mütterlog

Es ist sehr verschieden, in die Zukunft – und in die Vergangenheit zu lügen.
Jean Paul (1799)


Gendarmenende

Mit 1. Juli wurde inÖsterreich die Gendarmerie abgeschafft und der Polizei zugeschlagen, keine gens d’armes mehr, alle sind auf einmal trà©s poli(e)s. Mir wäre es ja umgekehrt, Abschaffung der Polizei zugunsten einer gesamtstaatlichen Gendarmerie, lieber gewesen.
Schon allein wegen Louis de Funà¨s.

Beilagen /2

Wenn Menschen, die Vegetarisches essen wollen, hier zu Lande gewohnheitsmäßig Speckbröckerl, Grammeln, Faschiertes oder Schinkenstreifen ins Essen gemischt werden, so ergeht es unseren von der Natur als Karnivoren vorgesehenen Haustieren gewissermaßen umgekehrt proportional: Liest man die Verpackungen handelsüblicher Katzen- und Hundeleckerbissen durch, so werden die Lefzen der analphabetischen Hausgenossen mit der Verheißung eines Fleischanteils von gut 4% zum Sabbern gebracht. Natürlich sind noch viele ganz wertvolle Inhaltsstoffe drin im guten, von Tierärzten empfohlenen Futter, ungesättigte Fettsäuren, viel guter Reis, und für die 81% Feuchtigkeit muss ja auch noch Platz sein. Ist ja auch wurscht, die Verpackungen werden so gestaltet, dass die Tierhalter beim Einkaufen einen Gusto bekommen, und die Viecher verschlingen das Zeug, Mahlzeit!
Aber warum erzähle ich hier überhaupt davon?

Beilagen /1

In nicht wenigen österreichischen Gastronomiebetrieben werden tierische Produkte, die ihre Herkunft aufgrund ihrer äußeren Form nicht gleich preisgeben, traditionell in der Speisekartenrubrik Für unsere Vegetarier gelistet: Leberkäs mit Spiegelei, Schinkenrolle, Russisches Ei, Grammelknöderl, Hascheeknöderl, Augsburger mit gerösteten Erdäpfeln, faschierte Laberl mit Erdäpfelpürree… Und natürlich werden fleischliche Zutaten auch gerne ohne extrige Verlautbarung klassisch vegetarischen Gerichten wie Käsespätzle (viel frischer Speck), Krautsalat (reichlich Grammeln und Speckwürferl), Krautsuppe, Bauscharln, Bohnensuppe (Speck, Schinken, mmmh!) und vielem mehr untergemischt, man will eben, dass die Leute was G’scheits essen. Erinnern wir uns der Feststellung von Herrn Bösel (Indien, 1993), an sich ja nicht so ein Beilagenesser zu sein.
Ulrichsberg, bei mir, wie hier schon veröffentlicht, Neuburg an der Mühl genannt, trägt mit seinem Leitprodukt, dem (nona) Neuburger (sagen Sie niemals Leberkäse zu ihm) zur verdienstvollen Erweiterung (bzw. Vertiefung) dieser Produktpalette bei.
Es gibt nicht wenige Menschen, die sich nicht so um augenscheinlich als solches erkennbares Fleisch reißen, die, sammasieahlich, letztlich nicht wahrhaben wollen, dass für ihre Frankfurter ein Schweinderl ins Gras beißn hat müssen. Ich zum Beispiel würde mich als tendenziellen Wurstvegetarier bezeichnen. Obwohl, Schnitzl, Hendl oder ein mürbes Steak verschmähe ich schon auch nicht.

modern

Hinweisschild auf der Mariahilferstraße:
—> Internetcafà©. 1 Stunde nur € 3,-
Der Pfeil weist in die Webgasse. (Wohin auch sonst?)
Man braucht eben nur die Betonung zu ändern, und schon wird Wien modern.

Buchstabensuppe /3

Wenn man die Überlegungen der beiden letzten Tage kombiniert, ergibt sich eine Schnittmengenantwort, die zu einer (leider zu spät eintreffenden) Lösung sowohl des Buchstabensuppenverschnittproblems als auch des Umlaut- und Sonderzeichenungerechtigkeitsphänomens führen würde: Nehmt doch bitte den Verschnitt und macht die vermissten Sonderzeichen daraus,Ä-Punkterl, à‹-Punkterl, à-Punkterl,Ö-Punkterl, Ü-Punkterl, Akzente, Cà©dilles, Zirconflexes, Hatscheks und was es sonst noch geben mag in unseren lateinischen Schriftsystemen!

Buchstabensuppe /2

Als ungerecht musste ich immer empfinden, dass die Buchstabensuppenhersteller ausschließlich umlautlose und von sonstigen Sonderzeichen freie Produkte auf den Markt gebracht haben.

Buchstabensuppe /1

Schnitzelsonntag. Gemeinsames Mittagessen in der Jugendherberge Ulrichsberg. Angeregt erörtert wird die Frage, was denn eigentlich mit dem Verschnitt geschieht, der zwangsweise bei der Herstellung der mit dem Anfang der Alphabetisierung bei jedem Kind unvergleichlich beliebten Buchstabensuppe anfällt.

Delphine

Erdbeergemeinde Eferding. Ich stehe mit dem geborgten Auto vor einem unendlich zähen Kreisverkehr und betrachte unwillkürlich die Plakate, deretwegen das kreisrunde Verkehrsentschleunigungselement gebaut worden ist, das, wären wir in Niederösterreich, vom Landeshauptmann persönlich eröffnet worden wäre: Badeschlapfen erscheinen mir ein zu wenig gewichtiges Argument für ein Schuhgeschäft, Delphine als Werbeträger zu missbrauchen, noch dazu mitten im Freitagnachmittagsverkehrsgestank. Ob ich den WWF einschalten soll?

Mythen

Die Zwölf Geschworenen haben gesprochen und die gipserne Person hinter ihren Spiegelbrillen, in ihrer Faà§on keine allzu raffinierte ästhetische Weiterentwicklung jener des unerreichbar lässigen Paradereichramingers Hagi

von der legendären Gardenschlauch Jazzband (weitere unentbehrliche Statusdefinitionsaccessoires Anfang der 80er: oranger Opel Kadett Kombi mit aufgeklebten, breiten schwarzen Zierleisten, anzustarten ausschließlich mit seinem nonchalant mit einem Fuchsschwanz – ich meine das Fell, nicht die Säge – versehenen Zündschlüssel, welchen er bei der Probe im Pfarrheim Münichholz an einem von allen gut einsehbaren Ort wie zufällig zu deponieren wusste, um abschließend zu fragen, ob irgendjemand seine Autoschlüssel gesehen habe), freigesprochen, auf Gerichtssaalamerikanisch heißt das: not guilty.
Knitternd hat der Kinderfreund, eine Art Peter Pan in Frühpension als Freier Mann das Gebäude verlassen dürfen, dabei seinen für ihn bis zuletzt betenden, nunmehr nichts weniger als aufgelösten Zufächlern mit dem Anflug eines dann doch recht müden Lächelns zugewunken, bevor er, free to go anywhere, ins Auszughäusl nach Nimmerland verschwunden ist.
In seiner virtuellen Heimat im Internet ist dieses not guilty nicht aufgeschienen; stattdessen prangte bereits Minuten nach der Urteilsverkündigung das heilige Adjektiv innocent.
innocent
Jean Veenenbos im Standard, 15.6.2005

Jesus, so wird man zum Mythos, auch wenn man in Wirklichkeit nichts lieber wäre als bad, ich meine really bad. Eine derart hohe Stufe aber bleibt wirklichen Größen vorbehalten, und triple bad kann nur jemand sein vom Kaliber eines Ali. Eben, The Greatest.

Krampf

Vierzehnter Juni. Wir werden gegen halb Neun in Linz abgeholt und fahren nordwärts, an den Rand des Böhmerwalds nach Ulrichsberg. Aus dem Saurüssel heraus kommen wir mitten in einen Wolkenbruch (in letzter Zeit sagen sie dazu im Radio Starkregen; man meint offenbar, den Defekt, den eine Fraktur nun einmal darstellt, mittlerweile, wie es so schön heißt, im Griff zu haben), es ist stellenweise stockfinster, wesentlich dunkler, als es in einer gewöhnlichen Dämmerung wäre. Und vor uns, wo sich das weite Land ausbreitet, die ganze Stunde sekundenlange Blitze, die das Gras am Straßenrand in taggleichen Farben leuchten lassen. Als hätte der Himmel Krampfadern: Trotzdem wir im Auto keinen Donner hören, fühle ich mit den Schenkeln des schmerzverzerrt schimpfenden Himmelvaters (oder ist es Rübezahl?).
Was mir noch auffällt ist, dass, immer, wenn unser Fahrer nach einer Gleitphase erneut aufs Gas steigt, zeitgleich ein besonders heller, langer und krampfiger Blitz den Horizont nieder fährt.
(Gegen Krampf in den Haxen aber ist Magnesiumbrause ein recht taugliches Mittel, heißt es.)

