mütterlog

Es ist sehr verschieden, in die Zukunft – und in die Vergangenheit zu lügen.
Jean Paul (1799)


Peripetie

Dieser eine Tag vor dem Vollmond war es, da sämtliche Straßenbahntüren defekt waren, Weinkrämpfe am öffentlichen Mobiltelefon in den im ganzen durchgängigen Wagen übertragen wurden, allenthalben Blaulichtautos blinkten und in Folgetönen, sich vergeblich vorrempeln versuchend, hupten, als überhaupt alles verrückt war, und so gesehen dürfte es halbsoschlimm sein, nicht in freier Fahrt zum Spital brausen zu können, warteten dort doch auch die heute besonders verrücktenÄrzte und Notaufnahmeassistenten.

Jawohl, einen Tag vor Vollmond war es am ärgsten; das eigentliche vollrunde Katastrophenlicht mitsamt seiner Seelengezeitenkräfte, es war dann bei weitem nicht mehr so arg.

So musste es mit dem eigentlichen Wesen der Peripetie sein, stellte er sich an jenem Vollmondabend vor und beschloss, seinen Text erst an einem lunar unverfänglicheren Tag zu veröffentlichen.

Transformation

Schweizer machen aus Erde Emmentaler.
ORFON dichtet weiter.
Irgendwie passte diese Meldung als Wurmfortsatz zu den Einschaltungen der letzten Tage, stellte er sich vor.

vornämlich

(Um es abzuschließen)

Wo Bechtold Poesie schafft, wird der Wurm zum Wolf.

auflockernd

Die oberste Bodenschicht, knapp unterhalb der Waldoberfläche, wird von allerlei Lebewesen bewohnt, deren Aufgabe es ist, alles locker aufzubereiten.

Bechtold, du Tanne.

stichig

MUMOK, Wien. Erwin Wurm. Gerade noch rechtzeitig.

BRU HA HA.

Zugvögel (venezianisch)

Um einen taubenfreien Markusplatz zu erreichen, müssten auch die traditionellen fliegenden Händler verschwinden, die Touristen Körner zum Anlocken der Tauben verkaufen.

Hn? Oder aber: Wie wär’s mit Gebärdensprache?
Und: Wohin werden sie nun fliegen, die traditionellen Händler?

Immerzu zuverlässig, die ORF-ON-Poesie. Danke. Alles bleibt besser.

Bissfest

Zitat von der Homepage des sehr verdienten Wiener Traditionsbetriebs Wojnar’s Wiener Leckerbissen, kurz: Wojnar:

Der Gabelbissen ist heute fixer Bestandteil der österreichischen Kultur und ebensowenig aus Wien wegzudenken wie der Stephansdom.

Versuchen Sie einmal, irgend etwas wegzudenken, sagen wir: Mannerschnitten (nur echt mit dem Stephansdom). Oder: Das Haas-Haus. Oder, gegenüber: Den Stephansdom.

Na sehen Sie. Nicht auszudenken.

Ich wiederhole, nun vollends überzeugt:

Der Gabelbissen ist heute fixer Bestandteil der österreichischen Kultur.

Soisses.

Typologie

Ob sich die (österreichische) Menschheit in drei gleich große Gruppen von Typen einteilen ließ? Das (nicht nur wojnarsche) Gabelbissenangebot ließ bei ihm diese Vermutung aufkommen, und sie erschien nur auf den ersten Blick auf bzw. Biss in die gallertige Aspikwabbelmasse abstrus.
Wer waren die Schinken-, die Russen- und die Ei-Typen unter uns? Wie sah es mit den Schnittmengen aus? Konnte man, ähnlich dem Licht, wo sich alles aus RGB – Rot-Grün-Blau zusammenaddierte, anhand dieses Speisefarbkreises die Menschen (zumindest im Osten des Landes) hinreichend beschreiben? Je mehr er darüber sinnierte, desto klarer war, dass daran nicht der mindeste Zweifel bestehen konnte. Ein nur noch ergänzendes Indiz waren jedenfalls die Plastikdegerln, alles umfassend kreisrund.
Er nahm sich ernsthaft vor, das gabelbissenerstehende Publikum bei den Kühlregalen genauer zu beobachten. Und nach angemessener Frist und Tiefe der Erkundungen Bericht zu geben.

PS: Bitte benutzen Sie die Kommentarfunktuion hier und geben Sie an, welcher GBT (Gabelbissentypizität) sie sich am ehesten zuordnen würden: S – Schinken / R – Russ‘ / E – Ei; Mehrfachnennungen möglich.
Danke für Ihre Mithilfe.

Vielfalt

Einem treuen Katholiken war ja an einem strengen Fasttag wie dem Aschermittwoch nur der Genuss von zwei der drei der üblicherweise angebotenen Standardvielfalt (Schinken – Russ‘ – Ei) des Gabelbissens gewährt, und, wenn man es genau überlegte, nicht einmal das: Einmalige Sättigung, so die Vorschrift ist Vorschrift. Da diese Köstlichkeit aber als klassische Zwischenmahlzeit bezeichnet werden musste, die von den nebenan bohrenden und flexenden Arbeitern genau dann eingenommen wurde, da er, endgültig mürbe, doch aufstand, fiel der Gabelbissen aus dieser Aschermittwochskategorie eindeutig hinaus, weshalb an diesem Tag nur Heiden und Protestanten eine Jausenpause zugestanden wurde, in diesem Land.

(morgen: Typen)

Aktuell: Heute aber ist Lichtmess. Also kommen Sie, wenn Sie sich in Wien aufhalten, um 20.00 Uhr ins porgy & bess. Franzobel und Bertl Mütter geben, Zum Letzten Male in dieser Spielzeit, Die Weihnachtsorgie.

Tendenzen

Bereits zu Beginn dieses Februars musste er den Aschermittwoch mitdenken. Dieser jährlich erste vom Mondlauf festgesetzte Tag –

(der heuer erst am Ende seines dritten Viertels alles aschfahl ankreuzeln wollte, nicht aber ihn, würde er sich doch, zusätzlich zu seinen Glaubensabfallsgründen und wenn es kein Faschingscherz mit Realitätsernüchterungsflash war, womöglich die ganzen Faschingtäg samt diesem fischigen Appendix in einer unchristlich-urchristlichen Gegend aufhalten, wie er eben erfahren hatte, jaja, Freiberufler waren nachgerade opportunistische Verfügungsausführer, man brauchte sie nur mit kurzfristig-lukrativen Aufträgen aus ihrer windgeschützten Unterkunft zu locken – nach Kyrill und Olli umbrauste eben ein ihm namentlich noch unbekannter Sturm seine westseitigen Fenster, dass es ihn fast aus dem Schreibtischsessel hob)

– war für ihn immer auch mit der kulinarischen Erfahrung Gabelbissen verbunden, wenn er sich auch nicht genau erklären konnte, warum.

(Mehr zu dieser austrokulinarischen Konsistenzkonstante ab morgen.)

in (ruhig?) fließender Bewegung

Besuch bei den Eltern. Die Quellen der eigenen Verhaltensweisen aufs ungeschminkteste vor Augen geführt bekommen, mit jedem Mal noch klarer erkennen.
Müssen.
Du weißt, du bist im selben Fluss. Wohl ist es an dir zu schwimmen oder dich treiben zu lassen; die Strömung aber tut auch das ihre.
Das kann ja noch heiter werden.

Hochdruck

Wien Landstraße. Die Kärchergasse wurde ihrem assoziativen Namensgeber alles andere als gerecht, so dreckig, wie sie war. Man sollte hier einmal mit dem Dampfreiniger säubern.
Die von der Tankstelle Hölzl könnten sicherlich behilflich sein, stellte er sich vor.

unwucht

Wien Landstraße, Tankstelle Hölzl, Kärchergasse 1A. Auf der Mauer vor der Einfahrt ist eine Blechtafel montiert, auf der steht in geschwungenen Blockbuchstaben DIENSTLEISTUNGEN / „FÜR SIE“ / REIFENDIENST / ELEKTR. WUCHTEN / BATTERIEDIENST
Und „ER“?, dachte er sich? Macht Er es sich selber? Oder bedienstleistet man Ihn etwa nicht (bzw. nur in Damenbegleitung)?

völlig normal

Ein mit seinen Herkunftskreisen gerade zerstrittener Politiker hat vor ein paar Jahren (es sind etwa so viele, wie es braucht, um volljährig zu werden), als er noch (nach dem Räuberundgendarmspielen) mit ihnen beisammengesessen ist, drei Bier bestellt.
Bitte, was ist denn da dabei? Sind wir schon so zwangsabstinent, dass Fragen auftauchen wie: Wichtig ist, wie er heute dazu steht?! Clinton hat auch geraucht und aber (jedenfalls, ganz sicher) nicht inhaliert. Und Rauchen ist bitteschön vielviel böser, als blondes Bier zu trinken (wobei noch nicht einmal gesagt ist, dass er sie für sich selbst bestellt hätte; einer für alle, alle für einen).
Mein Vorschlag an den schneidigen Mann ohne (bzw. mit harmloser) Vergangenheit, wenn dann das offenbar noch im Talon befindliche Bild auftauchen sollte: Er möge sich spontan daran erinnern, dass er damals von seinen Mitburschen gefragt wurde, wie hoch er in einem Satz aus dem Stand springen könne. Dass er heute nicht mehr so hoch kommt, das mögen wir ihm bitteschön glauben, womit sich die Sache wohl erledigt habe.
Und dazu dumpfdreist um sich blickend in den Saal kudern, dass es auch wirklich alle verstehen. Einer Versöhnung dürfte dann nichts mehr im Wege stehen.

Anomalie

Je kälter das Wetter war, umso länger musste man warten, genau so war es, dachte er sich, von einem Bein aufs andere tretend, als er durch eindringliches Schauen in die Herkunftsrichtung das Auftauchen seines Anschlussbusses beschleunigen wollte, vergeblich, denn es war so kalt wie das ganze Jahr noch nicht, etwas Winter hatte sich doch noch eingestellt, wie gerne hätte er darauf verzichtet (leider hatte man ihn wieder nicht gefragt). Im Warten redete er sich immer wieder gut zu, dass die Zeit bis zum tatsächlichen Eintreffen dieses unseligen Verkehrsmittels noch nie so kurz war wie gerade eben, ein eiskalter Trost, aber immerhin. Es war aber nicht nur so, dass der Bus unerträglich lange auf sich warten ließ, benötigten noch dazu die Sekunden, wohl aufgrund des Frostes auch frierend, zumindest ihre doppelte Verstreichzeit. Eigentlich, so wünschte er sich ebenso vergeblich wie sein Busherbeischauen, müssten sie dann ja schneller vergehen.
Später (viel später) bekam er einen Platz gleich neben der Tür, hinter einer den ärgsten Luftzug abhaltenden Plexiglasscheibe. Warm, das ist relativ, stellte er sich vor, immer noch die Schultern angezogen.

Energie

Der Strom- und Gaszähler ächzte, als er sich, ballondick, die Stufen herauf wälzte. Wenn sein Kraftaufwand (der, das war offensichtlich und -hörbar, auch aufgrund ihrer alles andere als optimalen Übertragung gigantisch sein musste) zu den abgelesenen Ziffern dazugezählt würde, so müsste er sich auf eine geschmalzene Nachzahlung gefasst machen, stellte er sich vor.

