Portogruaro, Antico Albergo Spessotto.
Mitten im Zimmer steht der gläserne Aschenbecher, darunter ein dreisprachig verfasster Zettel, die englische Variante: Please don’t smoking in the room. Thank you.
Es ist ja genau genommen so, dass, bevor es keine Raucher gegeben hat, auch noch keine Nichtraucher existieren konnten, und das ist das Problem jeden Abstinenzlertums, sich ex negativo definieren zu müssen. Eine große Tragik, ja, Vergeblichkeit wohnt dem inne, bei aller guten Absicht keinen positiven Weg vorgeben zu können. Daraus erklärt sich möglicherweise die solchen Gruppen seitens der Nichtabstinenzler (Vorsicht, jetzt beißt sich die Katze in den Schwanz!) zugeschriebene Destruktivität, behauptete Ungemütlichkeit und überhaupt.
Tatsache ist jedenfalls, dass der Hotelzimmernichtraucher einen Aschenbecher braucht, wo er die Nicht-Asche seiner Nicht-Zigarette nicht abstreifen kann.
In der Stadt mit dem schiefen Turm haben sie das aber sowas von kapiert.
mütterlog
Es ist sehr verschieden, in die Zukunft – und in die Vergangenheit zu lügen.
Jean Paul (1799)
Spaghetti
Spaghetti ai pomodori datterini.
Rote Patzer aus der Gabelzentrifuge.
l’ultimo sospiro /2
Venezia, vor dem Dogenpalast, ein Stück weiter links.
Kurt Cobain, Elvis, Che Guevara, Jimi Hendrix, Bruce Lee, Freddie Mercury, Jim Morrison, Frank Zappa – Willst du auf ein T-Shirt, musst du (un)tot sein. Oder Papst.
Oder beides.
l’ultimo sospiro /1
Venezia, vor dem Dogenpalast. Alles blickt zur Seufzerbrücke. Dort wird restauriert, das wird finanziert, und zwar von einer Firma, die dafür ihr Transparent Replay anbringen lassen durfte.
Da hätten sich die Delinquenten aber gefreut, die auf dieser Brücke von den Bleikammern ihren letzten Gang angetreten sind: Wiederholung, bitte in Zeitlupe, sehr sportlich, dankeschön.
Yacht /4
Große stachelige Ratten drängen sich paarweise unter den Tischen der Abendtable d’hote. Große Angst der Gäste. Humor der Angestellten.
Schreibt, danke für den Gastsatz, Max Brod 1911.
Das exotische Personal in all seiner Weißheit wird eine solche Katastrophe wohl zu vermeiden wissen. Aber was ist dann mit dem vorgestrig ausgekundschafteten alleruntersten Raum? Und was für Gäste?
Yacht /3
Beim Personal an Bord ist von außen keine Hierarchie zu erkennen. Die Herrschaft aber liegt entweder schwerkrank tief im Innern des Rumpfes, alles wartet auf den Spezialisten, welcher allein in der Lage ist, die schwierige Operation erfolgreich durchzuführen. (Natürlich hat das Schiff einen eigenen Operationssaal.)
Oder aber sie weilt als persönlicher Gast des Dogen in den zauberhaften Gemächern des Palastes, stelle ich mir vor.
Yacht /2
Der allerunterste Raum des Oceandampfers, der das ganze Schiff durchgeht, ist völlig leer, allerdings ist er kaum ein Meter hoch. Die Konstruktion des Schiffes verlangt diesen leeren Raum. Ganz leer ist er nicht, er gehört den Ratten
Weiß, danke für den Gastsatz, Franz Kafka 1922.
MaroniMütter 2005
Eigentlich wollte ich erst Mitte Oktober schreiben. Aber die Ereignisse überstürzen sich (wie überstürzt sich denn etwas?), zumindest ätherisch. Weil morgen, am 1. Oktober ist bitteschön von 22.05 bis 23.00 im Radio ein Österreich 1 extra von meinen parlando. posaunenplaudereien vom 16. September im Radiokulturhaus. Ich hab’s nur beiläufig beim Durchblättern der Programmzeitschrift gehö1t aufgeschnappt, so ein Glück, dass ich das noch derlesen habe und Ihnen somit sagen kann. Für Außerösterreichische gibt es hier das Webradio. Bevor es mit dem regulären MütterBrief losgeht, noch drei dokumentarische Photos (©Victoria Coeln) von jenem 16. September 2005, die im Radio aus bekannten Gründen nicht übertragen werden können, sie zeigen mich vor (Abb. 1), während (Abb. 2) und nach (Abb. 3) dem Umknöpfeln.

Abb. 1

Abb. 2

Abb. 3 – das schaut doch gleich viel eleganter aus, zudem in voller Breite!
Also noch einmal: den unteren Knopf nicht einmal nicht angreifen! So ist es am sichersten.
Jetzt aber! Liebe MBA,
der Nachsommer, er scheint vorbei (nach welchem Sommer, bitte?), und der Oktober, von Christian Morgensterns weisem Galgenkind mnemotechnisch als Locktauber gespeichert, zieht ins Land. Allüberall wird die Ernte eingebracht, und auch ich denke mit regem Interesse an die Reben daunddort, vor allem aber am Wagram.
Locktauber, das erinnert daran, dass auch politisch geerntet werden will: Die Grüne Steiermark, das Sonnige Burgenland und Meine Goldene Wienerherzstadt kämpfen zur Wahl. Besonders anregend finde ich dabei eine Plakatreihe einer gemeinhin als schwarz bezeichneten wahlwerbenden Gruppe. Sie wirbt mit dem abschließenden Satz: weil in wien rot regiert. Davor, so ist es üblich, steht ein anschaulicher Impulssatz. Am besten gefällt mir der: stundenlang im stau. Ich stelle mir vor, dass der Reporter eines Privatradiosenders, von Radio Wien oder vom HitradioÖ3 mitten aus dem Geschehen berichtet, wie es sich eben gehört. Der live aufgedrehte Radioagitator stellt sich also, sagen wir, auf die berühmte Südosttangente und befragt herumstehende Autopassanten, warum sie hier stundenlang herumstehen. Die freundlichen Wiener Autofahrer lächeln verklärt ins Mikrophon und sagen in charmantestem Ton Na ja, weil in Wien rot regiert. Ich stelle mir weiters vor, dass ein in meinem Wohnbezirk befindliches Wetterobservatorium (im Nebenberuf Fußballplatz), die Hohe Warte, von so einem Reporter besucht wird und der dortige Universitätsprofessor für Meteorologie und Geodynamik um eine Erklärung für den verregneten Sommer gefragt wird. Auch er wird um eine Antwort nicht verlegen sein.
Was mich betrifft, ich frage mich, was ich denn anziehen soll im Oktober. Weil physisch bin ich ganz schön unterwegs, und wenn es am 20. in Rom oder am 21. in Skopje noch recht warm sein kann, ist es möglicherweise bereits am 22. in Moskau bitterkalt. Ich werde berichten, hier im MütterLog oder beim AllerheiligenMütter.
Herzlich, Bertl Mütter
Meine aktuellen Termine finden Sie wie immer in meiner Terminvorschau. Und was vorbei ist, ist vorbei, und wer zu spät kommt, der hat das Nachsehen.
Yacht /1
Venezia, Riva San Biagio. Hier ankern Yachten, auf denen man überwintern kann. Sie sind so groß, dass man auf ihnen sogar überleben könnte, Personal inklusive.
Weiß gekleidete hübsche junge Männer verrichten schauend den öffentlichen Teil ihrer Arbeit: Sie putzen alles, was schon weiß und blank ist, bis alles schön weiß und blank ist. Zwischendurch schauen sie. Alles schön sorgfältig und langsam. Dabei sprechen sie kein Wort, auch miteinander scheinen sie sich ausschließlich durch höfliche Gesten und wächsern poliertes Blinzeln zu verständigen.
skål
Dänen im Ausland freuen sich, wenn sie einander als Landsleute erkennen.
Dafür aber haben sie auch viel weiter nach (z.B.) Venezia.
maunz
Venezia, Via Garibaldi.
Alles maunzt, je näher bei den Fischständen, umso leidvoll-dränge(l)nder.
Hätte ich einen Kater, ich würde ihn Garibaldi nennen.
biennal /2
Biennale di Venezia, Arsenale.
Kunstarsenal. Rüstkammer für welchen Krieg? (Zeitgemäß wird dieser auf Videoschirmen ausgetragen.)
biennal /1
Biennale di Venezia, Giardini.
Die Länderpavillons gleich nach dem Eingang links des Weges werden traditioneller Weise zuerst inspiziert: Spanien – Belgien – Holland. Mittendrin steht der bestbesuchte, W.C.; als ob man an einem bedeutenden Kunstwerk mitwirke, einer temporären Installation, staffettenartig weiter zu betreuen.
Indien, Italien oderÖsterreich
Österreichische Gerichte
Hawai Schnitzel
Pariser Schnitzel
Bœuf Stroganoff
Restaurant Bayrischer Hof
Es gibt österreichische, italienische und indische Spezialitäten.
Guten Appetit und Spaß beim Genießen unserer Speisen wünscht Ihnen Bhola Nath mit seinem Team.
Indisch war eigentlich eh recht gut.
Oder:
Also, wenn Sie nach Salzburg kommen, da muss ich Ihnen aber ein Restaurant empfehlen, ein Geheimtipp, sag’ ich Ihnen!
Australien oder Ecuador /2
Wir treffen in Salzburg ein.
Es regnet. Filzwetter.
Australien oder Ecuador/1
Lange schon trage ich mein Haar offen und kurz, es war eine pragmatische Entscheidung, denn über kurz oder lang wäre seine Ungleichverteilung auf dem Haupt, ein unausgewogenes Verhältnis zwischen den Regionen Stirn und Hinterkopf, prekär zutage getreten.Völlig unabhängig davon brauche ich seit Jahren gar keine Frisur mehr, ich bin, ausgenommen beim Autofahren, begeisterter Hutträger. Als solcher sind mir April und September besonders heikle Monate, erst recht, wenn ich verreise, speziell gegen Ende September kann es für den sommerlich leichten Panama ganz schön rau hergehen. Und fährst du die Wochenroute Wien – Salzburg – Venezia – Salzburg – Wien, verlangt es dir nicht wenig Intuition ab, die richtige Kopfbedeckung zu wählen. Da ich aber hoffe, dass ich, nähme ich den australischen Kaninchenfilz, an der Adria unmäßig schwitzen müsste, entscheide ich mich für das Geflecht aus Ecuador. Und promeniere, das Adagietto im Innenohr, auf den Spuren Gustav Aschenbachs am Grand Hà´tel des Bains den Lido entlang, natürlich mit weißem Schal.
Aschenbach mit dunklem Filz in Venedig, das wäre nämlich schlechterdings unvorstellbar.
meistens /3
Einmal noch:
Österreichische Jazz-Musiker spielen oft nur selten im eigenen Land.
Auch die aus dem Werbefernsehen bekannte Formulierung
nicht immer, aber immer öfter
ist auch nicht ohne und ließe sich sicherlich gewinnbringend in diese löbliche Kampagne einbringen.
Vor allem im eigenen Land.
meistens /2
Noch einmal:
Österreichische Jazz-Musiker spielen oft nur selten im eigenen Land.
Der große (und recht schlanke) Karl Valentin (auszusprechen wie Viktring) pflegte eine fehlende Häufigkeit mit dem sprachlichen Dreisprung
selten, oft nie
noch eindringlicher ins Bewusstsein zu rufen.
meistens /1
Ich wiederhole den schönen und zu tiefer Meditation Anlass gebenden Satz
Österreichische Jazz-Musiker spielen oft nur selten im eigenen Land.
Der von mir überaus geschätzte Radioredakteur (er ist weitaus mehr!) Giselher Smekal dichtete diesen an Ebenmaß so reichen Spruch, und ich denke, seine grammatikalisch zu bemäkelnde leichte Widersprüchlichkeit kann als ohne jeden Zweifel im Dienste des inhaltlichen Engagements stehend durchgehen gelassen werden.
Im Schularbeitsheft gäbe es hier von mir eine rote Wellenllinie und ein Fragezeichen.
Brauchtum
Österreichische Jazz-Musiker spielen oft nur selten im eigenen Land.
Das hat aber wirklich auch einmal gesagt gehört.
Hiermit oute ich mich als begeisterter Fan des weit verbreiteten (vom Neusiedler- bis zum Bodensee, von der March bis an die Karawanken) Austro-Jeiers. Und hoffe, dass viele, die sich damit nicht begnügen wollen, beim MM-Jazzfestival in St. Pölten waren.
(Was aber wäre das grammatisch korrekte Gegenteil obiger Jeier-Leier?)
Moebius /2
Der Redakteur, mit dem ich erst unlängst ein Gespräch für eine Ankündigungssendung desÖsterreichischen Rundfunks geführt habe, hat versprochen, mir eine CD beim Portier des Funkhauses zu hinterlegen, ich kann sie auf dem Weg zur Garderobe meines in der Ankündigungssendung angekündigten Auftritts abholen.
So einfach geht das aber nicht, ich erlebe ein Beispiel, wie eine genaue Adressierung (so genau, dass ganz sicher nichts daneben gehen kann), die Fähigkeit zu Improvisieren lähmt, eben, weil ja alles so genau auf dem Packerl oben steht. Zwar ist mein Name diesmal korrekt geschrieben (keine aufkeimenden Mythen), und auch, dass ich vorbeikomme, es abzuholen. Die Datumsangabe aber schießt meine schöne CD in eine moebiusschleifenartige Umlaufbahn: Der Tag meines Besuchs beim Funkhausportier ist Freitag, der 16. September. Auf der CD-Hülle steht: z.H. Hr. Bertl Mütter. Kommt am Samstag (18.9.).
Ich weiß nicht, ob das Geschenk im Samstag-Fach oder im 18.9.-Fach gelegen ist; unter Aufbietung aller uns gemeinsam zu Gebote stehenden Kreativität haben wir es schließlich an Hand des Namens identifiziert (es wurde ja nicht, wie jene Nachricht unlängst, telefonisch hinterlegt).
Wundern täte es mich ja nicht mehr an dieser Portiersloge in diesem sympathischen Haus.