Lider

Unterwegs. Ich muss mir den Tag über meinen Geist möglichst frei halten. Wenn du am Abend spielen willst, von Innen heraus, darfst du dich nicht unkontrolliert vollfüttern lassen. Wie man sich ja auch nicht in Erwartung eines feinen Essens vorher beim Würstlstand, oder, wenn man in Linz ist, beim Leberkaspepi (der im neuen Hauptbahnhof eine Zweigstelle eröffnet hat, habe ich zufrieden feststellen können, während ich auf die Abfahrt nach Ulrichsberg wartete; jenes U., das bei mir zu Ehren des bekannten und beliebten, bei Billa und Merkur wegen des gesunden Stolzes des Produzenten seit einiger Zeit nicht mehr erhältlichen Neuburgers – sagen Sie nie Leberkäse zu ihm – Neuburg an der Mühl heißt) die Wampe vollschlägt.
Wo ich hinschaue, kann ich mir aussuchen, und ohne Fernseher lebt sichs vorzüglich. Beim mehr oder (eher) weniger freiwilligen Hörenmüssen verhält es sich da anders. Weghören ist ja, seien wir ehrlich, eine besonders intensive Art des Mitwissertums. Denken Sie bitte nicht an: Leberkäs mit Senfgurken. Drei, zwei, eins – jetzt!
Ich werde mir so Ohrenlider anmessen lassen. Sauteuer, aber es wirkt, versichert Erika.

Holde

Die freundliche Dame mit karamellfarbenem Teint, die mir im Bordrestaurant den Tee serviert, heißt, so erfahre ich auf dem Rechnungsbon, Radia Idir. Ein seltsam symmetrischer Name. Welches Anagramm sich dahinter wohl verbergen mag? (Den Vornamen einer berühmten äthiopischen Prinzessin/Sklavin habe ich schon aufgespürt.)

Luftschrauben /3

Oder sind es Walfluken, wie sie gravitätisch unter einem Himmel mit Zeppelinen als Wolken in die unendlichen Tiefen des Ozeans abtauchen?

Luftschrauben /2

Der Kasten, in dem sich der vom Rotor betriebene Generator des Windrades befindet, ist etwa so groß wie ein Reiseautobus. Wollte Don Quichote ihn überraschen, er müsste von Osten angreifen. Oder von der Seite, also vom Norden bzw. vom Süden.
Wie damals in Kastilien aber, das muss eingeräumt werden, hätte er allerdings auch hier nur Außenseiterchancen.

Luftschrauben /1

Bei Emmerich überquert der Zug die holländisch-deutsche Grenze. Außer den nun deutschen Straßenschildern, die u.a., direkt am Bahndamm, auf den hier 1885 geborenen Komponisten Eduard Künnecke, Schöpfer der silbernen Operette Der Vetter aus Dingsda, verweisen und dem Autokennzeichen (KLE) ändert sich für den Durchreisenden merkbar nichts, Herden sich im Wind drehender riesenhafter Mercedes-Sterne gibt es da wie dort. Allerdings, so bemerke ich am selben Tag noch, sind sie hier nicht annähernd so dicht gesät wie im Windpark Parndorf, knapp am DreiländereckÖsterreich – Ungarn – Slowakei.
Don Quichote hätte ordentlich zu tun, stelle ich mir vor.

Natürlich, sowieso gäbe es genug Arbeit für ihn, heutzutage.

Amsterdam

Amsterdam. Spaziergang durch die Innenstadt. Horden von jungen bzw. sich runderneuert gebenden Menschen haben sich scheinbar sowas von vorgenommen, heute aber wirklich gaaanz schlimm zu sein, Sachen zu machen (oder wenigstens anzuschauen), die man sonst nicht tut oder auch nicht darf. Dazu kommt eine Menge kaputter Typen, denen das lebenslange Kiffen aus den Augenhöhlen lugt, bemitleidenswerte Langzeitopfer einer falsch umgesetzten Freizügigkeit. Alles zusammen ergibt eine dumpfe Wolke, die ich jedesmal, wenn ich hier bin, wahrnehme und zügig fliehen muss, am besten ans Wasser, da bläst es dich durch, und das neue Bimhuis ist auch da. Hier zu spielen ist eine Freude, das soll schon noch gesagt werden.

Ausgehen

Am 7. Juni erlebte ich die seltene und also denkwürdige Überlagerung dreier recht unabhängiger Häufigkeiten: Bei der morgendlichen Körperpflege (ein Wort, das sie uns im Herbst 1984 bei der Grundausbildung in Treffling beigebracht haben, bevor wir zur Musik nach Ebelsberg gekommen sind, dort war es dann gemütlicher) machte es zweimal pffhhhht. Als erstes gab (endlich! – Mag. Doskar hat mich nicht überzeugen können) die Tube bitte auf den Kopf stellen-Zahnpasta ihr letztes Quäntchen Basen-Zahncreme ab, unmittelbar darauf hustete sich das letzte Batzerl gelbgrünen Duschgels lungenkrank in meine linke Hand. Eine kleine Sonnenfinsternis bei der morgendlichen Toilette, schoss es mir in den Sinn.Äußerlich ungerührt vollendete ich sie trotzdem.
Später, unterwegs in der Stadt, war ich zum Mittagessen in einem Lokal im Siebten. Das Einsermenü war eben ausgegangen, die freundliche Kellnerin blinzelte mir aber zu, dass gerade noch eine Portion für mich übrig sei. Danke, gerne.
Leider hat es mir dann nicht wirklich geschmeckt, das Essen war labbrig, irgendwie zerkocht. Ob der Rest in der Zahnpastatube oder im Duschgel auch eine fadere Wirkung hat? Ich weiß es nicht.
So interessant das Betrachten der Überlagerung verschiedener Zyklen aber auch sein mag, dreimal Ausgehen an einem Tag sind wirklich genug.

Blinker

Wenn man an einer mehrspurigen Kreuzung steht, vor einem die anderen wartenden Autos, zeigen ihre mit geringfügig verschiedener Frequenz aufleuchtenden Blinker die beabsichtigte Abbiegerichtung an. Es ist ein optischer Rhythmus, der schnellere holt den langsameren ein, sie überlagern einander, die nächste Überrundungsrunde hebt an. Je höher die Wagenklasse, desto langsamer schlägt das Herz des Blinkers, je kleiner der Kübel, umso nervöser steht er an der Kreuzung, fast meint man zu sehen, wie er von einem Bein aufs andere tritt, bis endlich Grün gegeben wird und die soignierte Limousine vor ihm gravitätisch, weil automatisch eingekuppelt und leise schnurrend anfährt. (4 : 11 Blinker pro fünf Sekunden ist natürlich ein extremes Beispiel, aber es kommt schon vor, ehrlich.)

Dieses Augenkonzert wird umso komplexer, je mehr Autos nach, sagen wir: links abbiegen wollen.

Ich stelle mir für jedes Gefährt einen Blinkton vor, wenn ich, unparteiisch, mit dem Fahrrad aufs Weiterfahren warte.

(Morgen: 7. Juni 2005, der Tag des Ausgehens)

Verständigung /4

Sie ahnen es bereits: Auf jener Löhrgassenglastüre werden etliche internationale Telephonwertkarten angepriesen. Auf übersichtlich wirken sollenden, in Wirklichkeit aber umständlichen Plakaten informieren sie dich, dass nur diese Karte wenige Cent kostet (wenn es ginge, würden sie dir was zahlen fürs Telephonieren), dafür kannst du viele Minuten, Stunden, Tage mit ganz weit entfernten Verwandten reden; kleingedruckt dann die gesetzlich vorgeschriebenen, gar nicht der Rede werten minimalen Bereitstellungsgebühren, zu vernachlässigenden täglichen Administrationsgebühren, Mindestabrechnungsbeträge, Taktungen etc. u. dergl…
Calling Cards (endlich ist der zeitgemäße Begriff heraußen!) gibt es viele, und nicht wenige sind spezialisiert, etwa auf die Türkei, den Nahen Osten, Indien, Bangladesh, Pakistan, beim Prosi verkaufen sie hauptsächlich welche, die den billigsten Tarif nach Nigeria oder Ghana versprechen. Die sie vertreibenden Dienstleistungsunternehmen haben für ihre der Völkerverständigung dienlichen Produkte so klingende Namen gewählt wie BestCard, Global One, TeleCard, Televoice, Servus Media, KingCall, UniCard, MegaTel, Quality Europa; jene mit geographischem Zielschwerpunkt heißen z.B. Smile Africa, Africa Direct, Gold Africa, Taj Mahal,…
Wie ich an der Auslage des Telephonladens in der L?hrgasse vorbei geschlendert bin, bin ich aber stutzig geworden. Das dominante Plakat in der Glastür warb nämlich für eine Calling Card mit dem für ein solches Produkt sonderbaren Namen Babylon. In welcher Sprache wird einem da das Guthaben angesagt?, stelle ich mir vor. Und: wie lässt sich das mit der moralisch so hoch stehenden Aufgabe der transnationalen Verständigung vereinbaren?

