Schule des Staunens 6.2

11. Februar 2015

(Materialien, eingewoben in meine Schule des Staunens am 9. bzw. 10. Februar 2015 im Wiener Konzerthaus)

„Das Zweckwidrige als der Hauptanlass des Lachens: zweckwidrige Bewegung, Formen, Farben. Demnach fiel die Geburt des Lachens in die Zeit, da die Menschen sich ihrer Zwecke bewusst wurden. […] Man lacht, wenn einer beim Gehen fällt — d.h. über die zweckwidrige Bewegung der Beine; diese fasst man zuerst auf. Nicht über den Gefallenen lacht man, sondern über das Fallen. Man lacht über einen Hut, den der Wind fortträgt; entweder als phantastische Natur, weil ein Hut nicht zum Fliegen bestimmt ist, oder als Phantast, weil das Fliegende statt Flügeln die zweckwidrige Form eines Hutes besitzt. Außerdem belustigt einen der Betroffene, wenn er plötzlich zu laufen beginnt; eben ging er vielleicht noch langsam und sicher seinem Ziel zu. Man gewöhnt sich an seinen Lauf; da streckt er die Hand nach dem Hut aus; der fliegt davon, der Mann torkelt; man lacht wieder; statt zu erreichen, was er wollte, bewegt er sich sinnlos. Zugleich fliegt noch immer der Hut; je öfter er schnappt, je hartnäckiger der Hut Vogel bleibt, je häufiger der Anlass sich wiederholt, umso mehr lacht man. Bis das Ereignis zu einem System wird, zu einer bestimmten Anzahl von Versuchen, deren einer gelingen wird. Sobald man sich das Spiel so denkt, vergisst man zu lachen. — Die Ereignisse haben einen Zweck bekommen. Sie bedeuten einem nicht mehr als die tausend Zwecke tausend anderer.“

Elias Canetti, aus dem Nachlass (1932)

Siehe, insbesondere, hier.