Moebius-Schleife
Menü /2
Das Wirtshausmenü inÖsterreich (und erst recht in Wien) folgt einem strengen Reglement. Je näher das Wochenende rückt – inÄmtern wünscht man sich neben dem obligaten Mahlzeit (vorzüglich auf dem Weg vom bzw. zum Häusl) bereits ab Mittwoch, 11.00 Uhr, ein schönes Wochenende – desto strenger: donnerstags gibt es Spinat mit Spiegelei und, so war es immer schon, freitags Scholle gebacken / Seehecht paniert / Dorschfilet mit Erdäpfelsalat. Das Fünfhauser Stüberl, das seinen Menüplan auch an die Tür vom Cafà© Weingartner anschlägt, ist da keine Ausnahme. Ein weiterer Fixposten sind die gerühmten Augsburger mit Erdäpfelschmarrn, jeweils mittwochs, seltener dienstags. Zu jedem Menü à € 5,- (von 12 bis 14 Uhr nur € 4,-!) gibt es, natürlich fünfmal wöchentlich, die beliebte Tagessuppe.
Vor gut einem halben Jahr aber wurde jener Stabilität gewährende Rhythmus empfindlich verwirrt: Statt der freitäglichen, die Woche ruhig abschließenden katholischen Scholle (und, meinetwegen, des protestantischen Dorschs) stand da plötzlich ein unentzifferbares Wort am Speiseplan: Pangasius.
Das ist gesessen, und was nicht bekannt ist, wird bekanntermaßen nicht gegessen.
Doch siehe, der Esser Sorge, sie ward umsonst: man brachte, Wochen langen Analysierens später, den erklärenden Zusatz (Welsart) in Klammer an, und seither wird auch freitags das Menü wieder, selbstredend mit Erdäpfelsalat, gerne verzehrt.
Und natürlich auch ins Weingartner serviert.
Menü /1
Freitag in Wien 15, Fünfhauser Stüberl.
Ich selbst war noch nie drinnen, das ist auch nicht nötig, ist es doch die Gastwirtschaftsnachbarschaft von meinem
Cafà© Weingartner, Herr Heinz, der Junior, ist der gerne sich recht geschäftsmännisch gebende Boss von beiden Lokalen. Und wenn du wasauchimmer von der Speisekarte des Fünfhauser Stüberls willst, servieren sie es dir, je nach Wetter und Jahreszeit, durch den Innenhof oder über die Gasse, völlig unproblematisch jedenfalls auch ins Cafà©, und du gehst nicht der angenehmen Atmosphäre verlustig.
Natürlich gibt es in dem u.a. in der Rubrik Essen mit Hund bzw. preisgünstig essen im Wien, wie es isst verzeichneten, gastronomisch recht einfach gestrickten Kleinrestaurant von Montag bis Freitag ein Menü; dem will ich mich hier näher widmen.
(Fortsetzung morgen – trotz Samstag)
Merken
Das Radiokolleg auf Österreich 1 ist eine unentbehrliche Bildungsquelle. Jede Woche von Montag bis Donnerstag werden zwischen 9 und 10 Uhr die unterschiedlichsten Themen behandelt, und das mit dem Luxus der Gründlichkeit, den eine Sendezeit von 4 x 23 (für den jeweiligen Hauptbeitrag) bzw. 4 x 14 Minuten (für die zweite halbe Stunde, davon am Schluss die Musikviertelstunde) erlaubt. In dieser Woche erfahren wir allerhand über die Entwicklung und das Vergehen von Sprachen, sowie über die musikalische Inspiration (ob und wenn ja, wie). Der mittlere Beitrag, Generationentheater, präsentiert u.a. ein faszinierendes Theaterprojekt, das es in Wien seit etwa 1998 gibt. Es heißt Erinnerungstheater, und ich empfehle, sich auf der spezifischen Homepage näher darüber zu informieren.
Zudem besonders bemerkenswert finde ich die Tatsache, dass die Gründerin und Leiterin des sich mit dem persönlichen Erinnern der Protagonisten aber auch des Publikums beschäftigenden Theaterprojekts den Namen Michaela Schwind trägt.
So könnte etwa auch eine Romanfigur heißen, die sich mittels gezielten Vergessens durchs Leben gestrudelt hätte, derart, dass sie es z.B. bis zum Staatsoberhaupt eines kleinen mitteleuropäischen Landes gebracht hätte.
alles neu
Im Kunsthistorischen Museum wurde die Antikensammlung völlig neu gestaltet, sehr schön, wirklich wahr. Mein Geruchssinn führt mich zu einem monströsen Verdacht: Es ist nämlich so, dass der Bereich des Museums mit den angeblich ältesten Kunstschätzen sonderbar neu riecht, nach Frisch gestrichen bzw. Achtung, neu verfliest! Ich stelle mir aber vor, dass die Ausstellungsstücke selbst Neuanfertigungen sind und aus einem neuartigen, auf antik getrimmten Plastik hergestellt wurden. Die Originale hat der Direktor in seinem Büro, wo ja auch die Saliera ohne jeden Zweifel weilt (obwohl, die ist ja schon vom Grundmaterial her nicht echt, aus einer Art Pappmachà©, haben sie uns gesagt). Der Beweis für meine These ist, dass man die Originalität der Exponate nicht überprüfen kann, Berühren verboten.
(Überleitung/1:) Wer füllt schon alten Wein in neue Schläuche?
Eingeräumt sei, dass die auf den Stand der Zeit gebrachte (und somit elektrifizierte) Sammlung jetzt wirklich traumhaft schön zu durchwandern ist.
Altes in Neuem, das hat halt was (Überleitung/2), wie ja auch der neue Wein von alten Reben eine besonders begehrte Spezialität ist, vor allem natürlich, wenn er vom Wimmer-Czerny ausm Weelfel kommt und Grüner Veltliner oben steht. Und dem Hans gratuliere ich zu seinem heutigen 40er aber so was von herzlich (ich sags ihm am besten am Nachmittag selber)!
Arithmetik
(1) Auto in zwei Teile zerrissen – ein Toter.
(2) Sechzigjährige stürzt achtzig Meter in den Tod.
ORF ON stellt regelmäßig makabre Schlussrechenaufgaben.
Mögliche Fragen:
(1) In wie viele Teile muss ein Auto zerrissen werden, damit
a) zwei
b) fünf
c) n
Tote herauskommen?
(2) Wie weit muss eine
a) Dreißigjährige
b) Achtzigjährige abstürzen?
Zusatzfrage:
c) … um halbtot zu sein? (Könnte das eine Fangfrage sein?)
sauber
Im Zug. In den Waschräumen haben sich längst die praktischen Lichtschranken durchgesetzt: Du brauchst nur deine Hand darunter zu halten, und schon fließt das Wasser oder du wirst vom Fön getrocknet. Oder – ich erinnere an eine Reise nach Schottland – beides zugleich.
Ich muss hier eine Warnung aussprechen: Misstrauen Sie dem Wasserhahn! Raspeln Sie sich keinesfalls vom Drehspender die harte Seife in Ihre Hände, betätigen Sie bitte nicht den Flüssigseifpumphebel, ohne sich vorher vergewissert zu haben, dass der praktische Wasserhahnlichtschranken auch tatsächlich in der Lage ist, Wasser zum Fließen zu bringen! Ich stehe, zumal in österreichischen Zügen, regelmäßig mit sauber angepatzten Händen da.
Vergeblich nehme ich mir jedesmal vor, diesmal Obacht zu geben; allein, der Einseiftrieb scheint stärker zu sein.
(Vielleicht hilft mir ja dieses Memento. Und wenn nicht mir, möge es wenigstens Ihnen hilfreich sein.)
prominent /2
Die Stadt Wien veranstaltet jährlich im Rathaushof eine Szenefest genannte mildtätige Künstlerausspeisung. (Ich frage mich, durch welchen administrativen Irrläufer man mich auf die nicht anders als ominös zu bezeichnende Gästeliste gesetzt hat; was ist das für eine Prominenz, deren man mich bezichtigt?) Weil im Oktober gewählt wird, hat man heuer den An-sich-Frühlingstermin bis Ende August warten lassen.
Ich erlebe eine nette Zombieshow: Wo trifft man sonst noch Stars, die einem das erste Mal von Heinz Conrads, im Seniorenclub oder meinetwegen in Peter Rapps Spotlight präsentiert wurden?
Ich stelle mir vor, dass ein würdig gekleideter Zeremoniär nach den obligaten Politikerreden Unsere besonderen Gebete für denjenigen aus unsrer Mitte formuliert, welcher dem eben Verewigten als nächstes nachfolgen wird.
prominent /1
Beim Fliegen tauchen speziell in der Ferienzeit immer wieder Menschen auf, die sich so benehmen, als hätte man sie zu kennen. Zuerst nur, wenn man in ihre Nähe geraten ist; dann aber, wenn der Steward leider nicht erlauben kann, das dritte Handgepäckstück (Schminkköfferchen) beim Notausgang abzustellen, sollen und müssen es alle erfahren, was ihr an Unerhörtem widerfährt, Frechheit, Zumutung. Ab sofort steht das Personal bis hinauf zum mittleren Management unmittelbar vor dem Rausschmiss. Schließlich hat man potente Freunde, müssen alle erfahren.
Ich bewundere in solchen Situationen die Contenance der Crew.
Schon merkwürdig, dass die erboste Dame beim Aussteigen (das zuvorderst ihr zustünde, wie sie von sich gibt) ganz am Schluss erst drankommt, irgendwie ist der Weg von der Mitte des Flugzeugs zu einer der beiden Treppen eigenartig versperrt; dabei sitzt sie doch am Notausgang.
Papier /2
Kaum mache ich mir triviale Gedanken, schon lande ich auf einer Toilette, deren im gleichen Gelbton wie der vorjährige Saisonrenner gehaltenes Papier zwei überaus freundliche, ja, verheißungsvolle Worte aufgedruckt hat:

