sonnenstand

Es ist sehr verschieden, in die Zukunft – und in die Vergangenheit zu lügen.
Jean Paul (1799)


Mittwoch, 23. September 2026, 20:00 Uhr

Sonnensteher, 4. Viertel (ein Bild von Klaus Fritsch usurpierend)

Wien, Wotrubakirche am Georgenberg
Hermann Glettler (Bischof, Kunsthistoriker & Künstler): »Innenbegehung einer Skulptur«
Bertl Mütter (Posaune): aus|cul|ta|tio|nes super FALLEN

Michael Atteneder hat sich das ausgedacht und gemacht

Die Wotrubakirche, offiziell Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit, ist eine römisch-katholische Kirche aus 152 Betonblöcken am Georgenberg im Südwesten Wiens. Sie wurde von August 1974 bis Oktober 1976 nach Entwürfen des Bildhauers Fritz Wotruba und Plänen des Architekten Fritz Gerhard Mayr erbaut und ist eine Rektoratskirche der Pfarre Mauer.
wikipedia

wikimedia.org | C.Stadler/Bwag

Als Kind stellte ich mir eine Zeit lang vor, dass Häuser musizieren können.
Saša Stanišić

Der SONNENSTAND wandert ins vierte Viertel: Immer zum astronomischen Anfang einer Jahreszeit erkundet Bertl Mütter einen inspirierenden Raum mit seinem epischen Posaunenspiel. Einleitend erzählen ihm nahe Menschen assoziativ Erhellendes. Im März hat Margret Wohlfahrt die Otto Wagner Kirche als Patientenkirche vorgestellt, im Juni (Universitätssternwarte) Franz Kerschbaum über Wendezeiten protuberiert. Zum herbstlichen Äquinoktium nun, am südwestlichen Rand von Wien, in der (heuer fünfzig Jahre bestehenden) Wotrubakirche, lädt Hermann Glettler, Bischof von Innsbruck (er ist auch Kunsthistoriker – und als Künstler mit Bertl Mütter seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden), zur »Innenbegehung einer Skulptur«, deren oftmals als Bauklötze bezeichneten Quader in einem merkwürdigen Gleichgewicht von Schweben und Fallen zu verharren scheinen, eigentlich ein bedrohlicher Zustand, der letztlich doch eine erstaunliche Geborgenheit vermittelt. Wie (und ob) sich diese Spannung musikalisch abbildet, werden wir hören.

wikimedia.org | C.Stadler/Bwag

»Mein freifliegendes Spiel erwächst aus einem musikalischen Nukleus. Von ihm aus hebe ich zu meinen aus|cul|ta|tio|nes ab, in die Tiefe, nach Innen, unbenennbar, weil wesentlich: Pointenlos pures Sein im Klang, Hingabe.«

Eintritt freiwillig.
Spenden für den Musiker werden  g r o ß z ü g i g  angenommen. Und hernach gehen wir zum Heurigen.


(Wo das wohl hinführt?)

Sonntag, 21. Juni 2026

Sonnensteher, 3. Viertel (ein Bild von Klaus Fritsch usurpierend)

Wien, Universitätssternwarte
Franz Kerschbaum: Protuberanzen über Wendezeiten
Bertl Mütter: aus|cul|ta|tio|nes super STARDUST

Michael Atteneder hat sich das ausgedacht und gemacht

Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.
Jorge Luis Borges, Die letzte Reise des Odysseus

Es kann auch eine historische Sternwarte sein; die ihrerseits Ganz Großes Theater ist: SONNENSTAND ist ins dritte Viertel gegangen: Diesmal habe ich mich von einem semi-profanen Raum (eine Kathedrale der Astronomie) zu meinem epischen Posaunenspiel inspirieren lassen, zugleich Arbeitsplatz von Franz Kerschbaum. Faszinierend, wie er ohne allen wissenschaftlichen Standesdünkel einfachste Zusammenhänge über den Sonnenlauf, wie er die Erde betrifft, erläutert hat.

2 Fränze, 1 davon Sonne, 1 Erde. (Das Bild ist von Bernhard Holub)

Das Innere des Gebäudes bietet gleich zwei reizvolle Klangräume: Das ausladende Treppenhaus mit Säulengalerie (und Franzjosephbüste), sowie den Ring um die zentrale Kuppel, der das Herzstück, den Refraktorraum, birgt; diesen Donut habe ich als ›Tönteilchenentschleuniger‹ final akustisch erschlossen:

Der liebe Lukas Linschinger hat meinen selbstverfertigten Mitschnitt in bewährter Freundlicherweise aufgepimpt: DANKE!

Applaus im Ring um den Refraktor. Franz Kerschbaum hat uns photographiert.

Planet earth is blue
And there’s nothing I can do
David Bowie

Hernach hat Hans Czerny köstlichsten SUNBEAM ausgeschenkt.

https://muetter.at/wp-content/uploads/sunbeam.jpg

Dieses Bild hat Sotiris Bekas am 1. Mai 2026 in Fels am Wagram aufgenommen.

Da ich mit einigen (erfreulich vielen!) einigermaßen erfreuten Menschen anstoßen dürfen musste, habe ich, in diesem runden Raum, doch einigermaßen einen Spitz zusammenbekommen. Das hat schon gepasst asoo.

