, die Hohes-C-Werbung seiner Kindheit hatte ihn ausreichend konditioniert, da brauchte er sich nichts vorzumachen, musste er sich eingestehen.

don’t disturb /2

Übertrieben war, dass ihm das Herz bis zum Hals gepocht hätte. Geschlagen aber hat es schon (was auch sonst, er wäre ja tot umgefallen).
Was weiter passierte, ist im übrigen völlig belanglos; oder wie man sagt: nicht wirklich nennenswert.
Geschehen aber war: Die Putzfrau hatte das Schild auf die Schnalle gehängt. Es musste wohl eine Art Generalrevision sämtlicher Bittenichtstörenschilder gegeben haben, denn auch an den anderen Türen im vierten Stock hingen die gleichen mattglattlackierten Dünnkartons mit dem praktischen Loch zum Überdieschnallehängen, oben.
Oder die Stubenfrau wollte sich einen geruhsamen späten Vormittag machen, stellte er sich vor. In welchem Zimmerchen sie wohl ihre ohne Zweifel wohlverdiente Ruhepause eingelegt hatte? 410, soviel war erwiesen, war es nicht gewesen.

don’t disturb /1

Als er nach dem Frühstück zurück zu seinem Zimmer zurückkehrte, wurde ihm den Eintritt von so einem Bittenichtstörenschild auf der Türschnalle verwehrt.
Atemlos horchte er eine Weile.

Schließlich nahm er sich ein Herz. Vorsichtig führte er die zeitgemäße Türöffnungskarte in den Schlitz, chipgesteuert wurde die Schnalle mit einem ihm in diesem Augenblick laut erscheinenden, in Wirklichkeit aber kaum bemerkbaren elektronischen Piepsgeräusch zum Niederdrücken freigegeben.
Er öffnete und – sein Herz pochte ihm bis zum Hals – trat ein.

(morgen: was weiter geschah)

Traumberuf

AUA-Stewardess, das war etwas, patriotischer Traumberuf, Botschafterin desÖsterreichischen Lächelns (und damit unter nationalem Denkmalschutz), Erkunderin unendlicher Weiten, austrianische Protoastronautinnen. Mit Wehmut dachte er an seine Kindheitsvorstellungen, in der es noch keine männlichen Flugbegleiter, nur Flieger, also Piloten und Kopiloten (Männer, richtige Männer, mit pitralonrasiertem Ballackkinn – das damals noch nicht so heißen konnte; aber er dachte sich das ja heute), gegeben hatte, als eine geschwätzige Chartercrew beim Frühstück neben ihm Platz genommen hatte.
Samstag war Herakliontag, Freitag Rhodostag und donnerstags flog man nach Mallorka. Auf die anderen vier Tage wäre er auch noch draufkommen, er aber erhob sich und ging aus dem morgendlichen Speisezimmer, der Sonne entgegen.
Wenigstens ein keines Stück, sein Zimmer lag im vierten Stock.

Schnurre

Wenigen ist bekannt, dass die Schnauzerdichte am Kizilay und in Kavaklıdere geringer ist als in der österreichischen Bundesregierung.
Ich verdanke diese Erkenntnis Peter Lachnit.

Und K & K, das sind zwei Stadtviertel in Ankara, Türkei.

Nasengedanken

Die in Verkühlungszeiten als Rotzrinne bekannte Region unter der Nase, deren schnauzerartiges Zuwachsen in seinem Land seit jeher unerlässliche Aufnahmebedingung für sämtliche Polizeischüler (bis zum 1. Juli 2005 auch der an diesem unseligen Datum ins Nichtexistieren verbannnten und seither polizeilich incorporierten Gendarmenaspiranten) war, erwies sich bei jedem Rasieren aufs Neue als Problemregion; da man die Klinge nie gegen die Wuchsrichtung der Bartstoppeln setzen durfte – seine Haut war, darauf war er stolz, empfindlich, was sich auch im Kauf von After-Shave-Balsam für die sensible Männerhaut niederschlug -, den letzten Härchen direkt unter den Nasenlöchern aber nur so beizukommen war, stellte er sich jedesmal vor, wie praktisch es wäre, könnte man für diesen unvermeidlichen und manchesmal schmerzhaften, weil die Haut reizenden Vorgang die Nasenkuppe einfach wegklappen, wie das ja auch bei den Seitenspiegeln moderner Autos längst schon gang und gäbe war, wenn man z.B. eine schmale Toreinfahrt zu passieren hatte.

(morgen: Schnauzererkenntnis)

Maus aus

Als er gedankenverloren seine Funkmaus auf den Rücken legte, fiel ihm auf, dass sie in dieser Lage hilflos war wie ein Käfer, ihre vielen, im Vergleich zu ihrem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihr hilflos vor dem einen roten Auge.

Das ist aber keine Mäusegeschichte, dachte er sich und aus.

(Wann müssten die beiden kleinen Batterien – AAA LR03, 1,5 V – denn wieder einmal gewechselt werden? Schon erstaunlich, wie lange die hielten; ihre Leistung, wurde die in gefahrenen Mousepadkilometern, mpkm, gemessen und also angegeben? Beim nächsten Mauskauf würde er den mit dieser Fachfrage ganz sicher überforderten Verkaufsberater in einer dieser Elektronikkettenfilialien damit ganz sicher auf die Nerven gehen, nahm er sich vor, stellte er sich vor.)

Feuchte Gedanken

Bei Duschen fiel ihm auf einmal auf, dass ihm meist beim Duschen die besten Einfälle kamen, förmlich herabgeregnet wurden sie von der Brause, er musste sich neben der stets gründlichen Körperpflegeroutine zu höchster Konzentration anhalten, das bedeutete, nicht eingeduschgelt aus dem Bad und zum Schreibtisch zu hopsen und dabei den Boden sehr partiell sehr feucht aufzuwischen, sondern das Neue zu bewahren, bis er gerüstet war für sein Tageswerk.

Seine Gedanken kreisten darum, wie es sich vermeiden ließ, dass die einherbrausenden Einfälle nicht wieder durch den Abfluss (nördlich des Äquators: rechtsdrehend – oder linksdrehend? – das gehörte auch einmal wieder untersucht! – und direkt am Äquator?) verschwänden. Einfach zuzustoppeln reichte nämlich nicht, das hatte er schon längst herausgefunden, es wäre auch zu einfach gedacht. Oder gleich in der Dusche alles aufschreiben? Immerhin, wasserresistente Stifte gab es ja; das wasserfeste Papier schien da das Problem. Beim Betreten der Nasszelle ein Aufnahmegerät einschalten und laut denken? Auch bei dieser Variante schien einzig sicher, dass die Aufnahme (allen modernen Rauschunterdrückungsystemen zum Spott) nur so daherplätschern würde, und das würde seinen Einfällen nicht gerecht, weshalb er auch diese Variante abschreiben musste.

Wie er so alle Möglichkeiten des Merkens von Duschgedanken nach und nach abwägte (interessant: beim geruhsamen Wannenbaden herrschte – gewissermaßen – Funkstille), war ihm auf einmal entfallen, was ihm eben eingefallen war.

Aber morgen in der Früh wollte er besser aufpassen. Morgen, immerhin.

weltzugewandt, 90-jährig (Korrektur)

Recherchieren heißt, sich der stets trügerisch drohenden Erinnerung gewahr zu sein. Erinnern wir uns einer gymnasiastischen Maxime: Keine Mathematikschularbeit ohne Gegenprobe! Oder, um ein zum Thema passendes oft zitiertes russisches Bomotscherl zu bemühen: Er lügt wie ein Augenzeuge.

Meine Beschämung gilt der Automarke, die ich David Koblick, wie sich herausstellen musste, angedichtet habe. Würde auch ein Citroën von Stil her perfekt zu meinem so lebendigen 90-jährigen Freund passen, habe ich in meiner Vorstellung Davids erfrischend trockenen Pragmatismus außer acht gelassen. Monika, die ihn (er lebt in Steyr) oft trifft, stellt richtig und schreibt mir: Einen Toyota (Yaris) hat sich der David gekauft, wegen der Pannenstatistik!

So einer fährt nämlich gut und gern 100.000 km, ohne dass er irgendwelche Spompanadln (oder gar Mandln) macht.

Das Dilemma der Kritik

Vor dem Konzert (powered by Raiffeisen), Sparkassenplatz. Die sonntägliche Steiermark in Erwartung Faustens vermittelst Schumann, gedeutet von Harnoncourt.
Die Dame neben mir mit diesen dünnen Zigaretten, die sie beim letzten Dutyfreeeinkauf in Slowenien gekauft hat und die sie sich für elegante Anlässe aufgehoben hat. Sonst nenne ich diese Rauchwaren ja Tussitschick, und sie gehören zu Gören wie Paris Hilton, ich denke auch an Starlets wie die sehr jugendliche zweite Frau des reichen, des Big Lebowski, die, obzwar keinerlei Einkommen benötigend, in einer sehr einträglichen Branche recht aktiv ist.
Trotz der eleganten Zigaretten: Nonchalance kann man nicht zollfrei einkaufen, genaugenommen nicht einmal erlernen. Und natürlich geht es mir wie den alternden Juroren bei der Missaustriawahl in Kitzbühel; die sind auch nicht annähernd so fesch und knackig und na hallo! wie die zu begutachtenden jungen Damen, ja, es würde nicht einmal fürs Liconamodellstehen reichen, sammasieahlich, bei weitem nicht, alles Deixe, alle Dudes.
Das ist, in jeder Disziplin, das Wesen und das Dilemma jeglicher Kritik.