Ich denke mir: Hoffentlich.
Papier /1
Letztes Jahr war es der Renner der Saison: Gibt es eigentlich noch das gelbe Klopapier mit den Trivial Pursuit-Fragen?
Wie soll ich mir einen öffentlichen Wettbewerb damit vorstellen?
Und: wie definiert sich eine Klopapiersaison? Mit den Jahreszeiten oder mit dem Arbeitsjahr? (Das beginnt ja bekanntermaßen mit der Auslieferung des neuen IKEA-Kataloges.)
mythologisch
ORF Funkhaus, Empfang. Der Portier hat sich auf einem Zettel eine telefonisch entgegengenommene Anweisung notiert, wie er bei meiner Ankunft verfahren soll: Wenn Hr. Mytha kommt, bitte folgende Nummer anrufen: (…)
Danke, lieber Herr Portier; nicht nur, dass Sie mich jedes Mal, wenn ich Sie sehe, vor allem der nachdunkelnden Brillen aber auch des Haaransatzes wegen, an Tito / Alfons Dalma (die waren für mich als Kind ein und dieselbe Person) erinnern, kann ich ihnen nun persönlich für diese spitzenmäßige Sprachschöpfung dankbar sein!
Ich überlege ernsthaft, dieses Pseudonym anzunehmen.
Image
Die Geschichte vom Wahrsager in Edinburgh, der in den Botanischen Garten ging und dessen Kristallkugel während seiner Abwesenheit einen Brand entfachte, ist so traurig, dass sie nicht einfach von den immergleichen Tagesaktualitäten hinfort gespült werden sollte: Nicht nur hat der bedauernswerte junge Schotte seine Mansarde abgefackelt, hat er nun auch schwer wiegende Imageprobleme zu gewärtigen, wenn er, (eben kein) Profi, dieses Unglück nicht voraussagen hat können.
Ob jetzt allerdings vorhergesagte und nicht eingetroffene Ereignisse oder unvorhergesagte, jedoch tatsächlich passierte Vorfälle häufiger sind, diese Statistik wird noch zu stellen sein.
Ich bin gespannt, ob es zu einer Rehabilitation des unglücklichen Zukunftserkunders kommt.
Trophäen
Ich stelle mir vor, dass die Trophäen an den Wänden von Jagdstuben oder Großjagdsalons, im Sprung durch die Wand erstarrt, nur den Vorderteil der ausgestopften Viecher zeigen. Der (wesentlich größere) Rumpf hängt auf der anderen Seite, oft weit, in den Raum hinein. Diese Zimmer sind gemeinhin nicht öffentlich zugänglich und dem Personal vorbehalten. In besonders große Tiere klettert von Zeit zu Zeit die Herrschaft oder (wir sind in Belgien, vergessen wir das nicht) Hercule Poirot, um die Gäste, ein jeder ist verdächtig, ausgiebig beobachten zu können.
Oder kam der Schuss gar aus dem Bären? Wer aber hat das Opfer dann in den Sessel gesetzt? Und was hat es mit dem Spiegel auf sich?
(Fortsetzung folgt)
Jogdstumöwi
Mein Warten (auf Tournee sein heißt: Warten) verbringe ich in einer Salon genannten Jagdstube aus den frühen Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts: Vorne im Kamin liegt das Brennholzsurrogat auf einem schmiedeeisernen Sockel, welcher von zwei großbusigen Sphinxen auf dem Rücken getragen wird; hinter ihnen verläuft das Kabel seitlich weg. Die Sesselgarnitur samt halbhohen Wohnzimmertischchen (alles Eiche rustikal) kann nur ein Restposten vom Möbel Hiendl in Passau gewesen sein. Von dort aus wurde nämlich, vor Ikea noch, ein nachhaltiger Möbelfaschismus (©Franzobel) überallhin exportiert; nach Oberösterreich etwa wurde, Zoll inklusive, gratis geliefert, was unser Möbel Braunsberger arg zu spüren bekam. Jedes Jahr beim Sternsingen konnte ich mich von der unaufhaltsamen Durchsättigung der Münichholzer Wohnzimmer mit jenen amorphen Verbauen (nomen est omen) und ihren klobigen Sesseln, die mit dem Kurvenlineal gezeichnet sein mussten, vergewissern; alle habe ich sie wieder gefunden, hier und heute, in Belgien, Province de Luxembourg.
Was aber wäre eine Jagdstube ohne waidmännisch-regionstypische Trophäen an den Wänden? Hier in Gaume ist es ein Keiler mit aggressiv gefletschten Hauern.
(mehr dazu morgen)
Kiemen
Es hat dann doch noch geregnet. Wir sind, so versichert man uns, eben in Belgien, da gibt es, ähnlich den Inuit in Bezug auf Schnee, ein recht differenziertes Vokabular für den zentralen Wetterbegriff Regen. Am Vormittag kommen gleich mindestens fünf davon (genauer bin ich nicht zu beschreiben in der Lage) zur Anwendung: zuerst nebelartiger Sprühregen, dann nieselt es, ansatzlos schüttet es, dass man zum Patron der Dachdecker beten mag (wer ist das eigentlich?); zwischendurch peitscht der plötzlich einsetzende Sturm den Guss horizontal daher, bis sich das Ganze zu einem schnürlartigen Landregen auszuheitern scheint. Aber auch der währt nicht lange, die Sonne blinzelt durch, und der Sprühregen kann von vorne beginnen. Ein ganz normaler Sonntag eben.
Unbeeindruckt davon (warum sich auch vom Gewöhnlichen ablenken lassen?) fischen ganze Familien ihr Mittagessen aus dem Teich hinter der Hotel genannten Unterkunft. Oder, stelle ich mir vor, sie warten, bis ihnen selber Kiemen wachsen.
dichter
Gaume Jazz Festival, Province de Luxembourg, Belgique. Unsere Hotel genannte Unterkunft ist gut zwanzig Kilometer durchs Kurvenreich vom Festivalgelände, einer Art Klein-Woodstock (ohne rain und also ohne no rain), getrennt. Den Shuttle-Bus teilen wir mit fünf Finnen; sie haben ihren Auftritt bereits hinter sich, und (vor allem ihr Tourmanager) reichlich Frostschutz in sich. Was sie sich gegenseitig in dieser knappen halben Stunde zu erzählen haben, ist uns Außerfinnischen naturgemäß völlig unverständlich (nicht eine einzelne Silbe!). Zweifel kommen auf, ob es sich bei diesen curiosen Gestalten um Finnen handeln könne: Die Anzahl der von ihnen in dieser kurzen Zeit im Bus gesprochenen Silben übersteigt jene sämtlicher Kaurismäki-Filme zusammen genommen um ein Vielfaches. Ich kann mich nicht erinnern, jemanden dichter reden gehört zu haben, höchstens vielleicht Roberto Benigni als römischer Taxler in Night on Earth; der ist, wiewohl eine Episode mit einem kaurismäkischem Personal in Helsinki gedreht wurde, von Jim Jarmusch. Mich beunruhigt die Erinnerung, dass der römische Fahrgast, ein Bischof oder zumindest Monsignore, die nächtliche Reise herzausfallsbedingt nicht lebend überstanden hat.
KastanienMütter 2005
Als hätte er es mit einem Blick herabgeholt, wirbelte leicht und langsam ein breites Kastanienblatt aus dürrem Gold nieder und blieb auf dem breiten Hutrand der Matzner liegen.
(Josef Roth, Die Geschichte von der 1002. Nacht, 1939)
Liebe MBA,
die gemeinhin Sommer bezeichneten Monate neigen sich ihrem Ende entgegen. Ich hoffe, Sie haben Ihre Zeit zum Ausrasten so genießen können wie ich.