EtwasWinterMütter 2007

Liebe MBA,

(sämtliche Drittpersonsformen inkludieren Femininum und Maskulinum – zumindest wo es sinnvoll ist; und, nun gut, Neutrum auch)

stift st. lambrecht, clausura

Sie ahnen es, und ich darf Ihre Ahnungen bestätigen: Dieser MütterBrief hätte wesentlich früher verfasst und abgeschickt werden sollen, allein, es war nicht möglich, das Wetter wollte nicht und nicht mitspielen, wofür ich mich hier, als wäre ich Alpintourismusverantwortlicher, in aller Form entschuldigen möchte, aber, D’oh, selber entschuldigen geht ja gar nicht (das können nur gewisse Politiker, manche sogar meinetwegen), also bitte ich um Ihre Nachsicht und hoffe, Sie mit diesem umständlichen und vielzulangen Ersten Satz nicht noch zusätzlich gegen mich aufgebracht zu haben.
Immerhin, ein Anfang ist gemacht.
Nach meinem letzten Brief wurden mir etliche Bananenwahrnehmungen zugespielt, ich darf zusammenfassen: Lediglich fast nur ein (um nichts weniger bemitleidenswerter) Freund musste von einem Bananenschalenfall berichten, welcher sich allerdings unter speziellen Umständen ereignete, nämlich in Costa Rica, der Bananenrepublik schlechthin, wo es, das konnte mir auch der glücklicherweise unverletzt Verunfallte bestätigen, unwahrscheinlicher zu sein scheint, nicht auf einer Bananenschale auszurutschen. (Ob er deshalb zum Trotz in die Atacamawüste aufgebrochen ist, ich werde ihn fragen.)
Soviel dazu, wenden wir uns jetzt dem Eise zu, das zumindest nicht mehr gänzlich unwahrscheinlich scheint in diesen frühwinterlichen Tagen, wenngleich unsere Abfahrer, die, ganz im Gegensatz zu allen anderen seit eh und je eine harte, eisige Piste bevorzugen (auf Gleitstrecken kann ein jeder gewinnen, das interessiert unsereins ja nicht einmal nicht), heuer auf Kitz verzichten müssen, ihre Eisüberlegenheit also nicht unter Beweis stellen dürfen (oder müssen, je nachdem), so hart im Nehmen sie auch immer sein mögen.
Die Frage ist also: Was nützt so einem Schifahrer der beste Werbevertrag, wenn er wenig bis keine Gelegenheit hat, seiner eigentlichen Tätigkeit nachzukommen, dem, was er am besten kann, der Kunst also, einen vorzugsweise brutalharten Eishang als halbwegs Schnellster, jedenfalls aber am spektakulärsten hinabzurutschen (sodass die Komantschen pfeifen).

grün, immerhin
Sehen Sie, genauso verhält es sich mit mir und meiner Kunst (die Posaune die Brettln, das Podium der Eishang). Nicht zuletzt dank meiner virtuellen Präsenz und auch mancher wohlwollend besprochener Tonträger wegen halten mich viele für einigermaßen erfolgreich, und das mag auch zutreffen. Auf der anderen Seite hat sich aus verschiedenen künstlerischen Gründen in den letzten Jahren eine zunehmende Konzentration auf die Soloarbeit ergeben, das engt die Auftrittsmöglichkeiten ein (ich spiele im übrigen keineswegs ausschließlich allein, habe große Freude, immer wieder mit wunderbaren Kollegen zusammen zu arbeiten, und eben befindet sich ein Ensemble in seiner Gründungsphase – mehr dazu, wenn es Spruchreifes zu veröffentlichen gilt).
Also: Who’s afraid of the trombonist? (Empfehlungsschreiben aufliegend)
– Ich kann garantieren: es ist keine Angst notwendig (warum darf man das unhinterfragt als Pianist, allein spielen?). Genug gesudert (Näheres gerne persönlich); naja, was immer noch verletzend ist, sind gewisse Veranstalter, die dir ob deines eigenständigen Wegs permanent auf die Schultern klopfen, Du bist in meiner Programmkonzeption fix drinnen, sich auf Nachhaken aber abwimmelnd gebärden: D’oh, habt doch den Mut, nein zu sagen, anstatt halbherzig zu vertrösten, ja?! – Bitte aber ins Angesicht.
schöne aussichten
(TschuldignS‘, dass ich Sie mit derart Banal-Alltäglichem konfrontiert habe; es ist aber so, dass auch unsereins epiphytische Orchideenexistenz Austausch braucht. Wir – es betrifft auch viele Kollegen! – haben so viel zu geben.)

Indem ich auf den neu gestalteten Serviceteil verweise (bitte lesen und Vorschau- und aber auch Rückblick-Link anklikken), darf ich mich von Ihnen verabschieden. Ich freue mich, wenn wir uns daundoderdort sehen, hören, lesen und überhaupst, dankeschneu.

Nichtsdestotrotz auf zumindest die Slalomergebnisse vom Ganslernhang gespannt zu sein vorgebend,

Ihr

Bertl Mütter

nach den MDL-Aufnahmen

Bald – die Vorschau
weihnachtsorgiastisch!

Besonders hinweisen möchte ich auf den 2. Februar im Porgy & Bess, Wien, letzte Weihnachtsorgie in diesem vielzukurzen Winter.
Und, hinaus aus dieser Enge, am 8. Februar werde ich als Gast und EmCee mit dem Axyz-Ensemble im Bimhuis, Amsterdam musizieren.

Vorbei – der Rückblick
das ominöse chorzimmer (stuckdecke)

Eben habe ich MDL, muetters dichters liebe (nach Schumann nach Heine), im Chorzimmer der Clausura des Stifts St. Lambrecht aufgenommen, und am 26. Jänner zu Mittag wird der akustische Teil meines nächsten Albums (Aufnahme, Schnitt, Klangbild, Master-CD) fertig sein. Ein paar (genau: 268) Photos von einem bei mir paarweise vorhandenen Körperteil (hat nichts mit den weiter oben erwähnten Orchideen zu tun) hat Dorothea Wimmer auch schon gemacht; das wird spannend.

Weiter, jedenfalls.

Brauchtum (Winter)

Ein Wunder war geschehen über Nacht (Wunder geschehen immer über Nacht), Schnee, mitten im heißen Winter. Endlich konnte er, einer spontan installierten Tradition folgend, sämtliche längst vorbereiteten Weißen Alben d.h. die in ihren euphemistisch jewel boxes genannten, oft zersplitternden Plastikschachteln oder, was ihm besser gefiel, die in geschmackvoll und einfallsreich gestalteten Kartoneinbänden sich befindenden Tonträger, wie man sagt: einlegen (früher, in der Vinylzeit, hatte man sie aufgelegt, aber da hatte es auch noch richtige Winter gegeben; obwohl, reziprok, schon 1975 hatte Rudi Carell die ausbleibenden Sommer besungen – Es war hier wie in Afrika, wer durfte, machte Efkaka*). Besonders gespannt war er auf die neue Winterreise mit Christine Schäfer.

Akustisches Schneeschaufeln jedenfalls.

*) FKK – FreiKörperKultur – siehe auch hier

Kontrabasskonjunktiv

Es gibt Menschen, die mehr (viel mehr!) erreichen hätten können, hätten sie sich nicht – oft recht bald schon – einen Plafond eingezogen, den es sie wohl gelüsten würde, zu überragen, hätten sie sich nicht eine bequeme Angst vor den dann dräuenden Ungeheuerlichkeiten kultiviert, mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen hab‘ ich mich nicht getraut. (Karl Valentin)
Insofern (und nur insofern) war Der Kontrabass das richtige Stück für seinen Uraltfreund geworden. Hätte sich doch der (echte) Kontrabassist einen Dramaturgen (kürzen! kürzen!) und einen (echten) Regisseur zu Hilfe genommen, stellte er sich vor.
Schade auch, dass dieser Monolog nicht von Thomas Bernhard stammte; der hätte ihn, bei womöglich doppelter Länge, auf zumindest vierfache Dichte eingekocht.

Ausstrahlung

Ob es an ihm lag, dass, mit wem immer er in eine Theater- oder Musikvorstellung ging, diese befreundete Person jedenfalls annähernd augenblicklich einschlief?
Er fühlte sich dann, berichtpflichtig, für das Gesamtverständnis zuständig und konnte seinerseits nicht abschalten, auch wenn von der Bühne her alles daran gesetzt wurde, dass er sich wegbeamen wollte.

sublim

Der berüchtigte Moderator (nicht jener fortgeschrittene Schlagersendungsmacher, welcher dieser Tage seine letzte Zigarette vom Herrenspitz gesogen hatte) rezitierte den Romananfang des Dichters in einem Ton, als wollte er zeigen, dass wir (der Dichter inklusive) nur einzigundallein kraft seiner verstehenmachenden Lesekraft (er las alles so, als wäre es Rilke), der Accelerationen und Pausen (diese hielt er kaum aus, es schien, als wollte er vor jedem Wort mit erhobenem Zeigefinger Achtung, jetzt kommt’s sagen) die annähernde Chance, das Glück also, hätten, das zu verstehen, was der Dichter gemeint hatte, und dieser schien ebenfalls erstaunt, sowas.
Hinterdrein, keinerlei Pause lassend, stellte er ihm noch eine Suggestivfrage, die unmittelbar bewies, dass es sich genau umgekehrt verhielt, eine regelrechte Erkenntnisverdampfung, ja, Verstehenssublimation.
Trotzdem, er mochte ihn. Er hatte das Zeug dazu, jetzt, wo der Kollege abgetreten war, zum Doyen der grumpy old men im Rundfunk aufzusteigen.

vorzeitig

(Bleiben wir beim Wetter.)

Sehr angenehm, die Sonne so im Gnack, dachte er sich, obwohl er, wie alle, vielzuwarm angezogen war. Das Wetter, es passte jedenfalls schon. Man müsste nur einfach in der Sonne stehen bleiben können und warten, bis das Datum auch angekommen wäre, stellte er sich vor; so zweieinhalb Monate halt.

abgehoben

Seit Tagen wurde der Sturm angekündigt, Berichtpflicht, Katastrophenvorfreude. Man wurde über die Nomenklatur vom Mailüfterl bis zum Orkan aufgeklärt und konnte mitverfolgen, wie sie ihre Worthülsen in Angriffsstellung brachten, um sie, wenn der Wind daherkomme, sofort durch die Nachrichtenwindkanäle zu pressen.
Wenn es regnete und bei Überschwemmungen war es praktisch und inflationär beliebt, die Sintflut herbeizuschreiben; zu blöd also, dass es keinen mythologischen Megasturm gegeben hatte, auf den man sich angstlustig händeringend beziehen hätte können.

Die beiden Sportsfreunde hatten sich zum Badminton verabredet, Wettersnobs. Die einmalige Chance für ihn, erstmals zu obsiegen, wollte er sich jedenfalls nicht entgehen lassen.

ausblenden

Wann kommen endlich geruchlose Parfums auf den Markt? Die Gefahr einer Überdosierung ließe sich so auf ein Minimum reduzieren, stellte er sich unwillkürlich vor, als er vom heurigen privaten Opernballgast erfahren musste. Und: ließe sich dieses Prinzip auch auf Opernballgäste (und ihre Gastgeber) ausdehnen?
Ja.
1. daheim bleiben
2. Fernseher ausstecken
3. geradeaus schauen (keine Seitenblicke)

Härtefall

Ein reichlich unsinniges Erwachen war das gewesen; bei der doppelt (er litt seit gestern Nachmittag auch an einer schmerzhaften Muskelverspannung, links unter dem Schulterblatt) erschwerten Wälzwendung fiel ihm augenblicklich der so treffende englische Begriff morning wood ein, die unverblümte Beschreibung seiner unwillkürlich aufgerichteten Härte schien heute einigermaßen berechtigt.
So schnell aber fiel ihm niemand ein, dem er seine beträchtliche, mit keinerlei ihm bewussten Erregung verbundene morgendliche Erektion hätte widmen können, gar hier als Gast im Kloster.

hyper

Da er ein recht aufmerksamer Hörer des so sinnlichen Bildungsradios war, fand er oft bald schon nach dem Erlernen oder Wiederandentagbringen von einmal Gelerntem Anwendungsbeispiele im Richtigen Leben.
Es geschah sonntags in einem Kloster in den Bergen (von Zeit zu Zeit zog es ihn für künstlerische Arbeiten in die ihm so wohltuende Stille dort zurück), als es ihn, keineswegs unvorbereitet, um fünf vor acht aus dem Bett, nun ja, vibrierte. Fünferlei Glocken riefen die christlichen Lämmer zu ihren Schäfern in die Klosterkirche (kurios, dachte er sich, sonst haben die Viecher die Glockerln), und er, voll der Erinnerung an den Unterricht aus demÄther, wusste sich augenblicklich im Epizentrum eines regelrechten Bimmelerdbebens (um im Bild zu bleiben: Fünf auf der nach oben offenen Schäferskala; die Richterskala würde erst bei den apokalyptischen Posaunenstößen angewandt, sie reicht von Eins bis Sieben). Und, ebenso unmittelbar, kam ihm in den Sinn, dass wir es hier mit einem wenig beachteten Sonderfall der Seismologie zu tun hatten, da sich der Schwingungsverursacher nicht im Erdinnern, sondern weit oberhalb der Erdoberfläche befand, im Glockenturm nämlich (für die Gläubigen sogar noch viel weiter oben, er aber blieb streng wissenschaftlich).
Da ja das Griechische nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern, aus vielerlei Gründen, auch in der Hl. Kirche eine wichtige vermittelnde Rolle spielt, prägte er, erst einmal für sich, als Begriff für die Lokalisation der Schwingungsquelle eines oberirdisch ausgelösten (nicht nur sonntäglichen) Erdenerbebens, den Terminus Hyperzentrum.