Mein Gegenvorschlag, für ein positives Konkurrenzprodukt: Esperanto.
Das wird ein Erfolg.

Verständigung /3

Als mündiger Konsument höre ich mir gerne am Samstag vormittag die Schadenfreudesendung help im Radio an. Da bringen sie schöne Beispiele aus dem wirklichen Leben, wie Unternehmen, die mit der (mangelhaften) Herstellung oder (unzureichenden) Verteilung einer Ware oder aber mit (behaupteten) Dienstleistungen ungeniert viel Geld verdienen, ihre arglosen Konsumenten übers Ohr hauen. Help (früher mit original Beatles-Signation, nachdem deren Rechteinhaber aber offensichtlich mit help gedroht hatten, nur mehr mit daran knapp vorbeischrammendem Pirchner-Logo; so ähnlich verhält es sich bei Wenn der Teekessel singt… (eben nicht mehr) zur Musik von Yusuf Islam, die ihn, unter dem Titel Father and Son, als Cat Stevens weltberühmt gemacht hat), verhilft ihnen (den Konsumenten) zu ihrem Recht, was von den im Radio namhaft gemachten schwarzen Schafen ihrer jeweiligen Innung oder Handelskammer im durchÖffentlichkeit erzwungenen Rückzugsgefecht in der Regel als freiwillige Kulanz bezeichnet wird, purer Edelmut allüberall also.
In dieser lustigen Sendung sind Kommunikationsanbieter Dauergäste am Pranger. Ich habe aufgepasst und mir gemerkt, dass du, wenn du Telephonwertkarten kaufst, ganz genau das Kleingedruckte lesen musst, damit du halbwegs abschätzen kannst, ob das von dir gewählte Produkt tatsächlich so günstig ist, wie behauptet. Oder ob sie dich übers Ohr hauen (was beim Telephonieren doppelt schmerzen würde).

(Morgen: was ich auf der Glastüre in der Löhrgasse gelesen habe.)

Verständigung /2

Manchen von Ihnen dürfte bekannt sein, dass ich mir das Privileg herausnehme, ohne beidseitige Fernsteuerung (Sender, vor allem aber Empfänger in Gestalt eines mobilen Telephons; in England schauen sie dich mit großen Augen an, wenn du dazu handy sagst) ganz gut durchs Leben zu kommen. Für dringende Telephonbedürfnisse verfüge ich über diese praktischen und günstigen Telephonwertkarten, mit denen du von jedem digitalisierten Tastentelephon aus billigst sprechen kannst: Gratiseinwahl (0800), bitte geben Sie ihren PIN-Code ein, du tippst die zwölf Ziffern in die Tastatur, und das 24 Stunden parate Fräulein vom privatisierten Fermeldeamt sagt dir, wieviel Guthaben du noch hast, daraufhin gibt sie dir das Freizeichen, du wählst, et voilà ! – schon tutet es wo anders.
Glauben Sie mir, das klingt viel komplizierter, als es in Wirklichkeit ist. Ich schwöre auf dieses Fassedichkurztelephonieren.

(Morgen: Der mündige Konsument)

Verständigung /1

In der Löhrgasse wie auch sonst in Gürtelnähe befindet sich seit einiger Zeit ein Dienstleistungsbetrieb, der einem die Kommunikation z.B. mit entfernten Verwandten ermöglicht, er besteht aus ein paar sperrhölzernen Telephonkabinen (Ferngespräche sind bis auf die Straße heraus zu hören, weshalb ich auf den Laden aufmerksam wurde); fürs kybernetische Interagieren im (oder mit dem) Internet stehen drei Computermonitore im ansonsten schmucklosen Kammerl, habe ich durch die mit Werbematerial fast vollgepickte Glastür gesehen. Solche oft euphemistisch sich als Cafà© bezeichnenden Bedürfnisanstalten sind mir wohlvertraut, schließlich habe ich auf meinen laptoplosen (sonderbares Wort) Reisen zumindest einmal täglich Bedarf, meine elektronische Post zu erledigen; manchmal füttere ich auch dieses Diarium mit hochaktuellen Logbucheinträgen von unterwegs. In der Löhrgasse bin ich unlängst auch nur vorbei gegangen, vom Weingartner zum Bahnhof, langsam genug aber, um zu sehen, was mir zu denken gegeben hat.

(Morgen: Telephonwertkarten)

Bürstl

(Epilog zu Herrn Spitzl)

Irgendwann mussten die Pumpsitze nicht mehr hochgepumpt werden, ich selbst war hochgeschossen. Auch im österreichischen Fernsehen tauchten jetzt die Les Humphries Singers auf, blumenkindliche Vorläufer jener singenden Altkleidersammlung, die vor ein paar Jahren als Kelly Family weltweit ihre heile Familienwelt aus ihrem Campingmobil, einer Weiterentwicklung vom knallroten Autobus, verbreitete, und bei Erkennen Sie die Melodie sangen sie in Kostümen und Bühnenbild von Hair Lieder aus My Fair Lady.

Ich war jetzt wirklich groß genug für einen dieser Zeit gemäßen Haarstil (und keinen Haarschnitt!); meine Haare sollten die neue Freiheit zu spüren bekommen und, vor allem, nach außen verkündigen.

Herrn Bürstl (sprich: Bürschtl), er hatte auch einen Vornamen, an den ich mich allerdings nicht mehr erinnere, war genau der richtige Friseur dafür, schon sein Nachname verriet es mir. Und sein kleiner Salon (der nichts von einer Ordination hatte) lag viel praktischer, weil Tür an Tür der Schuster Prader seine Werkstätte hatte. Herr Bürstl hat nicht, wie Herr Spitzl, vor sich hin gesummt, sondern er hat mit mir geplaudert, so richtig von Mann zu Mann, aber redselig war er schon auch.

Auf die Seifenbelohnung musste ich allerdings verzichten. Es fiel mir nicht wirklich schwer, schließlich war ich jetzt jugendlich.

Spitzl /3

(Nachtrag zur Gästeseife, aber jetzt!)

Herr Spitzl, man ahnt es schon, hatte keinen Vornamen. Dafür verfügte er über mezzo-mix-braunes, feinst gewelltes, transparentes (keinesfalls als schütter zu bezeichnendes) Haar; hätte man ihn gefragt, ob er es töne (oder gar färbe), er hätte eine solche Unterstellung genau so entrüstet zurückgewiesen, wie der Deutsche Bundeskanzler oder Gerhard Rühm dies völlig zu recht zu tun pflegen. Und geduftet hat er; Herr Spitzl war ein sehr gepflegter, schlanker Herr. Ein Herr, eben.
Seinen Namen, stelle ich mir vor, hatte er von seinen Fingern, besser, Fingerspitzln (Kuppen kann ich mir bei ihm keine vorstellen), denn er richtete die Köpfe der Buben (die auf seinem Pumpsitz unwillkürlich zu strammen Knaben mutierten), mit festen, beinahe schmerzenden, wenn ich es mir genau überlege: schraubzwingengleichen Fingern millimetergenau ein, bevor er ihnen mit Schere und seinem am Genick wohlig schaudern machenden, brummenden Elektroscherer zu Leibe rückte. Bewegen war strengstens verboten, (flaches) Atmen erlaubt. Zum Abschluss versteifte man sich ohnehin unwillkürlich von selbst und hielt den Atem ganz an, denn da rückte er dir mit seinem ausgeklappten Rasiermesser zu Leibe, das er vorher am karmesinroten Abziehriemen schärfte, dabei summte oder pfiff er ein Liedchen durch seine gespitzten Lippen: seine weberknechtbeinchenlangen Finger massierten dir scheinbar beiläufig ein paar Tropfen Rasierwasser seiner persönlichen Duftnote in den Nacken, dann kratzte er den ungezogenen Flaum von deiner Knabenhaut ab, aufwärts vom Krepppapierkragen, brrr.
War er dann, am Ende der Behandlung (Herr Spitzl war gewissermaßen der Zahnarzt für die Haare), mit dir zufrieden (und du selber hattest einen steifen Hals, der bis ins Steißbein ausstrahlte), gab es eine pastellfarbene, linsenförmige Gästeseife als Belohnung, danke Herr Spitzl.

Sonst hat uns Herrr Spitzl nicht angerührt, und auch auf der Straße hat er uns nicht gekannt; obwohl, zurück gegrüßt hat er schon.