Ich will hier gar nicht meine diesjährigen Verweile noch, du bist so schön-Orte aufzählen.

(Zum Verweilen im römischen Pantheon o.Ä. wäre es, wenn je angebracht, ohnehin ein bissl früh, und das sollen dann auch andere entscheiden – idealerweise aber bitte nicht der Herr Berluskoni.)
Sicher haben Sie wesentlich interessantere Ziele aufgesucht und – Wo bist Du, wo bist Du, mein geliebtes Land? – hoffentlich gefunden und vor allem erkannt.
Schon ein sonderbares Wort, aufsuchen; dazu dann noch absuchen, durchsuchen, untersuchen, versuchen, und sehen Sie, damit sind wir beim einzigen, somit Hauptthema: Ich versuche es wieder, diesmal ganz allein, Ihnen neue und alte Gschichtln einizdrucken. Sie wissen es bereits, es handelt sich um den
Freitag, 16. September 2005, 20.00 Uhr, Wien, Radiokulturhaus,
und da ist auch schon das zugehörige Link zu
ppp – parlando. posaunenplaudereien.
Schwelgen werde ich halt, von den familiären Fahrten an die Adria in den späten Sechziger und frühen Siebzigerjahren etwa; selbstredend mit Livestream im Internet.

(Man beachte: Bereits zu Zeiten der Mondlandung pflegte ich im Sommer Weiß zu tragen.)
Und von sonst noch allerlei werde ich erzählen, was mir halt so unterkommt; sicher auch Einiges aus dem (von Ihnen hier aufgesuchten und täglich erneuerten) MütterLog. Wie es halt so ist: Worüber ich nicht sprechen kann, darüber muss ich spielen – und umgekehrt halt. Es möge Halt sein im Alltag.
Und da war es schon wieder, das Stichwort, ich darf mich verabschieden, hoffentlich bis zur Mitte des Monats. Sooderso wünsche ich einen gelingenden Wiedereinstieg ins praktische Erwerbsleben; beeilen Sie sich, Weihnachten kommt heuer recht bald.
Herzlich,
Bertl Mütter
Meine aktuellen Termine finden Sie wie immer in meiner Terminvorschau, im September ist das nach außen hin wenig, dafür wird im Oktober fest und umso heftiger herumstrawanzt.
Vorgabe
Es gibt Namen, die man besser nicht führt, zu beschämend wäre der assoziierende Vergleich. Schriftsteller sein etwa und Roth heißen. Was will ein solcher nach Joseph noch Gescheites schreiben? GarÖsterreichisches?
hinterrücks
Am Vorabend des Beginns des meteorologischen Herbsts betrachte ich unwillkürlich eine Kastanie. Hinterrücks (nicht anders ist es zu bezeichnen) hat sie ihre Früchte reifen lassen, diese Jahreszeitenkünderin. Ich muss zugeben, dass mir ihre der Mai ist kommen, der Winter ist aus kündenden Blüten wesentlich lieber sind.
Jazz
Jazz, das ist ein Parfum, ein Kleinwagen und (meist rückwärts gewandtes) Musikkunsthandwerk. Auf diese Gegenstände bzw. Verrichtungen ist in gleichem Maß das durchaus pejorativ zu deutende Verb jazzln (tschessln, tschässeln) anwendbar. Von einem Instrumentenhändler in Pichl bei Wels (immerhin Herkunftsort Alois Brandstätters, eines sprachlich Sensiblen) habe ich mich, seit er mich fragte: Und, tust no tschessln? – fern gehalten. Es war eine unverstandene, gute Entscheidung.
Dann gibt es noch den Jazz von Ernst Jandl. Nur dem fühle ich mich verpflichtet.
wechselwarm
Cristina (so heißt der Einhandmischer der Dusche des Hotels in Rom) hat morgens Wallungen, und ich muss sie ausbaden. Mit Hans Grohe ist mir sowas noch nicht passiert.
Usurpator
Das Tschaikowsky-Klavierkonzert (ehklar, Nr. 1, in b-moll), der berühmte Gefangenenchor und das Bach-Gounod-Ave-Maria waren noch nicht fett genug. Es muss O sole mio gesungen werden, mit Kredebilitätsunterfütterung: Al Bano Carrisi usurpiert ein Duett mit Enrico Caruso, der, wehrlos und völlig passiv, gezwungen wird, auf Tastendruck aus dem Sampler zu diffundieren.
So ist das am Musikantenstrich, zu Procida, am 31. Juli 2005.
Federn
Urlaub. Das neue Quartier, ohne Lattenrost. Unser Federbett als kommunizierendes Gefäß.
Spezies
Auf Procida gibt es drei Tierarten: Möwen, Hunde und Katzen.
Erstere sind tatsächlich autonom und existieren mit ihrer Unnahbarkeit in einem jeweils individuellen Paralleluniversum.
Die Hunde sind entweder domestiziert oder ausgewildert und sie verkehren am intensivsten mit den Katzen, die in dieser Hierarchie ganz unten rangieren, vor allem an den Müllsammelstellen, von denen sich eine direkt vor unserer Eingangstür befindet; täglich frühmorgens wird sie geräumt. Nachts aber wird um die besten Plätze gekläfft und gefaucht.
Kommt man in die Nähe einer Katze, so huscht sie wie panisch fort. Ihr Fluchtverhalten erinnert an Eidechsen.
(Am letzten Tag haben wir noch, kurz wie eine Sternschnuppe, den Blick auf einen Gecko erhascht.)
Linnà©
Gibt es eine genau definierte evolutionäre Trennlinie zwischen Motorrad und Mopedroller? Wo verliefe diese etwa beim Klangbild bzw. Spruch?
mähen /5
Das kleine Motorboot (man könnte es Motormopperl nennen) in der stillen Bucht mäht, als ginge es bergauf.
mähen /4
Ich stelle mir vor, dass ausgepichte Sounddesigner so lange an den Rotiermessermotoren herumtüfteln, bis ein tiefes, Zufriedenheit verströmendes mäh (genauer eigentlich: bäh) herauskommt. Das wäre der erste Rasenbäher in historisch korrektem Klangkleid; akustisch betrachtet gewissermaßen ein Originalinstrument.
mähen /3
Würde die Zuordnung für Wiese auf gleichmäßig kurze Länge bringen erstrangig einem anderen Tier zuteil, erstünde man möglicherweise in den Baumärkten der deutschsprachigen Welt zur regelmäßigen Pflege des Kleingartens am stillen Wochenende einen Rasenmeckerer. Mit oder ohne Katalysator.
Das Schaf hat sich durchgesetzt.
mähen /2
Das Schaf ist der erste Rasenmäher.
mähen /1
Am Morgen und sonst zu jeder Tages- und Nachtzeit, da ich im Liegestuhl, auf der Couch oder im Bett mein fern-von-der-Welt-Sein genießen will, kreuzen sie in ihren Booten mit knatternden Außenbordmotoren in der ruhigen Bucht vor dem kleinen Fischerhafen.
Als wüssten sie sich auch im Urlaub nichts anderes als ständig ihren Rasen zu mähen, stelle ich mir vor.
Horizont
Die betonierte Terrasse ist mit einer Mauer eingefasst. Im Sitzen kann ich nur den Himmel erkennen. Von Zeit zu Zeit schaukle ich mich mit meinem grün bespanntem Wippliegestuhl auf und vergewissere mich, ob das Meer noch da sei. Ich stelle mir vor, mit dieser Horizontmethode auch den Gezeitenverlauf exakt messen zu können.
Möven oder Möwen?
1. Möwen: In Österreich (z.B. Steyr, Gmunden)
2. Möven: Nordsee, Ostsee, Atlantik (Normandie, Bretagne – spräche man dort Deutsch)
Wie aber wäre es am Mittelmeer? Ein V-Indiz ist, dass der Kellner in Chiaolella auf Winter-Saison in Tarvisio (Sella Nevea) war und seinen freien Tag einmal in Willagha (Villach) verbracht hat.
Allen Indizien zum Trotz: Mein im winterlichen Steyr geschulter Vogelinstinkt befiehlt mir, der Überzeugung zu sein, dass il gabbiano, dieser weiße Vogel mit dem ernsten Schnabel, zumindest für den Raum Italien in deutscher Sprache mit W zu schreiben ist.
Konsistenz /3
Vielleicht verspannen sich die Möwen deshalb auf ihre selbst für Hobbykünstler mit zwei Pinselstrichen darstellbare Art in der Thermik, damit sie umso impulsiver abdrücken können.
Jetzt spanne ich doch den Sonnenschirm auf.
Konsistenz /2
Obwohl, fliegende Hundstrümmerl, das ist auch keine erhebende Vorstellung.
Also bitte: Vergessen!
Konsistenz /1
Terrasse in Corricella, Isola di Procida, Provincia di Napoli.
Haben Vögel (z.B. Möwen, Tauben) eigentlich immer Durchfall?
wagen /2
Ein Wagen ist ein Wagen ist ein Wagen (auch wenn er steht).
Ein Schlafwagen ist kein Schlafwagen ist kein Schlafwagen (wenn er steht).
Ein Liegewagen, so betrachtet, ist ein Grenzfall.
Vor allem, z.B., im Bahnhof Tarvisio Boscoverde.
wagen /1
Ich wache auf mit diesem leichten Ruck, wie vor ein paar Nächten, als der Zug in Tarvisio eingefahren ist. Dann warte ich auf den Impuls zum wieder Einschlafen, alles in Ordnung, die Reise geht schon weiter.
Exakt 123 Minuten hat es gedauert, bis die richtige Lokomotive vorgespannt war und uns diesen schlafnotwendigen Ruck gespendet hat, hat uns der Schaffner, ebenso macht- und schlaflos wie wir mitgeteilt, am Vormittag, als wir längst in Rom hätten sein sollen.
Wie lange der Stillstand heute Nacht gedauert hat, kann ich nicht sagen. Sicher aber nach nicht mehr als eine Viertelstunde bin ich sachte weitergerollt.
Nabucco /2
Zur das Kulturjahr überspannenden Beziehung zwischen Nabucco und dem Radetzkymarsch ist mir noch etwas aufgefallen.
Mich amüsiert, dass man sich im Sommer ein Werk gibt, welches große Bedeutung für das Risorgimento, die Bewegung gegen die österreichische Unterdrückung Italiens im Novecento, hatte. Das Akrostichon V.E.R.D.I., Vittorio Emanuele, Re d’Italia war als Graffitto auf österreichischen Kasernenmauern eine ähnlich unverdächtige Widerstandsparole wie das Fischsymbol der Urchristen im Rom Peter Ustinovs als Kaiser Nero in QVO VADIS; Widerstand gegen die Habsburger, für welche, etwa in der Schlacht bei Custozza (1848), der marschbewidmete Feldmarschall Radetzky eine zentrale Figur war.
Im Sommer ist das mitfühlende Publikum auf der Seite der armen Gefangenen, und es gehen zu Herzen die Terzen; im Winter (und da waren wir immer schon besser, Rogan ist nur eine Ausnahme) wird der gefeiert, der sie alle eingesperrt hat. Und die ganze Welt klatscht mit uns.
Da das Jahr aber am 1. Jänner beginnt, siegt die Sentimentalität, quasi: Seids net bös, war ja ned so gemeint, und alles ist gut.
Gute, beste Tradition, und sie wurde fortgesetzt. Wie heißt es beim Herrn Karl: Jetzt ist er bös, der Tennenbaum.
Nabucco /1