(Ein weiterer, gesondert zu untersuchender Spezialfall wären die Kartage, stellte er sich vor.)

hype

In Vom Leben der Natur, dieser nicht nur ob ihrer tarzanesken Pirchnerkennung bezaubernden Radiominiatur – er verdankte ihr so bildungsmehrende Merksätze wie: Ein gesundes Chamäleon trifft zu praktisch hundert Prozent (weitere Ch.-Sätze folgen; es gibt auch welche über Gibbons) –, redete dieser Tage ein führender Seismologe über Erdbeben in Österreich, dabei erklärte er die Grundbegriffe der Tektonik und Erdbebenkunde, Richterskala (von Kindheit an klang das immer nach Gottesstrafe), Mercalli-Sieberg, was ist ein Epizentrum (darunter, mehr oder weniger tief, befindet sich das Hypozentrum), sehr interessant und spannend wie immer, es fiel ihm stets leicht, bei diesem volksbildnerischen Unterricht in der ersten Reihe zu sitzen und aufzupassen, schade, dass man nicht aufzeigen konnte, dazu die Portionierung, eine Einheit keine fünf Minuten, dann ist wieder Pause, so hätte Schule immer sein sollen.

(Morgen: Non scholæ sed vitæ)

unkreativ / ein Trost

Die liebe Mirjam Jessa hat unlängst (2. Jänner 2007) in einer ihrer Radiosendungen (Österreich 1 bis 2), ein Motto setzend, einen wunderbaren Satz mit ihrer so cremigen Stimme gesagt, er könnte ein Trost sein, nicht nur in diesem nächtlichen Unglück: Traumwandlerisch sicher oder traumverloren – das sind doch nur zwei Seiten ein und desselben Schlafes.
Ich will das gerne als Trost gelten lassen, wenn ich auch unter traumwandlerisch durchaus anderes verstehen will, als einen blasenbedingt nächtlichen Weg über den marmorkalten Flur in der Klausur des Stifts St. Lambrecht.
(Die Aufnahmen hier lassen sich gut an, übrigens.)

unkreativ

Als er, halbzwei, erwachte, erwachen musste, war er zunächst verwundert, dann von sich selbst enttäuscht. Er hatte eben geträumt, dass er unter allen Umständen und ziemlich dringend seinem doch recht frühen Harndrang entsprechen und also aus dem warmen Bett in die Fellpatschen, hinaus auf den marmorkalten Flur musste, hoffend, niemandem (schon gar keinem Mönch) begegnen zu müssen, schnellschnell, und gleich wieder zurück, weiterschlafen, jetzt aber bitte durch.
Genau so war es aber eben im wirklichen Leben.
Dabei konnte diese körperliche Drangsituation der Auslöser spannendster Traumszenen sein, ihn Piratenabenteuer, abschüssige Autobusfahrten bei defekter Bremse, Raketenstarts mit Countdown, auch explizit Erotisches erleben lassen, schade.
Danach schlief er nur unter Protest wieder ein.

Tagung

Mag sein, er war ein kleinwenig zerstreut.
In der lachsrosa Zeitung seiner Wahl standen in den letzten Tagen etliche Artikel über selbst ihm attraktiv erscheinende Innovationen eines Technologieunternehmens, dessen Namen und Logo an eine angebissene Obstsorte der mittleren Breiten erinnerte, faul waren die nicht; am Ende würden die ihn zum Einstieg in die mobile Kommunikation verführen. Abwarten, aber vorwärtsgewandt, dachte er sich; die Aufbruchstimmung (dem Neuen zu!) in den Technologiegusto machenden Berichten veranlassten ihn jedenfalls schon einmal dazu, während des Lesens von Zeit zu Zeit rechts oben nicht nur das Erscheinungsdatum des Blattes, sondern auch die aktuelle Uhrzeit ablesen zu wollen.
Das würde auch noch kommen, ganz sicher; heißt ja: Zeitung.

Pastorale

KHGeht (das hatten wir schon). Bevor er in seine Privatwirtschaft – äh – geht, nimmt er sich, wie man das so macht eben, eine Auszeit (merkwürdige Worthülse; was wäre ihr Gegenteil? Einzeit? Und: Nehmen?).
Wir sind jedenfalls schon ganz gespannt auf die Exklusivberichte vom Einfachen Leben (1. Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande. Allegro ma non troppo), wie er sich rührend um alles (inkl. Hunde) kümmert (2. Szene am Bach. Andante molto mosso), Beziehungen mit den einfachen Menschen aufnimmt (3. Lustiges Zusammensein der Landleute. Allegro), sich mit den Naturgewalten auf der Leeseite des Gebirges misst (4. Gewitter, Sturm. Allegro) und – besteht (5. Hirtengesang. Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm. Allegretto).
Die Fönwelle, sie wird halten. Ist ja aus Teflon.

Schockwelle

Es wird karg. KHGeht.Österreich* muss jetzt aber wirklich verzichten lernen. Sein Beliebtester und Bester, ein fescher Mann von bescheidener Bescheidenheit zieht sich ins Privatleben zurück. Nur mehr Seitenblicke**, ob das auszuhalten ist?
Dass er auchÖsterreich*** erhalten bleiben wird können, ist zu hoffen – und anzunehmen.
Dann wird Er uns weiterhin wirklich nicht wirklich fehlen.

(morgen: bucolica)
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*) Land im Herzen Europas; worum sich die Welt dreht
**) österr. Art, geradeaus zu schauen; nichts krummes eben
***) Medium; Synonym für alles, worum sich die Welt dreht

beware! alert! sports! no chance!

Eine weitere Bestätigung seiner hoffnungslosen Unattraktivität folgte nach dem Sporte stets, wenn er den männlichen Sanitärbereich in Richtung Ausgang verlassen musste (gab es denn keinen Hintereingang?):
Die karottenfarben-naturgebräunten Mädchen (auch fortgeschrittenen Alters) aus den Damenregionen mit ihren durch Einfärbigkeit zweidimensional anmutenden Gesichtsflächen (Mundwinkel beständig nach unten gezogen, auch das ist gans schön anstrengend!) würdigten ihn jedenfalls auch keines Blicks.
So ein Pech.

beware! alert! sports!

Schon als Heranwachsender hatte er es vorbewusst geahnt, heute aber, als er nach der Sportausübung (Badminton, der einzige fitnesscenterkompatible Herrensport) zur Körperpflege in den Sanitärbereich kam, schoss ihm die unumstößliche Gewissheit ein, dass er es nie und nimmer schaffen würde, so richtig selbstbewusst-männlich-attraktiv zu sein.
Meist kamen sie aus dem angeschlossenen Saunabereich, diese Kraftbinkerln, etwas untersetzt, leicht obeinig (von der Maschin‘), im Brustkörbchenbereich dieser leicht mitdrehende Gang (etwas entig, um nicht zu sagen pinguinesk), jeden Schritt gewahr der vermittelst Anspannung zu bedienenden Muskelpartien, pur, weil nackig konnte man die nicht wirklich zu unterdrückende Arbeit dahinter sehen – schließlich sollte man ja auch bei angelegten Textilien (Schtretschtschiens bevorzugt, dazu enges Tischört) erkennen, was für ein Kerl in diesem Mannsbild (bzw. was für ein Mannsbild in diesem Kerl stecke(n könnte). Am besten, er hatte Glück, es schien eine ganze Kohorte brainbuildingresistenter Testosteronzugefüttertbekommer aufzumarschieren bzw. (s.o.) einherzuwatscheln, gefielen ihm ihre idealtypisch marilleneiskugelkleinen, muskulös zusammengekrampften karotin- und solariumgebräunten Popos mit slipbedingt handtellergroßer Topfenneger– bzw. Ferkelchenhaut um das Arschfältchen.
Wahrscheinlich war er ihnen nur ihre Lässigkeit neidig, gestand er sich ein; er jedenfalls würde schon beim Gehen (s.o.) mit dem von ihm nicht einmal besessenen Pflichtaccessoire Blaue Badeschlapfen kläglich scheitern. So etwas wollte nämlich peinlichst geübt sein. Oder nein, entweder man hatte es, oder man hatte es nicht.
Er hatte es nicht. An ihren mitleidigen Blicken aber labte er sich.

beware! alert!

Da haben sie eben die bizarrsten Warnhinweise auf amerikanischen (welchen auch sonst?) Produkten ausgezeichnet, auf dass kein Mensch im Lande der Braven (of the brave), das soviel dransetzt, sich selbst bei gleichzeitigem Weltvorherrschaftsanspruch unter allen Umständen das Hausverstandsniveau eines Kleinkinds zu attestieren (es lassen sich Millionen Dollar damit verdienen), und schon scheint diese schöne Kunst der Produktauszeichnung über den Atlantik diffundiert: In Berlin gibt es eine Schuhfirma, die nennt sich Trippen, sie machen abartig schöne Schuhe, und sie legen jedem Paar einen beidseitig zweispaltig klein und dicht beschriebenen Avierzettel bei, da steht zur Pflege der Holzschuhe folgender, abschließender WARNHINWEIS:
Bitte bewahren Sie Ihre Holzschuhe für Haustiere unzugänglich auf. Es wäre nicht nur schade um Ihre Schuhe, die Materialien sind auch nicht für den Verzehr geeignet und die Tiere könnten sich dadurch verletzen.
Da werden die Silberfischerl aber aufatmen (Kiemen? Lungen? Tracheen?).

mikro

Die subatomare Welt des Allerkleinsten ist ein riesiges Forschungsgebiet.
So stand es am 5. Jänner 2007 auf oe1.orf.at zu lesen. Ob sich die Gasttexter vom regulären ORFON ausborgten, jetzt, in den Weihnachtsferien, wo das Personal knapp war?
Er würde auf jeden Fall acht geben, fasste er einen weiteren Vorsatz; bis Lichtmess war das Jahr ja noch neu (schon als Kind hatte er das beschlossen, als er etlichen Leuten, wenn er sie zwischen Neujahr und Lichtmess erstmals sah, ein Gutes Neues Jahr wünschte).
Jawohl, auf die kleinen Dinge des Lebens kam es an, ein in der Tat riesiges, unerschöpfliches! Forschungsgebiet.

lind /3

Die kalten Winde bliesen
Mir grad‘ ins Angesicht
Der Hut flog mir vom Kopfe
Ich wendete mich nicht

Wieder einmal fiel es ihm ein: Wien heißt ja Wien wegen des Winds; sonst würde der Leichengeruch überhand nehmen.
Deswegen kommen auch die vielen Touristen, nicht nur, aber gerne gerade zum Jahreswechsel.
Eben, Luftveränderung.

lind /2

Die kalten Winde bliesen
Mir grad‘ ins Angesicht
Der Hut flog mir vom Kopfe
Ich wendete mich nicht

Volksbildnerisch sei noch angemerkt, dass zu den obigen Zeilen keinesfalls die harmlosen Gitarreharmonien C – G7 – C (etc.) gehören. Der Lindenbaum (sagen Sie nie: Am Brunnen vor dem Tore – außer Sie wollen bei den Fischerchören mitmarkieren) ist kein herkömmlich-harmloses Strophenlied (außer bei den Fischerchören, Tausendschaft des Grauens), wir haben (1) Dur (2) Moll (3a) Wurlzwischenstrophe und, scheinbar klärend (3b) Dur.
Bei Das Wandern ist des Müllers Lust ist ja die Trivialisierung auch so ähnlich passiert.
Gut, wenn Sie nach Japan kommen, finden Sie sich damit ab, dass sie es geglättet singen müssen. Dann aber gleich My Way.

lind /1

Die kalten Winde bliesen
Mir grad‘ ins Angesicht
Der Hut flog mir vom Kopfe
Ich wendete mich nicht

Nungut. Gar so war es auch nicht. Weil: Ein gut sitzender Hut fliegt nicht so einfach vom Kopfe, auch dann nicht, wenn man aus der U-Bahn heraufkommt, nicht zuletzt auch deshalb nicht, weil der Weg am Hutgeschäft vorbei führte, wie sähe das auch aus, wirklich wahr. Festen Schritts stemmte er sich gegen die unerwartete Böe, als könne es doch noch so etwas wie einen Winter geben, zumindest im Neuen Jahr. Angenommen, ein Städter sehnte sich danach, könnte man vermelden: Ein Anthrazitstreifen am Horizont.
Bevor es allzu hell würde, zur Unzeit.

Frequenz

Die neue Zahnbürste, voller Strom (kein Geschenk; nicht alles was neu ist, muss gleich ein Geschenk sein), wie sie vibriert im Mund, ganz oft, und doch mit einem um vieles tieferen Ton als diese unausblendbaren Zahnarztgeräusche, gegen die kein Ohrstöpsel helfen würde, kommen sie doch von innen und werden also über das Innenohr, direkt sozusagen, übertragen (die wahre Folter beim noch so liebsten Zahnarzt war ja eine akustische, das aber wurde von den weißen Knechten und ihren ruhigäugigen Assistentinnen völlig ignoriert), diese Braunzahnbürste also, stellte er sich vor, soll den um seine Zahnhygiene bemühten Bürger mit ihrem Brummen gewissermaßen vorbereiten auf das oben beschriebene peinigende Fiepen.
So, fertig. Sie können jetzt ausspülen, bitte.
War eh nicht so schlimm.