Mutterkuchen

Diesmal hatte sich der Strudel, den er schon als Bub nicht gemocht hatte (den er wenigstens nicht so oft und nicht so immergleich gemocht hätte), gut eineinhalb Monate in lebensmittelechten Polyproplyenbeuteln eingeschweißt im Kühlschrank gehalten, bevor endlich die grünen Altersflecken auf seiner Oberfläche anzeigten, dass er ohne schlechtes Gewissen den braunen Biomüllcontainern überantwortet werden durfte.
Seine Freunde, die die Kuchen ihrer Mütter genausowenig begehrten, rissen sich jedesmal um die Stücke, eifrig schwelgten sie entweder von der Mohn- oder Nussvariante und lobten seine germteigbedingte Mürbe.
Aber auch sie bekamen bei ihren Elternbesuchen mit viel Liebe hergestellte Süßwaren. Ein im Freundeskreis zu organisierendes Verteilsystem für mütterliche Backwaren müsste man einrichten, dass sie dort hinkämen, wo sie ungeheuchelt begehrt und verzehrt wurden, schwebte ihm vor.

weltzugewandt, 90-jährig

Der beim Heurigen war, wie gesagt, ein 38er.

Unwillkürlich fällt mir David Koblick ein. Der ist ein 16er und wartet nicht. Sondern er lebt. Gerade unlängst hat er sich ein neues Auto (einen Citroà«n) gekauft. Und wenn du hinter ihm herfährst, glaubst du nicht, dass das ein Mensch im Ruhestand ist, vor dir auf der Straße.

Aber David ist ja auch nicht im Ruhestand: Eben habe ich ihm die Texte meiner neuen CD zum Übersetzen gebracht. Er macht das am besten, schon ein Zeitl.

weltabgewandt, heurig

Bei unserem kleinen Heurigen, noch etwas später.
Ich moch jo nix mehr. Wos soli no mochn.
Seine Frau ist ihm gestorben, nach acht Tagen im Spital, acht Jahre ist das her, kein Monat nach seiner Pensionierung ist sie ihm gestorben, so eine Gemeinheit. Seither macht er nichts mehr, wozu denn und was denn schon auch. Ein 38er ist er, aber so wie er ausschaut und beisammen ist, wirkt er wesentlich älter. Wenn man nur mehr aufs Sterben wartet, kann sich das auch ganz schön ziehen.
Immerhin, beim Heurigen lässt sich das Lebenmüssen besser ertragen und – herauslallen.

Mitteilungen

(noch zu gestern)

Diese Art des Sichgegenseitigerzählens von allen Bekanntem erinnert mich an die Schulzeit, Unterstufe, wo wir uns das Schicksal Winnetous oder das von Raimund Harmstorf als Michail Strogoff, den Kurier des Zaren erzählt haben, atemlos den Mund offen vor lauter Spannung.
Und jeder hatte alles gesehen, auch die Blendung.

Wetter, heurig

Bei unserem kleinen Heurigen, etwas später.
An der Schank stehen (?) die, denen ordentlich eingeschenkt wurde. Übers Wetter geht es, worüber auch sonst. Allen Diskutanten (nun, nennen wir sie so) ist klar, dass sie ihr tagesaktuell ablaufendes Wissen aus exakt den gleichen meteorologischen Informationsquellen beziehen (Wien heute bzw. Zeit im Bild). Trotzdem informieren sie einander, teilen sich gegenseitig mit, dass es am Donnerstag ganz sicher ein Wetter geben wird.
Und was für eines.

SommerSonnwendMütter 2006

Liebe MBA,

so. Sommer. Die Kühlschrankkälte zu Pfingsten scheint vergessen. (Nicht von mir.) Jedenfalls endlich den Luftbefeuchter (mittlerweile ein Luftwäscher) gegen die Windmaschine ausgetauscht, Papiersturm im Musiksalon.
Ein schräger Blick in meine Compositörwerkstat. © Victoria Coeln

Viel, so viel zu tun, deshalb nur ein kurzer Brief.

(OK, ich werde inkonsequent und gönne mir, wieder Verben verwenden zu dürfen. Soviel Zeit ist dann doch noch.)

Was soll ich bei dera Hitz sagen, als einen schönen Sommer zu wünschen, vielleicht sehen wir uns daoderdort, schauen Sie sich doch auf meiner Homepage um, nächste Woche bin ich in Graz, ganz viel, bei der styriarte lassen sie mich dreimal ganz allein spielen, es wird mein Großer Grazer Triathlon, Mütters Müllerin (Schwimmen), Schubert:Winterreise:Mütter (Radlfahren) und, als Uraufführung, Mütters Dichters Liebe (Laufen), für den ich ebenjetztgleich wieder trainieren muss.

Die ersten Endorphine stellen sich ein, darf ich noch berichten.

Herzlich willkommen,

Bertl Mütter mit Sonnenmasern © Victoria Coeln

Bertl Mütter

Drei Postscripta:

1. Die heutzutage so unerhört und unverzichtbar wichtige sog. Medienpräsenz:
Heute, 21.6.2006, in der Nacht, im RadioÖ1, 23.05, und im Fernsehen ORF 1 am Dienstag, 27.6.2006 in Treffpunkt Kultur, und ein paar Radiotermine kommen noch, aber was soll das eigentlich, steht ja eh auf der Homepage, FASSE DICH KURZ! ist in den Telefonzellen früher gestanden.

2. muetters muellerin
muetters muellerin © Dorothea Wimmer
Die CD selbst ist bereits fertig daheim, schön schaut sie aus; das Album (es wird, wenn ich mir das recht überlege, eine Art Buch, und ich warte noch auf einen Text, auf den es sich zu warten lohnt) kommt bald, wirklich wahr.

3. Spielen!
Wirklich nur mehr Restplätze gibt es für meinen Sommerkurs im Rahmen des Musikforum Viktring, vom 16. bis 22. Juli 2006 am schönen Wörthersee.

Warte nur, balde

Katz-und-Maus-Spiel zwischen Bär und Mensch.
Danke, ORFON, so fängt der Sommer gut an. Da ja ab heute die Nächte wieder länger werden, wird sich die Sache mit dem Zottelvieh, das sich damit vergnügt, Tiroler Kühe zu Tode zu erschrecken, winterschlafbedingt bald schon von selbst lösen. Und die richtige Temperatur für die finnischen Hunderln hat es dann auch, kein Problem mehr mit dem Bär.

Ein Tipp aus der Praxis

Sauber und frisch auf die Bühne gehen heißt es. Also rechtzeitig vor dem Auftritt zur Toilette, Hände waschen, Zähne putzen.
Mein Tipp aus der Praxis, speziell in warmen Zeiten wie diesen: Rechtzeitig meint nicht zu früh noch meint es zu spät. Zu früh kann bedeuten, dass du noch einmal ganz knapp vorher wischerln musst, das steigert deinen Stress und fällt außerdem zusammen mit zu spät, das bedeutet wiederum, dass deine sommerlich helle Kleidung in Waschbeckenhöhe dunkle Flecken aufweisen wird, natürlich vom Händewaschen, was müssen die Becken und ihre Wasserhähne auch immer so pritschelig eingerichtet sein, bis das trocknet, da kannst du aufpassen was du willst.

Wein, vollmundig

Da er den phantastischen Rotwein vor dem Schlafengehen nicht durch Zähneputzen beleidigen wollte, wachte er mit einem, wie es im Werbefunk seiner Kindheit geheißen hatte, Muro auf, der sich gewaschen hatte. Zur Beruhigung seines Mundhygienegewissens putzte er sich die Zähne zweimal hintereinander, einmal vor, einmal nach dem Duschen, hahh!, hielt er sich zufrieden die Hand vor den Luftstrom seiner Exhalation. Ganz sicher aber war er sich doch nicht, ob es sinnvoll war, ob es genügte.

krah krah

Diese eine verdammte Krähe im Hinterhof jeden Morgen und natürlich ganz besonders am Sonntag in der Früh. Ihre wie ein akustisches Gerippe knarrende Präsenz machte, dass nur mehr ein paar Spatzen verkümmert tschilpten, und Erinnerungen an die virtuos erfrischenden Kaskaden der, wie man sie in seiner Stadt nannte, Aumschl drohten ihm bald gänzlich abhanden zu kommen. Als Saisonvögel würden die schwarzen Wintergeister völlig genügen; im Sommer jedenfalls hatten sie hier überhaupt nichts zu verlieren, kannte er kein Pardon, aber was nützte es auch.

Balkon

Am Bahnsteig die üppige junge Dame im rotweißgestreiften vorne zusammengebundenen Oberteil, den Oberkörper im Sitzen leicht über die Neue Kronenzeitung vorgebeugt.
Fehlen nur noch die Geranien, muss ich mir vorstellen.