Nabucco ist, wie gesagt, ein bei häufigen Sensationsgastspielen sehr beliebtes Opernspektakel, je bombastischer, umso besser; und jedermann kann sich seine sommerliche Bescheinigung ausstellen, Kulturmensch zu sein. Im Winter genügt dafür die verkaterte Betrachtung zumindest der zweiten Hälfte des Neujahrskonzerts.
Beiden Ereignissen gemein ist das Warten, und das ist im Winter, vorm Fernseher, einfacher: Ganz am Schluss kommen sie, ganz sicher, zuerst, fürs Gemüt, der Donauwalzer, dann, zum Korrekturseidel, der Radetzkymarsch.
Das Warten bei Nabucco ist auch ein doppeltes, allerdings mit größerer Ungewissheit: Zuerst warten alle, bis er endlich kommt, der berühmte Gefangenenchor, dann wird auf die Uhr geschaut, bis sie endlich aus ist, diese ewige Singerei: Nabucco, die Warteoper schlechthin.
Spitzenkräfte
Tourneetheater aus der Dose muss mühsam sein, stelle ich mir vor, während ich, wie gestern, der schon beim Frühstück viel zu lauten, zusammentelefonierten SängerInnengruppe beim Morgengespräch zuhören muss. Könnte das der Tagesrest sein, der mich in der Nacht zum Traumtamino gemacht hat? – Alles, so erfahre ich aus der den Postwurfsendungen, die zu den beliebten Werbeverkaufsveranstaltungen einladen, recht ähnlich und also grafisch bestechend gestalteten Broschüre, internationale Spitzenkräfte, diese Tourneetruppen, die Nabucco, Carmen, meist auch (weil es so gut dazu passt), carmina burana und dazu noch die Aida im dramaturgisch bestechend gebauten Spielplan der Wörthersee-Festspiele aufführen. Wirklich einmalig. Und morgen das gleiche keine 50 km entfernt als Sensationsgastspiel in der Burgarena Finkenstein.
Heute abend aber gibt man Abbafever. Schade, dass ich selber spiele, ich hätte es mir wirklich gerne gegeben. Man war ja schließlich selber auch einmal jung.
Debut
(Ein Traum)
Ich soll als Tamino debutieren. Es hat aber keine wirkliche Probe gegeben, ich steige in eine Repertoireproduktion ein.
Zwischendurch fällt mir ein, dass ich ja gar kein Tenor bin. Wenn schon, dann könnte ich den Vogelfänger spielen. Es ist aber ohne jeden Zweifel so, dass ich gleich auftreten werde, und zwar, verdammt, als Tamino!
Während, ähnlich dem Vorspiel am Fußballplatz, vorne vor schütter besetztem Haus eine moderne Oper deftigen Inhalts gegeben wird (wohl eine Kasperliade; zwischendurch entspannen sich regelrechte Dialoge mit dem ätzendem und grölenden Publikum, so wie ich mir vorstelle, dass es in Schikaneders Theater auf der Wieden gewesen sein muss), suche ich im engen Gang hinter der Bühne, von dem es zu einigen Zimmern geht (überall wird heftigst geraucht, dazu riecht es nach abgestandenem Bier und Wein) mit wachsender Verzweiflung nach einem gelben Reclam-Heftchen mit dem Text der Zauberflöte, denn mir fällt auch kein Dialog mehr ein, und bereits nach vier, fünf Zeilen ist es um meine Erinnerung an die Bildnisarie geschehen (ganz abgesehen von der allerersten Szene wo ich nach Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ihich veherlohren in der Tat verloren sein werde).
Als eine Kollegin (die ich, wie alle hier, nicht kenne) sieht, wie ich verzweifelt suche, nickt sie nur und sagt halblaut Jaja, Proviant – nein, tut mir leid, ich weiß auch nicht, wo die Zauberflöte steht. Dabei sind die billig furnierten, verstaubten Kästchen mit Glasschiebetüren voller Reclam-Hefter, alles in Schulklassenmenge, Stifters Abdias, aquis submersus und Der Schimmelreiter von Theodor Storm, ja sogar Die Entführung aus dem Serail lagern da völlig nutzlos, nirgends aber auch nur eine Zauberflöte!
Während der Ouverture, gerade noch rechtzeitig vor meinem Auftritt, darf ich erwachen.
umgekehrt proportional
Sudoku, internationales Suchtspiel diesen Sommer.
Die Quadrate verlangen nach umgehender Ergänzung. Mit dem Einsetzen der letzten Ziffer tritt augenblicklich die Unsinnigkeit der eben vollbrachten Logikleistung zutage: Es ist kaum etwas Uninteressanteres vorstellbar, als ein fertig ausgefülltes Sudoku-Quadrat.
Weil ich nicht der Verführung zur Ablenkung vom Tagewerk bezichtigt werden will, vermeide ich es, hier ein einschlägiges Link zu schalten.
Albert
Albert Mangelsdorff ist tot.
Zuallererst hat er mir Mut gemacht, dass es möglich ist, als Posaunist sehr eigene (und solistische) Wege zu wagen. Dann war er mir Lehrer, vor allem aus der Ferne; ein Workshop holte ihn vom Podest, als ich sah, dass Götter auch mit Wasser kochen (und man es selber auch darf). Es war logisch, dass ich zu meinem Diplom eine Transkription von ihm gespielt habe, Yellow Hammer.
Schließlich gab es noch zwei Begegnungen im professionellen Leben: Bei Bach 2000 in einem gemeinsamen Konzert in der Thomaskirche, Leipzig. Und 2003 beim Frankfurter Jazzfestival, diesmal Albert im Publikum (und hernach eine sehr herzliche Begegnung in der Garderobe).
Ich verneige mich vor einem Ganz Großen.
FKK /4
Das Wasser beim durch viel Schilf getarnten Eingang zum See ist dann genau so lauwarm wie die Schwingung (manches pendelt) bei meinem Gang durchs Freigehege.
Im Hotel brauche ich zuallererst eine deftige eiskalte Dusche. Und ein Schnaps täte auch gut.
FKK /3
Im Weidengehölz benimmt sich ein gut Fünfzigjähriger naturverbunden, indem er nicht ganz regelmäßig auf seine zwischen den hautigen Knien eingeklemmten Bongos klopferlt.
Zurück dann, im Weidenhof (meinem Hotel), höre ich das unselige Althippiefindungsinstrument weiterhin hohl und wie ein tropfender Wasserhahn eben nur beinahe regelmäßig klopfen.
Eine beliebte Folter: Nicht nachweisbar und zermürbend, vergleichbar einer Gelse im Zelt.
FKK /2
Am Tennisplatz spielen Sie Doppel, drei Frauen, ein Mann. Abgesehen von einem Paar bloßer weiblicher Brüste ist nur der Platzälteste (ein Silberrücken, wäre er Gorilla, so behaart ist er) nackt, die Hoden baumeln bei jedem seiner schaut-her-wie-ich-noch-kann–Sprünge wie ein Jojo in Maximum- und Minimumposition simultan. Aber Tennisspielen geht nun einmal nicht ohne Tennisschuhe (samt Socken) und Kapperl, und auch ein Schweißband darf nicht fehlen.
Sonst aber, wie gesagt, ist er tadellos nackig.
FKK /1
FKK-Gelände Klagenfurt. Ausnahmsweise lassen sie mich hinein; nach einem anstrengenden Workshop-Tag will ich nur so schnell wie möglich ins Wasser, der Wörthersee ist ja an sich ein Gedicht. Ich finde eine Camping-Idylle Gleichgesinnter vor, mit Tennisplatz (dazu morgen).
Ein paar Menschen haben ihren freien Körper derart kultiviert, dass ich mir vorstelle, sie haben sich nicht aus-, sondern nackt angezogen. Verstohlen spähe ich nach den in den Körperfurchen verborgenen Reißverschlüssen.
Kineser /5
Ich muss einen gastronomischen Todestrieb haben: Wenn ich irgendwo bin auf der Welt (z.B.: Viktring; z.B.: Paris) und ich kann mich nicht und nicht entscheiden, wohin ich essen gehen soll, treibt es mich zum nächstbesten Kineser. Scheinbar muss ich es wissen; gnadenlos nehme ich beim Menü auch jedesmal die pikante Suppe, jede Erinnerung an das lauwarme Essigetwas mit der undefinierbar gallertigen Einlage (was für ein trefflicher Begriff!) beharrlich ignorierend.
Immerhin, bei etwa zehn Prozent ist es ja tatsächlich genießbar, und hin und wieder schmeckt es wirklich köstlich. In z.B.: Viktring; z.B.: Paris – leider nicht.
Andere spielen halt Lotto (dazu aber: siehe vorgestern bzw. davon gestern).
bleibend
Theater an der Wien, 16. Juli 2005: Harald Serafin, der für die Operette (sei sie jetzt golden, silbern oder blechern) ungefähr das verkörpert, was Charlton Heston für die National Rifle Organisation (NRA) bedeutet (natürlich auf seine unvergleichlich charmante, ja joviale – und zudem friedfertige Weise), schüttelt mir im Anschluss an die Premià¨re der von Michael Schottenberg wohltuend aufgemischten Là©har-Operette Der Graf von Luxemburg persönlich die Hand, wobei er mir besonders zu meinem in der Tat tadellosen Panamahut gratuliert.
Es gibt Momente im Leben, die können einem durch nichts und niemandem auf der Welt weggenommen werden. Bleibendes eben.
Hut ab /2
Das Teppichstück, ein Sitzdackerl, wie man es zum Popoanwärmen und zur Gewährung eines Mindestsitzkomforts auf billigen Holzstühlen verwendet, inÖsterreich meist ein Stück isoflor-Teppich mit schaumartig gummierter Unterseite, corpus delicti, an dem das ungleiche Turnier ausgetragen worden war, verschwand übrigens auf Pfiff am Dach einer der damals noch zahlreichen Münztelefonkabinen. Und die agents provocaters zerstreuten sich, als verschwänden sie durch die Ritzen der Kanaldeckel, um nach dem nicht anders als rituell zu bezeichenden Defilà©e der Polizei wieder die perfekt sitzenden Rollen einzunehmen: Spielleiter – Tölpel – Könner – Ratgeber (der Wichtigste: schau, das kannst du doch auch…).
Wie gesagt, sie ließen dich gnadenlos chancenlos und waren dabei balkanisch-charmant.
Hut ab /1
Jetzt wollen die doch tatsächlich das beliebte Hütchenspiel verbieten, meiner Vermutung nach das älteste Spiel der Welt; bekannt ist es zumindest aus einer Folge von Wickie und die starken Männer, ich glaube zudem mich zu erinnern, dass es auch in einem Asterix-Heft vorkommt.
Persönlich (sozusagen am eigenen Leib) kennen gelernt habe ich es vor etwa einem Jahrzehnt am Kurfürstendamm in Berlin. Mein Weg vom Literaturhaus in der Fasanenstraße zum Hotel betrug keine zweihundert Meter, es gelang mir aber mit eben jenem als Hütchenspiel bezeichneten Verfahren, binnen höchstens fünf Minuten die für damals doch recht beachtliche Gage von 1.000 DM fremd zu investieren: Vorerst in Hunderterschritten, dann, um das Tempo des Zurückgewinnens zu steigern, bei verdoppeltem Vadium.