Omen

Der Champagner zu Mitternacht hatte sehrwohl geprickelt, so, wie er es musste. Aber, ausgerechnet zum Jahreswechsel, er hatte gekorkt.
Wenn, was zweifellos eintreffen würde, ihm, ihnen, der Welt überhaupt in diesem Guten Neuen Jahr Glück oder Unglück beschieden sein würde, er würde es nicht auf den pampigen Geschmack seines ersten neujährlichen Schluckes zurückführen.
Gerülpst hatte er erstmals um 0.07 Uhr. Damit ließe sich noch manche Kausalität konstruieren.

Zeitlos

Der Schaumwein prickelte, wie er es eben musste. Gespannt, wollte er schauen, ob tatsächlich ein Gutes Neues Jahr begann, gewünscht hatte man es ihm, nicht zuletzt in den Zeitungen. Die mochten beim Weihnachtsdatum um bis zu vierzehn Tage irren; was das Herannahen eines Jahreswechsels betraf jedoch, soweit er sich erinnern konnte, eher selten bis nie. Und wenn, er würde es auch nicht aus der Zeitung erfahren.
Ein erster Vorsatz war gefasst.

Spirale

Jeden Samstag, wenn die Zeitungen gratis waren und er sich (er zahlte stets freiwillig einen die vielen Diebstähle ausgleichenden Betrag) mit weißen und rosafarbenen sog. Qualitätszeitungen eindeckte, brauchte er noch kürzer zum Durchblättern der tageswichtigen Informationen und das Wochenende zu überdauern vorgebenden Feuilleton-Beilagen, immer kürzer, es stand immer das gleiche drinnen, nur die genauen Zahlen und die Orte variierten, wie sich ja auch die Welt drehte, alles war diesem immergleichen Spiel unterworfen, der eine war beleidigt, weil er beleidigt sein wollte, der andere frech, weil er ein schneidiger Bursch sein wollte, woanders wurde ein neuer Rekord erzielt (warum werden eigentlich keine alten Rekorde aufgestellt?), alles war so vorhersehbar und würde ihn bald schon nicht einmal mehr nicht interessieren.
Ob diese – nicht nur – Jahresendgedanken ein Zeichen von Pessimismus waren? Zweifellos bedeutete sein Sich-Ersparen, informiert sein zu müssen (mit dem, was man halt für wichtig halten musste), dass er Zeit und Aufnahmefähigkeit (heute sagt man: Speicherplatz) für Wichtiges, zumal Angenehmeres hatte. Optimistisch gedacht.
Nun ja, haben könnte.
Faktisch.

versch(r)oben

Annähernd achtzig Jahre müsste man werden, dann dürfe man Weihnachten vergessen, stellte er sich vor, als sie ihm von der Küchenoma erzählten (eigentlich war sie eine Großtante, aber die Kinder nahmen, wen sie bekommen konnten; die andere, despotischere, hatten sie, genauso treffend, Fernsehoma genannt), die bei der Nichten-und Neffenkonvention am 22. Dezember in jener Pizzeria starke Zweifel äußerte, dass Weihnachten vor der Tür stehe, neinnein, Weihnachten sei bestimmt schon vor zwei Wochen gewesen, und wenn es übermorgen wäre, das stünde ja in der Zeitung, odernicht?
Beiden Argumenten konnte er einiges abgewinnen, und so freute er sich auf sein eigenes hohes Alter, das würde noch manchen Spaß geben. Zumindest was Weihnachten betraf.

Geflügel

Völlig fassungslos indes war er, als er bemerkte, dass sich jenes Reise-Studio Ikarus den Untertitel Dodo-Tours gegeben hatte.

Dodo © Harri Kallio

Umgekehrt: Wenn es damals bei Ikarus mit einem Absturz geendet hatte, so bestand beim Wappenvogel Dodo keinerlei Gefahr: Die Dronte, die dereinst auf Rà©union und Mauritius lebte, verfügte bei einer Größe von etwa einem Meter (und einem Gewicht von gut zwanzig Kilo) nur über Stummelflügelchen, wozu auch, sie wollte ja nicht weg (auch das erschien ihm nicht gerade vorteilhaft für ein Reisebüro), Feinde hatte sie keine und zu Essen gab es am Boden genug. Irgendwann wurden auch die Maskarenen entdeckt, man brachte Ratten und Schweine mit, denen schmeckten die Eier, und die Hunde und natürlich die Matrosen freuten sich über das gutmütig-tollpatschige und also leicht zu fangende Viech, frisches Fleisch für unterwegs, Mahlzeit. Bereits hundert Jahre vor Mozarts Tod war es mit der letzten ihrer Art vorbei, dead as a dodo sagt der Brite.
Dass so ein Reisebüro nicht auch ausstirbt muss an ein Wunder grenzen, stellte er sich vor.

NB: Schauen Sie sich das bezaubernde Dodo-Projekt auf der Homepage des finnischen Photographen und Bildhauers Harri Kallio an.

Der Sonne entgegen

Das Flugticket, mit dem sie von ihrem zeitarmen Vater um die halbe Welt verschickt wurden, war bei einem Reise-Studio Ikarus bestellt worden. Vermutlich kannte er nur den unfallfreien ersten Teil der Geschichte, entweder er war vor dem Umblättern eingeschlafen oder, wahrscheinlicher, er hatte in der Schule aufgezeigt, kann ich aufs Klo?, und konnte sich so eine absturzlose Mythologie bewahren.
Oder aber, und das wäre schließlich am plausibelsten, es war ihm gar nichts aufgefallen, und wäre es ihm aufgefallen, er hätte nichts Auffälliges bemerkt, wasdennauch?
Das Flugzeug setzte überpünktlich in der Neuen Welt auf.

Nunc dimittis

Großväterlich stolz schwärmte noch knapp vor seinem Tod der Mittererbauer von der Tüchtigkeit seiner Enkelin, Zahntechnikerin ist sie geworden, die beste des Landes, meine Monika, und der Landeshauptmann Pröll lässt sich seine Zähne nur von ihr machen, von keinem sonst.

Ich stelle mir vor, der zahngeplagt-schlaflose König schickt seine Herolde aus, in die entlegensten Provinzen ritten sie mit dem Auftrag: Man forsche und bringe mir den Besten im Lande, auf dass er mir gute Zähne verfertige. Reich soll sein Lohn sein und die Hand meiner Tochter sei ihm versprochen. Versagt er aber, so sei sein Leben verwirkt! Und, kaum ausgesprochen, ertönte allüberall der Ruf auf den Marktplätzen seines schmucken Ländchens. Bald schon brachten sie einen nach dem anderen daher, die Beißer des Herrn aber missrieten allesamt für und für, und viele legten darob ihr Haupt auf den Block des Henkers. Da ereilte den König die Kunde, dass im entferntesten Winkel des Reiches, fast schon Ob der Enns ein junger Knabe gefunden war, von dem man sich gar wunderlich Dinge erzählte, die Bader schworen Eide auf seine Zähne, und so erging der Ruf an ihn, er nahm Maß, und der König genas. Alsbald sollte also Hochzeit gefeiert werden, doch wie sehr staunte der Hofstaat, als sich der wackere Handwerker als gar treffliche Jungfrau herausstellte!

Fortan aber durften auch Weiber in die Zunft der Zahntechniker aufgenommen werden, und jene Monika ward die erste und vornehmste unter ihnen, und sie wurde reich beschenkt. Seither verging keine Gebisskorrektur des Königs mehr, ohne dass nicht sieselbst die neuen Zähne vermessen und angepasst hätte.

So starb der Mittererbauer nach einem arbeitsreichen Leben in Zufriedenheit.

Das ist doch auch eine Weihnachtsgeschichte, oder?
(Wenngleich es – siehe die Überschrift – eine die Weihnachtszeit abschließende wäre, der greise Simeon kommt ja erst zu Lichtmess – vierzig Tage nach Weihnachten, Mariæ Reinigung, Darstellung des Herrn – dran und darf zufrieden sterben, da er das Jesukindlein erblicken durfte, wie ihm verheißen war, aber wer hätte schon etwas dagegen, auf den 2. Februar vorzuspringen, die Tage wären auch schon heller und Ostern wäre nicht mehr weit, mitten im kalten Winter, also ich ganz bestimmt nicht.)

Weihnachtswunder (twimc)

Manche Menschen scheinen nicht zu altern, Gerald G. (genannt Gmachi) aber hat dies mitsamt seinem Fahrrad seit der Mittelschule, deren Zeit jedenfalls weit in seiner ersten Lebenshälfte liegt, völlig unterlassen. Immer noch sieht er so jungenhaft-unangekommen-auf-der-Welt aus wie Rüdiger Vogler in Im Lauf der Zeit und anderen frühen Wenders-Filmen.
Im Gymnasium wurde damals seine Mutter in die Schule zitiert (oder haben sie überhaupt eine Klassenkonferenz einberufen?), weil der längliche Bub auch im Winter mit dem Ruderleiberl unterwegs war und kurze Hosen anhatte. Sie konnte das besorgte pädagogische Aufsichtsorgan beruhigen und musste es zugleich beunruhigen, als sie glaubhaft versicherte, der Knabe kenne keine Kälteempfindung, es sei ihm auch im Winter heiß, und was solle sie da machen? (Natürlich hatte er seine Blasenentzündungen, aber wenigstens musste er nicht schwitzen.)
Jetzt das Weihnachtswunder: 23. Dezember 2006, Christkindlstadt Steyr, Kirchengasse, vor der vormaligen Weihnachtserlebniswelt (gegenwärtig: Krippenausstellung, auch am Hl. Abend geöffnet): Bergauf tretend, unverkennbar, Gmachi, mit Handschuhen und Anorak! Fehlte nur noch, dass er eine Haube aufgehabt hätte.

Der Klimawandel funktioniert doch komplizierter, als wir uns das vorstellen.

Weihnachtsvokabel

Ein weiteres, zeitgenössischeres Wort (vgl. waggerln), welches die unerträglich-ungustiöse Art, eine selbstzufrieden-biedermeierlich-larmoyante Heimeligkeit bei gleichzeitigem bescheiden vor sich herschreiendem, volksbildnerisch sich gebendem Gezetere (und jetzt stellen Sie sich vor, liebe Hörerinnen und Hörer, es war natürlich keiner so ein wilder Bursch wie wir damals) rücksichtslos auf weihnachtlich-wehrloseÖsterreicher (noch dazu das ganze Jahr über) zu verströmen ausdrückt, könnte köhlmeiern sein, dachte er sich, bevor er um 18.00 das Radio ausmachte.

Elbasan®

Elbasan ist keine Salbe für Patienten vorgerückten Alters (des Kreiz, de Haaxn), das aus nur in Elba abgebauten Salzen hergestellt wird (sauteuer, aber es wirkt).
Mein heutiger Text hat aber sehrwohl mit der Gesundheit zu tun. Konkret geht es darum, dass die Menschen, um die es sich dreht, die Chance erhalten, überhaupt einmal später (sehr später) auch Patienten vorgerückten Alters werden zu können. Sie würden es nämlich nicht erleben (nicht annähernd), wenn ihnen nicht geholfen würde.
Die Allianz für Kinder (erinnern Sie sich?) betreut Kinder, die an in ihren Ländern kaum oder gar nicht behandelbaren Krankheiten leiden, bringt sie nachÖsterreich, wo sie (oft in mehreren Etappen) behandelt werden, sodass sie schließlich daheim als normal gesunde Menschen aufwachsen können.
Elbasan ist eine Stadt in Mittelalbanien. Zum Beispiel dort wird geholfen.
Nehmen Sie sich die Zeit (es sind keine vier Minuten), die beeindruckende, erfreulich unsentimentale und umso berührendere Tonbildschau von Christof Zachl anzusehen. Klicken Sie dazu auf das Bild:

twimc (to whom it may concern):

Frohe Weihnachten

edel, hilfreich und gut

Wir befinden uns unmittelbar vor der Peripetie einer allenthalben zur Schau gestellten Humanität, des angepunschten Gerührtseins über die eigene Warmherzigkeit.
Heute wird wieder ein Kind ein in Bethlehem angezündetes Licht ins Fernsehen bringen, darum muss es korrekt (und vermutlich markenrechtlich geschützt) ORF-Friedenslicht heißen, der ORF ist nämlich als Weihnachtsbrauchtumsträger ersten Ranges zuvorderst zu nennen, und vergessenS‘ mir nicht das Logo, ja?, schließlich ist ja die Botschaft WIR WIR WIR helfen. Wem? Na den armen armen Kindern, und haben Sie meine spontane Rührungsträne schön im Bild, ja?
Bitte dann aber wirklich wieder einmal eine Ruhe geben, schließlich, man wird nicht müde es zu betonen, sich selbst vorzulügen, ist ganzÖsterreich Spendenweltmeister, nur die Schifahrer (na gut, dzt., die Schifahrerinnen) sind noch besser.
Also (schispringerischer ausgedrückt) keinesfalls den Absprung verpassen. Rührseligkeit als Ansehensanlauf. Ziiiiiiieeeeeehhhhh!

zerspragelt

Merkwürdige Zwischenzeit nach der Sonnwende (zutreffender wäre Schattwende), es geht (angeblich) lichtmäßig aufwärts, ist aber noch vor Weihnachten, und das Jahr tut es auch nicht mehr wirklich lang, Entspannung kollidiert mit allerhöchster Verdichtung, das geht über in diese Dösphase vor Silvester, aber dann aber warte nur, warte nur, balde ruhest du auch.
Quer aber über diesen verzogenen Rahmen gespannt kommt dann auch noch die Vierschanzentournee.
Darauf
freue ich mich, in meiner Erinnerung.