Feiertagsfrei

Endlich feiertagsfrei, bis 15. August, dachte er zufrieden, als er am Abend des Fronleichnamstags ins Bett ging. Einmal noch, übermorgen in der Früh, samstags von der Müllabfuhr herausgeläutet werden. Die Klingel war, das nebenbei, ausschließlich in diesem Raum gut zu hören; wenn er Paketlieferungen erwartete, hatte er sich angewöhnt, tagsüber deswegen im Schlafzimmer zu verweilen.

Gewartet

Jetzt, wo es wärmer war, Öllieferautos ihre Schläuche in die Kelleröffnungen von mit für die Großstadt nicht mehr ganz zeitgemäßen Heizungssystemen ausgestatteten Zinshäusern aus den Siebzigerjahren steckten, warben auch die Gaswasserheizungsinstallateure damit, dass jetzt, wo es wärmer war, die beste Zeit für die Wartung der so praktikablen Gaskombithermen sei, und man gewährte für die frequenzschwache Zeit verlockende Nachlässe von bis zu fünfzig Prozent (nebst einigem Kleingedruckten). Da er diese unumgänglichen Arbeiten entgegen allen Branchenempfehlungen knapp vor der sogenannten Heizsaison (was für ein Euphemismus, dachte er) erledigen hatte lassen, konnte er auch heuer nicht von den attraktiven Rabatten profitieren. Nun, was die Wartung von Heizungsgeräten betraf, so hatte er da seinen ganz privaten Verdacht, und er bestätigte sich tagtäglich in seinem Badezimmer: Bei jeder Wartung (alles ok, bitte hier unterschreiben) wurden irgendwelche kleinen, natürlich ungefährlichen, jedenfalls aber dem Installationslaien Sorgen machende Schäden erzeugt oder, besser gesagt, vorbereitet. So tropfte es bei einem kupfernen Röhrchen seit etwa eineinhalb Monaten nach dem letzten Wartungsbesuch beständig auf den Boden, nicht viel, einmal drüberwischen, kein Problem, es ist ja verfliest.

Möglicherweise war das ein dezenter Hinweis seines Installateurs (mit dem er, um da keine falschen Vermutungen aufkommen zu lassen, hochzufrieden war), doch seinen Wartungsrhythmus um ein halbes Jahr zu verschieben. Da er aber auf die Frage, ob Gaskombithermen auch so etwas wie einen (jahreszeitlichen) jetlag ausbilden können, keine ausreichende Antwort wusste, konnte er sich, sicherheitshalber, nicht dazu entschließen, sich auf solche Unwägbarkeiten einzulassen.

Verdichtung

Sonntagvormittag am Flughafen, Ankunftsareal, die Abholenden.
Wie sich bei der Begrüßung der Erwarteten Lieben in den allerersten Worten und Gesten die komplette Summe der genau in diesem Augenblick vergangenen Reise konzentriert mitteilt. Dann ist alles klar.

Überfüllt

Handys in der U-Bahn. Die Anwesenheit der Abwesenden.

(Morgen: am Flughafen)

Odeur

Auf dem Heimweg kam er tagtäglich über den Platz, an dem sich verschiedene Straßenbahnlinien mit einer U-Bahn kreuzten, und überquerte ihn unter diesem weißen Planendach, das ihn entfernt an das Münchner Olympiastadion von 1972 erinnerte.

Wiewohl es, vornehmlich in der kalten Jahreszeit, zugig war, herrschte in diesem Schutz suggerierenden Raum der Geruch des Orients. Mit einem Mal kam es ihm in den Sinn, dass Kebab und Dürüm (welches er favorisierte) nicht viel anders wie ein frisch geöffneter Beutel kitekat rochen. Beim Gedanken, das auch einmal zu probieren, beutelte es ihn unwillkürlich.

Aber ein (einen?) Dürüm, hin und wieder: Ja, bitte, Mahlzeit, und allein schon wegen der zwei Ü.

Gewissenhaft

Jetzt, wo es doch wieder wärmer wurde, kamen endlich diese richtig fetten Fleischfliegen beim Fenster herein. Umweltbewusst wie er war, hatte er sich schon vor Jahren bei einem Spezialversand einen Fliegenpracker aus natürlich gegerbtem Leder bestellt und konnte seither, eins mit der Natur, die lästigen Brummsummer zergatschen, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen bekommen zu müssen.

Warteschleifenlyrik

Flugzeuge im Bauch
Im Blut Kerosin
Kein Sturm hält sie auf
Unsre Air Berlin

Obacht! In der Telefonunendlichkeit dieser weitum beliebten Airline scheinen die Aeroplane freiwillig mit 99 Luftballons kollidieren zu wollen.

WM was sonst

(Besondere Umstände verlangen angepasstes Verhalten und zeitweiliges Außerkraftsetzen gängiger Standards; im profil hab ich’s gelesen – und meine eigenen Schlüsse gezogen.)

Eine Studie der deutschen DEKA-Bank hat zweifelsfrei herausgefunden, dass sich das Bildungsniveau und der Fußballerfolg eines Landes indirekt proportional zu einander verhalten. In einem streng wissenschaftlichen Verfahren ist man zu dem Ergebnis gekommen, dass sechs Studenten mehr pro tausend Einwohner direkt dazu führen, dass das Fußballteam dieses Landes (so es sich qualifizieren konnte – was weitere Schlüsse nach sich ziehen dürfte) bereits in der Vorrunde dreimal eine auf den Deckel bekommt und aus.

Österreich, Du mit Schifahrern gesegnetes Land, stelle ich mir weitere Proportionalitäten vor.

[Ein hier fehlendes Bild zeigt ein:] Sog. Häuslgoal; aufgefunden in Maissau, auf der Heimreise vom Begräbnis des bekennenden Fußball- und Formel-1-Fans Otto M. Zykan. (Das Ergebnis der heute hier beginnenden Pausen-WM wäre interessant.)

Unten oben

Das Begräbnis von Otto M. Zykan, eine eigenwillige Feier und zu hundert Prozent in seinem Sinn. Keiner der bei solchen Anlässen scheinbar unentbehrlichen Jenseitsverweiser wurde gesichtet und konnte Ansprüche auf ihn erheben.

Wohltuend, dass einmal jemand stirbt und tot sein darf.

Und doch: Da man den Friedhof verließ bevor der Sarg in die Grube gelassen wurde, gibt es keine namhaften Zeugen seiner Grablegung. Sollte sich daraus der Nukleus einer neuen Religion ergeben, die Zykanisten, so trete ich ihr hiermit bei. Und habe mir ein niedrige Mitgliedsnummer gesichert, bin also vom Start weg fein heraußen, hehe.

Oder, um mit Otto zu schließen:

wir sind immer oben
und wenn wir einmal unten sind
ist unten oben

Genau so ist es!

Organ

Chor und Orchester hatten den Boden der Arena schon kräftig aufgestampft. Bedächtig und selbstgewiss erhob sie sich und packte ihren luxuriösen Mezzo aus. Gerade dieses bisschen zu tief, das sie sang, verbreitete im Saal genau jene Aura kollektiver Beglückung, als würde einem mit einer langen Feder schräg unter die Rippen gestrichen.
Erhebend.

Genetisch (offener Brief)

Sehr geehrte Frau Tenner,

im Ö1-Klassik-Treffpunkt am 3. Juni 2006 hat Ihre Gästin Timna Brauer recht anschaulich von ihrer beglückenden Arbeit mit Kindern erzählt.

Im Verlauf des Gesprächs darüber wurde mir augenblicklich schlecht, als Sie plötzlich mehrfach eine vorgegebene Disposition insinuierten, in dem Sinn, dass Kinder jene Musik, in deren Umgebung sie aufwachsen, deswegen so leicht erlernen können, weil sie in ihnen genetisch grundgelegt sei. So Ihre Behauptung.

Unmittelbar vorher aber hatte Timna Brauer von der faszinierenden (und Vorurteilen entgegenlaufenden) Erfahrung erzählt, wie in ihren Konzerten jüngere Kinder (bis zu einem Alter von etwa sechs, sieben Jahren) eine Ihrer kulturellen Herkunft fremde Musik (und sogar Tanzbewegungen) sofort zu adaptieren in der Lage sind. Diese Unvoreingenommenheit verliere sich mit dem vertieften Hineinwachsen in jene Umwelt, in welche die Kinder (und damit wir alle) nun einmal hineingeboren sind.

Damit hatte Timna Brauer die empirische – und vernunftgemäße – Widerlegung einer genetischen Disposition zu spezifischen künstlerischen Leistungen (bzw., das ist immer die Folge, allgemeinmenschlichen Ausdrucksweisen) gebracht.

Sie aber bestanden weiterhin auf dem Begriff genetisch. Mit Timna Brauer aber hatten Sie eine Völker verbindende Brückenbauerin, ja, eine wichtige Heilerin, zu Gast; umso größer ist mein Entsetzen. So harmlos das in diesem Zusammenhang gemeint sein mag, können Behauptungen dieser Art einem obskuren Rassismus (dessen ich Sie nicht bezichtigen will) hilfreiche (Pseudo-)Argumente liefern. Und von da ist es nicht weit zur Wissenschaftlichkeit einer rassischen Physiognomie.