Samstag, 21. März 2026

Sonnensteher, 2. Viertel (ein Bild von Klaus Fritsch usurpierend)

Wien, Otto Wagner Kirche am Steinhof
Margret Wohlfahrt: Die Otto Wagner Kirche als Patientenkirche
Bertl Mütter (Posaune): aus|cul|ta|tio|nes super DE PROFUNDIS

Michael Atteneder hat sich das ausgedacht und gemacht

Die erste moderne Kirche Europas steht auf dem höchsten Punkt der weitläufigen Anlage eines psychiatrischen Spitals vom Anfang des 20. Jahrhunderts. (…) Die gesamte Einrichtung der Kirche wurde von Otto Wagner und seinem Atelier entworfen und bildet ein einzigartiges Ensemble der Wiener Moderne.
Wien Museum

Begrüßung auf den Treppen der OWK | Bild: Franz Kerschbaum

Einmal durfte ich bereits für die ihr anvertrauten Menschen dort spielen. Margret Wohlfahrt, Freundin aus meinem theologischen Jahr (1983/84: eine Lebensfreundschaft), hat jahrelang auf der Baumgartner Höhe gearbeitet und konnte authentisch über die Otto Wagner Kirche in ihrer ursprünglich intendierten Funktionalität berichten, dazu Texte ehemaliger Patientinnen (u.a. aus Brigitte Schwaigers »Fallen lassen«): »Die Kirche ist ja eine Patientenkirche und in meiner Rolle ist das immer präsent.« Nun war mir gestattet, zum Frühlings-Äquinoktium meine abhorchenden Erkundungen vor einem aufmerksamen Publikum anzustellen, es waren einige da! Da wir uns am Vorabend des fünften Fastensonntags befanden, war Psalm 130 dran: de profundis (»Aus der Tiefe, o Herr, ruf’ ich zu Dir«), einer der populärsten Bußpsalmen. Von ihm aus habe ich zu meinen aus|cul|ta|tio|nes angehoben. Und befand sich auf dem Otto Wagner-Areal ja auch die »Jugendfürsorgeanstalt« Am Spiegelgrund. Nun, hören Sie selbst:

(Aus aktuell traurigem Anlass war mein Spielen Alfred J. Noll† in memoriam gewidmet.)

Franz Kerschbaum hat mich beim Spielen photographiert

Beim artigen Dienermachen nach dem Spielen auch.

Ein herzliches DANKE allen, die mitgeholfen haben, dass dieser Nachmittag so gelingen und berühren konnte.


(Ausblick…)

Bertl, du hast gestern besonders gut gespielt, finde ich. Schön, dass wir das gemacht haben! – Gerne wieder, dann mit Erfolgsgeschichten aus der Psychiatrie … muss ja nicht Passionszeit sein.
Margret Wohlfahrt

Dem kann ich mich (in aller Bescheidenheit) vollumfänglich anschließen. Passt, findich, gut in den Bereich Jahreskreis, weil es sollte ja bitte die Normalität sein, dass es in der Psychiatrie Erfolgsgeschichten gibt. Das wäre dann wohl – mit Respektabstand – der 23. September 2027, ein Donnerstag.

Wir werden sehen.

Sonntag, 21. Dezember 2025

Sonnensteher, 1. Viertel (ein Bild von Klaus Fritsch usurpierend)

Wien, Jesuitenkirche
SONNENSTAND | Schule der Wahrnehmung
Gustav Schörghofer SJ: »Das Alte neu sehen«
Bertl Mütter (Posaune): aus|cul|ta|tio|nes super RORATE

Gustav Schörghofer nennt seine Reihe SCHULE DER WAHRNEHMUNG. Das deckt sich gut mit meiner Idee einer Schule des Staunens – was wer für WAHR nimmt, ist gottlob/fürwahr jedem selbst überlassen, mittlerweile (und derweil noch). Gustav hat eine gute Viertelstunde unsere Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Putti in den Gemälden und Plastiken des Kirchenraumes gelenkt. Dann habe ich gespielt: Ausgehend vom gregorianischen Hymnus vom Tag (vierter Adventsonntag), genannt RORATE, habe ich diesen perfekten Raum abgehorcht, ein gutes Zeitl, sodass sich das Hineinhören wie von selbst ergeben konnte, wenn auch nicht ganz bis Sonnenaufgang. Zum Ende wieder das schlichte RORATE, und als Zugabe die Sarabande aus der fünften Cellosuite von Johann Sebastian Bach, eine Musik, die schwerer ist als man sie spielen könnte – und genau deshalb hab’ ich sie gespielt.

Meinem Posaunenton ist mittlerweile eine betörend stille Qualität zueigen. Und die Bindungen schmecken nachgerade cremig, verrat’ ich Ihnen. Wollen Sie sich davon überzeugen, bitteschön:

Othmar Habeler-Bergsmann hat mein Spielen aufgenommen, so dezent, dass ich kein einziges Mal gehemmt war, das zu spielen, was ich nun mal spiele. Und das habe ich denn auch getan. Sie hören alles ungeschminkt, und anders interessiert es mich auch, längst schon, nicht mehr. Ideal ist aber, jedenfalls, das unmittelbare Erlebnis.

21. Dezember 2025, Wien, Jesuitenkirche. Auch dieses Bild hat Klaus Fritsch gemacht.

Beim finalen Abapplaudieren dann findich gehört es sich, meiner Partnerin (die wahre Heldin; ohne sie bin ich presque rien) die ihr gebührende Wertschätzung zu erweisen, Please give Her a warm hand!, und so geschah’s also:

Dieses Bild hat der liebe Franz Kerschbaum gemacht, ja genau, der Astronom: Der kennt sich aus!