(morgen: Herr Bürstl)

Spitzl /2

(Nachtrag zur Gästeseife, 2. Anlauf)

Der Friseur meiner Kindheit hieß also, wie gesagt, Herr Spitzl. Obwohl, Friseur, das hat mit frisieren zu tun, und was willst du dich frisieren, wenn nach einer Viertelstunde Stillsitzenmüssen nur mehr bleistiftspitzkurzes Haar übrig bleibt; keine Rede von Bitte nur die Spitzln schneiden!, wie ich das später beim Herrn Bürstl sagen sollte. Aber ich greife um Jahre vor.
Herr Spitzl war also nicht der Friseur, sondern der Haarschneider meiner Knabenzeit, so ist es richtig.

(morgen mehr)

Spitzl /1

(Nachtrag zur Gästeseife, 1. Anlauf)

Haareschneiden hat als Bub bedeutet: Herr Spitzl.
Herr Spitzl war der Herren- und Knabenfriseur im Salon Indrich. Der Sohn (vom Indrich, nicht vom Herrn Spitzl, von dem keine Nachkommen bekannt sind), Alois, war ja, obwohl gelernter Friseur, unter anderem Amazonasforscher und so etwas wie der Steyrer Reinhold Messner, auch frisurmäßig. Im Pfarrheim hat er seine Multivisionsdiaschauen in modernster Überblendetechnik geprobt; wir in Münichholz haben schon von Greenpeace gewusst, da haben sie in Zeit im Bild noch keine Ahnung gehabt, was das überhaupt ist. Dass man tatsächlich Abenteurer werden konnte, war für einen Buben irgendwie entmutigend, weil entmystifizierend. Das spannende an den Geschichten von Karl May war ja, dass unsere Helden durch die Unmöglichkeit, ihnen nur irgendwie nahe kommen zu können, geschützt waren und also auch der eigene Traum vom Abenteurertum. Selbst Lex Barker ist dem wahren Old Shatterhand nie persönlich begegnet. Einzig Ralf Wolter und Sam Hawkins haben sich auf ein Bier getroffen (in dem Ort, der einmal Springfield heißen sollte, bei Moe’s; damals war das aber noch ein veritabler Saloon, wenn ich mich nicht irre, hihihi), später ist dann noch Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abbul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah (welcher ein direkter Nachfahre des Osmin aus Mozarts Entführung war), dazu gekommen, da ist es zugegangen, der Orientale hat ja nichts vertragen, fast angemacht haben wir uns, beim Barte des Propheten!
Bart. – Richtig, ich wollte vom Friseur erzählen. Ich weigere mich übrigens beharrlich, dieses Wort mit ö zu schreiben, das tut mir im Auge weh, und im Innenohr.

(morgen mehr)

Gästeseife /2

Die Gattung der Gästeseife (die Engländer haben dafür den kulinarischen Begriff cake of soap geprägt) verfügt über zumindest zwei Arten: Die in unzeitgemäßen Hotels bereit liegende in Form eines mehr oder weniger abgerundeten Quaders (Unterarten: einpapierlt / in kleinen, beimÖffnen zersplitternden Plastikboxen) und jene, oft linsenförmige, für die privaten Gäste zu Hause (diese erwartet die Handwäsche unverpackt und namenlos).

Beide stehen auf der Liste der bedrohten Alltagsaccessoires.

Gästeseife /1

Mit der Ausbreitung der Flüssigseife, die in einer wachsenden Anzahl gut geführter Hotels in nachfüllbaren Spendern zur den Haut-pH-Wert schonenden Reinigung fest an die Badezimmerfliesen gedübelt ist, wird ein wenig beachteter Alltagsgegenstand nach und nach (und hoffentlich nicht ganz) verdrängt: Die Gästeseife. An ihr erkennt man ein unzeitgemäßes Hotel.
Es ist meiner vorauseilenden Sympathie sicher.

Piaristen

Unlängst, auf einer Dachterrasse in der Josefstadt. Blick stadteinwärts, halblinks die Piaristenkirche MariaTreu, sehr schön leuchten die Kreuze mit dem Maria-Logo im Abendlicht. In der Piaristengasse gibt es den netten Stadtheurigen, fällt mir noch ein.

Wäre ich Geistlicher geworden, ich hätte versucht, bei den Posauristen unter zu kommen. (Sicher ein Missionsorden, stelle ich mir vor.)

So aber ziehe ich mit meiner schönen Posaune per urbem et orbem, auch eine Mission, allerdings!
Allerdings ohne Bekehrstress.

Mütters Müllerin – mümü/28

Endlich 19. Mai 2005; heute wandere ich also das erste Mal als Müller den Bach entlang.

Im Zug nach Salzburg. Der freundliche Mitarbeiter derÖsterreichischen Bundesbahnen, bei dem ich zur 1. Klasse aufzahle, trägt ein Schild, darauf steht Müller – Reisebetreuer.

Ob er schon einmal jemand nach Riva (oder in den Schwarzwald) begleitet hat?

Mütters Müllerin – mümü/27

Dichter

1824. Beitrag zur fünfzigjährigen Jubelfeyer des Herrn von Salieri (1750-1825), erstem Hofkapellmeister in Wien, von seinem Schüler Franz Schubert:

(…)
Engel bist du mir auf Erden,
Gern‘ möcht‘ ich Dir dankbar werden,
Unser aller Großpapa,
Bleibe noch recht lange da!

Schubert sagte von sich selbst:

Ich bin für nichts als das Componieren auf die Welt gekommen.

Da hat er aber recht gehabt.

Mütters Müllerin – mümü/26

Zeitläufte

(1814.)
Schubert wird Schulgehilfe beim Vater; Napoleon nach Elba verbannt.

Beide kommen da raus. Aber nicht für recht lange.

memory

on tour.
Wels, Bludenz, Cully, Berlin, Gent, Dortmund, Fuschl, Brig, Zürich, Bonn, Fels, Wien, Karlsruhe, Hannover, Leeds, Edinburgh, Paris, Coutances.

Kurzzeitgedächtnis am Beispiel von Zimmernummern: Merke dir, wenn du zweimal die gleiche gezogen hast, dann darfst du dir was wünschen.

Ich bin gespannt, wie es weiter geht.

Knittel

(Diesmal wird es ein bisschen nostalgisch.)
Ich habe ja in Graz studiert, auf er Musikhochschule, das hat mir gefallen, man hat noch nicht dauernd die Nase nach oben gebogen und, z.B. in der Evidenzstelle (so ein schönes Wort, leider später umbenannt in Studien- und Prüfungsabteilung) beim Abnehmen des noch echt kllngelnden Telephons Musikuniversiät Graz sagen müssen.
Aber ich wollte von Herrn Knittel erzählen. Jedem Haus, das etwas auf sich hält, eignet ein Faktotum. Herr Knittel war rangmäßig ungefähr der dritte Hauswart (damals war noch nicht so ein paramilitärisch anmutender Wachdienst mit der Überwachung des ordnungsgemäßen Studienbetriebes betraut.). Sein oberster Chef war der Rektoratsdirektor, Becke hieß der oberste Hausmeister. Eines Tages trug dieser ihm auf, für die damals noch mittels Drahtkette zu betätigenden (überkopf angebrachten) Spülkästen neue Zapfen (solche, die am unteren Ende der Kette zum Draufgreifen und Dranziehen hängen sollten; sie erinnern in der Form ein bisschen an Grießnockerl) zu besorgen. Es war nämlich bemerkt worden, dass diesem speziellen Inventardetail eine nur kurze Verweildauer auf sowohl den Herren- als auch Damentoiletten beschieden war. Knittel wurde also angewiesen, gleich mehrere Stück (Rabatt; Reserve) Spülkettenzapfen zu organisieren. Wie immer, wenn er einen Auftrag zu erfüllen hatte, tat er dies mit der größten Gewissenhaftigkeit; wie penibel und treu Herr Knittel seinen Dienst versehen hatte, merkte Rektoratsdirektor Becke, als er bald nach dem erfolgten Kauf der fehlenden Teile privatim die Toilette aufsuchen musste. Nachdem er die Kabine betreten hatte, entfuhr ihm ein nur wenig durch seine Amtswürde unterdrücktes spitzes Aah, gefolgt von einem in die Zähne gemalmtem Knittel: Unser Hausmeister hatte aus praktischen Gründen an jeder Spülkette gleich zwei, nun in einem Winkel von etwa 30 Grad aus der Lotrechten abstehende Zapfen montiert. Der nachmalig zu erwartende Entwender konnte so bequem einen davon mit in sein Depot nehmen, es bliebe immer noch ein Teil für die spülungsbetätigende Verwendung durch ehrlichere Notdurftverrichter an der Kette hängen.

Ich habe ja Herrn Knittel immer sehr geschätzt.