Ich extemporiere common sense (der in Wirklichkeit auf hanebüchenen, völlig überkommenen, sentimentalischen und klischeehaft-romantisierenden Vorstellungen beruht), und er ist leider immer noch allzu weit verbreitet: Der Zigeuner, der seine Musik im Blut hat, der Negerjazz und so weiter; sind ja niedliche Völkchen, solange sie für uns aufspielen, die wir die wahre Hochkultur mit dem Löffel, nein, mit den Genen gefressen haben; und solange sie nicht an die Tore unserer Wohlstandswelt klopfen…

Wie wäre das in ihrem Wirkungsbereich als Chefin des RSO, wenn für Konzertprogramme mit ausgeprägtem Wienbezug (sagen wir Schubert, die Strauß-Dynastie oder auch Mahler und Berg – um die wienerischsten bzw. altösterreichischsten zu nennen) die Musiker zumindest an den entscheidenden Pulten einen genetischen Nachweis zu erbringen hätten, dass sie kraft ihrer Herkunft zur traditionskonformen Interpretation dieser Musik befähigt sind, weil sie diese – unsere – Musik, im Blut haben?

Darf ich Sie also bitten, mir Ihr Verständnis das Adjektivs genetisch zu erläutern.

Oder kann es sein, dass Sie den zutreffenden Begriff soziokulturell gemeint haben?

Ich wäre erleichtert.

Mit freundlichen Grüßen,

Bertl Mütter

Zuwiterzln

Ein letztes noch zum Konzert von Stump-Linshalm, die, ich wiederhole mich (was soll ich anderes?) so phantastisch musizieren, Können mit Herz vereinen, in einem Wort also höchst musikalisch – äh – musizieren. Und das bei nicht gerade leichter Kost – die dann aber so erklingt, als wäre das Zeug, das unsereins für sie schreibt, das einfachste von der Welt; ich habe den Verdacht, dass das wohl auch so ist.

Beim Hören also habe ich mir gedacht, diese Stücke sind so fein nuanciert, wir schweben mit den Interferenzen, ein Flirren ist in den Bleikammern des Musikvereins, faszinierend, wirklich wahr.

Ich stelle mir vor, dass es Zeit wird, dass ich ihnen ein neues Stückl schreibe; eines mit Terzen und Sexten (sog. Mariazellerterz). Aber schon ein heutiges, um das klar zu stellen.

(Der Name und damit das Programm des noch zu schreibenden Werks sei bereits in der Überschrift festgelegt.)

Unterwelt

Das blecherne Zimmer (euphemistisch als Metallener Saal bezeichnet), in den man das Duo Stump-Linshalm, dieses phantastische Musikerpaar abgeschoben hat, ist das Neue-Musik-Alibi des Musikvereins, das für alles eher geeignet ist als für kammermusikalische Klänge: jeder Ton fällt direkt aus dem Instrument auf den Boden, so furztrocken ist die Akustik (Akustik? Welche Akustik?).

Die genoppten schwarzen Hartgummifliesen erinnern an den Belgrader Flughafen, dazu diese blecherne Wabenwandverkleidung, wie in einer U-Boot-Kantine, abscheulich.

Weil: Heutige Musik bedeutetÄrger, stubenrein sind die nicht, Pack, also lieblos einen Boden hineingeknallt, den man schnell abspritzen und aufwischen kann. Unwillkürlich suche ich nach dem Gully in diesem dark room.

Ein Konzert hier findet unter hermetischem Ausschluss von jeglicher Außen- bzw. Oberwelt statt, und das ist ja auch schon was, stelle ich mir vor. Immerhin, hingefunden habe ich ja.

U-Musik

Um Acht erst geht es in den Metallenen Saal (über den ich mich morgen gesondert auslassen werde, einmal noch darüber schlafen, dann fällt das vernichtende Urteil milder aus), mein kompositorisches Musikvereinsdebut steht an. Im Unterschied zum alten Beethoven im Goldenen Saal kann ich drei Vorzüge für mich verbuchen: Erstens gibt es direkte Kommunikation zwischen den Ausführenden und ihrem Aushecker, weil beide Seiten noch leben; das ist der zweite Vorzug, aus dem unmittelbar der dritte folgt: Ich kann mir das Ganze anhören. Und, hors catégorie, ich kann außerdem meinen Mütter-Namen am Monitor auch noch lesen. Wenn also wer O Freunde, nicht diese Töne ausrufen dürfte, dann einzigundallein ich. Will ich aber nicht, denn Petra und Heinz-Peter spielen, ich kann gar nicht sagen wie fein und sensibel und perfekt und mit Herzblut auch noch. (Ideal wäre beleidigend, weil untertreibend.)

Warum sie der hochmögende Musikverein aber in den Metallenen Saal abschiebt, will mir nicht in den Sinn. Wie gesagt, ich werde ihn morgen so richtig auseinandernehmen, vielleicht nützt das ja was.

Ein Trost (Trost? Wozu?) zum Abschluss: Gold ist ja auch nur ein Metall. Und: In den Katakomben tönt es heute grundliegender. Untergrund, eben.

Fersengeld

Wien, äußerste Innere Stadt, halb Acht.

Von allen Seiten wird auf das Musikvereinsgebäude zugehastet, es gilt die 9. Symphonie von Herrn van Beethoven zu ersprinten, Männer (auch gesetzteren Alters) im Anzug laufen in eleganten Schuhen mit harten Lederabsätzen, Damen galoppieren im Kostüm daher, tripp trapp, tripp trapp, was tut man nicht alles für die Kunst.

Dieses Schauspiel wiederholt sich täglich. Und wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, ist der Laufstil der Musikvereinszuspätkommer gänzlich verschieden von jenem derer, die eilig ins Konzerthaus müssen.

Noch aber ist hier und heute Zeit: der Chor hat seine auf den Karlsplatz heraus klingenden Einsingvokalisen noch nicht beendet, mmmmmimimimimimimimimiiiii.

Also schön pomali, Gnä Frau. Und mein Konzert beginnt ja auch erst um Acht.

(Mehr darüber morgen.)

Zeitlos

Ich bitte Sie, die Qualität der Wortmeldungen von J.H.* zu entschuldigen, das lag nicht in unserem Bereich – (Pause) – äh – die technische Qualität…

Danke, Hubert Arnim-Ellissen, für diese Absage im Ö1-Mittagsjournal am 31. Mai 2006.

*) Auf ein Ausschreiben der Initialen der Person mit den Wortmeldungen minderer Qualität wurde verzichtet: Das ergibt wenigstens einen Google-Eintrag weniger. Immerhin; und ich stelle mir weitere fehlende virtuelle Aufspürerlebnisse vor, die sich zum Schneebrett, zur Lawine auswachsen mögen, und dieses Bild gönne ich mir angefühls des für die Jahreszeit viel zu kalten meteorologischen Sommerbeginns. Sommerbeginn, dass ich nicht lache, cha cha (um sibirisch zu schließen).

Ältlich

60 Jahre Katholische Jugend haben sie ihn genannt, die Jubilare, die sich diesen Zug gekauft haben, unselig zwischen Wien und Salzburg hin und her pendelnd.

Für eine Nachwuchsorganisation scheinen die mir aber, mit diesem Alter, einigermaßen, nun ja, erfahren, stelle ich mir vor.

Unmöglich /2

Einen derart kurzfristigen Auftrag könne sie schon deshalb nicht übernehmen, weil es zu ihrer erprobten Arbeitsroutine gehöre, dass sie mindestens eine durchwachte Nacht darüber zu verbringen habe. Gleich einem großen Insekt vom Licht gebannt saß sie dann unbewegt da, der bleiche Schein des Monitors beleuchtete ihre müden Lider.

Listig

Zur Vermeidung des bei west-östlichen Fernreisen durch allzu schnelles Überfliegen der vielen Zeitzonen auftretenden sog. Jetlags bediente sie sich der paradoxen Methode, die Nacht vor der Abreise durchzumachen; es gab ohnehin noch zu tun (wie immer hätte es für drei Nächte gereicht). Alte Mathematikerin die sie war, hatte sie das arithmetische Grundprinzip minus und minus ergibt plus eben zutiefst verinnerlicht.

Reiseangsthaserln

Auf ORFON erfahren wir, wohin die Reise heuer geht, Strandurlaube sind weiter der Renner, auch wenn Ferien in den Bergen immer beliebter werden. Man kommt aber nicht umhin, uns auch ein achso überraschendes Detail zu hinterbringen: Von allen Befragten fürchten sich dieÖsterreicher am meisten vor Terroranschlägen.
Österreich, du Land der Fürchterl, vergiss bitte auch nicht, dass jedes Kebab (vom verdächtigen Dürüm ganz zu schweigen) sowieso und höchstwahrscheinlich nichts anderes als eine Draufbeißmine ist, ganz im Gegensatz zu den sämtliche security checks passiert habenden Burgers und erst recht Leberkässemmerln. Und dass wir am meisten gegen eineÖffnung Europas (wie es so schön euphemistisch heißt) sind, versteht sich auch von selbst, schließlich profitiert man ja, wie alle einschlägigen Untersuchungen belegen, in Austria am meisten davon.