Tromsà¸

Superlativisches:
Etwas kleiner als das Mühlviertel, ist T. die flächenmäßig größte Gemeinde Europas.
Noch zwei Superlative: T. beherbergt die nördlichste Brauerei der Welt, sowie die nördlichste Universität (was wäre auch eine Uni ohne Bier?).
Es gibt etliche aufschlussreiche webcams, z.B.:
Tromsภ(ein Standbild, laufend aktualisert)
(Dieser Tage eher zwischen 10.00 und 13.00 Uhr ergiebig; im Sommer: rund um die Uhr)

Wenn Herr Klaus Santa vom finnischen Polarkreis anzureisen pflegt (Rovaniemi) – obwohl, irgendwo stand geschrieben, er komme überhaupt vom Nordpol -, so liegt T. noch einmal 300 km weiter im Norden (als R., nicht als N.). Dafür ist es dort (in T.) relativ warm, und das kommt vom Golfstrom.

Womit wir, beträchtlich gebildeter, auch diese Wintersonnwende geschafft hätten.

(morgen: heller; oder ganz etwas anderes)

sofort

Früher war ja in der Taubstummengasse, auf durchunddurch neutralem Boden, das Fernsprechamt. Mittlerweile befindet sich im gleichen Gebäude das Amt für Gleichbehandlung.
Ich stelle mir vor, dass eine Gerechtigkeit suchende Partei, wenn sie erwartungsvoll den Warteraum betritt, zuallererst ein Schild an der Tür der Amtsperson vorfindet, auf dem steht: Bitte warten, komme gleich.

satisfaction

Diese gestern hier erwähnte rechtlich gedeckte Hinrichtungs- bzw. (Canetti, schau – woher bitte? – owa!) Überlebens-Schadenfreude (ein vereinfachender Begriff) wird einem hierzulande gerade einmal beim in Städten so beliebten Falschparkerabschlepptheater geboten.
3. Juli 2004, Vorabend des independence day: Das in der Rotenturmstraße vollzogene Ritual erinnert mich unmittelbar an Berichte aus St. Quentin oder anderen Todestrakten. Schritt um Schritt, du weißt, wie es ausgeht, aber du bleibst, kannst nicht wegschauen, ein gnädiges Schicksal hat dich zum Zeugen bestimmt, der Henker, ein Mechanikertyp wie Du und ich, kommt, nimmt behäbig Maß, Gurte werden angebracht, ein Rucken und von einem durch die Menge gehenden Raunen begleitet schwebt das Auto des Bösen auf die Ladefläche der Gerechtigkeit, der Abschleppwagen setzt sich unmittelbar darauf in Bewegung Richtung Simmering Ost, dort, unweit des Zentralfriedhofs befindet sich der kostenpflichtige Parkplatz der Gesetzlosen.
Jetzt können die Fiaker wieder weiter. Hat einer amerikanisch geredet? Ich weiß es nicht.
Wenn Sie zu so einem Schauspiel zurechtkommen, gehen Sie nicht weiter, hier gibt es wirklich was zu sehen! Beobachten Sie dieses süffisant grinsende Spontanpublikum. Und: Vergessen Sie nicht, sich selbst zu beobachten.
Und wenn Sie wollen, können Sie nachher immer noch ungebrochen an das grundsätzlich Gute im Menschen glauben. Ich, für mein Teil, bemühe mich weiter. Ist ja auch bald Weihnachten.

Genug

(ausnahmsweise dem täglichen Medientheater entnommen)

In Florida hat man einen Delinquenten unabsichtlich gequält. Das aus humanitären Gründen verabreichte Schmerzmittel hatte aufgrund einer stümperhaft gesetzten Injektion versagt. Um derartige Pannen fürderhin zu vermeiden, lässt man die anderen Todeskandidaten vorerst ein bisschen länger warten, hat man beschlossen; so ist in jedem Fall gewährleistet, dass sie auf menschliche Art und Weise umgebracht werden können, wir sind ja keine Barbaren.

Die liebevolle Detailtreue, mit der unsere Medien vom Todeskampf dieses zumindest doppelt Unglücklichen berichtet haben (34 Minuten Todeskampf, unbeschreibliche Schmerzen – die man sich bemühte, uns anschaulich zu vermitteln: als würden einem die Hände abbrennen), zeigt wieder einmal wie sehr wir dankbar sein sollen, dass es die USA (zumindest jene 37 Bundesstaaten, in denen Recht noch Recht ist) gibt, ermöglichen sie doch stellvertretend für alle Länder, in denen staatlich veranstaltete Lynchjustiz leider nicht mehr mit den humanen Grundrechten in Einklang zu bringen ist, vermittelst weltweit verbreiteter und multiplizierter Berichterstattung diese Anteilnahme, Gelegenheit, Genugtuung zu erfahren, ahh, das schaudert aber angenehm.

(morgen: bei uns)

Plus

Am nächsten Tag dann stand das Glück wieder auf seiner Seite. Im Postkasten hatte er den Geburtstagsgutschein einer nach einem sonnennahen Planeten benannten Lebensmittelhandelskette vorgefunden, dabei hatte er doch erst im Juli gefeiert, sowas. Es wurde ihm in Aussicht gestellt, beim nächsten Mal einen Rabatt von 10 Prozent von der Gesamtsumme seines Einkaufs abgezogen zu bekommen.

So gesehen lag es an ihm, sich wieder ins Plus zu konsumieren.

Oder anders: Zehn Rolls Royce zum Preis von neun! – Was Sie sich da ersparen!

Jo-Jo-Tag

Dienstag war es, und es sollte materiell ein Hoch-Tief-Tag werden.
Zuerst der vorweihnachtlich-übl(ich)e Geschenksbeutezug durch die, wie sagt man mittlerweile: Sitti. Viel zu gut war er aufgelegt, und das freute den Handel über alle Maßen; unvorsichtigerweise hatte er auch noch durch das Schaufenster seines Hutgeschäftes zurückgewunken, was ihm letztlich teuer zu stehen kam, der neue Hut ist es aber schon wert, man gönnt sich ja sonst nichts (sagt man auch). Voller Packerln kam er nach Hause, hatte gönnerhaft Kreditkartenautogramme verteilt und PIN-Codes in Bezahlterminals getippt, diese vier immergleichen Ziffern (die hier nicht verraten werden können).
Daheim dann die Post, es wurden einlangende Zahlungen angekündigt. Zufrieden stellte er fest, dass sie etwa 150 Prozent seiner eben getätigten Ausgaben ausmachen würden.
Derart unbeschwert fuhr er am Abend zu seinem Freund, den Zahnarzt, Halbjahresservice. Eine Füllung wurde gleich gemacht, reine Routine. Jetzt noch schnell das Röntgen, kurz warten, bis die Knochenbilder fertig sind, wir besprechen das dann gleich.
O-o. Trotz Freundschaftspreis minus 250 Prozent, mindestens, im Februar würden sie sich für drei Sitzungen wieder sehen; schöne Feiertäg bis dahin.
Leider bot ihm dieser Tag kein viertes materielles Erlebnis, jo,jo.
Immerhin, tröstete er sich, ab März würde sein Lächeln güldener.

Jo-Jo

(Ausnahmsweise ein Zitat aus Wikipedia)

Das oder der Yo-Yo, im Deutschen häufig auch Jo-Jo genannt, gilt als zweitältestes Spielzeug der Welt.
Da ich nicht weitergelesen habe, habe ich mir vorgestellt, das älteste Spielzeug der Welt müsse demnach das oder der Yo, im Deutschen häufig auch Jo genannt, sein.
Ist es aber nicht. Es ist die Puppe.

(morgen: Der Jo-Jo-Tag)

Kennzeichen

Warum erkennt man den Tontechniker, pardon: Bühnenmeister (meist geprüft) aus hundert Menschen zweifelsfrei heraus? Liegt es an den grauschwarzen langen glatten, hinten mit einem Gummiringerl zusammengebundenen Haaren, an der dioptriengesättigten Brille (angekettet), am Schmerbäucherl / Wamperl (dazu abgewetzte weite Jeans, schwarzgrau wie die Haare), am (zweifellos praktischen) Leatherman, an der Tschik, die prinzipiell auf der Bühne, quasi zur Begrüßung angezündet wird?

(Um es klar auszudrücken: Ich mag das alles, es vermittelt Heimeligkeit, Branchennestwärme; naja, ohne Tschik ginge es auch.)

ostinato

Aus Pirmasens sei er, der deutschen Schuhmetropole, und heute sei sein erster Diensttag (hoho, an einem Freitag), den Job hier in Tirol habe er über Ausschreibung im Internet gefunden und tatsächlich die Stelle erhalten, unglaublich, und er sei stolz, dürfe stolz sein in der Tat, der erste voll ausgebildete Bühnenmeister mit Abschluss inÖsterreich zu sein, heute Dienstantritt, er wollte nach Jahren einfach weg aus Primasens, dieser Schuhmetropole, da ist Tirol gerade recht gekommen, dass er die Stelle bekommen würde, damit habe er als geprüfter Bühnenmeister schon spekulieren dürfen, schließlich habe er sich als offenbar bestqualifizierter durchsetzten können, müssen, der erste inÖsterreich an diesem ersten Dezember, was?, bloß zwo Mikrophone, nur zum Reden, naja, das kriegen wir schon hin, war’n ja schon alle bei mir, aber der Shepp, der war vielleicht zugedröhnt und hat aber toll gespielt, naja, am Mikrophon vorbei, aber einen Sound hat er schon gehabt, ja, Pirmasens, Schuhhauptstadt, (…)

(Mein Partnerstadtvorschlag, zur Güte: Taufkirchen an der Pram)

Lautverschiebung

Zu Nikolaus, als er sich, wie immer zwanghaft beim Verzehr von Mandarinen, des deutschen Schlagers Mandolinen um Mitternacht erinnerte, beschlich ihn ein merkwürdiger Verdacht: Rex Gildo war Legastheniker gewesen.

Wurscht

Wurststand an Wurststand, überall Wurststände. Kiel, Wurststadt. Die weihnachtshandwerklichen Produkte auf der Holstenstraße sind Nebenerwerb, nichts als Vorwand. Es geht um die Wurst.
Da er ans Meer gekommen war, hatte er sich auf Fisch eingestellt. – Fisch wollen Sie essen, Sie wollen Fisch essen? Nee, können Sie vergessen, bei uns gibt’s keinen Fisch.
Umgekehrt, welche Topographie brachte eigentlich keine Würste hervor, dachte er sich, stellte er sich vor.
Das Hotelfrühstück dann war sehr reichhaltig und gut. Bloß der Räucherlachs war ausgegangen. Fischlos verließen sie den Norden.
Immerhin, Spiegelei gab es.

Bespiegelungen

Was wollen Sie? Spie-gel-ei? (…) Moment.
Tuscheln mit dem gleichrangigen, diensterfahreneren Kollegen. Ernste Mienen. Aber man ist dran an der Beilegung des Problems, wurde ihm geflissentlich vermittelt. … Rücksprache mit der Frühstückschefin. Bereits nach etwa einer halben Minute signalisiert die die Anspannung auflösende Körperhaltung aller drei, dass dem, wie es scheint, so noch nicht dagewesenen Gästewunsch möglicherweise näher getreten werden könne, man müsse nur noch eine Expertenmeinung einholen. Also wird der Koch befragt, der zu erkennen gibt, dass er sich dieser Aufgabe gewachsen fühlt.
Jetzt geht alles flink, und keine zwanzig Minuten später ist das gelbweiße Spiegelei (zwo Stück) serviert, danke vielmals.
Draußen geht die Sonne auf. Es ist spät.