Das beliebte Hütchenspiel
Seit jenem Abend bin ich vom Glücksspiel und seiner charmanten Unterform, wo du erst hernach merkst, dass du eben gegen fünf Leute gespielt hast, nicht nur gegen den, der mit viel Geschick seine drei Becher oder Zündholzschachteln samt Holzperle vor dir, wie du denn auch anerkennend einräumen musst, durchaus illusorisch hin und her geschoben hat und du also chancenlos warst, geheilt. Aber eine charmante Situation war es schon, und einmal muss jeder seine Deppensteuer bezahlen. Mindestens.
zugute /3
Kafka aber war eine Krähe, ein Singvogel, dem manch einer schon das menschliche Sprechen beigebracht hat.
Von Adlern wird ähnliches nicht berichtet.
zugute /2
Dazu fällt mir der schöne Satz von Franz Kafka in Beim Bau der chinesischen Mauer ein: Es gibt vielleicht kein kaisertreueres Volk als das unsrige im Süden, aber die Treue kommt dem Kaiser nicht zugute.
zugute /1
Die TT, Tiroler Tageszeitung, wirbt mit einem Adler, dazu die Botschaft Der Adler sieht mehr.
So ein Blödsinn.
Es mag stimmen, dass ein Adler mehr sieht. Was nützt aber diese natürliche Sinnesüberlegenheit uns oder, wie insinuiert, einer Tageszeitung?
Limit
Gibt es eine Höchstgeschwindigkeit für Windräder?
Jubel
In der Deutschen Demokratischen Republik nannte man diese kleinen Fähnchen, die an die spalierstehenden Kinder zum Jubeln auf Zeichen verteilt wurden, pragmatisch-praktisch Winkelement.
Chuzpe /4
Dass sich Regierungen mit ihren Leistungen in gutes (hier: rotes) Licht stellen, ist herkömmliche Praxis im demokratischen Spiel (wie auch das Anprangern derselben Taten als Belastung, Ungeheuerlichkeit, Schweinerei, … durch die Opposition).
Eine neue Qualität hat aber unsere gegenwärtige Regierung eingeführt, nämlich, dass uns per persönlichem Appell dekretiert wird, worüber wir zu jubeln haben. Im Fall der Jubelmeldungen durch die Egobombe KHG erscheint mir die damit verbundene Chuzpe eine besonders dreiste.
Chuzpe /3
Gehst du durch die obere Kärntnerstraße, ist da eine zu jeder Tages- und Nachtzeit gut leserliche, rotpunktige, längliche Laufschrifttafel. Von ihr werden wir laufend instruiert, über welche Leistungen wir uns zu freuen haben, Ihr Karl-Heinz Grasser.
Chuzpe /2
Auf der Kehrseite jener genau genommen vierseitigen Bierdeckelmünze (will uns diese Form dezent daran erinnern, dass wir gefälligst jeden Schilling, pardo, Euro, mehrmals umzudrehen haben? – Danke.) läßt sich unser so fesche und milliardärinnenattraktive Finanzminister persönlich zitieren, mit Anführungszeichen unten und Anführungszeichen oben, ein echtes Zitat, als wäre der Satz dem Opus eines Philosophen entnommen: Trinkgeld ist jetzt mehr wert! Endlich rechnet sich die wohlverdiente Belohnung für guten und freundlichen Service hundertprozentig. Karl-Heinz Grasser
Chuzpe /1
Trinkgeld geben lohnt sich! Jetzt steuerfrei!, steht auf einer Informationsbroschüre des Bundesministerium für Finanzen, die recht sinnig in Form eines runden Bierdeckels gestaltet wurde, mit einem stilisierten Bimetall-Aufdruck, der uns Kinder der Sparefrohzeit an den guten neuen Euro erinnern soll.