Und Sacher-Masoch hatÖsterreich erst erfunden, stelle ich mir vor.

Ausblasen

Bei der Reinigung seines neuen Bartschneiders fiel ihm plötzlich auf, dass er genau so flachatmend-heftig hineinblies wie sein Vater in die Kappe mit den drei Rotorscherköpfen, nachdem er seine Philishave-Trockenrasur beendet hatte und die Gesichtshaut in Erwartung des Pitralonschocks zum Reißen gespannt war.

Rotorscherköpfe, was für ein Wort auch.

Otto M. Zykan (1935-2006)

Gestern schreibe ich hier noch von der rechtzeitig zu Christi Himmelfahrt eingetroffenen Radlklingel. Dann ist dieser merkwürdige christliche Feiertag und Otto fällt vom Radl und ist tot. Plötzlich, wie so vieles in seiner Kunst.

Wir verlieren einen liebenswürdig-ruppigen Menschen und Freund und Menschenfreund, einen, den man gar nicht anders als agil, interessiert und zum Staunen bereit kennt und den man sich sicherlich in keinerlei Ruhestand hätte vorstellen können.

Wie wahr, wie traurig wahr.

Otto, Du warst uns einer, der scharf beobachtete, ein, nun ja, unentbehrlicher Zwischenrufer, durchaus emotional und angreifbar, jedenfalls aber ehrlich und authentisch um die (Herzens-) Sache bemüht. Dass Du manchmal als Wurschtl verkannt wurdest, adelt Dich nur, ist es doch Hinweis auf das zynische Weltbild manch professioneller Beurteiler des Kultur- und Gesellschaftsbetriebs. Dazu passend: Wissen die Dinosaurier eigentlich, dass sie ausgestorben sind?

Beim Auszählreim (dem das Zitat entstammt), 1986 zur Eröffnung der renovierten Grazer Oper so unvergesslich realisiert, habe ich ihn das erste Mal kennen gelernt und war unmittelbar fasziniert von dieser übersprühenden Originalität und diesem Mut zur Kompromisslosigkeit im besten Sinn, eingebettet in einer, wie er es nannte, grandiosen Heiterkeit des Scheiterns.

Mit Otto M. Zykan geht ein großer Mutmacher, und das finale Zitat aus Der Zurückgebliebenen Auszählreim lautet:

Die Lücke, die ihr hinterlassen werdet, wird euch restlos ersetzen.

(Ja, das macht Mut!)

klingelingeling

Sie ist angekommen, bereits montiert, und sie ist auch durch abgedunkelte Autoscheiben und selbst an beide Ohren angelegte Mobiltelephone durchhörbar: meine original chinesische Fahrradglocke.

Da freut sich das (offenbar, muss ich erkennen, noch nicht ganz verdorrte) Ministrantenherz, und das rechtzeitig zu Christi Himmelfahrt (in der Schweiz sagen sie Auffahrt, die mit dem Velo fahren)!

Telekinese

Durch beharrliches Ausdemfensterschauen erreichte er, dass die angekündigte Sendung beträchtlich früher ankam als befürchtet. Und das, obwohl der Lieferant aus der entgegengesetzten Richtung daherkam.

Auswandererschicksal

Europe, get ready to get scared. (Zur Lage gewisser Orangen)

Es fängt immer mit der Flucht aus der Heimat an und hört mit der Sehnsucht nach einem Zuhause auf.

Dieser Satz, eine soziologische Erkenntnis, ist leider nicht von mir. Im aktuellen Fall ist die Sache erweitert um ein zyklisches Element. Wir müssen von gewerbsmäßiger Wiedergängerei reden.
Was aber das betrifft, so bevorzuge ich Lordi (Finnland im Gruseltaumel – danke, ORFON!), von denen auch das englischsprachige Zitat oben stammt.

Uiuiui, jetzt fürcht‘ ich mich aber!

sauber (das Herrl)

Wie der Hund fertig ist, denke ich, ich traue meinen Augen nicht, das Herrl, ein Herr, ein eleganter Pensionist mit manierlichen Bewegungen, fängt der doch tatsächlich ein Papiertüchl heraus, sauber, wirklich wahr.
Die Reinigung aber betrifft eher nicht das Würschtl in der Wiese, das wäre aber auch wirklich zu gaga, schon gar für einen Herrn mit eleganter Sportsmenkappe, nein der um die Hygiene besorgte Hundefreund wischt seinem ondulierten Grautier die Arschrosette sauber. Da habe ich aber wegschauen müssen. Ich kann also nicht belegen, ob er sie ihm anschließend saubergeleckt auch noch hat.
Das nächste Mal passe ich besser auf.

sauber (der Hund)

Weil ich vorgestern aber das ist eine andere Geschichte geschrieben habe, habe ich gleich gestern eine andere Geschichte beobachten können. Müssen, wieder einmal.
Steht da am Rand des Parks ein grauer Pudel. Sie wissen schon, so einer mit rot unterlaufenen, immer tränenden Augen, zum Mitweinen, wirklich wahr, dazu schulterlange, geföhnte Ohren. Genau genommen kann man das kein Stehen nennen, sondern das Vieh plagt sich arttypisch (Großstadtkleinhund), sein wohl verhärtetes Hundefutter an die frische Luft zu bringen; wie gesagt, die tränenden Augen.

Ich sage es rundheraus und ohne Umschweife: er scheißt.
Angeleint, versteht sich.

(Morgen: das Herrl)

trust in me

Eine beträchtliche Anzahl jugendlich-männlicher bzw. jugendlich sich gebender männlicher Automobilisten in vornehmlich (jugendlich:) ursprünglich teuren, jetzt mit viel Liebe individuell aufgemascherlten schwarzen oder roten Vehikeln bzw. (altjugendlich:) tatsächlich große (finanzielle) Potenz andeutenden, oftmals breit- und hochgestellten, mit abgedunkelten Gläsern ausgestatteten Fahrzeugen hat es in der Tat so eilig, dass kein Gurt angelegt werden konnte, beim Anzünden der Zigarette und dem gleichzeitigen Hantieren mit dem Handy am Ohr kann halt nur mit den Knien gelenkt werden, oder es ist doch eine Hand frei, (erinnern wir uns an die in keiner Weise hierher gehörige Szene, wo dem Dude während des Fahrens der Joint zwischen die Schenkel fällt), jedenfalls Schauen geht sich leider nicht mehr aus.
Wie gesagt, Radeln in Wien, das schärft die Sinne, Aufmerksamkeit für dich und für alle jene, für die der Vertrauensgrundsatz* nicht gilt.
Für eine sachdienliche Kennzeichnung jener rollend-rempelnden Testosteronbomben könnte man den Herrn Verkehrsminister anregen, einen kreativen Wettbewerb veranstalten zu lassen, stelle ich mir vor.

The Dude
(The Dude)

*) Straßenverkehrsordnung (StVO) 1960 in der derzeit geltenden Fassung
§ 3 Vertrauensgrundsatz
(1) Jeder Straßenbenützer darf vertrauen, dass andere Personen die für die Benützung der Straße maßgeblichen Rechtsvorschriften befolgen, außer er müsste annehmen, dass es sich um Kinder, Seh- oder Hörbehinderte mit weißem Stock oder gelber Armbinde, offensichtlich Körperbehinderte oder Gebrechliche oder um Personen handelt, aus deren augenfälligem Gehaben geschlossen werden muss, dass sie unfähig sind, die Gefahren des Straßenverkehrs einzusehen oder sich dieser Einsicht gemäß zu verhalten.
(2) Der Lenker eines Fahrzeuges hat sich gegenüber Personen, gegenüber denen der Vertrauensgrundsatz gemäß Abs. 1 nicht gilt, insbesondere durch Verminderung der Fahrgeschwindigkeit und durch Bremsbereitschaft so zu verhalten, dass eine Gefährdung dieser Personen ausgeschlossen ist.

Frisur

Radeln in Wien, das ist Training. Täglich zum Weingartner, auf dem Heimweg über die Höhe des Türkenschanzparks, das dürften schon gute zehn Kilometer sein, wahrscheinlich mehr.

Radeln in Wien, das schärft die Sinne, du kannst, dich im Recht wissend, so richtig schimpfen, und das ist gut für den emotionalen Ausgleich.

Seit ein paar Tagen bin ich als Zielgruppe-1-Feindbild für vornehmlich männliche Autofahrer weithin erkennbar: In Folge sehr nüchterner Überlegung und eines – sammasieahlich – beinahe fatalen (nicht selbst verschuldeten) Unfalls einer lieben Freundin (Schädelbruch, eh alles OK, und der Tinnitus wird auch noch weggehen, darf gehofft werden, sagt der Osteopath) habe ich mir endgültig einen Helm angeschafft und setze ihn auf auch noch. Schaut urblöd aus, keine Frage.

»Keinen Velohelm zu tragen, kann Ihre Frisur ruinieren«, hat es in der Kampagne der suva (schweizerische Unfallversicherung) 2004 geheißen. In der Schweiz halt. Da scheißen die Hunde auch nicht auf den Gehsteig. (Aber das ist eine andere Geschichte.)