Zuverdienst

Duschtester, jawohl, das wäre was. Er würde Guten Tag sagen, dabei seinen mit den neuesten Sicherheitsmerkmalen versehenen Dienstausweis in Kreditkartengröße aus dem Sakko blinken lassen, darf ich mal Ihre Dusche sehen?
Duschinspektor, so ein Beruf ließ sich im Nebenerwerb ausüben. Und er würde sauber bleiben.

lebenspendend

In Kiel dann war sie, nach genauem Studium, schließlich doch noch so, wie er es liebte, mit festem, gerade nicht schmerzendem Strahl. Die Wassertropfen perlten die vorbildlich gereinigte, durchsichtige Acrylwand hinab, wie Spermien im Mikroskop, faszinierend. Zufrieden konnte er den vorgewärmten Fliesenboden betreten und einen guten Tag beginnen.

(übermorgen: mehr zum Frühstück)

Duschkopfüberforderung

Ein Hotel aber überforderte ihn mit seiner Brause: Das badtechnische Wunderding hatte derart viele (sicher noch weit mehr, ungeahnte) Programme, dass es ihm recht gewesen wäre, man hätte ihm eine charmante Assistentin zur Einschulung beigestellt.
So liberal aber schien man selbst im skandinaviennahen Kiel oben nicht zu sein.

Duschindizien

Ob die Ausstattung der Dusche ein Hinweis auf das Selbstverständnis einer Zivilisation sei, Aufschluss gebe, wieviel individuellen Gestaltungs- und Bewegungsraum man seinen Bürgern zugestehe und seinen Gästen – durchaus auch in erzieherischer Absicht – gewähre? Auf dieser Reise, die sich auf – allerdings recht weit entfernte – Regionen des deutschen Sprachraums beschränkte, bekam er es jedenfalls mit einer breiten Duschvarietät zu tun, nicht immer ein feuchter Spaß.
Da gab es Brausen, deren Schlauch war so kurz, dass sich Menschen über 1,70m gefährlich bücken mussten, wollten sie sich den Oberkörper, den Kopf gar duschen; beim Aufrichten lauerten die Armaturen dem Hinterkopf auf. Besonders perfide erschien ihm auch der Umstand, dass der Schlauch jedesmal abknickte, wenn er sich strecken wollte und drohte, aus dem Einhandmischer hervor zu platzen.
(Von der Beschaffenheit des Wasserstrahls war hier schon früher die Rede.)
(morgen: die Duschkopfüberforderung)

billig

Die NEUE – Zeitung für Tirol verspricht die ganze Wahrheit für 50 Cent.
Das gefiel ihm. Wenn er bedachte, wie viele Menschen in seinem Land sich gerne (und lieber) mit fünfzig Prozent von ihr zufrieden geben wollten, reduzierte das doch den Preis dessen, was man wissen wollen musste, auf ein noch attraktiveres Maß. Was ihn zudem beschäftigte war die Frage, ob die NEUE, die auf der Straße in praktischen Selbstbedienungsbeuteln angeboten wurde, auch über Abonnenten verfüge und wie teuer ihn denn dann ein Exemplar täglich neuer und also wechselnder Wahrheit zu stehen kommen würde; wäre der Preis günstig, er würde ernsthaft eine solche Bindung erwägen.
Vorerst aber würde er einmal das Testabo anfordern, selbstverständlich völlig unverbindlich, wirklich wahr.

kalorienfrei

Um dreiviertel zehn erst war er aufgewacht, schnellschnell duschen, das Frühstück noch erwischen. Die Stube fand er leer, nur auf einem Tisch war ein Korb mit Semmeln, davor ein dicker Porzellanteller mit dem, was er das österreichische Gastronomiefrühstück nachÖNORM (1971) nannte: einpapierlter Butterquader, Plastikhonig, Plastikmarmelade, Leberaufstrich in Aluminium. Gleich würde die hornhäutige Wirtin mit dem Zuspätblick die Teekanne herstellen, die man nur mit einem Topfhandschuh anfassen konnte, weil das Wasser zuallererst den Griff aufgeheizt hatte, was zur Folge hatte, dass der ausgerauchte Teefixsackerltee (Assam Ceylon Blend) bestenfalls lauwarm war.
Guten Morgen, rief er ohne weitere Erwartung ins Leere, morgen, echote ein Gast hinter seinem zweiten Bier, sonst herrschte Ruhe. Er drehte noch eine Runde im Saal und schritt dann wieder zügig zur Treppe, nur rasch zurück ins Zimmer und, jawohl, es war genug Bewegung, der Verdauungsapparat war angeworfen, der Frühstückszweck erfüllt; andere, dachte er, müssen, um gesellschaftsfähig zu werden, jeden Tag eine Stunde früher aufstehen, umständlich starken Kaffee trinken und drei Zigaretten rauchen, alles auf den lichten Magen. So gesehen war ihm dieÖNORM 1971 ein ausreichend erleichternder Segen, stellte er sich vor.

spin-off

Der Geschäftsführer war derart vernarrt in seine mitlenkenden Scheinwerfer, dass er sich gar nicht mehr einkriegen wollte.
So war das also mit der Beugung des Lichts zu verstehen, dachte er sich, beifahrend um die Kurve lugend.
Sonst, rundherum, Nacht.

Abriss

Anfang Dezember war es Zeit, sich den Taschenkalender für das nächste Jahr zu sichern. Dazu war es mittlerweile sein privater Brauch geworden, dass er jedes Jahr in eine geschützte Buchbinderwerkstätte fuhr, um sich dort sein dezent kreativ gestaltetes Exemplar auszusuchen, im Inneren gewährleisteten die immergleichen Einlageseiten mit dem Lesebändchen größtmögliche Kontinuität, sodass alles zusammen ihm eine Art Segen für die Zukunft versprechen mochte, und wer will das nicht.
Jetzt hatte sich aber eine Kleinigkeit verändert: Das – zugekauften – eigentliche Kalendarium verfügte plötzlich über ein perforiertes Eck, sodass man, war eine Woche vorbei, durch sein Heraustrennen beim Durchblättern mit dem Daumen stets zur aktuellen Woche finden konnte, sehr praktisch, wie es schien, und sicherlich mehrheitlich gutgeheißen in der bei solchen Projekten unabdinglichen Teamsitzung.
Wozu aber bitte dann das Lesebändchen?, dachte er sich und fand sich in seiner dräuenden saisonalen Mürrischheit bestätigt. Was blieb ihm auch anderes übrig, als sich mit dieserÄnderung seines kommenden Lebens abzufinden. Aus einem, wie er mit einemmal wusste, Instinkt heraus (keinem schlechten), hatte er nämlich Abrisskalender schon seit jeher verabscheut. Außerdem: wenn ein solches pures Vergänglichkeitsobjekt nachging, konnte es passieren, dass man, wie Karl Valentin, Weihnachten zu Johanni feiern musste.
Noch ärger aber wäre der Ganzjahresadventkalender, stellte er sich vor. Der würde auch noch kommen.

Wandern

Der Dezember fängt gut an. Bei mir kam die rechte erste Adventkalendertürlanregung bereits am 25. November hereingeschneit (trotz zuwarmfürdiesejahreszeit).
Es wandern nämlich nicht nur die Gletscher zu den Polen (Nord, Süd; Warschau bleibt eisfrei), sondern, ahh, ORFON, Sie ahnen’s, Die Christkindlmarkt-Grenze ist in den letzten Jahren kontinuierlich in Richtung Süden gewandert.
Jawohl, so fängt der Advent gut an. Noch dazu in Tirol. Obwohl, weder Rosegger noch Waggerl gelten als Tiroler (ich glaub’s aber eh nicht).

Novemberwetter

Vielleicht kommt dieses Zuwarmfürdiesejahreszeitwetter ja davon, dass in den ersten Monaten dieses Jahres die kalten Temperaturen allesamt verbraucht worden sind für unser Land, stellte er sich vor.
Und, ORFON (Steiermark, Rubrik: immergutdrauf), man hatte ja mittlerweile auch die Möglichkeit, sich sein Zimmer binnen zwölf Sekunden komplett vernebeln zu lassen, dass man seine eigene Hand nimmer sehen kann, eine Stunde lang.

In eigener Sache: Mit dem heutigen Tag ist das zweite Jahr MütterLog vollendet, d.h. ununterbrochen täglich seit 1. Dezember 2004 schreibe ich mir vor, um 0.00 Uhr einen neuen Text zu veröffentlichen. Ist eigentlich irgendwie ein ganz ein schöner Schwachsinn, sich selber so eine Aufgabe zu stellen, die niemand als man selber von sich verlangt? Umgekehrt – andere fahren extra nach Costa Rica, um auf einer Bananenschale ausrutschen zu können (obwohl es mir in der Bananenrepublik schlechthin schwieriger erscheinen will, dass es dich nicht herbirnt). Mir könnte sowas könnte mir nicht passieren, wirklich wahr.
Danke jedenfalls, dass Sie mich durch Ihre lesende und persönlich kommentierende Anteilnahme zum Weitermachen verpflichten; und danke auch fürs Weitersagen.

Weiter.

Mahlzeit (akustisch)

Und fürs nächste Konzert bieten findige Manager Marsmenschen, zumindest aber Vulkanier auf dem musikalischen Curiositätenmarkt feil, die spielen auf baskischen Dudelsäcken und werden singend von Seehunden begleitet, die auch, eine seltene Musiziertechnik, Heringe zwischen ihre Flappen spannen und auf ihnen blasen wie auf einem Grashalm im späten Frühling, schnalzende Gebete an das Leben. Ein spirituell berührender Konzertabend ist garantiert. Anschließend Fischessen.

Mahlzeit (kulinarisch)

Die sogenannte Weltmusik, stellte er sich vor, birgt, um es kulinarisch auszudrücken, die große, nicht zu unterschätzende Gefahr, Monströsitäten wie Sushi mit Semmelknödeln, Krapfen mit Ketchup oder, so nah es uns sein mag, Gulasch mit Fritten zu servieren (dazu griechischer Bergkräutertee, demeter). Und die Pià±a Colada lässt sich sicher mit milchsauer vergorenem Sauerkrautsaft aufpeppen, bekömmlich und gesund. Zumindest was die Peristaltik betrifft.

eigentlich

Eigentlich drängte es ihn diesmal herzuziehen über den schlechten Geschmack gewisser (nicht nur österreichischer) Kabarettisten und, schlimmer noch, Kabarettistinnen mit ihrem völlig grobschlächtigen Bruhahahumor, konnte es nicht fassen, wie gerade die allerdumpfesten von ihnen die kleinkünstlerischen Vergnügungshallen am effizientesten zu füllen in der Lage waren, fresst Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren, dazu dann, so etwas wurde ja selbst im Kultursender gespielt, das vom Radio zugespielte, völlig authentische Sichdenbauchaltenmüssen, wie in einem Bierzelt, wirklich wahr.
Da er aber am Vorabend sein Internetperiodikum versandt hatte, was gewohnheitlich mit einer signifikant erhöhten Anklikkrate seines Logbuchs verbunden war, beschloss er, es für diesmal gutsein zu lassen und mit seiner Brandrede wider den Verfall des Geschmack’s (sic!) noch zuzuwarten.

Ja, richtig, der Weltmusikkitsch, das wäre dann auch noch ein Thema.