sog. Sparefroh
unausweichliche Momente
Du bist recht lange vor dem Einchecken am Flughafen angekommen, es gab keinen geeigneten späteren Zug. Unausweichlich nähert sich der Moment, wenn sich, nach und nach und auf einmal doch recht plötzlich, aus der internationalen Menschenmenge diese zum Warten ungeeigneten weil unfähigen, griesgrämigenÖsterreicher herausschälen, Seitenblickedoubles und -originale und ihre hausmeisterlich schmerbäuchig onduiliert beinahenaturgebräunten weiblichen und männlichen Interpretationen, alles Deixe.
Und doch, es kommt unausweichlich und nahezu zeitgleich der Moment, an dem du merkst, verdammt, was die anderen für dich darstellen, bist du, anteilig zwar, aber doch, für die anderen. Das ist so ein Augenblick, an dem du den Moment ausgelöscht wissen willst, der uns das Lied I am from Austria angetan hat.
möven
In Rennes, wie gesagt, kreisen lachend Möven um die Türme und über deinem Kopf. Es gibt Vögel, deren Lautgebung größere Sympathie hervorruft, und was wurden sie nicht schon besungen und gelobt dafür, wie sie die ganze wunderbare Schöpfung permanent lobpreisen etc., danke vielmals.
Bei all der Vielfalt als schön empfundener Vogelklänge fällt auf, dass der Mensch (zumindest der deutschsprachige) gerade einmal einem Federtier ein eigenes Lautverb verliehen hat, und das ist der Todesvogel, die Krähe. Warum gibt es nicht die Worte amseln, finken, spatzen, elstern, fichtenkreuzschnabeln, uhuhen, nicht zu vergessen nachtigallen, oder, exotischer, papageien, straußen (wie klingt ein Strauß?), emuhen? Selbst der beliebte amselähnliche Beo macht beo. Und der Hahn auf dem Mist, was muss er jeden Morgen artfremd von sich geben? – Er kräht! (Gut, wenigstens sein Hennenharem darf gackern, aber das ist ja wohl eher ein Hinweis auf den Dreck, den die von Witwe Bolte, noch mehr aber von Max und Moritz so geschätzten Viecher machen.)
Wir helfen uns mit einfallslosen und in keiner Weise den Lautwert abbildenden Hilfsbegriffen wie singen (welcher Vogel macht, bitte, lalalalalalala, mimimimimimimi oder selbst tirilirili?).
Oder, wie es der Hl. Ernst, nach Aufzählung einer Reihe tierspezifisch-onomatopoetischer Klänge (blöken, brüllen, brummen, meckern, miauen, quaken, schnurren, summen,…), sagt:
vögögögögögögögögel
zwitschern
Danke.
lachhaft

Senner in Rennes, das wäre was, stelle ich mir vor, wie ich am Tag unseres Konzerts durch die bretonische Metropole gehe. Statt la vache qui rit, jener fröhlichen, roten Kuh vom Steckerlkas mit ihren noch aus der Vor-BSE-Zeit stammenden Flinserln, gibt es aber hier, unweit des Atlantiks, nur jede Menge wie hämisch lachender mouettes rieuses: Wie will man die aber hüten, die über unseren Köpfen zeternd hinwegsegeln?
praktisch gefangen
Erzählt wird folgende Geschichte von der Frau vom Bürgermeister in M., von der man, wie es heißt, beim besten Willen nicht behaupten kann, dass sie der Geschicktesten eine sei, wie sie eines Tages die Wäsche aufgehängt hat, so wie man das seit den Siebzigern bei den Neubauten immer schon macht, auf ihrer praktischen Wäschespinne. Das heißt, sie hat es versucht, dabei aber recht unglücklich mit den multiplen Leinen, den Klubben und der Wäsche hantiert, schließlich hat es sie hingeschmissen auch noch, sie hat sich verheddert und war gefangen, gefangen im Spinnennetz, sodass, nach einiger Zeit, Hilfskräfte sie befreien, ja, herausschneiden mussten. Gottseidank noch rechtzeitig bevor der wohl riesenhafte Achtbeiner dahergekommen wäre, stelle ich mir vor.
Einladung

(ohne Worte)
Ein einladendes Angebot, gefunden in Leipzig am 3. Juli 2005. Da Sonntag war, konnte ich nicht in das Geschäft, das seinen Eingang nicht in der Straße des Schaufensters hat, eintreten.
(Vielleicht ist das aber auch besser so.)
Pistazien

Leipzig, Nikolaikirche.
Amarena-Pistazieneis-Stuck, sehr sommerlich.
Passt.
passiert /2
(türauf)
Luigi (sehr fesch: mittelgroß, jugendlich schlank, naturgebräunt mit nur leichter Carotinnote im Teint, dunkles, kurzes, gelglänzendes Haar, dunkel gekleidet, das T-Shirt glänzt anthrazitfarben), in fränkischer Sprache (hier in deutscher Umschrift wiedergegeben):
Immer, wenn ich fort fahre, passiert was, das gibts doch nicht!
(türzu)
(Er geht einen kleinen Kreis im Gegenuhrzeigersinn)
(türauf)
Jetzt hat eh dieses zwanzigjährige Mädl einen dreijährigen Buben von mir
(türzu)
(türauf)
Weißt du, die war wirklich ganz lieb, es war eh schön mit der, wirklich, aber dass sie da gleich beim ersten Mal
(türzu)
(türauf)
und jetzt, zu Pfingsten, ich weiß auch nicht, dass das immer mir passieren muss, fahr‘ ich wieder fort, ist da auf dieser Party diese Tanja, eh ein ganz liebes Madl
(türzu)
(türauf)
hat sie mir gesagt, dass sie fünf Wochen schon wartet, und noch immer hat sie keine
(türzu)
(türauf)
hätte ich vielleicht letzten Samstag lieber nicht mit der Karoline
(türzu)
Wir treffen in Kürze in Würzburg ein.
(türauf)
passiert /1
Immer noch der selbe ICE, das System hat für uns die Plätze 11 und 13 reserviert, wir sitzen gleich hinter der Auf-Zu-Glastür am Anfang des Waggons, mit dem Rücken zum Publikum, d.h. gegen die Fahrtrichtung.
Etliche sich selbst wohl erzogen habende Menschen verlassen zum Verrichten ihrer telefonischen Notdurft den Großraumwagen und gehen türauftürzu im Übergangsbereich zwischen den Waggons (einer Art Schlauch) mehr oder weniger deutlich artikulierend auf und ab. Kommen sie auf ihren peripatetischen Umläufen in die Nähe des Lichtschrankens, schlägt automatisch der praktische Mechanismus an, und wir können, bis sich die beiden Glastüren wieder vereinigen, aufschlussreiche und bewegende Momente aus den Biographien der fernmündlich Kommunizierenden erfahren.
Morgen erfahren Sie, was Luigi immer wieder passiert.
Regensburg
Wir treffen in Kürze in Regensburg ein. Diese Durchsage kann als glaubwürdig bezeichnet werden, ein Blick aus dem Fenster zeigt im Hintergrund die Ausläufer des Bayerischen Waldes, allerdings nur rechts und links, in der Mitte nämlich gehen dunkelblaugraue Regenwolken direkt vom Himmel auf die Erde über. Wenn mich mein topographisches Gedächtnis nicht täuscht, befindet sich hinter ihnen (oder mittendrin) dasÖrtchen Donaustauf mit der deutschen Ruhmeshalle, dem auf Erden versetzten Götterhimmel Walhalla verborgen.
Es dunnert. Passt.
Jahrgang, ff
Endlich 1. Juli. Zeugnistag im OstenÖsterreichs.
Ist ein Jahrgang zu Ende, folgt automatisch der darauf folgende Jahrgang, finde ich dazu passend in der Speisekarte des ਠexpress-Zugrestaurants.
sauber, weiter!
Da wir uns nun die Hände gewaschen und vom französischen Heißlufttrockner beinahe rissig fönen haben lassen, können wir uns entspannt (aah) wieder saubereren Betrachtungen zuwenden.
SommerMütter 2005
Liebe MBA,
zuerst einmal Tschuldigung, dass ich (Zutr. ankr.) mich so lange nicht gemeldet habe / Sie schon wieder belästige mit meinen Auslassungen.*)