Futter

Jetzt, wo es endlich wärmer war, hatte er von Zeit zu Zeit doch wieder Lust, sich zum Frühstück jenen mit de facto fettfreiem Joghurt angerührten, aus Vollkorn-Haferflocken, Rosinen, Vollkorn-Weizenflocken, Vollkorn-Roggenflocken, verschiedensten getrockneten (ungeschwefelten) Fruchtstücken, Maltodextrin und Ascorbinsäure zusammengesetzten, von führenden Ernährungsberatern so empfohlenen Müslizement in seinen Ikea-365+-Napf zu pappen. Dazu schnitt er sich einen grünen Apfel aus Israel fein klein hinein. Die vielen gesunden Flöckchen in den Zahnzwischenräumen waren eine nützliche Beschäftigung für seine Zunge, lange noch nach der stets überstürzt aufzusuchenden Toilette.

Dancing Stars

Das an der Sieveringer Häusltür klebende Plakat wirbt für eine Tanzveranstaltung, in fetten Lettern steht da Rock’n’Roll Akrobatik. Sowas ist mir ansich wurscht. Was mein Interesse aber anzieht, ist, dass die Sporthalle, in der akrobatisch gerockt und gerollt werden soll, sich in einer Brigittenauer Gasse befindet, deren Name in einem Sinn stiftenden Verhältnis zur Veranstaltung steht.
Am 25. Mai 2006, Christi Himmelfahrt, lädt der Verein Rockexplosion zur Rock’n’Roll Akrobatik in die Sporthalle Hopsagasse.

Schönen Gruß.

Plakatives

Unlängst, beim Heurigen (so fangen viele Wiener Geschichten bzw. Gschichtln an), wie ich aufs Klo gehe, bleibe ich bei einem Plakat hängen, das an die der offenen Stube zugewandten Häusltür mit reichlich Tixo angepickt ist, als wäre es besonders widerspenstig in Bezug auf seine Haftwilligkeit, stelle ich mir vor, wie ich es genauer studiere, was, genau genommen nicht stimmt, denn wenn wir ein Plakat näher in Augenschein nehmen, hat ja schon ein sogenannter eye-catcher unsere Aufmerksamkeit angezogen, das müssen gar nicht immer charmante junge Damen mit hohem Spekulationskoeffizienten sein, manchmal kann auch rein die grafische Gestaltung ausreichen, in der Regel ist das ein dickundfett gedrucktes Schlagwort, ja, oft besteht das Plakat aus nicht viel mehr als einer solchen headline, jenes beim Sieveringer Heurigen aber war gar nicht sonderlich interessant gestaltet, Überschrift und Erläuterndes eben, dazu die heute unvermeidliche Internetadresse, kein Bild oder dergleichen, also müssen sämtliche Assoziationen durch den durch die Kombination der Überschrift mit dem Erläuternden in Gang gesetzten Gedankenfluss angestellt werden, dies soll zum Kauf eines Produktes, der Wahl einer Partei, oder, wie in diesem Fall, zum möglichst zahlreichen Besuch der angekündigten Veranstaltung am angegebenen Ort führen, und morgen werden Sie verstehen, warum mir sofort klar war, dass sie das mich inhaltlich übrigens gar nicht sosehr anziehende Plakat mit derart viel Tixo (ich bleibe dabei!) an die Privat-Klotür gepickt haben.

Sprechstundenhilfe

Ein Schulkollege hat mir gesagt, dass seine dermatologische Praxis mittlerweile so gut geht, dass er eine Sprechstundenhilfe engagieren hat müssen.
Sprechstundenhilfe, was für ein Wort auch. Zum ersten Mal habe ich es im deutschen Fernsehen gehört, wohl in einer witzigen Sendung, vermutlich mit Grit Böttcher oder Ingrid Steeger. Bis dahin waren Sprechstunden etwas unangenehmes, wo die Eltern hinbestellt wurden, außerdem haben unsere Lehrer (allesamt Professoren!) zur Abhaltung derart hochnotpeinlicher Einheiten keine Assistentinnen gehabt, keine stummen Damen mit dunklen Teint, naturlangen Wimpern und vollen Lippen, die Sanftheit selbst, wie sie bei Dalli Dalli oder Am laufenden Band Kuverts gebracht haben oder Quizgäste in der richtigen Handhabung des Mikrophons unterwiesen haben, stets stimmlos für uns Fernsehzuschauer, wie gesagt. Bei Abhaltung von, sagen wir: achtzehn Unterrichtsstunden war die wöchentliche Abhaltung einer Sprechstunde jedenfalls nicht die typische Tätigkeit eines Lehrers. Worin läge also der berufstypische Wochenarbeitsablauf eines Arztes, und warum würde ihm nur bei der Sprechstunde geholfen?
So habe ich mir das vorgestellt.
Heute zu Mittag lasse ich mir, wie jedes Jahr um den zweiten Sonntag im Mai, meine Müttermale anschauen, eine gute Gelegenheit, Berndt zu fragen.
Oder seine Sprechstundenhilfe.

weitermachen

(Eine Selbstaffirmation)

Jetzt ist es schon recht warm und so schalten vor allem an den Wochenenden viele den Computer nicht mehr ein, auch nicht, um z.B. diese Zeilen hier zu lesen (da brauche ich mir nichts vormachen), gilt es doch an einem Frühlingswochenende auch nicht, Dienstzeit kreativ zu gestalten, nein, es könnte die Freizeit versäumt werden, und dafür habe ich, Freiberufler und also immer Freihaber, allerhöchstes Verständnis, wirklich wahr.
Ihnen allen, d.h. vor allem den Nichtlesern und den passiven Sympathisanten (ah, das war gestern, zu blöd, ich dachte morgen, ich wäre so gerne gekommen, wie wars denn?) aber kann ich versichern: Ich werde weitermachen. Schreibend, componà®rend, musikmachend. Ehrenwort.

Und sag mir keiner, dass er ganz sicher kommt. Einfach kommen genügt nämlich.

Spaghettitraum

Vergeblich wehrte er sich gegen das Aufwachen und musste so tatenlos dem aus dem Bahnhof fahrenden Dampfzug nachsehen. Die Oberschenkel zogen noch beträchtlich, als er sich im Bad dann den öligen Russ von den Augen wischte.

(Def.: Ein S. ist ein T. nach dem Genuss einer beträchtlichen Portion S. und ab ins Bett.)

Gröschtl /2

Das Restlessen aus Erdäpfeln, Zucchiniwürfeln und männlich-pikant gewürztem Lammfaschierten lag ihm noch lange gärend in den Därmen. Es schien vom festen Zustand nachgerade direkt ins Gasförmige zu sublimieren, genau so fühlte es sich an. Ein Glück, dass er diese Nacht allein verbrachte, stellte er sich am Bauch liegend vor, um dem windigen Prozess etwas positives abzugewinnen.

Gröschtl /1

Das Team vom Weingartner ist von seinem alljährlichen Billardausflug nach Innsbruck zurückgekommen. Diesmal setzte es eine empfindliche Niederlage, aber das Billard ist ja nur der Vorwand für ein verlängertes Wochenende der Geselligkeit. Was die Männer um ihren Reiseleiter (ich unterstelle das; aber er ist der Ober) Herrn Peter viel mehr bedrückt hat (und das heißt beim ehrgeizigen Herrn Peter einiges!), ist die Tatsache, dass es ihnen auf ihren vier Reisetagen nicht geglückt ist, auch nur einmal ein echtes und originales Tiroler Gröstl serviert zu bekommen.

(Morgen: umso besser)

Ranking

Nr. 403 Franzobel (bürgerlicher Name: Stefan Griebel)
In der aktuellen Cicero-Liste der 500 wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen (Erhebungszeitraum: 2005/2006) steht natürlich auch mein Duopartner; was für einen Schifahrer oder eine Fußballnation katastrophal wäre, gereicht einem Geistesmenschen zur Ehre. Und ein kleiner Abglanz fällt ja auch auf seinen Herren Kollegen, stelle ich mir vor und werde den nächsten Badmintonsieg ein klein wenig tiefer empfinden.
Dieses Spiel gewinnst du nämlich im Kopf, um das auch einmal gesagt zu haben.

Darwinistisches

Eine in der Tat perfide Auslese ist jene, welche mittels angeblich so erholsamer Charterflüge (z.B.: Abreise von Tenerife Sur) vollzogen wird. Zuerst einmal anstellen zum Einchecken, bitte zwei Stunden vorher da sein, also verstopfen die – wir erinnern uns – bereits beim ankünftigen Gepäckerwarten den Urlaub eigentlich schon versäumt habenden Senioren und Jungfamilien bereits dreieinhalb Stunden vor dem Abflug die nicht wirklich großzügig angelegte, recht niedrige Halle. Dann haben sie sich über den Security Check, durch Shopping (Chartergäste sind unabgebrühte und also beliebte Duty-Free-Käufer) und (es dauert noch, Hunger!) Fress-Stress bis zum Gate-Check vor- und also durchgeschwitzt und sie dürfen im mittäglich sonnendurchflutenden Sammelkäfig auf Flugfeldniveau auf den Zubringerbus warten, warten, da kommt er schon, weiter warten… Angesichts all der angestauten Aufregung muss ich der Konstitution meiner (so wie ich) deixischen Landsleute Tribut zollen, niemand kollabiert. Obwohl, ein paar sind nahe dran, nach all der konsumierten Urlaubserholung.