BananenMütter 2006

Liebe MBA,

(sämtliche Drittpersonsformen inkludieren Femininum und Maskulinum)

unlängst (ein ähnlich hässliches Wort, wie wenn jemand in (un)freier Rede statt des ebenso unguten aa/aah/ah/äh/ähm oder so nach jedem zweiten Wort die Bedeutung dessen, was er sagen will oder zumindest vorgibt, sagen zu wollen, durch Einfügen dieses fortgeschleppt pubertären, zubodenschauenden irgendwie zu heben, unterstreichen oder abzuwiegeln versucht), unlängst also sind wir zusammengesessen und haben uns bei apulischem Rotwein bzw. Coca Cola Light so unsere Gedanken gemacht, und dabei ist es gewissermaßen (auch so ein Wort!) äußerst schlüpfrig (strenggenommen rutschig, möglicherweise glitschig) zugegangen, in unseren Gedanken, was glauben Sie, wo denken Sie hin? In unseren Überlegungen, ich muss es zugeben, sind wir zu keiner umfassend befriedigenden Lösung gekommen, schließlich mussten wir die Diskussion mit der letztlich doch rundum konsensfähigen Erkenntnis beenden, dass keiner am Tisch diese so berüchtigte Erfahrung gemacht hat und wir es strenggenommen auch bezweifeln mussten, irgendjemanden zu kennen, der Eigenwahrnehmungsberichte weiterzugeben in der Lage wäre, denn: Keiner konnte sich erinnern je auf einer Bananenschale ausgerutscht zu sein. Diese Version des Verunfallens scheint, so unsere Überzeugung, ausschließlich in billigen Witzen vorzukommen. Und so konnten wir auch, wie gesagt, keine Antwort auf die uns zunehmend quälende Frage finden, wie denn die so gefährliche Frucht(schale) liegen müsse, damit die höchstmögliche Rutschgefahr (auf der einen Seite ein Haften, auf der anderen urplötzliches Wegrutschen; in der Folge Sturz aufs Steißbein bei gleichzeitiger Unterarmprellung reschpeckchtive Handwurzelauweh, in höherem Alter: Oberschenkelhalsbruchundaus) gegeben sei.
Sie merken schon, wir manövrierten uns in unserem Salon zunehmend in eine durchunddurch heikle Situation, und mehrmals, ich muss es zugeben, standen die Gespräche am Rande des Abbruchs, zu dem es nur deshalb nicht gekommen sein mag, weil die Runde klein war (ein sog. künstlerisches Abendessen, Gipfeltreffen der Künste im kleinsten Kreis: ein Poeta Laureatus; eine Lichtgestalt unter den Bildenden Künstlerinnen; ein Klaviermagier; der im Weingartner Compositör genannte Verfasser dieser Zeilen – verspeist wurde keine Wildente) und zudem jeglicher medialen Aufmerksamkeit und also externen Aufheizung entbehren musste, diese Kapazitäten der Hinterbringung, was der andere gerade für Gemeinheiten gesagt hat (Haben Sie’s schon gehört? Na, was sagen Sie da dazu?), diese ungeniert Haltet den Dieb! schreienden Aufhusser waren (und sind!), scheint es, gegenwärtig anderswo ausgelastet, und das ist gut so. (Irgendwie, das nebenbei, muss ich immer an die Lemuren aus der Schlussszene von Faust II denken, wenn ich im Weingartner die vorletzte Seite jener grauen Zeitung aufschlage, die nur samstags über ein breiteres Spektrum verfügt, sie aufschlage und schnell weiter blättere, bevor mir, ich sage es ganz offen, die Magensäfte hochkommen wollen.)

obacht!
Also: schön aufpassen! (Das ist keine Warnung, anwenauch?)

Mein Fragenkonvolut an Sie also:
– Kennen Sie jemanden, der schon einmal auf einer Bananenschale ausgerutscht ist?
– Hat es Sie selbst gar einmal vermittelst einer Banane aufgebirnt?
– Wenn Sie ausgerutscht sind, ist Ihr Fuß durch direktes Auftreten auf die Innen- oder Außenseite der Bananenschale ins Rutschen gekommen?
– Haben Sie sich eh nicht wehgetan?

Danke für Ihren individuellen Wahrnehmungsbericht. Somit kann ich Ihnen einen schönen Spätestherbst wünschen, sollte es noch eisig werden, tun Sie bitte aufpassen, ob etwelche exotischen Fruchtreste am Boden liegen, ja? (Nicht draufsteigen! Oderaber: Selbstversuch.)

Die Vorschau (Details: bitte beim Wort Vorschau anklikken)

Besonders am Herzen liegt mir der kommende Mittwoch, 29. November um 19.00 im Theatermuseum, da werden Gert Jonke und ich den Lieutenant Gustl von Schnitzler geben, im, wie es sich gehört, Eroicasaal.

1.-7. Dezember, Franzobel & Mütter, Die Weihnachtsorgie: St. Johann – Innsbruck – Winterthur – Kiel – Karlsruhe – Graz – Stainach-Irdning (heim dann über Attnang-Puchheim oder über Selzthalselzthal, gekürzter Aufenthalt)

10. Dezember, 15.00 – 20.00 Uhr
Offenes Atelier bei Victoria Coeln und Bertl Mütter, 19., Krottenbachstraße 66
17.00 Hauskonzert

Und kommen Sie zuguterletzt am 21. Dezember in den Loos-Salon. Da gibt’s die offiziöse Präsentation von muetters muellerin, dem Album.

so schauts aus
Sie sollten sich wirklich drei, vier davon zulegen. Ich sage nur: Irgendwer hat auch im Dezember Geburtstag. Oder vielleicht gibt es sonst einen von außen diktierten Anlassfall zum Geschenkschenkenmüssen.

(Aus Komplettitätsgründen: Der Rückblick)

Jetzt aber nur das Beste, wie immer und weiter so (gilt nicht für alle; der Nikolaus und sein Vizekanzler, die werden’s schon herausbekommen)!

Ihr

Bertl Mütter

Im Lauf der Zeit

Genau so hätte es sein können ungefähr, wäre er dreimal so alt gewesen, damals, dort. Da er sich 1976 aber auf die von aknisch bedingten Gesichtsprotuberanzen zuverlässig begleitete Pubertät einzustellen hatte (ein reichlich passives Geschehen), fiel es ihm leicht, an dieser speziellen Zeit nichts ein Leben lang zu Glorifizierendes finden zu müssen, in permanenter Retrospektion, stellte er fest. Und später, später, zu seiner Zeit? Nun, 1989 war ja dann doch alles anders geworden, erst recht dann 2001, und genau dem entsprach diese Spanne in seinem Lebensalter.

Jetzt! – bin ich gespannt.
Ernst Jandl, 1925-2000

Nofretete

Die allzuschlanke Dame mit dem fehlfarbigen Haar muss im Solarium vergessen worden sein, lederhäutig wie eine vorschnell gealterte Eidechse betritt sie die Vorortelinie, als wäre sie eine ausgewickelte und aus dem Kunsthistorischen entfleuchte Mumie, so schwierig das bei der neuerdings beleuchteten Antikenabteilung erscheinen mag. Aber, und das beruhigt: sie spricht Wiener Dialekt. Ob das nicht den Schrecken steigert?, stelle ich mir vor. Und: Zeit zum Red‘ Deitsch!-Lernen hätte sie ja gehabt, genug.

Noblesse

Die beiden sehr freundlichen Damen saßen einander mit ihren zweimal zweisilbigen Doppelnamen kollegial in ihrem staatstragenden Hochsicherheitsbüro gegenüber, füllten es mit ihrer Kompetenz geradezu aus, als gehörten sie alten, befreundeten Adelsgeschlechtern an. Dabei verdankten sie ihre wohlklingenden Namen emanzipatorischen Entwicklungen, wie sie von den bekannt patriarchalisch denkenden Monarchisten, die sich heutzutage (d.h. mit Unterbrechungen seit 1918) am ehesten in konservativen, sich gerne christlich-sozial euphemisierenden (der Euphemismus lag am zweiten Doppelwort) politischen Gruppierungen finden, eher nicht in moderne Namensgesetze hineinurgiert worden wären.
Aber was weiß man auch, stellte er sich vor, bis Weihnachten kann sich ja noch vieles ändern.

Dekor

Betulich, das war das Wort, das ihm gestern nicht eingefallen war, und es war das vernichtendste, was man über etwas, das sich in einem Kunstkontext darstellen wollte, sagen konnte, nein: musste.
Nichts gegen Salzteig- und Batikkreativität an ihrem Ort; aber bitte nicht in Jazzsendungen oder (es passierte – dieses entsetzliche Gesetz der Serie – gleich am folgenden Abend) in Sendungen zur aktuellen Musik.
Jede noch so hohe kunsthandwerkliche Meisterschaft aber, wie sie selbst in Staatsopern, Musikvereinen, und, ja, auch in honorigen Jazzclubs vorgeführt wird, ist, allein, in jedem Fall, an jedem Ort, zu wenig.
Kein Feuer brennt funkenlos.
(behaglich ist auch so ein Wort)
Außer Dekor.

Seniorenclub

Im Radio brachten sie in letzter Zeit immer öfter Geburtstagsjazz. Zwei Siebziger waren es diesmal, und sie kurbelten ihre jahrzehntelang eingeübten Phrasen aus ihren Instrumenten in ein jazztypisch-applausbereites Publikum, nach keinem Solo fehlte dieses verrauchte Raunen. Bevor er, er hatte kleinere Räumarbeiten zu erledigen, endlich auf – Stille – umschalten konnte, konnte er sich zunehmend des Gefühls nicht erwehren, die beiden Herren (siebzig Jahre jung, versuchte der hörbar schulterklopfende – wos san mir fia Haberer – unerträgliche Moderator, junggeblieben-schwungvoll zu sein) spulten ein Jazzdiplomsprogramm herab, als stünden sie vor einer strengen, aber wohlwollenden Kommission, bitte aber keine Überraschungen.
Immerhin, dachte er sich, da es nun einmal zu ihrer Zeit noch keine Jazzschulen gegeben hatte, man möge ihnen ein Ehrendiplom gönnen.
Dann aber bitte Ruhe.

ozzonaffin

Spätherbst. Dieses Wochenende war der, wie man nicht müde wurde zu kommunizieren, herbeigesehnte Christkindlmarkt endlich eröffnet worden. In der nachmittags schon erleuchteten Wohnung gegenüber schwebte ein Dalmatiner.
Solange diese gasgefüllten Vorweihnachtsboten nicht in den benachbarten Park zumÄußerln geführt werden mussten, sollte es ihm egal sein, stellte er sich vor.

Location

Hat man die Kassenhalle im ersten Stock der Albertina einmal hinter sich, muss man, um zu den unterbelichteten Museumsmusen zu gelangen, durch einen langen Säulengang, der einen in das, wie heißt es lifestyleadäquat: Spa eines Luxushotels zu versetzen scheint; jedesmal, wenn er diese, das unserem gegenwartsbarocken Sendungselbstbewusstsein ihres Direktors idealtypisch widerspiegelnde Passage passieren musste, war er verwundert, dass kein bodyshaped couple in Frotteebademänteln von links (Workoutbereich) nach rechts (Ruheräume, Nassbereich) seinen Weg zu den Musen kreuzte.
Er würde sich eine Nische suchen und sich einsperren lassen. Dann wie es am Abend hier zuging, darüber kursierten die wildesten Gerüchte, stellte er sich vor.

ausgefallen

Albertina (ehrlicher wäre: Albrechtina), der sog. Musensaal. Ein Dinner der adäquaten und also medienpartnerschaftlichen Tageszeitung Österreich ist angesagt, man bereitet die Tische für das, wie man sagt, gedeckte Essen vor. Was ihre Erleuchtetheit betrifft, sind ganze halbe Musen völlig ausgefallen. Auch das erschien ihm irgendwie adäquat.
In der Folge würden die mal zu unterbrechenden, mal wieder aufzunehmenden Gespräche über Verhandlungen bezüglich Koalitionsverhandlungen (Verhandlungsgruppe: Repäsentierendes Kulturerbe, Untergruppe: Kulturerberepräsentanten) von einer interessierten österreichischenÖffentlichkeit aufs atemloseste verfolgt, stellte er sich vor.

halslos

Eröffnungsstaatsakt in einem durch Staatsankauf eingerichteten Stiftungsmuseum, man begeht die Deutschen Expressionisten, sehrschön. Geladene werden zum Dinner gebeten. Unvermittelt fand er sich dem Stifter schräg gegenüber sitzend, und beide schlürften sie ihr getrüffeltes Kürbisccrà¨mesupperl aus einem verlängerten Schnapsstamperl, wobei sie echsengleich züngelnd dem feinen Geschmack hinterherwitterten. Der berühmte Sammler, er hatte einen Rumpf, aus dem der Kopf fast horizontal nach vorne wuchs, sah aus glasigen Augen durch ihn hindurch, sein Alter schien eine an Borges gemahnende Ironie zu zeitigen, stellte er sich vor, ja sogar verdoppelt, wenn man seinen Urberuf Augenarzt bedachte.

(morgen: Albertina)

sicher

Amsterdam, Rijksmuseum. Hinter einem kniehohen Zäunchen bewachte eine Wächterin die Nachtwache, damit die Leute drauf nicht von Blitzen geblendet werden, was, wenn man hinschaute, zumindest zweimal schon passiert sein musste. Oder passte die Wächterin auf, dass den offenmündigen kreuzhohlen schulterhängenlassenden Betrachtungstouristen nicht von den, wenn auch antiquiert, so doch einigermaßen bewaffneten Soldaten Gefahr drohe, so ein Schuss löst sich ja schnell. Außerdem: Wenn die aus dem Bild steigen, wird’s eng; die könnten das nämlich jederzeit, gar, wenn man sie reizt, stellte er sich vor.