Trend

In immer weniger Hotels gibt es einen Klobesen.
Werden die etwa auch von den p.t. Gästen, ähnlich den so beliebten Gästeseifen, Duschgels und Haarshampoos (nicht zu vergessen die praktischen shoe shines und die – von mir kaum je benutzten – shower caps) mitgehen gelassen?
Wenn ja, warum bloß? Wie werden sie transportiert?

gelaufen

In Jahren wie diesem, mit frühen Ostern, ist bereits Ende Mai das Jahr gewissermaßen gelaufen, es mag kein rechter Feiertag mehr kommen. Bereits Mariä Himmelfahrt findet mit sturer Regelmäßigkeit jedes Jahr am 15. August statt.

Kineser /4

Paris, Chinarestaurant, 22.30 Uhr.
Jetzt wird das Aquarium gefüttert. Und dann Gute Nacht.

Kineser /3

Wenn sie in Paris Baguette(s) sagen, meinen sie nicht immer das so typische Brot. Im Chinarestaurant heißen die Stäbchen so, vergesse ich jedes Mal wieder und sitze kurz dem Mißverständnis auf, sie frügen, ob ich Brot (gibt’s was Unchinesischeres?) zum Hühnerfleisch mit Bambussprossen und Morcheln wolle.

Kineser /2

Übrigens: Auch Henry ist Chinese, haben sie uns gesagt. Wir haben ihn nicht gesehen, er aber wird sicher seine Beobachtungslöcher hinter der Budl haben, stelle ich mir vor.

Kineser /1

Henry’s Jazz Cellar ist angeblich ein very trendy place in Edinburgh. Man betritt den Club, indem man im darüberliegenden Chinarestaurant aufs Klo geht, dort gibt es dann noch eine Tapetentür. Beim Eintreten stelle ich mir vor, dass hier in Särgen Whisky versteckt wird.

Wunderlich

Auf einmal stehe ich ganz unvermittelt vor jener Konzerthalle1, in der Er am 4. September 1966 sein letztes Konzert gegeben hat, es war die Dicherliebe, gefolgt von ein paar Zugaben, die letzte: Du holde Kunst.

Ich habe eine CD davon. Allein, wie der unprofessionelle Mitschnitt bei in eine bess’re Welt entrückt übersteuert, lässt mir die Ganslhaut aufziehen.

PS: Schubert selbst hat gesagt, dass seine Lieder wunderlich sind. Der hat das damals schon ganz genau gewusst.

The Greatest

Edinburgh. In drei Stunden ist Soundcheck, Zeit zum kurz Verschnaufen. Von der Badewanne aus kann man bequem zum Fernseher hin schauen, es gibt auch einen eigene Lautsprecher hinter den Fliesen, sehr angenehm.

BBC 2 bringt eine Dokumentation über Ali.
Er war wirklich und ohne jeden Zweifel der Größte. Meine kindliche Begeisterung hat mich damals nicht getäuscht.

praktisch

Am Klo, im Zug von Leeds nach Edinburgh (da fällt mir ein, Petermandl hatte im alten Gym einen Schulkollegen, den haben sie Edinburger Zug genannt, was der mit Theodor Fontane zu tun haben sollte, weiß ich nicht, ein schmächtiges, freundliches Bürschchen mit Gugaschecken). Wenn du dir die Hände waschen willst, kommt, durch die gleiche Lichtschranke ausgelöst, zugleich brauseartig Wasser und Heißluft, Windstärke 8+.
Diese Engländer sind aber sowas von effektiv.

retour

Hinterhöfe von Hotels neigen zu einem Sackgassendasein. Wenn ab 7.00 Uhr der Schutt vom ehemaligen Nachbarhaus auf Muldentransporter verladen wird, Staplerfahrer kleinere, kurzfristigere Lasten navigieren und zudem dreierlei Carlsberg-Laster im Abstand einer Viertelstunde die Hintereingänge der zu beliefernden Pubs ansteuern, kommt es unausweichlich zu aufwendigen (sic!) Rangiermanövern, vorwärts, rückwärts, nach vorn, retour, firi, hintari,…

Wenn ich den treffe, der diese Rückwärtsgangpieptöne erfunden hat, der kann was erleben.

Mütters Müllerin – mümü/25

(Zur heutigen Uraufführung)

Epitaph
Hier liegt Fritz Wunderlich. Müller. Jäger.

Ich stelle mir vor, dass der Jäger Gracchus das Grab in jedem Mai einmal besucht. Kafka folgend wäre vorzuschlagen, Ihn nach Riva zu verlegen.

bamstig /3

(Abschließend.)

Nach meinen Teppichbodenüberlegungen der letzten Tage verwundert es mich nicht mehr, dass England die Heimat der Power-Staubsauger ist. Es ist nachgerade logische Folge. Je dicker der Teppich, umso stärker der Sauger, desto noch speckiger kann die Unterlage sein, umso turbo power etc… – Grenzwert ist die minimal zulässige Distanz zwischen Teppichbodenoberfläche und Zimmerdecke.
Recht viel stärker müssen die Turbinenzyklotronstaubsauger nicht mehr werden.

bamstig /2

Du gehst, oder besser: schwimmst auf dem (ich wiederhole das oberösterreichische Wort) bamstigen Teppichboden, wunderst dich, dass sie die Klobrillen nicht damit auch noch verflauscht haben und stellst dir die dazugehörige, recht rege Stehbrunzfrequenz vor, es überkommt dich ungesäumt das Gefühl, du hättest von gestern einen derartigen Schädel, dass du meinst, nur noch quer durch den Türrahmen zu passen. Wie es fußhaptisch ist, wenn man tatsächlich schwer postalkoholisch aufzustehen versucht, kann ich nicht sagen (dafür, dass dies hier traditionsweise vorkommt, ist nicht zuletzt das englische Frühstück untrügliches Indiz). Möglicherweise neutralisieren sich die Schwingungen Boden – Kopf gegenseitig, und du gehst bequem auf ebener, normal harter Oberfläche.
Dann aber Gnade dir Gott, wenn sich die Schwingungsberge und -täler addieren.

bamstig /1

Es ist nicht der Linksverkehr (gegen jeden – zugegeben: angelernten – Instinkt zuerst nach rechts schauen; nicht nur, dass sie von rechts daherkommen, fahren die auch noch auf der linken Fahrbahn daher; in der Folge bei jeder Straßenquerung mit lahmem Halse hinüberzizerln; das ist ein Gefühl, als würde man als Rechtshänder mit links eine Schere halten und versuchen, einen Kreis im Gegenuhrzeigersinn auszuschneiden), es ist auch nicht dieses Englisch in Leeds, das so ganz anders klingt, als sie uns in der Schule weismachen wollten, nein, es ist der bamstige Teppichboden im Hotel, der bereits beim Verlegen schmuddelig gewirkt haben muss, das Gehen auf ihm lässt sich am ehesten mit dem Gefühl vergleichen, wenn die Spritze beim Zahnarzt langsam zu wirken beginnt.
England schleicht sich bei dir über die Füße an. Die mintgrünen Wände bestätigen nur noch das Moorwatefeeling (dieses Wort, auf das ich einigermaßen stolz bin, ist zu zwei Drittel deutsch auszusprechen).
Weh dem, der vom Weg abkommt!

power

Leeds, Sleep-Inn. Einchecken.

Ob sie eine Badewanne haben. – Nein, aber so gut wie, all our rooms are equipped with a power shower. Das sitzt. Wer wollte sich da noch dröge im horizontalen Trog verweichlichen, wenn er sich binnen Minutenfrist (mit fest montiertem deutschem ADA-Duschgel aus 77677 Kehl) im Strahl der power shower für den harten und windigen englischen Tag fit spritzen kann.

Jetzt aber auf! Zu den gebackenen Bohnen!

(Aber schön auf dem Teppich bleiben.)

herzhaft / deftig

Die in Deutschland besonders beliebte Ergänzung zu bekömmlich nennt sich herzhaft bzw. deftig. Diese Eigenschaftswörter signalisieren volksverbundene Urwüchsigkeit, was gehen mich die Kalorien oder mein Cholesterinspiegel an?, sagen sie dem feisten Konsumenten, und sie stammen samt und sonders aus deutschen Landen.
Zum Frühstück dann aber wieder wellness, ja?

bekömmlich /2

Nachzutragen wäre noch, dass die Firma, welche die so gesunden Getränke der Marke carpe diem verteilt, im salzburgischen Fuschl am See ihren Sitz hat. Dort ist es sehr schön, wirklich wahr.
Interessant finde ich, dass auch das Gummibärenpresssafterl Red Bull (das mir auf den Schneidezähnen pickt, wenn ich es nur riechen muss), dort zu Hause ist.
Eigentlich gescheit, für alle Bedürfnisse etwas anzubieten: Dem Powerdrink der Hybris folgt das Serum der Katharsis. Und alles aus einem Haus.
So wie uns unsere Mutter Kirche jahrhundertelang mit Himmel und Hölle versorgt hat.

bekömmlich /1

In einer wachsenden Anzahl guter Hotels findet man am Frühstücksbuffet asiatisch Inspiriertes zum Trinken: Kombucha, Ginkgo, Kefir. Carpe diem steht auf den dezent-extravaganten, braunen Flaschen.
Getränke dieser Art (es gibt auch die entsprechenden Speisen) bezeichen sich gerne als bekömmlich, und da man diese Bekömmlichkeit auch gleich spürt, ist es ratsam, ein Häusl in der Nähe des Trinkortes zu wissen: Zumindest ich bekomme von diesen den Tag pflückenden Wellnesssafterln recht schnell den Drang, einen solchen Ort aufzusuchen.

immer wieder /2

Umgekehrt gilt es unter jenen, die für das Kreislaufmodell votieren, als erwiesen, dass wir uns doch allerhand merken (und wer hat noch nicht die Spuren einer alten Seele in sich erahnt?). Solche Menschen wissen manches, ohne es bewusst gelernt zu haben, auch gehören sie zu den instinktiv (und intuitiv) weit Fortgeschrittenen (Könnte dieser Begriff ein Hinweis auf den Kreis bzw. die Spirale sein?): Ist etwa ein Kind unstillbar quengelig oder laut (mit der einzigen Absicht, alle anwesenden Erwachsenen, vor allem aber seine genervte Mutter zu reizen), genügen von ihr ein, zwei affirmative Bemerkungen, und es ist Ruhe.