Akustisches /5

Ist ein Sinn ausgeschaltet, helfen die übrigen aus. Also ist an ein Einschlafen nur zu denken, denn erstens schmerzt meine (rechte) Schmetterhand bereits einigermaßen, zweitens spüre ich mittlerweile sich überall auf meine Haut setzende Gelsen. Ich schlüpfe ganz unter die Decke, bald aber wird das zu heiß, ich spüre (oder täusche ich mich?) die lautlos (was man nicht hört, erklingt auch nicht) gelandete Mücke, wie sie mir mitten auf der Stirn einen Dippel impft. Einmal noch Jagd, ich sehe sie, sehe sie nicht und sehe sie wieder, dann aber bleibt sie unauffindbar, über eine Viertelstunde lang, und völlig übermüdet ergebe ich mich, erspare mir das Träumen und habe – Happy End – eine störungsfreie Restnacht.
Am Morgen begrüßt sie mich mit unvergleichbarem Vorwitz im Badezimmer, und mit einem – roten – Fleck verabschiede ich mich in den für Insekten um diese Jahreszeit noch viel zu kühlen Norden.

Akustisches /4

Da der Lärm (per definitionem: störender Schall, eine sehr subjektive Größe) den überwiegenden Anteil am nächtlichen Grauen hat, verschaffen mir meine praktischen Maßohrstöpsel taugliche Abhilfe, uaahh.

(Morgen: Sinnliche Substitution)

Akustisches /3

Immerhin, erst nach zehn Minuten sirrt es abermals. Die Prozedur wiederholt sich, leichte Beute (schwarz), Schmerzen im Handgelenk, und die gehen in ein paar Minuten auch vorbei, gute Nacht!
Aber es geht weiter. Diesmal zwei Viecher und der erste rote Fleck. Und dann noch einer. Diese Klimaanlage muss einen integrierten Gelsenspender haben, stelle ich mir vor, nein, das ist erwiesen.

(Morgen: Nachtruhe)

Akustisches /2

Ich mag keine Klimaanlagen, aber noch (wir schreiben Ende März) ist es ja nicht so heiß, und ich kann nachts – natürlich unter Einhaltung einer dreiminütigen Schutzfrist nach dem Abdrehen des Lichts – das Fenster öffnen, sehr fein.
Ich liege keine fünf Minuten, und da ist er, dieser lauteste Klang, den es auf der Welt gibt, dieses im Sopran angesiedelte, in der Amplitude und zugleich auch (geringfügiger) in der Frequenz sehr stimmhaft vibrierende sssss lässt Sie sämtliche Athener Presslufthämmer, garniert mit Rettungs-, Feuerwehr- und Polizeisirenen, vergessen.
Also auf, Licht machen, nein, zuerst das Fenster schließen, sondieren, das ist ganz leicht, gleich neben dem Bett sitzt es, das Biest, an der Wand, den Handballen mit ihn selbst beinah zertrümmernder Gewalt an die Mauer geschmettert und es ist Ruhe, noch nicht einmal ein roter Fleck ist auf dem Putz, mich unangezapft wissend darf ich mich, nach genauester Inspektion des Zimmers, wieder niederlegen. Das Fenster bleibt zu und ich drehe die Klimaanlage auf, konstant 17 Grad sind doch auch fein zum Schlafen, wirklich wahr.

(Morgen wird es blutig.)

Akustisches /1

Morgen geht es heimwärts. Um die recht zeitige Fähre bequem zu erwischen, übernachte ich in San Sebastian de la Gomera, dem Inselhauptort, da gibt es eine Reihe recht sauberer, kleiner Hotels, die genau auf Frühfährentouristen eingestellt sind.
Gewissermaßen als Ausgleich zur unüberbietbaren Fernsicht der letzten Woche weist man mir ein Zimmer (es ist das letzte, wie auch die Zimmer der nach mir eintreffenden Touristen) mit Fenster zum Lichthof zu, obwohl, Lichthof klingt etwas übertrieben, mit langem Hals und viel Phantasie lässt sich irgendwo ein Himmel erahnen, möglicherweise oben. Aber, wie gesagt, das Zimmer ist zweckmäßig und wirklich recht sauber.

(Morgen: Der nahe Klang)

Agulog /11 – kreativ

(Eine Pauschalerregung.)

Überhaupt, das mit der urlaubend mit einem Mal endgültig zum Durchbruch kommenden Kreativität.
Es gibt Menschen, die alles, was sie an reichlich Stumpfsinnnigem tun oder denken, für etwas Einmaliges, in höchstem Maße Besonderes, so und überhaupt noch nie Dagewesenes halten und die das entsprechend nach außen stülpen und es allen Anwesenden, sie aufs rücksichtsloseste vereinnahmend, umhängen. In (den Vereinigten Staaten von) Amerika scheint man dafür speziell erzogen zu werden, es ist nachgerade Weltmissionsprogramm (die gegenwärtige Machtpolitik ist nur die ungustiöseste Ausprägung davon). Fahren Sie einmal in einem Zug, und am anderen Ende das Waggons sitzen US-Bürger. Erstens müssen Sie alles hören, alles, was sie zu sagen haben, kann ja nur gut für alle im Raum sein. Wird es besonders wichtig, heißt es let me tell you my personal opinion oder so ähnlich, ich erinnere an die schöne Todesszene in Monty Python’s The Meaning of Life; was folgt, ist eine Dutzendmeinung aus Reader’s Digest, darauf noch die unvermeidliche, von affirmierenden yeahs begleitete Grundsatzrede, diese wird mit dem hochtrabenden Begriff concept überschrieben.
Meine Bitte, mein Rat: Verwenden Sie mir gegenüber bitte nie einen irgendwie an diesen Schwammbegriff erinnernden Terminus. Und wenn, dann nicht in diesem mir die Ganslhaut aufziehen machenden Tonfall. Konzeppt, das gefällt mir schon weniger nicht. Und noch wichtiger: Wenn Konzept, dann bitte wirklich Konzept. Keine ausgewaschenen, die Welt zurecht biegen- und brechende Wunschvorstellungen.

Danke. (Gallenende.)

Agulog /10 – Tausende

Sie sind etwa so lang wie die Zeigezehe, schwarzbraun, haben unzählige (d.h. per definitionem fünfhundert) Flimmerbeinchenpaare, wollen und gelangen tatsächlich unablässig ins Haus und sind deshalb vor allem eines: lästig. So lästig, dass man hier nicht einmal einen über die behauptete Anzahl ihrer Flimmerbeinchenpaare (s.o.) hinausgehenden, näher spezifizierenden Namen für sie übrig hat. Hätten sie aber Härchen oder Börstchen, als Raupen wären sie einem sympathisch, ganz sicher, man würde sie sogar putzig finden, so eine liebe fusselige Raupe, du wirst aber bestimmt ein schöner Schmetterling.
Eigentlich eine ungerechte Zuneigungszuteilung.

MütterMaiMeteorologisches 2006

Fredi-Keks (originalverpackt)
Fredikeks (originalverpackt)

Liebe MBA,

Alles erwartet den Mai. Die märzliche Thomasbernhardkulisse des Volksgartens hat schließlich doch noch grün ausgetrieben, und der lila Flieder parfümiert den Heldenplatz mit seinem Kindheitserinnerungsduft. Alles ist also bereit, und in Wien bedeutet das zuerst fürsÖVP-Stadtfest und wenige Tage darauf für den Maiaufmarsch. Weil aber hier die Roten doch letztlich das Sagen haben, meldet sich für das beliebte Innenstadtfest gerne noch einmal der sprichwörtliche April, und das geht schon in Ordnung, beruhigen uns die Wetterkommentatoren, wie überhaupt das Wetter bei uns nie ungewöhnlich ist, höchstens vielleicht zu kalt für diese Jahreszeit, das wiederum gemessen an einem praxisfernen langjährigen Durchschnitt, vergleichbar der durchschnittlichen Kinderanzahl von, sagen wir, 1,34 Kindern pro Mutter (1999).

Die von mir überaus geschätzten Radio- und Fernsehmeteorologen (bei denen ich mir vorstelle, wenn sie vom Wetter der nächsten Tage erzählen, dass sie deshalb so genau bescheid wissen, weil sie für uns schon dort waren) verfügen über eine merkwürdig sprachprägende Macht, denken wir nur an den Terminus Starkregen für den guten alten Wolkenbruch.

Fredi-Keks (Detail)
Fredikeks (Detail)

Rechtzeitig für den Rüsttag des schwarzen Innenstadtfestes wird, wie es sich gehört, Schlechtwetter prophezeit, der Wettermacher im Radio kündigt allerdings für den Osten desÖsterreichs schon auch Regenpausen an. Zu Mittag bin ich im Zweiten verabredet, und da bis dreiviertel zwölf kein Tropfen gefallen ist, schwinge ich mich, eine Pause ist eine Pause ist eine Pause, auf mein Fahrrad. Noch im Neunzehnten erwischt mich eine ausgedehnte Regenpausenpause, und bis in die Leopoldstadt habe ich eine Vorstellung, wie sich zu Brei zerkaute Fredikeks fühlen mögen, keine Regenpause, weder zeitlich noch räumlich (abgesehen von den sehr flüchtigen, wenig Trockenheit spendenden Tropfenzwischenräumen) wird mir gewährt.