Die bewachte Nachtwache
Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669): Die Nachtwache (1642). Davor: Publikum (Foto: Thomas Frison, 2005)

Man entschied, zu Van Gogh zu gehen. Dort, so glaubte man, hoffen zu dürfen, schien es – zumindest für die Betrachtenden – weniger riskant zuzugehen.

Muggen

Mit verdrückten Augen erwachte er an jenem hier in Amsterdam in keiner Weise begangenen Leopolditag. Als er bibbernd, aber unversehrt von der Dusche zurückkam (diesen Vorhang, diesen Abfluss kannte er aus einem Film, der war aber schwarzweiss, was ihn aufatmen ließ), sah er sie, die Novembermugge, und Novembermuggen sind auch in Amsterdam rar, bestätigte ihm seine Gastgeberin, und auch er, der sich jetzt erinnerte, sich nachts mehrmals zwischen den Knöcheln seiner Rechten gekratzt zu haben (unwillkürlich musste er es jetzt abermals tun), stellte sich vor, dass er gut und gern auf die letzte Gelse des längstschonvergangenen Sommers verzichten hätte können.

elementar

Straßenbahn in Amsterdam, so die Sprachregelung seiner Gastgeberin, sei langweilig. Wolle er weiterkommen, er solle die Metro nehmen. Das aber traute er sich dann doch nicht, stellte er sich eine U-Bahn in Amsterdam als ein in unterirdischen Kanälen betriebenes Netz von U-Boot-Kursen vor, wie in Venedig eben.
Außerdem: Um über die Horizontale durchnässt zu werden, brauchte man nicht zusätzlich zu unter den Meeresspiegel auch noch unter die Erde, stellte er sich vor, setzte sich aufs Rad und hatte sogleich die vollinhaltliche Bestätigung seiner Einschätzung am ganzen Körper.
Dass er, wohin auch immer er unterwegs sein mochte, stets gegen die Strömung würde fahren müssen, daran bestand ohnehin kein Zweifel.

Deichgedanken

Wasserrohrbruch in Amsterdam, wie sollte man sich das vorstellen?, stellte er sich vor, als er sich einigermaßen trocken durch den horizontal daherpeitschenden Regenguss zu manövrieren versuchte, bald schon durchnässt wie ein aufgeweichter Pappendeckel. Und die Holländer, die lachten novembervergnügt.
Wohin das alles abrinnen sollte, er konnte es sich nicht vorstellen.

Fallstudie

Wie viele Stürze in amsterdamischen und sonstigen holländischen Treppenhäusern Tag für Tag, wöchentlich und jedes Jahr stattfinden und überhaupt seit ihrer Errichtung stattgefunden haben, diese und ähnliche Statistiken wären noch zu erstellen, stellte er sich jedes Mal vor, wenn er auf seinem Besuch in dieser merkwürdigen Stadt heil und unversehrt an der unter Meeresniveau gelegenen Haustür angekommen war.
Ab da aber war Amsterdam so horizontal wie man es sich nur vorstellen konnte, selbst der Regen.

weiter /2

Als Verfasser eines immerzu fortgeschriebenen und zu veröffentlichenden und also (Leserbindung) täglich fälligen Weblogs merkte er urplötzlich, dass er genau diese Aufgabe für eine nicht unbeträchtliche Anzahl täglicher Leser übernommen hatte, die Statistik belegte das eindrucksvoll.
Wenn die wüssten, wie nah sie ihm von Zeit zu Zeit auf den Fersen waren, stellte er sich, leicht erschaudernd, vor.

weiter /1

Ein Buch zu besitzen, das sich beim Lesen immer um einen Vorsprung von, sagen wir: 200 Seiten dem drohenden Ausgelesenwerden entzöge, das man immerzu fortlesen könne, ja sogar (200 Seiten) vorblättern, das wäre das wahre Lesen; mit Nabokov ginge das ja nicht mehr, aber Dimitrà© Dinev könnte das, jedenfalls für ihn, zweifellos zustande bringen, stellte er sich vor, hoffte er.

Herbst

Der große rote Kran in seiner Straße, unter dem sich so viele Blätter versammelten (was kein Wunder war, denn wenn man nach oben schaute, sah man, dass er völlig kahl war), zeigte ihm, dass es endgültig Herbst geworden war, was ihm auch dieser feucht-modrige Geruch bestätigte, der aus der Kindheit herüber zu wehen schien.

siebzig

Siebzig Minuten sollte das Stück dauern, wusste man schon vor der Uraufführung, wieso wissen die das, wenn es noch nie gespielt worden ist, fragte er sich, und es waren in der Tat siebzig prallvolle Minuten, selten zuvor hatte er derart viele Lungengesunde in einem Konzert in Wien versammelt gesehen und eben nicht hören müssen, Versenkung, ein Schweben. Trotz aller Kontemplation bewirkte die Zeitangabe bei ihm ein, wenn auch minimales, Schwanken in seiner Konzentration, und manchen anderen schien es ebenso zu gehen, wie sollte man außerdem siebzig Minuten gleichmäßig einigermaßen bequem sitzend zu verbringen in der Lage sein, zumal bei einer Musik, wo er jede geräuschlose Umgruppierung der Position seiner Wirbel samt Bandscheiben, ja selbst das Hinabschlucken seines idealtypisch hörenden Nachbars am sich hebenden Kehlkopf vorbei als akustische Intervention empfinden musste, was ihn wieder auf die Grundinformation siebzig Minuten brachte, und da ließ es sich nicht vermeiden, dass er von Zeit zu Zeit möglichst unauffällig auf seine Armbanduhr schauen musste, aber versuchen Sie einmal in derÖffentlichkeit heimlich auf Ihre Uhr zu schauen, es wird Ihnen nicht gelingen oder Sie werden zumindest die Gewissheit haben, dass es alle anderen gesehen haben, stellte er sich vor und konnte während das gesamten Konzerts doch niemanden beobachten, der die eben gegenwärtige Position auf der Zeitstrecke (drei Siebtel, vier Siebtel, …) von seinem Arm ablesen wollte, was strenggenommen ein durchunddurch undurchführbares Unterfangen war, denn du kannst entweder die Dynamik oder den Ort feststellen, so ist das auch mit der Musik, Musik wie überhaupt das Leben in seiner Gesamtheit vermessen zu wollen wäre einigermaßen vermessen, es kann nicht gelingen, und das ist doch ein tröstlicher Gedanke.
Wer sollte also noch jemals wieder auf die Uhr schauen wollen?, und auch er vergaß darauf und konnte sich später nicht mehr auf den Zeitpunkt erinnern, wozu auch?

Thriller (Nachtrag)

Abermals ein Ausschnitt aus der gestrigen ORFON-Perikope: In Millionen Haushalten in Westeuropa ist am Abend das Licht ausgegangen. Aber auch einige Niederösterreicher sind am Samstag im Dunkeln gesessen.
Dazu schreibt mir ein Freund aus einer Grenzstadt Ob der Enns, Metropole des oberösterreichischen Mostviertels, einen persönlichen Wahrnehmungsbericht:
(…) Wir haben übrigens auch um zirka 23.30 die Lichter gelöscht und sind bis heute früh im Dunkeln gelegen (…)
Immerhin, so hoffe ich, dürfte es zu keiner Panik gekommen sein, stelle ich mir vor.
Erdbebenmeldungsanalog sei angeregt, weitere Wahrnehmungsberichte direkt an ORFON zu senden. Was wir brauchen ist nämlich Information, in diesem Fall: Onformation. (Das ermöglichte unseren Politikern auch, besser das Ohr am Volk zu haben, sodass sie uns, in umfassender Kenntnis des Wählerwillens, noch besser regieren können.)

Thriller

ORFON, du erhellst regelmäßig unsre herbstlich-trüben Mienen. Ich darf zitieren, was du am Sonntag, 5. November 2006 berichtetest:
In weiten Teilen Westeuropas kam es Samstagnacht zu Stromausfällen. In Millionen Haushalten in Westeuropa ist am Abend das Licht ausgegangen. Aber auch einige Niederösterreicher sind am Samstag im Dunkeln gesessen. 1.800 Haushalte im Raum Kilb im Mostviertel hatten gestern Abend keinen Strom. 13 Minuten lang saßen die Menschen im Dunkeln.
Erinnern wir uns wieder einmal an den dir so verwandten Fliegenden Zirkuss von Monty Python’s. Da gab es eine Sequenz, wo ein Nachrichtensprecher vor wechselnden Tierdias gleichlautende Katastrophenmeldungen verlas. Der jeweils mit dem eingeblendeten Dia synchrone, die ernste Meldung abschließende Satz lautete stets gleich: No (oppossums, parrotts, penguins, …) were involved. Dann wurde das Dia gewechselt.
Zur weiteren Ausdifferenzierung solcher Berichte über die stromausfallsbedingte nächtlich-niederösterreichische Umnachtung empfehle ich, nach entsprechend grundlegenden Recherchen (vergiss bitte nicht, das heutzutage unerlässliche making-of gleich mitzuproduzieren), folgende Abfolge vierbuchstabig-einvokalisch-mostviertlerischer Ortschaften zwischen Erlauf und Sierning: Kilb – Grub – Koth – Hürm – Mank – Busendorf (ohne Seitenblicke geht’s nicht!) und abschließend die Bezirksstadt, was auch sonst: Melk, Sonnenaufgang am Strome.
Und, wichtig noch!, bitte bring das endlich auch in den internationalen Medien unter; die ignorieren diese Wichtigkeiten nämlich regelmäßig aufs provinziell-provozierendste! (Wenn du willst, gebe ich dir die Emailadressen von CNN oder BBC World.)

was bin ich? /2

Jener Olsberger Uhrmachermeister hatte in seiner sehr geschmackssicher eingerichteten Verkaufswerkstatt feinste Geräte, mit denen er die ihm zur Kontrolle und Reparatur anvertrauten mechanischen Uhren, wie man sagt, auf Herz und Nieren prüfen konnte, Oszillometer etwa, die den Puls der Chronographen sehr genau zu messen in der Lage waren. Dazu wurden die Armbanduhren eingespannt und das Schwingungsverhalten ihrer Unruhe in den verschiedensten Positionen analysiert.
Eines Tages war ein korrekt gekleideter Herr mit der glaubwürdigen Behauptung erschienen, sein edles Uhrwerk am Handgelenk gehe falsch, undzwar hinten. Der Meister übernahm die Uhr zur eingehenden Analyse und stellte in sich dehnenden Versuchsreihen zunehmend kopfschüttelnd fest, dass sie, so etwas war ihm noch nicht untergekommen, in exakt einer Position dazu tendierte, sich etwas mehr Zeit zu lassen, als sie gedurft hätte, nämlich mit dem Aufziehpfropfen nach oben, was bedeutete, dass ihr Träger jeweils über einen längeren Zeitraum seinen Ellenbogen ruhend abgestützt halten musste. Er überlegte sich also wie so etwas kommen könne, welchen Beruf so jemand wohl ausübe, und als der Kunde am vereinbarten Tag pünktlich in der Werkstatt erschien, vermochte der uhrmachermeisterliche Ratefuchs dem unter chronographischer Tagesverlängerung leidenden aufs Gesicht zuzusagen, dass es sich bei ihm nur um einen Beamten handeln könne, Volltreffer, und es war ihm auch sofort peinlich (dem Uhrmacher).
Erinnern wir uns: Bei Robert Lembke mussten die Gäste stets eine Handbewegung vorführen, einen kleinen, nicht verräterischen Hinweis auf ihre Tätigkeit; hier hatte sich die Nichtbewegung, ja, das Einrasten im Ausrasten als typisches Merkmal eines Berufs, ja einer Berufsgruppe (von einer Tätigkeit konnte ja weiters nicht mehr die Rede sein) verraten.
Tja, lieber Herr Offizial, beim Olsberger Uhrmachermeister ist dein Schweinderl leer geblieben.

was bin ich? /1

Zu Erzählen wäre die Geschichte von jenem Uhrmacher (nach dessen Beruf hier also nicht gefragt wird), er war in einer kleinen Stadt im Hochsauerlandkreis daheim, kulturell sowohl interessiert als auch initiativ und gehörte außerdem einer kleinen Kabarettgruppe an, die recht häufig die seiner Uhrmacherwerkstätte (er hatte sich auf mechanische Werke spezialisiert, so gut das eben in einer Kleinstadt ging, doch dazu weiter unten) angeschlossene Spielstätte, das Alte Kino von Olsberg (jetzt ist es heraußen) mit einem dedizierten Publikum zu füllen vermochte.
Wie das Leben eben so spielt, es bringt selbst die besten Sketches und erst recht Pointen.

Ganz im Allgemeinen und nur nebenbei gesagt: Kunst ist stets eine derÖffentlichkeit dargebotene Untertreibung der tatsächlichen Umstände und Begebenheiten.

(morgen: wie das Leben eben so spielt)