Stucky z.B. ist (bzw. hat) so eine. Sagt sie selbst, und man glaubt es ihr auch.

Ich übe noch.

immer wieder /1

Natürlich hat mich der Gedanke einer Wiedergeburt schon als Kind fasziniert, so verstörend das auch im Kontrast zum christlichen Modell des einmaligen Durchlaufens von Abrahams Wurschtkessel über die Erde in den Himmel (oder in die Hölle) gewesen sein mag. Was mir eine Reinkarnation als wenig attraktiv erscheinen hat lassen, war die damit verbundene Notwendigkeit, all das bisher mühselig Angeeignete (inkl. dem Kleinen Einmaleins) noch einmal von vorn lernen zu müssen; ist es doch ganz sicher so, dass wir, wenn wir uns für dieses Ewigkeitsmodell entscheiden, mit jedem Mal alles vergessen müssen.

trapp trapp

Tausende Tausendfüßler halten einen Ort auf Trab!
Ich liebe poetische Schlagzeilen, und noch mehr Freude habe ich, wenn eine einem humorfreien Medium wie der Neuen Kronenzeitung passiert (oder, je nachdem, gelingt).
Mein Glück am Morgen des Ersten Mai war vollkommen, als ich erfuhr, dass dieser millionenbeinige Maiaufmarsch dieser Tage im vorarlbergischen Röns abgehalten wird, so ein schöner Ortsname.
Und, wie es sich gehört, selbstverständlich mit Rufzeichen!

Figaro

An sich hätten sie sich für das Geschäftslokal in Beethovens Geburtshaus ein Antiquariat (am liebsten mit Musikalien) gewünscht. Die Gegend dafür ist aber nicht recht gut geeignet, und so ist jetzt ein Friseur drin, der die beträchtliche Miete aufzubringen in der Lage ist.
Im Tresorraum unter der Konzertarena bewahren sie neben wertvollen Autographen auch eine Haarlocke Beethovens auf. Das macht den Figaro an diesem weihevollen Orte plausibel.
Ich stelle mir vor, dass er in einem versteckten Kammerl eine Sammlung gar kostbarer Schatullen hegt; sie wächst mit den Haaren der Kundschaft.

Beethovenhaus /2

(Nachtrag zu den schwarzen Beethovenhausklomuscheln)

Umgekehrt: Wir sind auf Indizien gestoßen, dass zumindest eine Person in diesem Hause unter massiver Hartleibigkeit leidet; das färbt den (raren) Stuhl doch recht dunkel.

Beethovenhaus /1

Bonn.
Im Beethovenhaus haben sie schwarze Klomuscheln.
Könnte das eine optische Umsetzung Seiner nachmaligen Taubheit sein?
(Immerhin: Das Toilettenpapier ist weiß. – Ludwig van ist ja auch nur bis 1792 in Bonn geblieben.)

Duschvorhangniederlage /2

Der DVH in Hannover (Hotel Maritim) war dann, horribile dictu, sogar Made in USA. Zum Ausgleich dieser Niederlage gab es weder in Leeds (power shower – mehr dazu folgt demnächst) noch in Edinburgh (Dusche und Badewanne) einen textilen Spritzschutz, sondern eine bzw. zwei durchsichtige, spritzsichere Glastüren.

Duschvorhangniederlage /1

Kaum stelle ich eine Behauptung auf, schon ist sie (noch vor ihrem Erscheinungsdatum!) widerlegt: 1. Mai 2005, Karlsruhe, Hotel Queens (das richtige fürs Princess-Programm): Der Duschvorhang ist Made in EU.
Duschvorhanghinweis
Duschvorhanghinweis, Karlsruhe

Das trifft für Produkte und Dienstleistungen (die erste Frage von Ratefuchs Guido bei Was bin ich? war immer: Sind Sie mit der Herstellung oder Verteilung einer Ware beschäftigt? – sie ist etwa fifty-fifty ausgegangen) aus der Schweiz sowas von nicht zu. Sorry.
Aber ich habe mein Gelöbnis eingehalten. Auch, wenn es weh tut.

Helvetisches /2

Den Produkten und Dienstleistungen, die gemeinhin als typisch für die Schweiz gelten (Schokolade, Uhren, Käse, Schweizermesser, Diskretion) ist ein weiteres hinzu zu fügen: Keine Hotelbadewanne dieser Welt, deren Duschvorhang (nach jedem Bad abspritzen; nicht schleudern) nicht wasserdichtes Ergebnis schweizer Präzisionsarbeit ist.
(Sollte ich, was ich bezweifle, je einen Spritzschutz vorfinden, der aus einem anderen Land stammt, so verspreche ich hiermit, davon zu berichten).

Helvetisches /1

elvetino heißen die Wagerl, mit denen sie in den Zügen der schweizer Eisenbahn SBB auf und ab fahren, um uns Erfrischungen und Snacks anzubieten. Im Intercity von Brig nach Zürich bedient uns, mit berberischem Teint, tadellos freundlich ein Herr Eid.
Das nenne ich ein Beispiel für gelungene Integration.

Mütters Müllerin – mümü/24

Der Mai ist kommen, der Winter ist aus!, singt der arme Florian, und, so schön das auch klingen mag, ist es doch eine Ausbruch verzweifeltsten, verbittertsten Trotzes. Trockne Blumen (so heißt das Lied mit der verheißungsvollen Textzeile, Nr. 18 von 20) sind eben nicht unbedingt ein Indiz für eine aufblühende Lebensphase.

mitgehen /3

Wie gesagt, bei Hotels gilt für die Anhäufung von Trophäen (schaut her, wo ich schon war) die Kurzformel je luxus, desto mitgeh.
Im Hotel Schloss Fuschl (The Luxury Collection) haben sie die Schreibblöcke neben dem Telefon auf dem Nachtkästchen in weinrotem Leder gefasst, sehr nobel. Was ihren widerrechtlichen Abtransport ganz offenbar hintan halten soll, ist eine Stein- oder Eisenplatte, die im Leder unter dem dünnen Blöckchen eingenäht wurde. Bei einem Format von etwa 18 x 12 cm beträgt das von mir auf der Badezimmerwaage selbst ermittelte Gesamtgewicht gut zwei Kilogramm. Da spürt man den Kugelschreiber kaum mehr.
Klarzustellen ist, dass die Gewichtsermittlung im mit grünem Granit edel verkleideten Bad meines mir zugewiesenen Zimmers in Fuschl am See stattfand. Daheim gibt es nämlich gar keine Waage.

mitgehen /2

Eine anderer Ort wo es weit verbreitet ist, dass Sachen mitgehen, sind die Hotels dieser Welt. Beliebt sind etwa die Shampooflascherl, und die Konzerne wehren sich gegen ihr Verschwinden schon längst durch die praktischen, nicht abmontierbaren Gelspender, aus denen man sich dann diese unidentifizierbare Gallertmasse für praktisch alles, was man im Bad braucht gegen beherzten Druck in die mittlerweile (man hat gelernt, die ersten Bäder wurden unabsichtlich noch damit angesabbert) darunter gehaltene Hand patzt. Sehr praktisch und sauber. Und vor allem: versuchungsfrei.
Umgekehrt erkennt man heutzutage ein Hotel, das etwas auf sich hält, durch eine diesem Geiztrend trotzende Großzügigkeit, die sich darin äußert, dass man in diesen guten Häusern weiterhin transportable Kleingebinde ins Körbchen vor dem Badezimmerspiegel legt. Danke!

mitgehen /1

Samstag abend ist die Zeitung gratis. So etwas auf unvergleichliche Art augenzwinkernd festzustellen hat dem so vermissten Robert Hochner damals fast den Job gekostet.
Otto M. Zykans Satz Die Lücke die ihr hinterlassen werdet, wird euch restlos ersetzen hat sich nicht zuletzt im ORF auf traurige Weise als zutreffend erwiesen. – An einer anderen Stelle heißt es bei OMZ Wissen die Dinosaurier, dass sie ausgestorben sind?
Das passt auch. Praktisch überall.