Bei meinem bevorzugten Cembalisten nehmen wir dann (Vorarbeit für Mütters Dichters Liebe) das Nachspiel von Die alten, bösen Lieder, den Epilog zu Schumanns Dichterliebe, auf, in zwei Varianten, mit durchaus opulent zu nennendem, vollem Cembaloklang, zuerst aber, molto secco, mit dem abgedämpften Lautenzug; als würde ich mit feinen Frotteehandtüchern abgetupft.

Danke, Giovanni, geht schon wieder.

Fredikeks (Serviervorschlag)
Fredikeks (Serviervorschlag)

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Weiter aber geht’s dieser Tage in St. Pölten, cinema paradiso, und am Freitag beim WeinKult 2006 in Fels am Wagram, Weingut Wimmer-Czerny, alles sog. Exklusivereignisse. Dies und alles weitere finden Sie ja in der bald-Rubrik auf muetter.at.

Jetzt einen schönen Mai, mit (Typ: Max, Moritz etc.) oder ohne (Typ: Onkel Fritz u. dergl.) Käfergetier,

Bertl Mütter

Bertl Mütter, das Ei
(hier als nachösterliches Ei; © Christof Zachl)

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Zwei Postscripta:

1) Bei meinem Sommerkurs im Rahmen des Musikforum Viktring sind noch ein paar Plätze frei, vom 16. bis 22. Juli 2006.

2) Mütters Müllerin, die CD, wird schon noch fertig, man schreibt noch an Texten, darf ich berichten.

Agulog /9 – Aufklärung

Die große Fliege, ihre Flügelfrequenz liegt zwischen Summen und Brummen, die jeden Morgen hereinfliegt, bleibt kaum eine halbe Minute, an unsichtbaren Banden prallt sie zurück und zieht ihre eckigen Linien durchs Zimmer und verschwindet dann wieder hinaus, denn sie weiß genug: der da auf dem Bett lebt noch. Nach ein paar Tagen kennen wir einander, ich winke nur müde, sie gibt mit den Flügeln einen kurzen Akzent, und die Visite ist beendet.
Zweifellos ist, dass eine ihrer Verwandten, du kennst den Tag nicht, dereinst ihre Angehörigen herbeipfeifen wird, eine beruhigende Gewissheit.

Agulog /8 – Dachkonzert

In einer Großstadt wie Wien ist es, so groß die Zahl von hier so genannten Zimmertigern auch sein mag, gar nicht so einfach, am freien Markt einen noch nicht kastrierten Kater für ein rolliges Katzenvieh zu bekommen.

Am Land oder aber auch auf einer Insel ist das anders: Der Kater trampelt auf meinem Dach herum, weil die Katze nebenan rollt; das Verhältnis von Angebot zu Nachfrage scheint perfekt. Allein, die Menschen wollen die beiden nicht zu einander kommen lassen und schütten dem doch nur seine Pflicht (was ihm die Hormone und also die Gene halt anschaffen) erfüllen wollenden und von ihrer Erfüllung, nennen wir es: singenden Schwerenöter ein Schaffl Wasser hinterher, natürlich genau in dem Augenblick, in dem ich vors Haus gehe um zu schauen, was da auf draußen los ist, dass ein samtpfotiger Kater so trampeln kann auf den Ziegeln, wirklich wahr.

Wenn all das Rollen und Maunzen und Trampeln und Zischen nicht derart klangintensiv gewesen wäre, die Szene hätte aus einem Stummfilm stammen können.

Agulog /7 – Unterhaltung

Am First des Nebenhauses sitzt, Abend für Abend, ein schwarzes Kätzchen mit weißem Brustlatz. Darunter, auf den Stufen, schimpft sich ein Hündchen, kaum größer als ein gut gefüttertes Meerschweinchen, die Seele aus dem heiseren Leib.
So haben beide eine nützliche Unterhaltung, ein Leben lang.

Agulog /6 – Biotop

Sie haben ein Haus gebaut seit ich das letzte Mal hier war; wäre es damals schon da gewesen, man hätte den Weg zu meinem Domizil einfacher beschreiben können: nach dem braunen Haus die schmale Gasse geradeaus weiter bis zum Platz, dann rechts (wie es weitergeht, wissen Sie ja schon). In dem neuen Haus, es scheint als Appartmentanlage gedacht, gibt es allerdings keine Anzeichen auch nur auf temporäre Bewohner (die Stromgesellschaft verlange als einzige gültige Baugenehmigungen, so ist das hier, erfahre ich später). Dafür ist der dem Grundriss eines barocken Spiegels nachempfundene swimming pool bevorzugter Aufenthalt für kleine Amphibien; der Beckenrand des etwa knöchelhoch mit Regenwasser gefüllten Biotops ist den Kröten ein nachgerade idealer Schalltrichter, sodass sich ihr daraus resultierender Fortpflanzungserfolg über den für diese Tierchen gar nicht so kleinen Talkessel hinaus herumspricht, stelle ich mir vor.

Agulog /5 – Wissen und Bildung

Café solo und ein Glas (das letzte) hiesigen Wein in der Bar an der Landstraße. Zu viert stehen sie da, stieren ins Fernsehgerät und lauschen mit hängendem Unterkiefer der strengen Kommentatorin des Discovery Channel, wie sie ihnen zu Bildern aus der Savanne das Leben und die Paarungsrituale der Sträuße erklärt. Gut zehn Minuten spricht keiner ein Wort, es ist als setzten sie, um ganz sicher nichts von dieser wichtigen Lektion zu versäumen, mit dem Atmen aus.

Dann werden die neu erworbenen Kenntnisse ausgetauscht und, noch schwer beeindruckt von der recht anschaulichen Lehrvorstellung, eigene Erfahrungen eingebracht.

Agulog /4 – Regen /2

Tags darauf wieder Regen. Was bleibt einem da übrig, als ins Bett zu kriechen, zum Lesen natürlich, bis einen, wirklich wahr, die Nordwestdeutsche Klassenlotterie anruft und man den callcenterfreundlichen Eindringling in gerechtem Zorn darauf hinweist, seit eh und je für eine klassenlose Gesellschaft zu sein, danke, Sie brauchen nicht mehr anzurufen; immerhin, es ist ihm gelungen, dich aus den Federn zu hetzen.
Zum Trotz gehe ich einkaufen, ausschließlich einheimische Produkte, versuche, einen ansprechenden und kräftigenden Kaffee zu mir zu bekommen und lese weiter meinen Borges, selbstredend mit Zigarre, wo kämen wir auch hin.

Agulog /3 – Regen /1

Das Regentropfenprelude ist ja auch nicht in einer Dürreperiode entstanden, tröste ich mich.

Also: Was fällt mir heute ein?

Agulog /2 – täuschend

Unten am Meer wirft ein Mann an einer Schnur Semmeln ins Wasser, die er, so scheint es, gerne gegen Fische tauschen möchte. Das Meer nimmt die dargebotene Bäckerei an, rückt jedoch, entgegen den – wohl einseitigen – Abmachungen, mit auch nicht einem Fisch heraus.

Agulog /1 – Schichten

(In den nächsten Tagen kommt die kurzprosaische Restlverwertung meiner heurigen Südklausur in Agulo, und das ist auf La Gomera.)

Der Mond ist aufgegangen, das bedeutet Dienstschluss für den Hund nebenan, Millionen Kröten übernehmen den Job bis gegen Morgen, dann, ebenso heiser wie der Köter, sorgen die Hähne für eine umfassende Beschallung des Kessels. Die vierte Schicht übernehmen die Straßenbau- und Erhaltungsmaschinen.

allegro stradivari /6

Die Allegro Information im Faltblatt Reisebegleiter/Travel Information klärt uns auf Deutsch und Englisch über das richtige Verhalten im Zug auf, und zwar besonders in Italien undÖsterreich (Italienisch werden die Fahrgäste nicht angesprochen, wozu auch): Aufgrund der Gesetzeslage in Italien besteht in allen Zügen auf italienischem Staatsgebiet striktes Rauchverbot! Bei Nichtbeachtung ist mit Geldstrafen zu rechnen. – So etwas wirkt bei einem richtigenÖsterreicher, ein striktes Verbot, mit Rufzeichen! (Wäre das Rauchverbot nur einfach verboten oder bloß nicht gestattet, niemand würde das verstehen und sich also daran halten können, (selbst, wenn er es wollte).
Aber lesen wir weiter: Dieser Zug wird auch im österreichischen Streckenabschnitt als Nichtraucherzug geführt – wir danken für Ihr Verständnis!
Der Subtext dazu für angewandteÖsterreicher ist zweifelsfrei, man hat es nur nicht auf den Zettel geschrieben: Zigaretten bekommen Sie bei Ihrem Zugbegleiter oder beim Buffetwagerlchauffeur. – Und weil der Zug aus Italien kommt, sicher auch die so beliebten MS, stelle ich mir vor.