Dieser Tage waren wir in Rennes, im Restaurant Les Amandines, extra wegen uns und nur für uns haben sie nach zehn noch offen gehalten und uns sehr persönlich betreut, inkl. einem für mich sehr persönlichen, (international üblicherweise, so auch an jenem Abend in der Bretagne) in englischer Sprache gesungenen Ständchen (für das mancher gerne die Tantià¨men kassieren wollen würde) mit dem perlmütternen, diatonischen Knopfakkordeon. Der Patron, siebzig wird er im Dezember, war früher Elektriker, Beleuchter und Florist, hobbyweise ist er bis vor fünf Jahren noch Fallschirm gesprungen, und immer noch fliegt er mit seinem Motorflieger, letzte Woche erst war er in Marokko. Und die Madame hat noch gerner geredet, jeder Wunsch wurde mit dem schönen Satz pas d’problà¨me bzw., ausführlicher, il n’y a pas de problà¨mes, que de solutions, was so viel bedeutet wie es gibt keine Probleme, nur Lösungen erfüllt, da fällt mir ein, Tex Rubinowitz hat einmal einen Kopf gezeichnet und darunter geschrieben, Der Mann hatte so einen spitzen Mund, dass er nur Lösung sagen konnte, der Gedanke, es gäbe überhaupt Probleme war also in ihr recht tief verankert.
Ein Problem, das es, wie oben bewiesen, nicht wirklich geben kann, sollte (und wird!) auch einer, ja, Lösung zugeführt werden. Es haben sich noch nicht wirklich viele angemeldet, das darf man aber so nicht sagen, alsdann:
ACHTUNG! SCHNELL BUCHEN! NUR NOCH WENIGE RESTPLà„TZE!
Montag, 18. Juli – Samstag, 23. Juli 2005
Spielen!
Imagination, Invention, Improvisation, Komposition
Kreatives Musizieren mit Bertl Mütter
Ausführliche Informationen dazu gibts direkt beim Musikforum Viktring (trauen Sie sich ruhig, den ersten Laut wie bei Vogel auszusprechen, dieser Ortsname stellt ganz sicher keinen pluralen Imperativ, gerichtet an eine näher zu definierende Gruppe, dar), wenn Sie einen schönen Gruß von mir ausrichten, wird sicher trotz der kleinen Gruppengröße (besser eigentlich: großen Gruppenkleinheit) noch ein Platz für Sie zum vergnüglichen Mitspielen gefunden werden.
Mittendrin, am 21. Juli gibts das Solokonzert in der Stiftskirche, der Kursabschluss wird am Samstag im Arkadenhof hörbar gefeiert.
All meine aktuellen Termine finden Sie wie immer in meiner Terminvorschau, schöne Sachen kommen da daher, wirklich wahr.
Besonders ankündigen möchte ich jetzt schon meinen nächsten Soloabend, ppp – parlando. Posaunenplaudereien, im Wiener Radiokulturhaus am Freitag, 16. September um 20.00 Uhr. Serious fun, das gefällt mir. Eine Möglichkeit, was das Label Kabarett indirekt, unter dem ppp veranstaltet wird (ich lege besonderen Wert auf das zweite Wort in diesem Titel), gemeint sein könnte. Und weil gerade alle aus dem Urlaub daheim sind, werde ich von den familiären Fahrten an die Adria in den frühen Siebzigerjahren vorlesen. Und was mir halt sonst noch so unterkommt; siehe dazu auch dieses (täglich neue) MütterLog.
Jetzt wünsche ich einen schönen Sommer samt Urlaub, von dem am 16. September alle wieder gesund und zufrieden daheim sein mögen!
Herzlich,

Bertl Mütter
*) Im Sinne einer umfassenden Zielgruppenoptimierung meines Unperiodikums bitte ich alle, die unwillig meine Nachrichten erhalten und sich möglicherweise beimÖffnen ihres elektronischen Postfaches alle ein bis zwei Monate darüber ärgern müssen, mir ein kurzes, mit dem Betreff Dankebittenichtsmehrschicken versehenes, sogenanntes e-Mail zu schicken. Dies bewirkt eine völlig problemlose und jederzeit widerrufbare Streichung aus meinem anonymen Adressverzeichnis. Danke.
Drang /5
Den blinden Franzosen wird in den trains à grande vitesse (TGV) kein besonders haptisches Häuslaugenmerk geschenkt, muss ich noch schnell loswerden: Unbeworben betritt man die Klokabine mit ihrem beinahe apartem Sitz aus Granitimitat und findet dort fein geschnittenes, wiewohl im Griff doch auch recht herbes rosa Papier im Spenderschlitz unter dem Handwaschbecken.
Drang /4
Das Papier, das die Deutsche Bahn ihren (an unangenehmen Problemen wie Harndrang schon oder auch nicht leidenden) Passagieren zur Verfügung stellt, ist fein genoppt, wie ich das auch von gewissen französischen Rotweinflaschen wie Chà¢teauneuf-du-Pape kenne. Was will der offizielle Mobilitäts- und Logistikdienstleister der Fußball-Weltmeisterschaften 2006 seinen blinden Reisenden mitteilen? Deftige Häuslwitze?
Drang /3
Auf der Innenseite der Intercityexpresshäusltür nämlich, wenn wir, erleichert, einmal aufgeatmet haben, wirbt Granufink® (Prosta – für den Mann / Femina – für den weiblichen Beckenboden) als Naturrezept für eine starke Blase. Ganz wie dem väterlich abmahnenden Gendarmen, pardon, Polizisten (Fahrn’S halt vorsichtig, und s’nächste Mal denken’S vorher dran!) mit einem demütig-reuen In Ordnung, Herr Inspekter, kummt sicher nimmer vor vorausschauende Besserung gelobt wird.
Drang /2
Ich will aber nicht mehr länger warten müssen, erleichtert darf ich nach einer Weile hallo zur eben der Toilette entsteigenden Dame sagen. Auch sie wurde soeben, wie ich gleich erfahren werde, über ein einschlägig wirksames Produkt, auch für die Frau, umfassend informiert.
Der 6. Juli, Fest der Hl. Sexburga, ist der Welttag des Kusses. Ob mir dieser Umstand vor vierzig Jahren mein auch zum Posaunenspielen ganz gut brauchbares Lippenpaar beschert hat?
Drang /1 (für Josef Haslinger)
Alles geht noch schneller im ICE, Inter City Express, nur manchmal muss man, wenn man muss, warten, liest dabei unwillkürlich am Gang vor dem Klo die hier zielgruppensicher platzierte Werbung, die einen mit der hämischen Frage Harndrang? ein die Lippen zusammenpressen machendes mm-mm abnötigt. Das Präparat, welches speziell uns Männern in einer solchen Stresssituation Abhilfe verspricht, nennt sich PROSTAGUTT® forte. Allerdings, so erfahre ich, muss ich noch warten, bis ich fünfzig bin, weil ab da erspart es jedem zweiten Mann unangenehme Probleme.
Dies ist der richtige Augenblick: Lieber Josef, bei dir ist es heute so weit! Mögen dir auf deinem Lebensweg nur noch angenehme Probleme begegnen! (Ich selbst habe ja noch zehn Jahre und einen Tag Zeit.)
Agoraphilie /2
Es ergibt sich eine künstlerische Frage, vorweg vehement zu bejahen: Ist es möglich, bei größtmöglichem Raum-Lassen höchste Dichte zu erreichen? – Das ist nicht nur möglich, es ist sogar unbedingte Voraussetzung künstlerischer Arbeit (immer auch dieser enstatische Zustand in wildester Ekstase, Auge des Taifuns, mit bedacht – und nicht zu verwechseln mit dem rasenden Stillstand, der Panik des horror vacui).
Dichte zu Raum, das hat auch mit einem elektronenhaften Kreisen zu tun, wie die berühmte Erbse um den Eiffelturm (die hat’s nämlich in sich!).
Agoraphilie /1
Freitag Mittag. Ferienbeginn im Osten, der Zug ist (u.a. mit einem aus unzähligen Fähnlein Fieselschweifs zu regelrechten Fieselkompanien zusammengepressten Pfadfinderlager) mindestens zweistöckig besetzt, trotzdem er nur auf einer Ebene angelegt ist, warum müssen wir auch ausgerechnet heute los, nein, Moment, es ist nicht anders gegangen, wir mussten kurzfristig umdisponieren und statt des bequemen Nachtzugs tagsüber fahren, mit einmal Umsteigenmüssen, damit es sich auch wirklich auszahlt. (Dass ich üblicherweise azyklisch reise, ist mein schwacher Trost.)
Große Menschenverdichtungen sind mir unangenehm, suspekt; ich gehe ihnen, wo und wie ich nur kann, aus dem Weg. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum ich Musiker geworden bin, denn auf der Bühne (die nicht im Bierzelt steht) ist reichlich Platz, Philharmoniker, gar im klaustrophobischen Orchestergraben, das war nicht mein Weg, und auch von der Bigband habe ich mich, mit raren, willkommenen Ausnahmen, abgeseilt.