Eventroomklo

Hundsmarktkeller, Eventroom am Fuschlsee, Vorabend. Es wird vorbereitet für das (den?) eventuellen Abend.
Die Toiletten dürfen noch nicht benutzt bzw. benetzt werden, man hat sie bereits für morgen geputzt: Die türkisen, an den kindheitlichen Polioschluckimpfungszucker (3 Tropfen und ich bin gesund) erinnernden Anpisssteine liegen derart geordnet auf dem Draufludlgitter, dass ich mir vorstellen muss, ein Zuckerbäcker hätte sie mit der Pinzette dorthin drapiert, sehr schön, und so schön sollte es auch bleiben. Da aber auch Laufen auf den Keramik-Urinoiren steht, ergänze ich lassen, und schon ist mir wohler.
Zufrieden bereite ich Weiteres vor.

Prost mit Cola

Fuschl.
Tut mir leid, die Küche hat um halb neun Schluss gehabt, aber im Cafà© Flora. Dort: nach 21.30 nur Toast oder Pizza, immerhin. Auf der Getränkekarte wird bairisches Bier angeboten und als besondere Spezialität gibt es einen Neger (Weißbier mit Cola). Meine Bitte um Erklärung, warum so etwas heute noch geschrieben wird, wird achselzuckend (und frei von jeder Bewusstheit) mit aber das heißt halt so quittiert.
Ich bestelle ein Franziskaner, esse meine Pizza und gehe in mein Hotel, den beliebten Mohrenwirt.

Mütters Müllerin – mümü/23

Legendenbildend ist Fritz Wunderlichs tödlicher Unfall im Zuge eines Jagdausfluges im Badischen (Oberderdingen, zwischen Pforzheim und Karlsruhe; nicht wirklich weit vom Schwarzwald): Bevor er sich niederlegt, will er rasch noch seine Frau in München anrufen; das Telefon ist einen Stock höher. Auf dem Rückweg verliert er – aus welchen Gründen immer – das Gleichgewicht, stürzt die Treppe hinunter, prallt mit dem Kopf auf den Steinfliesenboden. (Dietmar Grieser)

So gesehen ist der Jäger Fritz die Reinkarnation des Untoten Gracchus geworden: So reise ich … nach meinem Tode durch alle Länder der Erde.

Fröschchen, Schäfchen, Mütterbriefchen

Weiter geht es, zickezacke mit Prinzess Erika (Star, Diva, Mother) und Jon (dem großen Lord auf der Tuba), es wird landauf landab lockend gequakt. Und in jedem Ort, in dem wir verweilen, wird coram publico ein Frosch geküsst bzw. (so ist’s im Original) gegen die Wand geschleudert, wie eine Knallerbse, eine gatschige. Noch ist also alles offen, someday my prinz will come hat man versucht, uns in der Jazzausbildung walzerfroh einzureden, wir haben uns entschieden, dem wider alle Vernunft (und was ist denn schon V.?) zu leben, Frosch um Frosch, Kröte um Kröte.
Manchmal werden ja Kronprinzen auch Könige oder zumindest Papst.
Mit einer recht aufschlussreichen Umschlagseite hat die Nö Krone blitzschnell reagiert und bietet ihn zu unterstützen allerlei Wege zum Glück an:
Papstkurserotik
Hier sehen Sie vier recht unterschiedliche Konzepte, zum mehr oder weniger kurzfristigen bzw. tief reichenden Glück zu gelangen. Ob jetzt der Gendarmensohn vom Inn mit seinem Gralskelch einen erotisch motivierten Glückstreffergottesdienst zelebriert (wie es die grafische Gestaltung der Seite insinuieren könnte), kann ich nicht sagen. Gerade die Region St. Pölten hat sich aber in den letzten Jahren als besonders vatikanverbunden erwiesen, wer, wenn nicht die müssen sowas wissen.
Kommt jetzt nach den Jazzmessen unserer Jugendzeit als heutiger Versuch, die Schäfchen zur Herde zurück zu holen, die Erotikmesse? Das verlorene Schaf, wer ist das nun? – Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die es nicht nötig haben, umzukehren. (Lk 15,7)
(Dazu muss ich Prinzess Erika fragen, zweimal, nämlich wenn sie Queen-Mom ist, und dann noch, wenn sie als Domina inkarniert neben mir auf der Bühne steht.)
Und ihr, liebe MBA, kommet, strömet dahin & bald auch dorthin!

Mütters Müllerin – mümü/22

Zurück zum Jäger Gracchus. Der erzählt ja dem Bürgermeister von Riva: Der große Jäger vom Schwarzwald hieß ich. (…) Hätte mich nicht die Gemse verlockt – so, nun weißt du es – hätte ich ein langes und schönes Jägerleben gehabt, aber die Gemse lockte mich, ich stürzte ab und schlug mich auf Steinen tot.

Ist ihm also das Gschichtl mit der Müllerin, die, wenn sie mit lahmem Halse nach der großen Straße gesehen hat und den Kopf zum Fenster raus streckte, um den heimkehrenden Jäger zu erspähen, eine gar hübsche Gemse gewesen sein muss, letztlich doch nicht gut bekommen.
Aus seiner Erzählung wissen wir, dass der Jäger Gracchus seither ein Untoter ist, mein Todeskahn verfehlte die Fahrt, eine falsche Drehung des Steuers, ein Augenblick der Unaufmerksamkeit des Führers, eine Ablenkung durch meine wunderschöne Heimat, ich weiß nicht was es war, nur das weiß ich, daß ich auf der Erde blieb und daß mein Kahn seither die irdischen Gewässer befährt. So reise ich, der nur in seinen Bergen leben wollte, nach meinem Tode durch alle Länder der Erde.

habent /3

Im Standard hat es während des Konklaves ein Forum gegeben, wo man auf den Wahlnamen des neuen Papstes setzen konnte. Ein paar waren angegeben, Johannes Paul III bis Sixtus VI. Dann gab es noch die Option, einen anderen Namen vorzuschlagen. Am schönsten habe ich Jesus II gefunden.
Das wäre das Signal für einen richtigen Neubeginn gewesen.

habent /2

Ratzinger hat ja in Steyr ein berühmtes Ziegelwerk geheißen, auf der Wolferner Straße war das.

Die Kirche in Münichholz aber haben sie aus Beton gebaut.

habent /1

Ich bin ja mit einem Ratzinger aufgewachsen, d.h. er war etwa so alt wie mein Bruder.
Ich glaube, er ist später zur Polizei gegangen.

Dramaturgie

Nach dem Konzert im Hotel, Holiday Inn, 70er-Charme.
Durchzappen. 30: TVE, ab 31: Pay-TV. OK wird nicht gedrückt, man bekommt aber trotz der beinahe den Bildschirm füllenden Balken die Dramaturgie ganz gut mit. Sie unterscheidet sich kaum vom spanischen Fernsehen auf Kanal 30. Dort bringen sie eine corrida.
Am Schluss, wenn dem Stier sein letzter Grunzer entfährt, stehen alle auf, und es wird ernst applaudiert. In Spanien.

Brot

Belgien, Aprilregen. Die durchaus kleinen Häuser in den Siedlungen entlang der Bahnstrecke stehen da wie einzelne Brotschnitten.

Halt!

Flughafen Wien, Freitag, 7 Uhr 50, Gate 36B. Der Bus zum Flieger steht abfahrbereit. Nach und nach kommen die geschäftigen und auf ihre Sicherheit überprüften Fluggäste. Je mehr jemand als Business-Man zu erkennen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sofort eine Haltestange oder -schlaufe ergreift. (Der Bus steht noch gut zehn Minuten.)
Wären die Haltemöglichkeiten nicht vorhanden – würden sie einem abgehen?
Ich stelle mir vor, dass an vielen, auch unbeweglichen, öffentlichen Orten solche Halteschlaufen zur allgemeinen Benutzung angeboten werden.
Wenn man bedenkt, dass selbst ein ruhender Autobus durchs Weltall rast, so erscheint es nur allzu verständlich, dass der moderne Mensch nicht nur in einem zur Abfahrt bereiten Autobus nach verlässlichem Halt verlangt.

Flug

Flughafen Wien, Freitag, 6 Uhr 50. Das Wochenende kann losgehen. Die Abfertigungshalle ist heute voller aufgeregter Touristengruppen, Zakynthos, Malta, Kos, Berlin, Agadir. Dazwischen wenige routinierte Aktenkofferträger, die mit sicherem Schritt sofort zum richtigen Check-In-Schalter finden; so profimäßig wirken sie, dass niemand es wagen würde, sie um eine flughafenbezogene Auskunft zu bitten, beeindruckend, wirklich wahr.
Wenn ich auch mittlerweile häufig (und ausschließlich aus praktischen Gründen) mit dem Flugzeug reise, so fühle ich mich doch mehr zu jenen ob des geheimnisvollen Technologie- und Logistikwunders staunenden Urlaubsmenschen gehörig.
Und, ist es oft auch anstrengend, ich bin insofern privilegiert, als ich bei meinen beruflichen Reisen immer noch das Gefühl habe, im Urlaub zu sein; weil – Reisen ist Urlaub – einen anderen Grund fürs Wegfahren habe ich zu Hause nicht kennen gelernt.

Mütters Müllerin – mümü/21

Meinem Müllersburschen gebe ich den oberösterreichischen Namen Florian, ja, es geht gar nicht anders, als dass er Florian heißt. Dieser Mühlstein um den Hals, den er sich (im Gegensatz zu jenem legendären römischen Soldaten) aber selbst umgehängt hat – mit dem gleichen Erfolg: 1. ersoffen, 2. unsterblich.

bodenlos /2

Ein ähnliches Gefühl ist es, wenn du in die Hundescheiße getreten bist und die Schuhe eh schon ausreichend gesäubert hast; irgendwie spürst du die unerwünschte Weichheit des Tritts noch lange nach.

bodenlos /1

Unlängst, in einem friesischen Jubiläumshotel zu Berlin, am Häusl.
Hernach, vor dem Aufstehen nach unten schauend, muss ich bemerken, dass die Hose meines Lieblingsanzugs am Boden komplett durchgescheuert ist; da wird nichts mehr zu reparieren sein, kein Pardon, das kann man nicht gesundreden, scheiße.
Obwohl ich weiß, dass das gestern und vorgestern auch schon so gewesen sein muss und ich mich in ihr ganz komfortabel gefühlt habe: auf einmal ist jeder Schritt ein Schritt Unsicherheit. Dieses Gefühl (ein jeder sieht sofort die schadhafte Stelle) ist zwar bodenloser Blödsinn (denn wer schaut schon aus der Pflastersteinperspektive nach oben, noch dazu genau zwischen meinen Füßen?), aber das bodenlose Sein ist ab sofort mein ständiger Begleiter. Auch noch, als ich die Jeans, die ich vorher genau inspiziere, anhabe; zumindest ein Zeitl.

Mahlzeit /3

Was mich aber (ich weiß, ich bin ein bissl hartnäckig) schon noch interessiert, ist, wie die Friesen in ihrer Berliner Botschaft den Lachs durch die Espressomaschine bekommen. Weil – filtern werden sie ihn in einem so guten Haus wohl nicht, stelle ich mir vor; und ich weiß, dass der Friese auch den Tee gerne mit kräftigem Aroma zu sich nimmt.
Die See verlangt das, will sie beherrscht sein.

Mahlzeit /2

Oder, anders: Wenn ich mir überlege, was für ein cappricciöses Pasticcio in den letzten zehn Jahren durch meinen Schlund gewandert ist, im Magen, heißt es, kommt eh alles zusammen, und die Japaner essen die Suppe am Schluss.

Mahlzeit /1

Das Upstalsboom Hotel Friedrichshain feiert sein 10-jähriges Jubiläum. Das Festmenü im Restaurant Friesendaal eröffnet im April mit einer friesisch-italienischen Köstlichkeit, Cappuccino vom Lachs mit Zitronenpraline.
Wohl bekomm’s.

Musik im Schaufenster

Es regnet. Die Weinberge sind ganz oben angezuckert. Sometimes It Snows In April. (Ein paar Tage war der Frühling schon da.) Eine tristesse avec de l’espoir (hoffnungsfroh). Der Kalender sagt ja nicht, dass wir Ende Oktober haben. Die Auslagen sämtlicher Geschäfte, vornehmlich Winzer- und Handwerksbetriebe, sind durchaus liebevoll mit Musikinstrumenten dekoriert. Einer hat eine alte Elektrogitarre ins Fenster seiner Putzerei gehängt, daunddort liegen verbeulte Trompeten und Euphonien (mit Pumpventilen) zwischen Weinflaschen, und in der Fischhandlung steht das unvermeidliche silber-patinierte Tenorsaxophon, was auch sonst.
Das mittelalterliche Nest am Genfer See heisst Cully, und es ist Jazzfestival im Zelt am See. Der Posaunist mit seinem großen Tubafreund kommt sich leicht artfremd vor. Aber das passt schon so.
Morgen Berlin.

Parallelaktion

Ein Papst wird begraben.

In England wird nicht geheiratet.

anständig

Dass man mit der Sezession (und der Verdrängung ab sofort zweitrangig wichtiger Nachrichten von sämtlichen Medienoberflächen) einen Tag zugewartet hat, könnte man als anständig bezeichnen. Oder man wäre versucht, es so zu nennen, kennte man nicht die handelnden Personen auf beiden Seiten des ausgehobenen Grabe(n)s.

Tagespolitik

Genügt es, wenn ich mich irgendwie auflöse? hat Vicco von Bülow in Pappa ante portas seinen Helden (dargestellt von Herrn Loriot) fragen lassen.
Damit erweist er sich 1991 als Prophet, agiert jedoch weit unter den heutigen Möglichkeiten (und ist kilometerhoch über dem Niveau geblieben), auf dem die Elementarteilchen einer (oder mehrerer?) strammen politischen Gruppierung(en?)Österreichs gegenwärtig ihr von ihnen für Welttheater gehaltenes Kasperltheater spielen.

beschädigt

Sachbeschädigung
Das ist natürlich arge Sachbeschädigung, pfuigack.

Oder Entstellung, bis zur Kenntlichkeit.

vorherbestimmt

zukunftsfest schreibt die große Regierungspartei zu einem Bild, das Unseren Herrn Bundeskanzler mit seinem Wiener Obmann zeigt. (Der, dem sie seinen Vornamen italianisiert und cabriogleich gestutzt haben: Gio.)
Was dürfen wir uns darunter vorstellen? Hat sich eine obskure Deterministen-Sekte in dieser Endzeit der europäischen Kleinststaatenherrscher auch in unserem schönen, kleinen Heimatland breit gemacht?
Nichts ist so sicher wie die anders als vorhergesagt vergangene Zukunft. Oder, um es mit den Doors zu sagen: The future’s uncertain, and the end is always near. Wer, wenn nicht er (Jim Morrison), hat das wissen können.
Das wird ein Zukunftsfest.

Mütters Müllerin – mümü/20

Schubert gilt als am traurigsten, wenn er, zurück kehrend aus einer (als traurig geltenden) Mollstimmung ins sich selbst in den Sack lügende Dur moduliert. Als sage er: Ich weiß nicht was ihr habt, es geht mir blendend, so gut wie nie zuvor.

Und nähme einen Strick und ginge damit auf den Dachboden.

ehrlich

Ein Papst stirbt.
In urbe et orbe wird geheuchelt. Aber ehrlich.

Mütters Müllerin – mümü/18

Die böse Farbe (sie ist, wer hätte es nicht für möglich gehalten, ebenso grün wie die liebe Farbe) kommt dann mit einem wilden Sextolenklopfen, besser: Hämmern daher. Und der Hammerton steht zum dominantischen Liebfarbentröpferln wie eine Tonika da.

Das kriegst du nicht mehr an, du armer, armer weißer Mann.

Benjamin Britten hämmert das seinem Geliebten Peter Pears gnadenlos-zärtlich hinein.

Mütters Müllerin – mümü/17

Den durchgehenden Klopfton bei Die liebe Farbe würde ich als eine Art Tinnitus bezeichnen. Wir befinden uns also wieder im Lift. Der eben gerade zum Drop geworden ist.

Armes Müllersburschi.

Erhebendes /7

Zusammenfassend (E/1 bis /6) betrachtet ist der Auf- und (wie wir herausgearbeitet haben) Abzug ein recht metaphorischer, ja, sakraler Apparat.

Erhebendes /6

Ein nachgerade eschatologisches Problem ist die Frage, was mit der Paternosterkabine ganz oben (Himmel?) bzw. im Keller (Hölle?) passiert. Wenige nur sind zurückgekehrt, um uns davon zu berichten.
Eine vergleichbare Frage ist die nach dem Licht im Kühlschrank. Die Antwort ist letztlich nur dem reinen Herzens Glaubenden ohne Zweifel möglich.
So, wie beim Mandl, das früher im Radio gesessen ist. – Nein, da haben wir es sicher gewusst.

Erhebendes /5

Eine nur mehr in ganz wenigen Amtsgebäuden in Wien anzutreffende Spezies des vertikalen Verkehrsmittels nennt sich paternoster. Ist aber von der EU abgeschafft worden, die letzten laufen aus.